Auf der IFA boomt die Kreativität rund um unsere Ablenkung

Neue Trends in der Unterhaltungselektronik präsentiert die Internationale Funkausstellung ab morgen. Dieser Satz passte auch zu jeder IFA der Vergangenheit. Umso erstaunlicher ist es, dass er jedes Mal aufs Neue stimmt. Der Erfindungsreichtum rund um den Spiel- und Ablenkungstrieb des Menschen ist grenzenlos.

Das gilt zum Beispiel für den guten alten Fernseher. Vor wenigen Jahren wurde er noch zu Grabe getragen, weil ihn der Computer angeblich ersetzen sollte. Doch dank Flachbildschirmen und der Verbindung mit Spielkonsolen wie Wii oder Playstation hat er seinen festen Platz in den meisten Wohnzimmern behauptet.Ja, oftmals ist er dank dieser Präsenz als visuelle Spielstatt gar nicht mehr wegzudenken. Er hat nur die Funktion geändert.

Neue Akteure wie die Telekom mit ihrem TV-Angebot via Internet festigen seine Rolle zudem. Jetzt nimmt auch Apple den Fernseher ins Visier, weil sich rund um ihn viel Geld verdienen lässt. Denn die Nutzer sind es gewohnt, für DVDs Geld auszugeben. Genauso wie beim Produkt „Entertain“ der Telekom will Apple nun an die Umsätze der Videotheken. Das wird auch funktionieren, weil es vor allem in den Ballungszentren eine Netzinfrastruktur gibt, die so große Datenmengen wie bei Filmen problemlos – das heißt in diesem Fall ruckelfrei – übertragen kann. Der Erfolg der Pay-TV-Programme zeigt zudem, dass die Anzahl derer, die regelmäßig im Abonnement Geld fürs Fernsehen ausgeben, stetig wächst.

Der zweite große Trend rund um den Fernseher ist 3D. Die Kreativität der Entwickler scheint grenzenlos zu sein. Nachdem sich heute kaum noch jemand ein Fußballspiel ohne HD-Qualität anschauen mag, wird jetzt an der nächsten Verbesserung des Seh-Erlebnisses gearbeitet. Dabei machen sich die Kreativen das natürliche Bedürfnis der Menschen zu nutze, abgelenkt werden zu wollen.

Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Die Aussteller auf der IFA gehen wohl zurecht davon aus, dass wir Menschen selbst in Krisenzeit bereit sind, für Unterhaltung Geld auszugeben. Vielleicht sogar gerade wegen der Krisen. Lieber wird am Essen gespart. Oder an Kleidung. Aber sicher nicht an der liebgewordenen Unterhaltung auf der Glotze.

MOZ-Kommentar…

Heimat (6): Danke Biermösl Blosn!

35 Jahre haben die Biermösl Blosn gelebt, dass Tradition und aufgeklärtes Denken eins sein können. 35 Jahre haben sie all das Lebens- und Liebenswerte an Bayern verkörpert. Und immer haben Hans, Michael und Christoph Well gezeigt, dass die größten Feinde der Heimat diejenigen sind, die sich Loden- Janker anziehen, ein CSU-Parteibuch haben und so tun, als sei ihre persönliche Geld- und Ansehensvermehrung gelebte Tradition. Seit ich politisch denken kann, gab es die Biermösl Blosn.

Die drei Brüder waren immer der Beweis, dass Bayern mehr ist als die CSU. An ihnen konnte man sehen, dass es ein anderes Bayern gibt. Eines, das modern und bodenständig zugleich ist, eines, das Freiheit lebt und Vielfalt schätzt, eines, dem Beton und Asphalt keine adäquaten Mittel zur Landschaftsgestaltung sind. Und eines, das veränderbar ist, weil in ihm Menschen leben, denen der Sachzwang nicht die einzig denkbare Variante des politischen Lebens ist. Die also das Wort von der „alternativlosen Politik“ schon ad absurdum führten, als es noch nicht so in Mode war wie derzeit. Die Brüder sind dabei immer auf dem Boden geblieben.

Sie haben sich nicht als Helden der Gegenöffentlichkeit stilisiert. Im Gegenteil. Ihr Ziel war es immer, möglichst viele Menschen mit ihrer Mischung aus gelebter Tradition und Anarchie zu erreichen. Nach einem Abend zur Erinnerung an den 100. Geburtstag von Oskar Maria Graf konnte ich mit ihnen ein Bierchen in der Wirtschaft hinter den Kammerspielen trinken. So offen, lustig und herzlich waren sie, dass sofort die Idee entstand, sie nach Hammelburg zu holen. Das taten sie dann auch – auf Initiative des Fußballvereins von Untererthal. Und auch danach waren die Bierchen beim Siggi in der Wirtschaft sehr belebend für alljene, die sich mit der CSU-Dominanz nicht abfinden wollten.

Jetzt ist diese Dominanz gebrochen. Die CSU hat keine absloute Mehrheit mehr, den Alleinvertretungsanspruch nimmt ihr nicht einmal die eigene Basis ab. Insofern ist der Mutmacher Biermösl Blosn nicht mehr nötig. Vielleicht ist es sogar so, dass die Auflösung nach 35 Jahren das angemessene Zeichen für die Entwicklung ist. Dennoch werde ich immer wieder mit großer Nostalgie die Lieder hören. Und mich daran freuen, dass da jemand so aktiv das Wort Heimat so positiv besetzt hat.

Mehr Heimat:
(1) Mein Sprungturm
(2) Stänglich vom Schwab
(3) Leberkäsweck
(4) Bilder aus Hammelburg
(5) Schlesisch Blau in Kreuzberg
(6) Danke Biermösl Blosn!
(7) Weinlaub und Weintrauben
(8) Laufwege in Buchenwäldern
(9) Fränkische Wirtschaft
(10) Bamberger Bratwörscht am Maibachufer
(11) Weißer Glühwein
(12) Berlin
(13) Geburtstage bei Freunden aus dem Heimatort
(14) Gemüse aus dem eigenen Garten
(15) Glockenläuten in der Kleinstadt
(16) Italienische Klänge
(17) Erstaunliches Wiedersehen nach 20 Jahren
(18) Federweißen aus Hammelburg
(19) Wo die Polizei einem vertraut
(20) Erinnerungen in Aschaffenburg
(21) Nürnberg gegen Union Berlin
(22) Der DDR-Polizeiruf 110 „Draußen am See“

Wasser von oben, Wasser auf der Bühne – Die Waldbühne feiert Dido und Aeneas von Sasha Waltz

Dido und Aeneas auf der Waldbühne !
Dido und Aeneas auf der Waldbühne !

Es regnet und alle warten auf Sashas Waltz‘ Dido und Aeneas. Doch was passiert? Nicht die Oper beginnt, sondern ein Geburtstag soll begangen werden. Aber im Regen will niemand fünf Jahre Radialsystem feiern. Dafür ist das Publikum nicht gekommen. Auch nicht um mitzusingen oder gemeinsam in einem Vorprogramm, von dem keiner wusste, dass es dieses gibt, zu klatschen. Heute ist ein besonderer Opernabend geplant – und keine Animation wie im Club Med.

Um 19.00 Uhr ist die Waldbühne voll. Auf den Tickets steht, dass es jetzt los gehen soll. Was niemand weiß: Der Vorhang für Sasha Waltz‘ Inszenierung der Purcell-Oper Dido und Aeneas soll erst um 20.30 Uhr fallen. Weil es dann dunkel ist. Aber Tausende nahmen es auf sich, im strömenden Regen anzureisen und zu verharren. Wäre bekannt gewesen, dass erst eineinhalb Stunden später Tänzer, Sänger und Musiker die Bühne in eine ganz eigene Welt aus Liebe und Leid, Bewegung und lebende Bilder verwandeln, wären die meisten später gekommen. Denn der Regen hörte auf.

Als der Vorhang fällt und auf der Bühne ein riesiges Aquarium für Unterwassertanz erscheint, ist nur noch auf den Sitzen der Zuschauer und im Bassin der Tänzer Wasser. Schon diese ersten, für Schwimmer so vertrauten Bewegungen, sind zur Musik ein ganz besonderes Erlebnis. Sasha Waltz setzt vom Wasser bis zum Feuer alle Elemente in Szene. Jedes Bild, das die Tänzer und Sänger formen, ist von den großen Bildern der Barockmalerei inspiriert. Jede Geste, jeder Gang ist vom Wesen des Barocktheaters beeinflusst und jeder Ton der Musiker von einem festen Glauben an die Kraft der Musik.

Die Dichte der Bilder und die Musik sind überwältigend. Man kann sich so gefangen nehmen lassen, dass man in dem Geschehen vollständig aufgeht. Dabei kann die Handlung verschwimmen, so wie die Bewegungen im Bassin. Aber wer die Handlung schon kennt, der wird in eine Welt entführt, die man gar nicht mehr verlassen will. Egal wie feucht die Hosen vom Regen noch sind, man will nur, dass dieses Schau- und Hörspiel einfach weitergeht, weil es so umfassend schön ist.

Klaus Modick begleitet Feuchtwangers Abschied von Brecht

Klaus Modick: Sunset
Klaus Modick: Sunset

Es ist nur ein Tag im Leben Lion Feuchtwangers, den Klaus Modick in seinem aktuellsten Roman begleitet. Aber es ist ein Tag, in dem der international so erfolgreiche Feuchtwanger das Telegramm mit der Nachricht vom Tode seines Freundes Bert Brecht erhält. Modick formt aus diesem Plot einen sensiblen Text über Freundschaft, Literatur und Exil. Lion Feuchtwanger war neben Thomas Mann der wohlhabendste deutsche Exilschriftsteller.

Beide lebten in Hollywood/Los Angeles. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Schriftstellern, denen die Flucht vor den Nazis in die USA gelang, konnte Feuchtwanger dank der vielen erfolgreichen Übersetzungen seiner historischen Romane und des Verkaufs von Filmrechten sehr gut leben. Bert Brecht dagegen bekam in Hollywood kein Bein auf den Boden. Auch viele andere, wie Walter Mehring, scheiterten. Feuchtwanger unterstützte viele Emigranten. Teils direkt, teils über Stiftungen und den 1944 in New York mitgegründeten Aurora Verlag, in dem etliche Exil-Autoren veröffentlichen konnten.

1956 lebte Feuchtwanger noch immer in den USA. Brecht war wie viele andere, die trotz der Verbrechen Stalins davon träumten, dass die DDR eine freie Heimstatt für Künstler sein könnte, nach Ost-Berlin gegangen. Drei Jahre nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 stirbt Brecht. Modick, der über Feuchtwanger promoviert hat, begleitet den Schriftsteller vom Aufstehen bis in den Abend. Das Telegramm mit der Todesnachricht löst eine Reihe von Erinnerungen aus. In diesen Rückblenden wird die Freundschaft der beiden von Kennenlernen in München um 1920 bis zur letzten Begegnung kurz vor Brechts Auftritt vor der Mc Carthy-Kommission erinnert.

Modick macht dies mit einer Mischung aus Fiktion und der Nutzung verbriefter Quellen. Dabei entsteht ein sehr kompaktes Panorama des Exils mit all den politischen Irrungen, persönlichen Enttäuschungen und privaten Verstrickungen. Modicks Sprache ist sehr prägnant. Die Gedanken sind klar und ohne Schnörkel formuliert. Er nähert sich der Sprache Feuchtwangers an, ohne in dieser aufzugehen. Und so gelingt es ihm, ein überzeugendes Buch vorzulegen – und zwar in Form und Inhalt. Es ist sowohl für jene ein Genuss, die sich mit der Exillitertaur auskennen, als auch für jene, die schlicht neugierig sind. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2011 ist es völlig zurecht.

Klaus Modick: Sunset, Eichborn

Brandenburgs Politik verliert massiv an Vertrauen

Länder wirken lange stabil. Dann passiert plötzlich etwas und ganze Gesellschaften können ins Rutschen kommen. So weit wird es in Brandenburg wohl nicht kommen. Aber die aktuellste Umfrage zur politischen Lage im Land ist dramatisch. Sie zeigt, dass in den zwei Jahren seit der letzten Landtagswahl der Frust steigt.

Die Zahl der Frustrierten hat sich von 16 auf 30 Prozent nahezu verdoppelt. Das ist eine dramatische Zahl. 30 Prozent trauen keiner Partei zu, dass sie die Probleme des Landes lösen könnte. Oberflächlich ist Rot-Rot stabil. Die SPD legt zu, die Linke verliert etwas. Aber das sind nur die relative Zahlen. Denn ein gutes Drittel bescheinigt allen Parteien Inkompetenz. Das ist ein großes Potenzial für Rattenfänger von rechts oder links. In der diffusen Euro-Angst ist das wirlich gefährlich. Aber was machen die Potsdamer Granden?

Sie klopfen sich auf die Schulter. Wie groß der Vertrauensverlust ist, wollen sie weder im Flughafen-Umfeld noch im abgesoffenen Oderbruch wahr haben. Wenn es nur um einzelne Parteien ginge, wäre das alles nicht schlimm. Aber oft genügen nur kleine Impulse, um große Hänge ins Rutschen zu bringen.

Jonathan Jeremiah entertaint am Rande des Größenwahns

Jonathan Jeremiah
Jonathan Jeremiah

Jonathan Jeremiah will ein großer Entertainer werden. Diesen Anspruch formuliert mit seiner sanfte, männlichen Stimme. Die Musik auf seinem Debütalbum „A Solitary Man“ ist ausgefeilt und spielt mit allen Möglichkeiten der Instrumentierung. Da ertönen sanfte Bläsersätze, der simulieren Streichersätze besonders intensive Gefühle. Und immer singt Jeremiah seine Texte über Liebe und Leid.

Mit „Happiniess“ ist er derzeit auf allen Radiowellen zu hören. Zum Glück sind nicht alle Stücke dieses soliden, aber etwas zu schlagerhaften Albums so lieblich. Es gibt auch Momente, da gehen gute Musik und großes Entertainment eine gelungene Liason ein. Bei denen lohnt es sich hinzuhören. Zwar ist auf diesem Album alles Retro. Aber das ist Adele auch. Wer solides Handwerk mag und Innvovation gefährlich findet, sollte Jonathan Jeremiah weiter beobachten. Wer es aber nicht tut, versäumt auch nichts. Die Musikpresse feiert ihn als den neuen Star am Himmel der (britischen) Popmusik. Doch dafür ist die Musik zu vorhersehbar.

Da sind keine Kanten, die einen überraschen. Alles ist perfekt. Alles ist groß. Alles tut wichtig. So wie der Album-Titel. Wer denkat dabei nicht an Johnny Cash, den alten Johnny Cash? Einen Künstler, der auf ein bewegtes Leben und viele großartige Platten zurückblicken konnte. Jonathan Jeremiah stellt sich in eine Reihe mit Cash, Scott Walker, Cat Stevens, Serge Gainsbourg oder Carole King. Für ein Debüt grenzt das an Größenwahn. Aber das ist bei anderen Hype-Bands oftmals auch nicht anders.

Jonathan Jeremiah: Am Solitary Man

Hauptsache rüberschwimmen

Blick auf Schmöckwitz Werder von der Eichwalder Badestelle am Zeuthner See im August 2011
Blick auf Schmöckwitz Werder von der Eichwalder Badestelle am Zeuthner See im August 2011

Die Nackten sind da. Die Alten, die im Bademantel zwei, drei Straßen weit laufen, sind da. Die Hausfrauen, die zusammen eine Morgenrunde drehen sind da. Insgesamt sind es vielleicht zwölf, die am Ufer und im See sind. Sie alle lassen sich vom Wetter nicht abhalten.

Die Temperatur ist deutlich unter 20 Grad. Der Himmel zieht sich immer weiter zu. Alles sieht nach einem weiteren, ungemütlichen Sommertag aus. Einem, der so gar nichts mit Sommer zu tun hat. Nur diese Möglichkeit, den See fast für sich allein zu haben, erinnert an den Sommer. Jetzt, am Morgen, stören keine Motorboote. Der See liegt ganz flach da. Einzig einige schwimmende Köpfe, einige Blesshühner, Enten und Schwäne ragen aus dem glatten Wasser heraus.

Der erste Schritt ins Wasser verursacht eine kleine Gänsehaut. Auch die Wassertemperatur ist nicht wirklich sommerlich. Aber nach den ersten Zügen, wenn die kleinen Kältestiche auf der Haut nachlassen und die Atmung regelmäßig wird, ist nur noch belebende Frische zu spüren. Das andere Ufer alle vier Armzüge im Visier wächst die Zufriedenheit über die Überwindung. Jetzt gilt nur noch: Hauptsache rüberschwimmen. Und dann zurück. Ein Blick in die anderen Gesichter verrät: Auch hier nur Zufriedenheit. Und Ruhe. Hektik oder Lärm gibt es in dieser Gemeinschaft der einzeln für sich schwimmenden Eichwalder nicht. Wie angenehm!

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