Junkers-Bildarchiv zeigt den Aufbruch in die Moderne

Lehrlinge vor dem Junkers-Werk in Dessau. Foto: Steidl-Verlag
Lehrlinge vor dem Junkers-Werk in Dessau. Foto: Steidl-Verlag

Wer denkt bei der Moderne schon an Gasheizung und Warmwasserboiler? Meist wird die Moderne eher mit Beschleunigung im Verkehr – auf Schienen, Straßen und in der Luft – gleichgesetzt. Die Revolution der Annehmlichkeiten in den eigenen vier Wänden wird gern vergessen.

Junkers steht für beide Phänomene. Heute noch gibt es Heizsysteme gleichen Namens. DieWarmwassertherme, die mit Gas betrieben wird, war eine Erfindung von Hugo Junkers (1859–1935). Vor allem aber verbindet man seinen Namen mit Flugzeugen. Das bekannteste ist sicherlich die JU 52, der robuste Omnibus der Lüfte, ohne den sowohl die Lufthansa als auch Hitlers Luftwaffe nicht so effektiv gewesen wären.

Entwurf für ein Werbe-Plakat. Foto: Steidl-Verlag
Entwurf für ein Werbe-Plakat. Foto: Steidl-Verlag

„Junkers Dessau“ heißt ein Fotoband, der die Menschen und die Produkte aus Junkers Firmenimperium in Erinnerung ruft. Und damit ein Stück deutscher Industriegeschichte buchstäblich ins Bild rückt. Hans Georg Hiller von Gaer¬tringen konnte dafür den Teil des einst riesigen Firmenbildarchivs auswerten, der in der Familie Junkers überdauerte und inzwischen dem deutschen Museum in München überlassen wurde.

Dass nur diese vergleichsweise wenigen Aufnahmen erhalten geblieben sind, dafür waren die Nationalsozialisten maßgeblich verantwortlich. Diese hatten Hugo Junkers, einen frei denkenden Weltbürger und für sie politisch unzuverlässig, 1933 enteignet, um sich die Innovationen, Patente und Anlagen seiner Flugzeugproduktion zu sichern. Zwar trugen Flugzeuge wie der Sturzkampfbomber JU 87 dann noch immer den Namen Junkers, doch verantwortlich für den Bau waren andere. Diese Enteignung und später die Demontage der Junkerswerke nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten dafür, dass das Bildarchiv verschwand oder zerstört wurde.

Flugzeuge prägten die Firmengeschichte. Foto: Steidl-Verlag
Flugzeuge prägten die Firmengeschichte. Foto: Steidl-Verlag

Wie groß dieser Verlust für die deutsche Industriegeschichte ist, lässt der Bildband erahnen. In ihm sind die unterschiedlichen Teile des Konzerns in Kapitel gefasst. Eines zeigt Luftbilder, die Junkers mit einer eignen Firma vermarktete. Diese Aufnahmen veränderten in den 20er-Jahren den Blick der Architekten, Städteplaner und Politiker auf die Welt und die Städte. Erstmals konnten sich Menschen einen gesamten Eindruck von einer ganzen Stadt oder von Verkehrswegen in der Landschaft machen. Die Kartografie verbesserte sich.

Auch die gesellschaftlichen Entwicklungen der 20er-Jahre finden in dem Band Beachtung. Ein Beispiel liefert die Werbefotografie für die Warmwassertechnik. Entblößte Frauenrücken werden beim Einstieg in die Badewanne ins rechte Licht gerückt. Man wirbt mit täglichem Badespaß – und mit wohliger Wärme. Einer Wärme, die nicht durch das stinkende Verbrennen von Kohle erzeugt wird, sondern durch fast geruchloses Gas, das direkt von der Leitung in den Brenner fließt.

Luftbilder waren Teil des Geschäfts bei Junkers. Foto: Steidl-Verlag
Luftbilder waren Teil des Geschäfts bei Junkers. Foto: Steidl-Verlag

Gerade die Werbefotografie zeigt zudem Einflüsse des Bauhauses. Junkers scheute sich nicht, mit den Künstlern der auch in Dessau ansässigen Hochschule zusammenzuarbeiten.

Nicht zuletzt dokumentiert der klug kommentierte Bildband ein bedeutendes Kapitel deutscher Luftfahrtgeschichte. Sowohl die Rückschläge durch Abstürze als auch die optimistische Aneignung der ganzen Welt durch die schnellen Flugverbindungen.

„Junkers Dessau“ hebt einen Schatz Bilder, die es wert sind, betrachtet zu werden. Deren Auswahl und die Begleittexte sind fundiert, präzise und eine Bereicherung.

Hans G. von Gaertringen (Hrsg.): „Junkers Dessau – Fotografie und Werbegrafik 1892–1933“, Steidl 2009, 143 S., 45 Euro

MOZ-Rezension…

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