Baru zeichnet ein scharfes Bild vom Rechtsradikalismus

Es hat relativ lange gedauert, bis die Comics des Franzosen Baru (eigentlich Hervé Barulea, 59) in Deutschland angekommen sind. Sein 1995 in Frankreich erschienener Band „Autoroute Du Soleil“ ist ein Beispiel dafür.

Das 430 Seiten dicke Buch ist aber noch immer aktuell. Es erzählt die merkwürdige
Freundschaft eines Lothringers mit einem jungen Araber, die auf der Flucht vor den Schlägern der rechtsradikalen Front National sind. Baru zeichnet das Bild einer
Gesellschaft, in der Migranten nicht willkommen sind, weil die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist. Das erinnert auch an manche Ecke im Osten Deutschlands. Aber Baru belässt es nicht bei einfachen Erklärungen. Seine Figuren leben. Und überzeugen deshalb.

Baru: AUTOROUTE DU SOLEIL. CARLSEN VERLAG. 19,50 EURO

Johnny Cash in Schwarz-Weiß

Johnny Cash (1932 bis 2003) war einer der ganz Großen. Nach Durststrecken schaffte er ein Comeback, das junge Hörer genauso faszinierte wie alte Country-Fans. Der Comic-Zeichner
Reinhard Kleist setzt Cash mit einer Biografie ein Denkmal.

Auf 200 Seiten macht sich der Zeichner auf die Erkundung eines Mythos. Eigentlich müsste so ein Versuch scheitern. Denn der Platz reicht nicht, um ein langes Leben von allen Seiten zu beleuchten. Aber genau das macht Kleist auch nicht. Er konzentriert sich auf die Aspekte im Leben Johnny Cashs, die ihn charakterisieren. Dabei bleibt Kleist nicht auf der Oberfläche anekdotischer Belanglosigkeiten. Er nähert sich dem CountryStar, der von vielen klassischen Country-Fans wegen seiner Lebenseinstellung nicht geachtet wurde, über ein Schlüsselerlebnis.

1968, auf der Höhe seines Erfolgs, spielte Johnny Cash zwei Konzerte in einem Knast.  Johnny Cash Live At Folsom Prison wurde ein Verkaufsschlager. Der Country-Sänger im schwarzen Anzug verkaufte mehr Alben als die Beatlesin den USA. Das besondere an Folsom Prison war ein Song. Den hatte ein Häftling geschrieben. Cash bekam ihn kurz vor seinem Gig. Und interpretierte ihn mit so viel Verständnis für die dunkle Seite des Lebens, die alle
Inhaftierten kannten und alle Hörer in sich ahnten, dass er Gänsehaut erzeugte.

Folsom  Prison wird von Kleist zu einem zentralen Ereignis im Leben Johnny Cashs gemacht. Von hier aus zeichnet er Rückblenden in die Kindheit, seine Zeit als Soldat in Deutschland und den Start der Musiker-Karriere. Von hier aus blickt er aber auch in die Zukunft. Bis hin zum alten Johnny Cash, der mit seinen American Recordings mit Jack Rubin als Produzenten ein bislang einmaliges Alterswerk aufnimmt.

Reinhard Kleist liefert mit seiner Interpretation des Lebens von Johnny Cash einen wichtigen Baustein. Der Comic ist schwarz-weiß gezeichnet. Etwas anderes würde
für den Mann im schwarzen Anzug auch nicht passen. Damit schafft Kleist eine Ästhetik, die Cash angemessen ist – und besser als jede TV-Doku ist.
REINHART KLEIST: CASH – I SEE A DARKNESS. COMIC-BIOGRAFIE. CARLSEN COMIC. 14 EURO.

Parsua Bashi zeichnet die Nylon Road ins Exil

Ein Comic über Vertreibung und Exil ist nach wie vor selten. Die Iranerin Parsua Bashi (40) hat mit ihrer autobiografischen Novelle „Nylon Road“ ein wunderbares Buch gezeichnet und geschrieben.

Parsua Bashi war 37 Jahre alt, als sie den Iran verließ. Seit 2004 lebt die Grafikerin in Zürich. Diesen Bruch hat sie auf den 127 Seiten von „Nylon Road“ verarbeitet. Und das mit viel Humor und einem gezielten Strich für das Wesentliche. Sie schildert ihr Leben aus der Perspektive der in die Freiheit geflohenen Frau. Das schafft sie ohne jedes Pathos, weil sie sich selbst immer wieder konfrontiert.

Im Buch unterhält sie sich mit der jungen Parsua, die sich dagegen sträubt, dass ihre Brüder und viele Freunde und Verwandte nach der Machtergreifung der Mullahs 1979 den Iran verlassen. Sie will doch in ihrer geliebten Heimatstadt Teheran bleiben. Die junge Parsua macht der Exilantin Vorwürfe. Sie habe das Land – und damit sich selbst – verraten. Noch härter werden die Selbstvorwürfe, als sie von der Scheidung von ihrem Mann – und von ihrem Kindes erzählt. Denn da sie den selbstgefälligen Mann, der ihr sogar den Kontakt zur eigenen Familie verbot, der ihr die geliebte Arbeit untersagte und sie zu Hause einschloss, nicht mehr ertragen konnte, wagte sie die Scheidung.

Im Iran von heute bedeutet das den Verzicht auf die eigenen Kinder. Denn eine Frau, die sich scheiden lässt, ist bei den muslimischen Machos nicht vorgesehen. Parsua Bashi kehrt ihr Innerstes nach außen. Dabei wahrt sie dennoch Distanz. Sie beleuchtet die Gründe, die für ein Leben im Iran sprechen. Und sie macht unmittelbar erlebbar, was sich junge Menschen in Deutschland gar nicht vorstellen können: die Verhaftung der jungen Frau, nur weil sie zusammen mit einem jungen Mann Farben einkauft; das Getuschel nach der Scheidung; die soziale Ausgrenzung, nur weil sie eigenverantwortlich leben will.

„Nylon Road“ moralisiert nicht. Die gezeichnete Novelle macht das Dilemma des Exils, die Schwierigkeiten beim Einleben im Westen und die Sehnsucht nach dem Teheran der Jugend ganz real erlebbar.

PARSUA BASHI: NYLON ROAD – EINE GRAPHISCHE NOVELLE. KEIN & ABER. 19,90 EURO.

Thomas Pigor besingt Adolf, die alte Nazi-Sau

Der Comic „Der Bonker“ von Walter Moers (49) macht vor seinem Erscheinen  Schlagzeilen. Schuld sind Song und Video „Adolf, die Nazisau – Ich hock in meinem Bonker“. Aber was heißt hier schuld? Das Wort wäre ja nur sinnvoll, wenn das gute
Stück eine Verfehlung wäre. Doch genau das ist es nicht.

Moers hat sich für den Song einen der besten deutschen Kabarett-Texter geholt: Thomas Pigor. Seine Shows zusammen mit Benedikt Eichhorn sind das Witzigste und Musikalischste, was auf deutschen Kabarettbühnen zu hören ist. Ganz groß ist etwa das Stück „Historische Vergleiche“. In ihm heisst es: „Heiliger Ralph Giordano,
heiliger Wolfgang Thierse, heilige Antje Vollmer, bitte regt euch nicht auf und nehmt unsere Zerknirschung ernst.“

Wer das im Hinterkopf hat, kann den Reggae „Adolf, die Nazisau“ noch intensiver  genießen. Satire darf ja alles. Also auch den Massenmörder Hitler als senilen Deppen darstellen, dem sein Spielzeug weggenommen wurde. Moers und Pigor schaffen
es, Hitler, seinen Krieg und seine Ideologie als peinlich darzustellen. Also so dämlich, dass man über ihn lachen muss. Das befreit und macht den Kopf für den Kampf gegen alle gegenwärtigen Nazisäue frei.

Will Eisner zeichnet ein Comic gegen den Judenhass

Wenige Hetzschriften wirken so lange und so verheerend wie „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Will Eisner, der große – im Januar verstorbene – Meister des Comics, erzählt die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte in Bildern.

Will Eisner kam 1917 in Brooklyn zur Welt. Seine Eltern waren Juden aus Österreich, die ihr Glück in New York suchten. Hätten sie diesen Schritt nicht gewagt, wären er und seine Eltern sehr wahrscheinlich genauso wie sechs Millionen andere europäische Juden von den
Nazis ermordet worden. Eines der wichtigsten Bücher, auf die sich Hitler und die Nazis
immer wieder in ihrem Judenhass beriefen, waren die „Protokolle der Weisen von Zion“.

Für Hitler waren sie echt. Davon, dass es sich dabei um eine üble Fälschung handelt,
wollte er nichts wissen. In den Protokollen wird eine angebliche Sitzung der einflussreichsten Juden wiedergegeben. Auf ihr sollen sie beschlossen haben, die Weltherrschaft zu übernehmen. Alle Vorurteile über die jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung sind in diesem Band versammelt.

Doch das verheerende Buch stammt aus der Feder eines Fälschers des Geheimdienstes des russischen Zaren. Gedacht war es, um die Juden für Unruhen verantwortlich zu machen. Es fiel auf furchtbar fruchtbaren Boden. Schon im Zarenreich kam es zu
Progromen an Juden. In den folgenden mehr als hundert Jahren wurde es in alle wichtigen
Sprachen mehrfach übersetzt.

Zurzeit ist es bei islamistischen Terroristen eine gern gelesene Lektüre zur Anzettelung des Hasses gegen Israel. Will Eisner zeichnet die erschütternde Geschichte des Machwerks
in düsteren, eingängigen Bildern. Da es sich dabei leider um keine abgeschlossene Geschichte handelt, ist Eisner darauf angewiesen, erklärende Zwischentexte und Fußnoten zu verwenden. Das wirkt bei einem Comic zwar etwas seltsam, ist aber dennoch zulässig.
Denn Eisner will aufklären. Er wählt den Comic, um sein Thema an Menschen zu bringen,
die niemals ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen. Sein Comic kann sie erreichen. Das ist hervorragend. Besser als Geschichtsstunden in der Schule – und einprägsamer.