La Cherga ist mehr als Balkan Brass

La Cherga: Revolve
La Cherga: Revolve

Diese Frontfrau hat eine fantastische Stimme: Adisa Zvekic aus Bosnien singt bei La Cherga. Die Band, die kein Herkunftsland kennt, sondern nur Musiker aus Kroatien, Bosnien, Mazedonien und Jamaika, wird durch sie im positiven Sinne umgewälzt. Die Mischung aus Funk und Balkan Brass, aus Jazz und Elektro, aus Ska und Reggae erzeugt einen unverwechselbaren Sound.

Das ist ja eines der größten Komplimente, die einer Band gemacht werden können. Im großen Brei des Allerleis der Musik sticht La Cherga mit tanzbarer, schweißtreibender Unverwechselbarkeit hervor. Die Band bedient sich zwar verschiedener Traditionen, doch das Ergebnis ist auch dank Adisa Zvekic ein neuer Sound. Insofern sprengt die Band auch das, was sich einst Weltmusik nannte.

Der Bezug zur (musikalischen) Heimat ist zwar immer zu erkennen. Aber es geht La Cherga nicht darum, nostalgische Gefühle zu wecken. Vielmehr sind die Musiker auf der Suche nach einer unverwechselbaren Klang-Heimat, in der sie sich wohl fühlen. Da das beim Hörer auch klappt, sind sie auf dem richtigen Weg. MOZ-Rezension…

Saure Angela

Die saure Angela
Die saure Angela

Weil kein Zitronensaft im Kühlschrank war, kam dieses Geschenk hier zum ersten Mal zum Einsatz. Mit solchen Geschenken ist es ja oft so, dass man sich mehr darüber wundert als freut. Auch wenn eine Hauptstadtkorrespondentin die freudige Schenkerin war.

Doch wenn beim Abschmecken der Spargelsoße eindeutig die Säure fehlt, bekommt das Ganze doch noch einen Sinn. Und mit Gebrauchsspuren wird aus dem vermeintlich seltsamen Geschenk ruckzuck eines, das für große Heiterkeit im ganzen Haus sorgt.

Und die Soße wurde natürlich dadurch auch erst das, was der geneigte Gaumen zu feinem Spargel und guten Kartoffeln erwartet.

Fundstück im Antiquariat (1): Walter Mehrings Autograph

Walter Mehrings Autograph
Walter Mehrings Autograph

Es gibt sie noch, diese Glücksmomente in Antiquariaten. Nicht nur das Strahlen eines Menschen, wenn er ein Buch entdeckt, das er sucht. Oder jenes, wenn wir viel mehr zu einem Thema finden, als wir erhofft hatten. Diese Momente gehören zu den wesentlichen Gründen, weshalb der Besuch von Antiquariaten immer schön ist. Und immer gefährlich für den Geldbeutel.

Doch manchmal gibt es diese ganz besonderen Augenblicke, in denen das Herz vor Glück zu rasen beginnt und das Hirn erst einmal nicht glauben will, was das Auge sieht. So einen Moment bescherte der letzte Besuch eines Antiquariats in Kreuzberg. Zusammen mit einer lieben Freundin stand die Suche nach spezieller Reiseliteratur an. Doch dann greift sie bei der deutschen Literatur unter “M” in ein Regal, zieht einen blauen, unspektakulären Band hervor. Und öffnet ihn. Sofort habe ich die Handschrift auf dem Aufdeckblatt erkannt. Und das Herz hüpfte und raste. Ja, meine Hand musste das Buch sofort fühlen – und es ihr deshalb fast schon aus den Händen reißen. Tatsächlich. Es ist seine Schrift. Es ist seine Unterschrift. Es passt die Zeit, in der er viel in München im Hotel lebte und viel in Zürich. Es ist eine Widmung von Walter Mehring! In der Herbig-Ausgabe des “Großen Ketzerbreviers” von 1974. Also von einer eher unbedeutenden Ausgabe.

Wahrscheinlich kann das kaum jemand verstehen. Aber sie hat es verstanden. Und sich genauso mitgefreut. Sie war mir nicht böse, dass ich ihr das Buch nicht lassen konnte. Im Gegenteil. Sie schenkte es mir! Und ich bin jetzt im Besitz des zweiten Buches dieser Ausgabe – aber nun mit dem Autograph des damals, 1975, sehr unglücklichen Walter Mehring.

P.S.: Gesteigert werden diese Glücksmomente in Antiquariaten noch, wenn es eine Entdeckung ist, die sich im Preis nicht niederschlägt. In diesem Fall war es so. Wenige Euro für eine Besonderheit, die noch dazu Seite für Seite immer wieder lesenswert ist.

Weitere Fundstücke im Antiquariat:
Walter Mehrings Autograph
Ludwig Börnes Verhaftung
Kostbarkeiten bei Alfred Polgar
Ein Theaterzettel von 1931
Die Verlustanzeige von Karl Frucht
Andreas Oppermann erinnert 1860 an Palermo

17 Hippies werden ruhiger

17 Hippies: Pantom Songs
17 Hippies: Pantom Songs

Ganz ruhig geht es auf dem neuen Album der 17 Hippies zu. „Phantom Songs“ steht im Zeichen der Ballade. Faszinierend ist, was die vielköpfige Berliner Band daraus macht. Sie erhält ihren unverwechselbaren Sound, der sich aus Elementen klassischer Rockmusik genauso zusammensetzt wie aus denen von jüdischer, französischer und osteuropäischer Musik. Vor allem wenn die Bläser wie bei „Biese Bouwe“ den Ton angeben, wird der Sound kräftiger. Dann wird aus einem albanischen Volkslied eine hessische Ballade über Böse Buben auf einem wunderbaren Sound-Teppich aus Reggae und treibendem Balkan-Beat. Spannend ich auch “Across Waters”. Es klingt zunächst wie “Mr. E” von Barclay James Harvest. Die Harmonien ähneln sich sehr. Und so locken die Hippies den Hörer in Erinnerungen aus den 80er Jahren, um dann aber ein trauriges Lied über Kriegserlebnisse zu singen. Das ist musikalisch und textlich sehr gut gemacht und sorgt für Gänsehaut. Auch dieses zehnte Album ist mit seinen 13 Songs vollständig gelungen. Am 14. und 15. Mai stellt es die Band im Berliner Kesselhaus live vor. MOZ-Rezension…

Gehackte Daten

Gleich zwei Datenskandale in nur einer Woche erschüttern das Vertrauen der Verbraucher in die Industrie. Apple sammelt auf iPhone und iPad Bewegungsprofile und bei Sony wurde die Nutzerdatenbank gehackt. Beide Vorfälle zeigen, wie unsensibel mit sensiblen Daten umgegangen wird.

Aber es wäre zu leicht, jetzt nur auf die Industrie zu zeigen. Die selben Politiker von Union und Teilen der SPD, die sich über diese Verletzungen des Datenschutzes erregen, fordern den Zugriff des Staates auf möglichst viele gesammelte Daten. Bei der Vorratsdatenspeicherung sollen Nutzerdaten von privaten Telefon- und Internetprovidern gesammelt werden, um sie auf Wunsch zur Verfügung zu stellen. Diese Datenbanken sind potenzielle Hackerziele.

Zwar ist es richtig, alle Verbraucher darüber aufzuklären, dass sie möglichst wenig persönliche Daten preisgeben. Doch bei den Bewegungsprofilen über die Handynutzung genügt das nicht. Echte Hilfe zur informationellen Selbstbestimmung kann die Politik nur garantieren, wenn sie 
sich selbst – und die Datensammelwut der Firmen – beschränkt.

MOZ-Kommentar…

Kurban Saids “Ali und Nino” ist zeitlos gut

Essad Bey: Ali und Nino
Essad Bey: Ali und Nino

Dieses Cover ist eigentlich abschreckend. Es sieht aus, wie ein furchtbarer Kitsch-Roman. Und doch ist dieser Roman von Kurban Said alias Essad Bey alias Lew Noussimbaum einer der schönsten und anrührendsten Romane der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und er ist ein wunderbarer Einblick in eine untergegangene Welt, an der Nahtstellen von Orient und Okzident.

Wirklich verblüffend an diesem Buch aus der 30er-Jahren ist aber, dass in ihm alle Konfliktlinien des Kaukasus der Gegenwart zu finden, obwohl er vor und während des 1.Weltkrieges spielt. Kurban Said erzählt von der Liebe eines Orientalen und einer Europäerin in Baku, als die Stadt eine internationale war. Seine Sätze sind klar und präzise und transportieren dennoch eine kaum fassbare Sympathie für das unterschiedliche Heimatgefühl aller Personen. Niemand wird verurteilt. Alle werden einfach als Menschen beschrieben, die Sehnsüchte haben und Liebe suchen.

Bei Ali und Nino ist es eine Liebe, die alle Grenzen und Fesseln sprengen kann – und am Ende doch scheitern muss. Auch wenn sie viele wunderbare Momente erlebt. Kurban Said hat einen Roman geschrieben, der sich ganz auf das Erzählen konzentriert. Obwohl es gerade die gesellschaftlichen Zustände sind, die das Leben und Lieben von Ali und Nino so stark beeinflussen, ideologisiert der Autor nicht. Und dadurch wird das Ungeheure der Geschichte noch viel klarer. Diese Gabe, so erzählen zu können, hatten und haben in Deutschland nicht viele Autoren. Deshalb die Empfehlung: Auch seine anderen Bücher lohnen sich. Demnächst dazu hier mehr. Und das kann das Buch auslösen…

Ein Tag in Samsun

Samsun ist eine sehr moderne Stadt. Es gibt kaum noch echte Altstadt. Ich habe nur eine handvoll alte Häuser gesehen. Aber die Straßenverläufe sind alt. Gleich hinter dem Hotel war richtiges Bazar-Treiben. Enge Straßen, einige sogar vom Autoverkehr befreit. Fischläden, in denen die Fische direkt an der Straße hingen. Unendlich viele Männer, die Handel treiben. Und auf der Straße Tee trinken. Das war in diesem Basarviertel überhaupt der stärkste Eindruck. Tee trinkende Männer überall. Nun ist dieser Eindruck zwischen neun und zehn Uhr früh entstanden. Die Läden haben gerade erst geöffnet. Lediglich die Fischläden waren wohl schon länger auf. Ansonsten hätten diese Fische nicht so schön präsentiert werden können. Wobei es schon befremdlich ist, wenn der Fisch direkt auf der Straße hängt und von jedem angefasst werden kann. Für den fremden Betrachter ist das pitoresk. Aber für die Hygiene ist es sicherlich nicht ganz so gut. Die Metzger allerdings haben ihre Ware nicht auf der Straße. Sie wird hinter Schaufenstern ausgestellt.

Frauen tragen im Basarviertel Kopftuch. Hier ist offenes Haar bei Frauen offenbar tabu. Auf der anderen Seite der Hauptstraße, die zum Meer und direkt auf das Atatürk-Denkmal führt, sieht die Welt anders aus. Hier gibt es vor allem moderne Geschäfte und hier gibt es zwar Kopftücher. Aber sie halten sich eher im Hintergrund. Das war schon sehr seltsam, diese Trennung. Vielleicht ist es nur ein Eindruck, der beim Laufen durch die Stadt in nur zwei Stunden, die ich hatte, sich verfestigte. Prinzipiell ist der Eindruck ja sehr modern. Nur in diesem Bazarviertel sieht alles aus, wie im Orient.

Erstaunlich waren riesige Fahnen, die in rot und weiß quer über die Straßen gespannt waren. Überall in der Stadt hingen diese bestimmt zehn Meter breite und deutlich höheren Stoffbahnen, Und alle waren beschrieben. Später in der Schule wurde ich aufgeklärt: Samsunspor ist aufgestiegen. In der kommenden Saison spielt der Club in der Süperlig, der 1. Liga der Türkei. Und die Fahnen sind das Dank von Firmen und Gruppen, die die Freude der Stadt zum Ausdruck bringen sollen.

Beeindruckend und befremdlich zugleich ist das Atatürk-Denkmal. Ein nachgebautes Schiff legt am Ufer von Samsun an. Und Atatürk verlässt dieses Schiff mit seinen Mitstreitern für eine freie Türkei. Empfangen werden sie von Honoratioren der Stadt. Dies ist nicht die Beschreibung einer Plakette auf einem Denkmal. Nein, Samsun hat sich entschieden, diese Szene mit Figuren zu gruppieren, die Menschengroß sind. So bleibt diese für die türkische Geschichte wichtige Moment für immer in der Gegenwart. Denn diese Figuren sind als bestimmte Personen ganz klar zu erkennen. Atatürk hat in Samsun angelegt und von hier den Widerstand gegen die Besatzungstruppen organisiert. Am Ende gab es die Republik Türkei. Und das außerordentliche Modernisierungswerk, das noch lange nicht abgeschlossen ist, konnte greifen. Befremdlich wirkt das Denkmal wegen dieser bewussten Gegenwärtlichkeit. Es geht offenbar nicht nur um Geschichte, sondern um das Jetzt. Direkt neben diesem Denkmal ist übrigens eine riesige Markthalle, in der alles, was gern in der Türkei gekauft wird, vorhanden ist: Gefälschte Sportklamotten, Leder, Taschen, Jeans – und alle mit fraglicher Herkunft.

In der Schule begrüßte mich eine etwas verunsicherte, aber sehr nette Lehrerin. Als ich in die Klasse kam, wollte sich diese nicht leeren. Es war ausgemacht, dass ich nur mit den Schülerzeitungsleuten arbeite. Aber die anderen Deutschschüler wollten auch dabei sein, Und so stand ich in einem schlecht belüfteten Kellerklassenzimmer, das nur kleine Oberlichter rund keine echten Fenster hat, vor mehr als 40 Schülern. Das war schon sehr schön. Wenn man auf ein so großes Interesse stößt, schmeichelt es etwas. Leider war das Deutsch der Schüler nicht ganz so gut. Es musste fast alles übersetzt werden. Aber vor allem drei Mädchen fragten unentwegt auf Deutsch. Auch wenn sie sich schwer taten. Sie wollten die Chance nutzen – und haben es getan. Das sind dann tatsächlich Momente, die für die Strapazen, die eine solche Reise auch ist, mehr als nur entschädigen.

15 Kilometer zu Fuß durch Ankara

So modern ist Ankara. Und so rückständig. Ein Fußmarsch durch die Stadt führt von den großen Einkaufsstraßen, den weltoffenen Kneipenvierteln bis hinauf auf die Zitadelle. Da wo, der Tourist den Rummel, der allerorten um ihn gemacht wird, am ehesten erwartet, findet er Anatolien: Niedrige, kleine Häuser. Enge Gassen und spielende Kinder. Kopftücher allerorten und frisch gewaschene Unterwäsche gleich unter der türkischen Fahne, die den höchsten Punkt der Zitadelle krönt.

Der Abstieg die vielen hundert Stufen oder die Straßen hinab entscheidet, ob man nach Europa oder nach Kleinasien gelangt. Wer die Treppen wählt, kommt zwar auch in einen alten Stadtteil, der nicht europäisch wirkt. Aber hier passiert etwas Neues. Handwerker sanieren und restaurieren Altbauten. Hier wird nicht mehr weggerissen, was aus Lehm und Holz gebaut wurde, sondern es wird bewahrt. Vielleicht gibt es genau hier in einigen Jahren das, was wir Europäer so lieben: eine malerische Altstadt, die seit Beginn der jeweiligen Stadtgeschichte nie so farbig und aufgeräumt und geruchsneutral war.

Erstaunlich ist auch der Atatürk-Kulturpalast. In ihm wuselt es vor Menschen. Sie alle sind auf der Suche nach echten türkischen Waren. Denn heute ist hier ein Handwerkermarkt. Alles hat Tradition. Von den Lebensmitteln über die handgewebten Schals bis hin zu Ohrringen mit türkischem Türkis oder traditioneller Keramik aus Kütahya. Und alles ist günstig. Das fachkundige Publikum prüft, riecht, fühlt. Ganz so, wie es sich für einen Basar gehört.

Schräg gegenüber spielt Genclerbirligi Ankara in der Süperlig. Der Jubel der Fans ist weihin hörbar. Aber leider gibt es keinen Zugang zum Stadion. Hier kommt man nur mit Ticket weiter. Dafür fluten die Fans anschließend die U-Bahn. Überall Gesang. Alles voll latenter Agression und verschmitzter Freude. Kein Wunder: Das Durchschnittsalter ist unter 20. So wie überhaupt vor allem junge Gesichter auf den Straßen sind. Diese Stadt ist zwar riesig und in sich zerrissen. Aber die Jugendlichkeit der Bewohner eint sie.

Zwei Schulen in Ankara

Berufsverkehr in Ankara. Stop and Go. Das Taxi muss ständig anhalten und wieder losfahren. Auf dem Weg von der Tunus Cadessi zur Schule sind es vor allem die zwei, drei ersten Kilometer, in denen der Magen mit dem Taxifahrer kämpft. Zum Glück gewinnt der Magen. Das Frühstück bleibt im Bauch. Aber vor lauter Konzentration auf das innere Rumoren bleibt der Blick auf die Stadt, durch die das Taxt fährt, auf der Strecke.

Um neun Uhr bin ich in der Schule angekündigt, 15 Minuten früher bin ich schon da. Ein Geografielehrer nimmt mich in Empfang, weil die Deutschlehrerin noch nicht da ist. Er führt mich in den Raum für die Geografielehrer und bietet Tee an. Da er kurze Zeit in Deutschland lebte, kann er etwas Deutsch. Aber als jüngstes Kind kehrte er mit den Eltern in die Türkei zurück, während seine Geschwister fast alle in der Bundesrepublik blieben. Sie will er besuchen, weiß aber nicht genau, welche Art Visum er dafür benötigt und ob er dieses einfach bekommt.

Die Visumsfrage taucht auf der gesamten Reise immer wieder auf. Deutschland erteilt es nicht einfach. Zu groß ist die Angst, dass sich die halbe Türkei auf den Weg machen könnte. Für diejenigen, die ihre Verwandten besuchen wollen, bedeutet dies Stress. Und offensichtlich auch immer wieder Demütigungen. Wie in den anderen Schulen auch ist die Aufnahme herzlich. Zwischen Deutsch und Englisch schwankt die Unterhaltung. Immer ist sie von einem echten Interesse an dem Besucher getragen. Dafür wird sich auch Zeit genommen.

Etwa wenn die Deutschlehrerin zu spät kommt und darüber wegen eines defekten Handys nicht informieren kann. Dann geht der betreuende Lehrer eben etwas später in den Unterricht. Hier gilt tatsächlich der Satz: „Der Gast, der wird geehrt, auch wenn er noch so stört.“ Wobei der Gast hier nicht als störend empfunden wurde. Die Schule hat ein Internat und Schüler, die aus der Umgebung kommen. Das PASCH-Sommercamp zum Thema Schülerzeitung soll hier stattfinden. Bei der Übung sind drei Lehramtspraktikanten und zwei Lehrerinnen dabei. Die Schülerinnen – nur ein Junge gehört zur Gruppe – sind sehr aufgeweckt und nehmen vor allem die Anregungen zur Themenfindung gern an. Stellten sie sich ursprünglich vor allem ein sehr offizielles Heft als Schülerzeitung vor, begannen sie bald über die Themen nachzudenken, die für die selbst relevant sind.

Das war wieder der hohe Lerndruck, die Anzahl der Prüfungen und Tests, aber auch die Diskussion der Internatsschüler, was auf dem einen Fernseher geschaut wird. Oder das Schulessen. Es ist nicht so gut, wie sie es sich wünschen. Die Begeisterung für die Entdeckung ihrer eigenen Themen war so groß, dass die abschließende Übung eine andere Wendung nahm wie in allen anderen Schulen. Eigentlich sollten sie in Kleingruppen einen Text über das gerade Erlebte schreiben. Also eine kleine Nachricht über meinen Besuch, bei dem die Wörter Ich und Wir auf keinen Fall vorkommen dürfen, weil eine Icherzählung bei Lesern nie gut ankommt.

Die Schülerinnen der ersten Schule in Ankara haben gleich damit begonnen, über die neuen Themen zu schreiben. Das war ein ganz neuer Lehrerfolg auf dieser Reise. Gleich nach Ende der Einheit musste ein Taxi gesucht werden. Denn jetzt ging es zum TED-College am anderen Ende der Stadt. Was bei der Fahrt auf der Strecke blieb, war das Mittagessen. Denn ich war erst pünktlich um 13.00 Uhr vor Ort. Da ging es dann gleich weiter. Die nächste – und letzte Schülergruppe dieser Reise. Das TED ist eine riesige private Lerneinrichtung. Grundschule, Gymnasium und Universität auf einem Campus. Allein am Gymnasium werden 2.000 Schüler unterrichtet. In den anderen Einrichtungen sind die Zahlen ähnlich. Das Gelände wirkt von außen wie ein Hochsicherheitstrakt. Es ist vollständig von hohen Zäunen umgeben, wird von einer großen Schranke gesichert und ist beim ersten Besuch kaum zu übersehen. Man fühlt sich in die USA versetzt. Das wird noch durch die vielen Schulbusse verstärkt. Dutzende holen Schüler und Lehrer nach der Schule ab. Den richtigen findet man nur dank der Hilfe vieler freundlicher Menschen. Der Eintritt in die Schule birgt eine Überraschung. Hier sind keine engen Korridore, sondern eine Art überdachte Straße. Rechts und links wird gemalt. Und was da auf die Leinwände gezaubert wird, zeugt von einem guten Kunstunterricht. Weiter vorne spielt eine Band vor einer großen Traube Schüler. Und überall ist Bewegung, auch nach den Pausen. Die Atmosphäre ist sehr einladend. Nur leider fehlte mir die Zeit zum Essen, noch entspannter all die Kreativität aufnehmen zu können. In einem Raum der Bibliothek fand dann die Übung statt. Auch hier herrschte zunächst der Wunsch vor, weniger eine Schülerzeitung als vielmehr eine PR-Broschüre zu gestalten. Da sollten Texte über Faust erscheinen, über türkische Geschichte und die eigenen Schule. Doch auch bei dieser Gruppe sprang der Funken schnell über. Die Themen, die sie drücken, sind die gleichen: Hausaufgaben, Prüfungsstress, Dersane und so weiter. Aber dann kamen die eigenen Beobachtungen: Der Kiosk ist zu teuer. Jetzt soll mit einem Preisvergleich das Thema bearbeitet werden. Mal schauen, ob es gelingt. In die Stadt ging es dann mit einem der vielen Busse.

Der Vater eines Schülers hat mich am Ende begleitet. Und sein Leid geklagt. Denn er war vom TED auf dem Weg in die Dersane, in der sein Sohn nach der Schule täglich noch zusätzlichen Unterricht hat. Oft kommt der erst um neun Uhr nach Hause, um sich dann noch an die Hausaufgaben setzen zu müssen. Er tut seinem Vater leid. Aber einen anderen Weg, seinen Sohn in der Schule erfolgreich zu machen sieht er – wie hunderttausende andere türkische Eltern nicht. Rund um die Tunus Cadessi sind viele Lokale. Stetes Leben lädt zum Verweilen ein.

Ein Tag in Erzurum

Die Zitadelle liegt an einer sehr schmalen Straße. Hier ist richtig Altstadt. Es gibt alte Holzhäuser und Kopftücher überall. Auf dem kurzen Stück von der Zitadelle zurück zur Hauptstraße findet sich rechterhand eine Moschee oder ein Kulturverein, in den nur bekopftuchte Frauen gingen. Für den westlichen Beobachter wirkte das befremdlich; auch weil die Frauen mich nicht anblickten. Sie schauten allenfalls auf meine Schuhe. Und das machte mich wiederum so verlegen, dass ich mich nicht mehr traute, genau hinzuschauen. Und deshalb weiß ich nicht, ob es eine Moschee oder ein Kulturverein oder gar ein Frauen-Hamam war, in das sie alle verschwanden.

Links neben der Ulu-Moschee öffnet sich von der Zitadelle kommend ein Platz. Auf ihm steht eine Besonderheit: eine Medresse mit je einem Turm rechts und links neben dem Tor. Diese Koranschule ist heute nur noch für Besichtigungen offen. Gelehrt wird nicht mehr in ihr. Sie scheint aus der gleichen Zeit zu stammen wie die Moschee. In ihr ist alles um einen Kreuzgang angeordnet. Der Platz in der Mitte ist frei, doch rechts findet sich eine erhobene Fläche, auf der der Koranlehrer einst dozierte. Rechts und links davon sind die Türen, die in die kleinen Zimmer der Studenten führten. Am Kopfende ist das Grab einer Frau, offenbar der Stifterin der Schule.

Nun wirkte das bei mir alles sehr entrückt, weil ja alles voller Schnee war, aber im Sommer kann sich hier ein Eindruck davon verfestigen, wie die Islamlehrer ausgebildet wurden, um die Religion zu verbreiten. Der karge Raum verstärkt den Eindruck der Entbehrung. Aber wahrscheinlich ist das zu sehr aus dem Jetzt gedacht. Mittelalterliche Klöster waren auch kein Ort der Abwechslung. Auch bei uns waren die Häuser und Schulen aus heutiger Sicht eher entbehrungsreich.

Ein Mann um die 50 hat mich dann auf Englisch angesprochen. Nach meiner Antwort ist er sofort ins Deutsche gesprungen. Er hat mir seine Geschichte erzählt, wie er um 1980 als kurdischer Flüchtling für fünf Jahre in Dortmund gelebt hat. Die Zeit hat er genutzt, um Deutsch zu lernen. Er war neugierig und aufgeschlossen. Politisch hat er davon geträumt, dass der Nationalitäten-Quatsch ein Ende haben möge, damit sich alle Menschen darauf konzentrieren können, um zu sich selbst zu finden und damit auch die anderen besser wahrnehmen können. Das galt auch für die kurdischen Parteien. Die hält er inzwischen für genauso falsch wie die Parteien, die für ein geeintes Türkentum kämpfen. Es könne doch nur darum gehen, dass alle Menschen, die in einer Region oder einem Land leben, die gleichen Rechte und Pflichten hätten. Deshalb sei kurdischen Nationalismus genauso falsch wie türkischer, deutscher oder sonst einer auf der Welt.

Das Gespräch war sehr angenehm, da er gar nicht aufdringlich war. Auch nicht, als er sagte er sei Teppichhändler und würde mir seinen Laden gern mal zeigen. In dem Moment regten sich bei mir alle Abwehrreflexe. Doch dann habe ich mich entschieden mitzugehen. Sein Laden ist gleich in der Gasse rechts von der Medresse. Er zeigte mir unterschiedliche Stücke und war auch gar nicht sauer, als ich schon anfangs sagte, ich werde nichts kaufen. Der Tee war gut und ich habe einiges über spezielle Tücher aus Erzurum gelernt, über Teppichhandel und Reisen in den Iran und Preisunterschiede zwischen Erzurum und Istanbul. Anschließend hat er mir noch seine neueste Errungenschaft gezeigt: Ein altes Haus, das er saniert hat und in dem jetzt auf zwei Etagen ein Café ist. Die rohen Holzstämme im Inneren haben etwas Befremdliches, aber auch etwas sehr Gemütliches. Wenn ich nicht den Termin in der Schule und tatsächlich auch etwas Hunger gehabt hätte, wäre ich sicherlich noch auf einen Cay geblieben.

So aber ging ich die Hauptstraße zurück und genoss die Sonne. Meine Schuhe sahen ganz furchtbar nach all dem Dreck und Regen und Schnee aus. Deshalb habe ich mir die Schuhe putzen lassen. Im ersten Moment hatte ich ein schlechtes Gewissen. Der reiche Europäer lässt sich vom armen Türken die Schuhe putzen. Das Bild hat schon etwas Perverses. Aber ich benötigte die Dienstleistung. Und so habe ich sie in Anspruch genommen. Was der Mann dann aus meinen Schuhen gemacht hat, ist kaum zu glauben. Nach etwa zehn Minuten glänzten sie so sehr, dass der Grundglanz bestimmt noch tagelang zu sehen sein wird.

Zum Essen bin ich dann in ein Lokal, das einen Dönerspieß in der Waagrechten im Fenster hatte. Schon als ich das Lokal betrat, wurde der Tisch mit Salat und zwei Vorspeisen bestückt. Dann dauerte es gerade mal zwei Minuten und schon bekam ich einen Spieß auf den Teller gelegt. Erst wunderte ich mich, wo der Spieß herkam. Doch dann beobachtete ich den Mann am großen, liegenden Spieß. Hinter ihm ist glühende Holzkohle. Er dreht den Spieß ständig. Mit einem kleinen Spieß sticht er fertiges, überstehendes Fleisch an und schneidet es ab. So füllt sich der kleine Spieß mit immer neuen kleinen Stückchen. Und diese Spieße werden dann durch das Lokal getragen. Und einfach auf die Teller der Gäste gelegt.

Bis man Nein sagt. Erst dann ist Schluss. Das Essen war sehr gut, aber allzu viel konnte ich nicht zu mir nehmen. Schade eigentlich. Der türkische Kaffee zum Schluss rundete das Mittagsmahl ab. Und dann half mir die ganze Belegschaft – es waren mindestens sechs, die ich mit nur 11 Tele für das reichliche Mittagessen plus Cola und Kaffee entlohnen sollte – einen Taxifahrer zu organisieren. Zwischenzeitlich wurde mir ein Handy ans Ohr gehalten, aus der eine Männerstimme sagte, ich könne immer anrufen. Ere würde sich um mich kümmern und mir alles zeigen in der Stadt. Aber ich wollte doch nur in ein Taxi und in diese Schule. Irgendwann klappte es dann auch. Das Taxi fuhr an der neuen Skisprungschanze vorbei, passierte viele neue Häuser und brachte mich schließlich auf einen Campus, der wie ein Ufo wirkte.

Da war alles blitzblank, da zeugte eine moderne, markante Architektur von großem Selbstbewusstsein. In der Schule wurde mir klar, dass das alles zusammengehört. Denn die Schule ist eine Privatschule, die sich zur Aufgabe macht, eine neue türkische Elite in der Peripherie des Landes auszubilden. Dafür gewährt eine Stiftung Stipendien für 80 bis 90 Prozent der Schüler. Um in den Genuss zu kommen, müssen sie bei den landesweiten Abschlussprüfungen nach der achten Klasse eine sehr hohe Punktzahl erreichen. Außerdem ist noch eine extra Aufnahmeprüfung nötig. Dafür kommen sie in eine Schule mit Internat, in der jeder Schüler einen eigenen Laptop bekommt und in Klassenräumen lernt, die mit der neusten Technik ausgestattet sind. Zudem wurde mir gesagt, dass die Klassen in der Regel 16 bis 18 Schüler haben. Wichtig ist den Lehrern offenbar, dass die Schüler auch lernen selbstständig zu denken. Für türkische Schulen ist das nicht selbstverständlich.

In der Regel geht es dort um abfragbares Wissen. Meine Übung war großartig. Die Schüler machten mit, stellten mir Fragen und waren auch sonst nicht nur neugierig. Nein, diese Schüler stellten auch immer wieder in Frage, was ich sagte. Und so war der Lerneffekt bestimmt noch besser, weil ich mir stets neue und noch überzeugendere Argumente einfallen lassen musste. Nach der Übung führte mich die Lehrerin noch zum Generaldirektor. Denn es gibt an der Schule neben dem Direktor auch diesen Mann, der dafür zuständig ist, die nächsten vergleichbaren Schulen in Van und einigen anderen Städten zu planen. Er selbst war Präsident einer Istanbuler Universität, war mehrere Jahre Gründungsrektor einer türkischen Uni in Kirgisien (wenn ich richtig aufgepasst habe) und auch sonst ein sehr weltgewandter Mann.