Brandenburgs Politik fehlt der Mut, die Energiewende zu denken

Wenn der Strom teurer wird, liegt das an Erneuerbaren Energien. Das ist der Kern dessen, was Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers nicht nur in der aktuellen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage antwortet. Er ist davon wirklich überzeugt.

Damit beweist er, dass er  Verwalter und Bewahrer des Gegenwärtigen, nicht aber Gestalter der Zukunft ist. Denn es stimmt natürlich, dass bei einer erhöhten Stromproduktion neue Netze benötigt werden. Es sei denn, die Produktion des klimaschädlichen Stroms aus Braunkohle würde reduziert. Dann müsste zwar immer noch in die Netze investiert werden, aber erheblich weniger. Oder wenn es nicht nur den einen Energie autarken Ort Feldhain in Brandenburg gäbe, sondern Dutzende, vielleicht sogar Hunderte. Dezentral aus Erneuerbaren Energien versorgte Orte benötigen kaum Netze.

Für einen Linken müsste diese Art der Versorgung eigentlich erstrebenswert sein, da sie nicht auf die Existenz bestehender Konzerne setzt. Doch Christoffers und der Landesregierung fehlt der Mut die Energiewende zu denken. Auf Dauer kommt das die Verbraucher viel teurer zu stehen.

Deser Kommentar ist am 21. November 2011 in der Märkischen Oderzeitung erschienen…

Zwei Journalisten Stalins entdecken die USA

Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: Das eingeschossige Amerika
Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: Das eingeschossige Amerika

Wenn Stalin zwei Schriftsteller in die USA schickt, damit diese eine große Reportage über das Mutterland des Kapitalisnus schreiben, dann erwartet der Leser Propaganda. Aber was Ilja Ilf und Jewgeni Petrow über ihre Reise von Ost nach West durch die USA und wieder zurück geschrieben haben, hat genau damit nichts zu tun.

Denn die beiden Autoren hatten einen unglaublich genauen Blick auf das Leben der Menschen in den USA. Natürlich gibt es Passagen über die Wirtschaft und das System. Aber genau diese Passagen sind sehr von Respekt für das Organisationstalent und für die Effizienz geprägt. Etwa wenn die beiden die Ford-Werke besichtigen und sogar mit der Firmenleitung reden können. Natürlich beschreiben sie dabei auch die Entfremdung des Bandarbeiters von der selbstbestimmten Arbeit. Aber sie wissen auch, dass das in sowjetischen Fabriken nicht anders ist.

Der Blick der beiden ist immer offen und neugierig. Vor allem wenn es um Begegnungen mit Menschen geht, ist von Ideologie gar nicht zu spüren. Sie freuen sich über die Offenheit der Amerikaner, sie bewundern die stete Hilfsbereitschaft und sie empfinden dafür große Dankbarkeit. Am meisten natürlich für das Ehepaar Adams, das sie drei Monate lang 16.000 Kilometer durch die Staaten chaufiert und ohne die sie mit ihren schlechten Englischkenntnissen kaum die Reise bestanden hätten.

Historisch ist das Buch aus zwei Gründen spannend. Zum einen gab es Mitte der 1930er-Jahre tatsächlich eine große Offenheit und Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion, die man sich angesichts des späteren Kalten Krieges kaum mehr vorstellen kann. Zum anderen schreiben Ilf und Petrow fast eine Alltagsgeschichte der USA. Sie sprechen mit Schwarzen und Indianern, sie besuchen Fabriken und Naturparks, sie beobachten Stars und Tramper. All das ergibt eine überraschende Reportage.

Der Titel kommt übrigens daher, dass die beiden nach den Wolkenkratzers New Yorks viele andere Städte kennenlernen. Und die sind alle eingeschossig, die sind alle gleichförmig, die sind erschreckend uniform. Wie Ilf und Petrow das beschreiben ist sehr modern. Manche Passagen lesen sich wie ganz aktuelle Reisereportagen durch den Mittleren Westen. Die Andere Bibliothek hat mit dem Doppelband wieder einmal etwas entdeckt, das sich zu lesen mehr als lohnt.

Warmes Licht an kalten Tagen

Landwehrkanal I
Landwehrkanal I

Das warme Licht und die kalte Luft massieren die Sinne.

Landwehrkanal II
Landwehrkanal II

Die Wahrnehmung wird schärfer – nach innen und außen.

Landwehrkanal III
Landwehrkanal III

Das tut gut. Egal ob im Wald, im Garten oder wie hier am Landwehrkanal.

Platzeck ohne Like-Button

Mathias Platzeck mag Facebook nicht mehr. Der Ministerpräsident hat sein Profil im weltweit erfolgreichsten sozialen Netzwerk stilllegen lassen. Der unzureichende Datenschutz missfalle ihm, hat er von seiner Staatskanzlei mitteilen lassen.

Über den mangelnden Datenschutz von Facebook kann man sich schon lange aufregen. Ilse Aigner von der CSU hat schon im vergangenen Jahr ihr Profi gesperrt. Deshalb verwundert der Zeitpunkt. Denn Platzeck legt sein Profil in dem Moment still, in dem Facebook, Google und Co. an verbesserten Datenschutzregelungen mitarbeiten. Und so wirkt der Schritt nicht überzeugend, sondern populistisch.

Ansonsten hätte er einen Kabinettsbeschluss herbeiführen können, um Schulen, Behörden und Ministerien die Einbindung des „Like-Buttons“ auf öffentlichen Webseiten zu untersagen. Oder er hätte eine Bundesratsinitiative zum besseren Datenschutz starten können. Das wäre richtige und keine virtuelle Symbol-Politik.

Dieser Kommentar ist am 16. November 2011 in der MOZ erschienen…

Starke Streckenauslastung bei der Bahn

Starke Streckenauslastung in Erkner
Starke Streckenauslastung in Erkner

15 Minuten Verspätung kündigt die Anzeigentafel an. Und das am Morgen bei Minus-Temperaturen. Niemand am Bahnsteig wundert sich über solch eine Ankündigung. Zu normal ist das für den Pendler.

Doch dann kommt die Ansage: Starke Streckenauslastung wird als Grund für das morgendliche Frieren genannt. Starke Streckenauslastung! Wer plant denn die Auslastung dieser Strecke von Berlin über Fürstenwalde nach Frankfurt (Oder) und weiter bis Eisenhüttenstadt? Ist das nicht die Firma, die mich hier gerade frieren lässt?

Das Kopfschütteln über diese neue Ausrede hält mich wenigstens warm. Und da keine Züge auf der überlasteten Strecke fahren, bleibt mir eisiger Fahrtwind zumindest erspart.

Heimat (10) – Bamberger Bratwörscht am Maibachufer

Fränkische Botschaft in Kreuzberg
Fränkische Botschaft in Kreuzberg

Ein Spaziergang am Maibachufer. Der Landwehrkanal ist vor lauter Ständen nicht zu sehen. Rechts und links werden Waren angeboten wie bei Dawanda. Gerüche aus den unterschiedlichsten Weltregionen umschmeicheln die Nase. Und dann ist da auf einmal links ein kleines Wappen. Eigentlich schaue ich nach rechts, aber dieses Weiß und dieses Rot dringt sofort in meine Augen.

Es ist ein fränksicher Rechen. Unter dem Wappen stehen Tafeln mit Angeboten: Bamberger Bratwurst, Coburger Bratwurst, Leberkäs. Und links daneben steht nicht nur ein Bocksbeutel, sondern auch Kellerbier vom Mahrs Bräu in Bamberg und andere Leckereien. Waren es meine Augen oder war es der Geruch der Bamberger Bratwürste, die mich magisch an diesen Stück rot-weiße Heimat führten?

Egal! Das „Bäärla Bambercher im Kümmelweck“ ist ein Genuss! Wie einst am Maxplatz am „Wörschtwagen“! Diese Stück Heimat wird mich bestimmt wiedersehen. Und ich es wieder schmecken.

Mehr Heimat:
(1) Mein Sprungturm
(2) Stänglich vom Schwab
(3) Leberkäsweck
(4) Bilder aus Hammelburg
(5) Schlesisch Blau in Kreuzberg
(6) Danke Biermösl Blosn!
(7) Weinlaub und Weintrauben
(8) Laufwege in Buchenwäldern
(9) Fränkische Wirtschaft
(10) Bamberger Bratwörscht am Maibachufer
(11) Weißer Glühwein
(12) Berlin
(13) Geburtstage bei Freunden aus dem Heimatort
(14) Gemüse aus dem eigenen Garten
(15) Glockenläuten in der Kleinstadt
(16) Italienische Klänge
(17) Erstaunliches Wiedersehen nach 20 Jahren
(18) Federweißen aus Hammelburg
(19) Wo die Polizei einem vertraut
(20) Erinnerungen in Aschaffenburg
(21) Nürnberg gegen Union Berlin
(22) Der DDR-Polizeiruf 110 „Draußen am See“

Anzeigen-Fundstücke (1): Mitfahren anno 1820

Mitfahrbörse anno 1820
Mitfahrbörse anno 1820

Alte Zeitungen sind nicht nur wegen der Texte interessant. Hier zum Beispiel sucht ein Mann einen Mitreisenden nach Wien, der sich an den Kosten beteiligt. Und das 1820.

Die Anzeige steht in der „Augsburgischen Ordinari Postzeitung“ vom 8. April 1820. Dort in Augsburg soll sich der potenzielle Interessent im Haus zum Mohren melden. Ganz ohne moderne Kommunikation, nur mit dem nötigen Geld, um die Reisekosten zu teilen. Immerhin geht es um heutige 520 Autobahn-Kilometer. Die Kutschfahrt wird einen kürzeren Weg gewählt haben, aber etliche Übernachtungen standen sicher an.

Heute nimmt man ja oftmals niemanden mit, weil man sich für die im Verhältnis kurze Zeit keine eventuell unangenehmen oder langweiligen Gespräche ins Auto holen will. Was der Reisende hier wohl erlebt haben wird? Nutzloses Gerede? Anregende Diskussionen? Eine neue Freundschaft?

Mehr Anzeigen-Fundstücke:
(2) Steinkohle
(3) Lebensmittelpreise 1933
(4) Ventilator für Dicke

Fataler Schnitt der Fleischereifachverkäuferin

Falsch geschnittener Schweinebraten
Falsch geschnittener Schweinebraten

Richtig gut wird ein Schweinebraten ja nur, wenn das Stück groß genug ist. Je kleiner, umso schneller trocknet er aus. Deshalb war die Freude heute auch besonders groß, als sich Freunde zum Abendessen ankündigten. Vier Personen mehr, machen ein den benötigten Braten deutlich größer.

Blöd nur, wenn die Fleischereifachverkäuferin bei der Bestellung nicht zuhört. Wie selbstverständlich ist sie von einem kleinen Braten ausgegangen. Und hat einfach zugeschnitten. Mitten durch das schöne Stück, das sie mir zeigte. Das Ergebnis: zwei zu kleine Bratenhälften. Und schlimmer noch: Sie hatte keinen Ersatz mehr. Lediglich ein Stück gepökeltes Schwein. Aber wer will gepökeltes Schwein, wenn er einen sauberen Krustenbraten auftischen will?

Grausam, was das Fachpersonal da anstellt. Mit Schnitten und Worten !

 

Sezen Aksu bringt Hüzün ins Tempodrom


Sezen Aksu ist einer der ganz großen türkischen Superstars. Am Mittwoch kam sie ins Berliner Tempodrom – und die Türken Berlins kamen, um mit ihr zu feiern. Ihr Konzert war mehr als der Auftritt einer großen Künstlerin. Anlass dafür waren 50 Jahre Anwerbeabkommen  – und damit 50 Jahre Türken in Deutschland.
Es waren deutlich mehr Frauen als Männer, die mit der „Stimme Istanbuls“, wie Sezen Aksu genannt wird, mitsingen wollten.

In ihren 30 Jahren auf der Bühne hat sie allein sechs Alben produziert, die mehr als 1 Millionen mal verkauft wurden. Ihre Musik ist dabei gar nicht so türkisch. Sie ist sehr stark von der französischen Chansonkultur geprägt. Auch Jazz, Samba und viele andere musikalische Traditionen des Westens und der Welt erklingen bei der siebenköpfigen Band. Ihre Stimme aber, die ist stark von der türkischen Gesangstradition, von osmanischer Klassik und auch von Volksliedern geprägt.

Vor allem mit ihr transportiert sie „Hüzün“, die Istanbuler Melancholie, die auch in den Büchern Orhan Pamuks eine große Rolle spielt. Wenn die Band ganz ruhig wurde, dann war Hüzün zu spüren, dann sangen vor allem die Frauen im Tempodrom die Stücke von Sezen Aksu mit. Dann war das große Zelt in Kreuzberg auf einmal in Istanbul.

Ursprünglich sollte das Konzert zehn Tag früher stattfinden. Doch angesichts des Erdbebens in Van verschoben die Verantwortlichen des Labels „Plak Ton“, das den Aufritt organisierte, den Termin. Ein Teil der Einnahmen wird für die Opfer in Ostanatolien gespendet.
Trotz der historischen Erinnerungen und des aktuellen Erdbebens stand die Musik im Mittelpunkt. Sezen Aksu und ihre Band füllten diesen begeistert und begeisternd aus.