Das Pop-Requiem des Ex-Punks Rocko Schamoni

Ein Mann wird alt. Und wir dürfen dabei sein! In unsere Gehörgänge rotzt er seinen Zorn über die Jugend, zu der er doch selber einst gehörte. Rocko Schamoni (40) hat ein Alter erreicht, in dem Auf-Jung-Machen nur noch peinlich ist.

Dessen ist sich der einstige Dorfpunk (so der Titel seines Romandebüts vor zwei Jahren) bewusst. Und deshalb blöckt er jetzt: „Ihr seid Jugendliche / Ihr seid fertig drauf / Ihr seid stolz und hässlich“ und weiter „Ihr seid dumm und glatt / Ihr seid reich und sportlich / Ihr
tragt Army-Klamotten“. Dieser Jugend könne man das Schicksal der Welt nicht anvertrauen!

Rockos Blick ist unerbittlich. Natürlich spielt er in diesem Song wie in den anderen mit der Erwartungshaltung und den Klischees vom Alt-Werden und Jung-Sein. Das macht er auf seine einmalige Art. In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren Ex-Punk, der mit den Mitteln der Popmusik seine Wahrheiten so unters Volk bringt.

Seine Botschaften dieser letzten CD, die seit gestern in den Regalen steht, erinnern an die Tiger Lillies. Seine Musik und seine Stimme sind allerdings gegenwärtiger. Seine Präsenz schreit danach, sich nicht aufs Altenteil zurückzuziehen. Es wäre zu schade, wenn er verstummt.

Dennis DiClaudio ist ein Genuss für kleine und große Hypochonder

Es sind nur 45 Krankheiten, die uns Dennis DiClaudio vorstellt. Für ein Lexikon ist das eigentlich viel zu wenig. Wer sich schon einmal mit Harald Schmidts Lieblingsbuch, dem Pyschrembel, vergnügt hat, dem mag das kleine und dünne Werk also  zwergenwüchsig vorkommen. Oder schmalbrüstig.

Doch mehr als die 200 Seiten DiClaudios wären tatsächlich gesundheitsgefährdend. Denn die medizinische Aufklärung macht nur einen Teil des Werkes aus. Die Kommentare, hier Prognose genannt, sind der für das Zwerchfell problematische Kern. Sie können zu Verkrampfungen und damit verbundenen Atembeschwerden führen. Ruckzuck wird so aus vermeintlicher Hypochondrie ein ernsthaftes Leiden.

Dennis DiClaudio: DER KLEINE HYPOCHONDER. DVA. 29,95 EURO.

Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann erzählen die Geschichte der Juden in Deutschland

Die Geschichte der Juden in Deutschland wird sehr stark auf die Vertreibung und Vernichtung durch die Nazis reduziert. Aber Juden leben schon seit 2000 Jahren hier. Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann haben auf 220 Seiten eine kurze Geschichte im Überblick geschrieben.

Sie gehen natürlich auf die Entwicklung des Antisemitismus ein. Aber sie zeigen auch, wie Juden und Christen friedlich zusammenlebten. Und sie machen deutlich, welche wichtige Rolle viele Juden bei der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklung Deutschlands spielten. Ein gut geschriebenes, leicht verständliches und unverzichtbares Buch.

Brodersen/Dammann ZERRISSENE HERZEN – GESCHICHTE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND. FISCHER VERLAG. 19,90 EURO.

Orhan Pamuk langweilt mit seinen Erinnerungen an Istanbul

Es gibt Bücher, die soll man lesen. Viele Kritiker behaupten das von Orhan Pamuks „Istanbul“. Es ist ja das erste Buch, das auf Deutsch erschienen ist, seit der Mann aus Istanbul Literaturnobelpreis-Träger ist. Aber wie im richtigen Leben, so ist es auch hier: Nicht alles, was man soll, ist auch sinnvoll.

Die knapp 400 Seiten hätten ohne Probleme auch auf 250 bis 300 gepasst. Die strenge Chronologie entlang Pamuks autobiografischen Verlaufs sorgt für stete Wiederholungen. Und mit Verlaub: Das langweilige Leben des wohlhabenden Orhan Pamuk ist auch kein Stoff für dicke Bücher. Insgesamt ist das schade. Denn Pamuk kann schreiben – und Istanbul ist eigentlich eine spannende Stadt.

Orhan Pamuk: ISTANBUL – ERINNERUNGEN AN EINE STADT. HANSER VERLAG. 25,90 EURO.

Parsua Bashi zeichnet die Nylon Road ins Exil

Ein Comic über Vertreibung und Exil ist nach wie vor selten. Die Iranerin Parsua Bashi (40) hat mit ihrer autobiografischen Novelle „Nylon Road“ ein wunderbares Buch gezeichnet und geschrieben.

Parsua Bashi war 37 Jahre alt, als sie den Iran verließ. Seit 2004 lebt die Grafikerin in Zürich. Diesen Bruch hat sie auf den 127 Seiten von „Nylon Road“ verarbeitet. Und das mit viel Humor und einem gezielten Strich für das Wesentliche. Sie schildert ihr Leben aus der Perspektive der in die Freiheit geflohenen Frau. Das schafft sie ohne jedes Pathos, weil sie sich selbst immer wieder konfrontiert.

Im Buch unterhält sie sich mit der jungen Parsua, die sich dagegen sträubt, dass ihre Brüder und viele Freunde und Verwandte nach der Machtergreifung der Mullahs 1979 den Iran verlassen. Sie will doch in ihrer geliebten Heimatstadt Teheran bleiben. Die junge Parsua macht der Exilantin Vorwürfe. Sie habe das Land – und damit sich selbst – verraten. Noch härter werden die Selbstvorwürfe, als sie von der Scheidung von ihrem Mann – und von ihrem Kindes erzählt. Denn da sie den selbstgefälligen Mann, der ihr sogar den Kontakt zur eigenen Familie verbot, der ihr die geliebte Arbeit untersagte und sie zu Hause einschloss, nicht mehr ertragen konnte, wagte sie die Scheidung.

Im Iran von heute bedeutet das den Verzicht auf die eigenen Kinder. Denn eine Frau, die sich scheiden lässt, ist bei den muslimischen Machos nicht vorgesehen. Parsua Bashi kehrt ihr Innerstes nach außen. Dabei wahrt sie dennoch Distanz. Sie beleuchtet die Gründe, die für ein Leben im Iran sprechen. Und sie macht unmittelbar erlebbar, was sich junge Menschen in Deutschland gar nicht vorstellen können: die Verhaftung der jungen Frau, nur weil sie zusammen mit einem jungen Mann Farben einkauft; das Getuschel nach der Scheidung; die soziale Ausgrenzung, nur weil sie eigenverantwortlich leben will.

„Nylon Road“ moralisiert nicht. Die gezeichnete Novelle macht das Dilemma des Exils, die Schwierigkeiten beim Einleben im Westen und die Sehnsucht nach dem Teheran der Jugend ganz real erlebbar.

PARSUA BASHI: NYLON ROAD – EINE GRAPHISCHE NOVELLE. KEIN & ABER. 19,90 EURO.

Sebastian Krämer schult die Leidenschaft

Sebastian Kraemer: Schule der Leidenschaft
Sebastian Kraemer: Schule der Leidenschaft

Sebastian Krämer (31) ist einer dieser Kabarettisten, die nur mit einem Klavier auf der Bühne den ganzen Abend gestalten können. Seine Musik und seine Texte bewegen sich zwischen klassischem Kabarett und Poetry Slam. In letzterem hat er 2001 und 2003 sogar den Champion-Titel für Deutschland errungen.

Das merkt man auch seiner CD „Schule der Leidenschaft“ in seiner besten Form an. Seine Texte sind spontan, seine Improvisationen über dem musikalischen Teppich des Klaviers überraschen. Sie erzählen von dem großen menschlichen Missverständnis, der Liebe. Und sie kreisen um all das, was die Tageszeitungen so füllt: von Arafat bis Kernspintomografie, von Mülltrennung bis Depression in Ostdeutschland. Krämer hat zwar nicht die beste Gesangsstimme, aber seine Improvisation trifft den Ton – zumindest den, den das Publikum hören will.

Die aktuelle CD ist etwas schwächer als der Vorgänger, aber immer noch weit über dem Durchschnitt dessen, was einem auf Kleinkunstbühnen so geboten wird. Sebastian Krämer bewegt sich auf den Kleinkunstbühnen der Republik als ständiger Gast. Auf dem CD-Player ist er auch willkommen.

Trikont Schwarze Musik hinter Gittern

In Prison
In Prison

Die Musik der Schwarzen aus den USA hat die populäre Musik in der gesamten Welt geprägt. Ob Blues, Soul, Funk oder HipHop – der Einfluss auf die aktuelle Musikszene
ist gewaltig. Dass der Blues von den Sklaven auf den Baumwollfeldern der Südstaaten gesungen wurde, ist hinlänglich bekannt. Wie groß die musikalische Schaffenskraft in den Gefängnissen war, allerdings nicht. „In Prison“ dokumentiert genau das.

Die Zahl der Schwarzen in den US-Gefängnissen ist exorbitant hoch. Das ist ein Ausdruck der nach wie vor herrschenden sozialen  Ungerechtigkeit. Dieses Leid, das Unrecht, Opfer eines Justizirrtums geworden zu sein, weil man sich keinen Anwalt leisten kann, oder auch die Läuterung im Knast, sind die Themen der Songs auf dem Sampler. Der 1996 ermordete Rapper „2 Pac“ findet sich ebenso wie die „Temptations“ oder Bobby Womack und Brand Nubian – und ganz viele unbekannte Schwarze.

Die Musik ist ungeheuer reichhaltig und produktiv. Es ist ein Hörgenuss, den Gefängnis- Songs zu lauschen, weil sie sich nicht im Jammern ergehen, sondern das Leid in mitreißende Kunst umwandeln. „Trikont“ hat mit der Auswahl der 19 Lieder wieder  Maßstäbe gesetzt.

Stefan Maiwalds lustiger Blick auf Italien

Stefan Maiwald: Laura, Leo Luca und ich
Stefan Maiwald: Laura, Leo Luca und ich

Klischees sollte man ja tunlichst vermeiden. Stefan Maiwald gelingt das nicht. Doch das macht den Reiz seines Büchleins über seine Beziehung mit seiner italienischen Frau – und damit mit deren Familie – so reizvoll. „Laura, Leo, Luca und ich“ ist ein leicht geschriebenes Tagebuch im Rückblick. Es erzählt, was dem ehemaligen Redakteur  des Playboy so alles passierte, als er die flüchtige Urlaubsbekanntschaft zu lieben lernt und endlich heiratet.

Seine Beobachtungen kann er mit der nötigen Distanz zu schnurrigen Anekdoten verdichten, die nichts von egomanischer Beziehungsliteratur an sich haben. Maiwald liebt nicht nur Laura. Er liebt auch die ganze Familie. Auch wenn sie ihm auf die Nerven geht.
Das ist herrlich!

Stefan Maiwald: LAURA, LEO, LUCA UND ICH. DTV. 8,90 EURO

 

Die Geschichte vom einzigen „Club“

Die Legende vom Club
Die Legende vom Club

Der Club war ewig Rekordmeister. Bis zu seinem Abstieg direkt nach der  gewonnen Meisterschaft 1968. Die Nürnberger gehören wie nur wenige Vereine zu denen, um die sich Legenden und Geschichten aus nun fast 100 Jahren ranken.

Einst stellten die Clubberer zusammen mit Fürth alleine die  Nationalmannschaft. Davon und von der Gegenwart erzählt Christoph Bausenwein in seinem fantastischen Buch, das nicht nur für Club-Fans ein Lesefest ist. Bausenwein nimmt auch die Zeit des  Nationalsozialismus kritisch unter die Lupe und schafft es, ein umfassendes Porträt eines Vereins zu schreiben, das sich sehr gut liest und dennoch sehr faktenreich ist. Die  Neuauflage kann jetzt auch aktuelle Erfolge melden.

Bernd Siegler, Christoph Bausenwein, Harald Kaiser: DIE LEGENDE VOM CLUB –
GESCHICHTE DES 1. FC NÜRNBERG. WERKSTATT. 26,90 EURO

Diese Rezension ist am 2. Januar 2007 in 20cent erschienen.

Yasmina Khadra Lehrstück über eine Sellbstmordattentäterin

Yasmina Khadra: Die Attentäterin
Yasmina Khadra: Die Attentäterin

Was passiert mit einem Mann, dessen Frau sich als Selbstmordattentäterin in die Luft jagt? Der algerische Ex-Offizier Khadra leuchtet das im Roman „Die Attentäterin“ aus. Frank-Erich Hübner hat daraus ein packendes Hörspiel von nur 68 Minuten gemacht.

Der junge Palästinenser Jaafari macht Karriere in Tel Aviv. Dass seine Frau für den  Untergrund arbeitet, bekommt er nicht mit. Nach dem Attentat macht er sich geladen mit Eifersucht, Wut und Rachegefühlen auf die Suche nach den Hintermännern. Das Hörspiel lässt den Hörer nicht mehr los. Der emotionale Druck, die verfahrene Lage im Nahen Osten und die ständig präsente Gewalt erschüttern. Die Attentäterin ist lehrreiches Stück
über einen irrsinnigen Konflikt.

Yasmina Khadra: DIE ATTENTÄTERIN, HÖRSPIEL. 1 CD. HÖRVERLAG 14,95 EURO

Diese Rezension ist am 2. Januar 2007 in 20cent erschienen.