Trikont geht auf Zeitreise mit kreativen Outlaws

Heute ist es kaum noch vorstellbar, wie radikal sich die Musik in den 1960er-Jahren veränderte. Die Explosion der Kreativität in den USA hat das Münchner Label Trikont
auf einem faszinierenden Sampler eingefangen.

„Creative Outlaws – US Underground 1962-1970“ ist der Titel der CD. Auf ihr versammelt sind Jimi Hendrix und der von seinem Freund Frank Zappa produzierte Captain Beefheart. MC5, die ersten echten Punks überhaupt, sind ebenso zu hören wie die großartige Grace Slick. Ihr Song ist ein echtes Fundstück. Denn sie ist nicht mit Jefferson Airplane, sondern mit einem Vorläufer-Projekt zu hören.

Alle 22 Songs der bekannten und auch der weniger bekannten Interpreten lassen den Sound der Revolte, des Abstreifens ermüdender Traditionen und den Wunsch nach der selbständigen Erkundung des Lebens erklingen. Wer sich in das Album einhört, begibt sich an die Wurzeln einer inzwischen 40 Jahre alten Rock-Tradition, die junge Bands mit neuen Songs oft richtig alt aussehen läßt. Die Musik des Samplers ist noch echt. Sie ist noch nicht zur gut abgemixten Pose verkommen, mit der zurzeit vor allem langweilige Brit-Popper
als neue Entdeckung angepriesen werden.

John Peels kuriose Schellack-Legenden

John Peels Sampler
John Peels Sampler

Für viele Radiohörer war er der Mann, der den eigenen Musikgeschmack prägte. John Peel († 65). Bei der BBC legte er auf und hatte es in der Hand, ob aus Newcomern Stars (Sex Pistols, White Stripes, Laibach, The Cure) oder enttäuschte Hoffnungen wurden.

In seinen Sendungen legte er auch stets ein Stück aus seiner Schellack-Sammlung auf. Die kuriosesten davon sind jetzt als Sampler bei „Trikont“ erschienen. „The Pig’s Big 78s“ enthält Aufnahmen von 1908 bis 1955. Da erklingt frühe Musik-Comedy, da werden Hits der frühen Radiozeit vor dem Vergessen gerettet, da macht ein Geräusch-Imitator ein anfahrendes Auto nach. Kurz: Hier hat der Klang, der Ton in all seinen Farben seine Chance.

Das ist faszinierend und oft auch sehr amüsant. Vor allem ist es aber sehr lehrreich. Denn vieles von dem, was heute neu klingt, haben kreative Musiker schon vor 60 oder gar 80 Jahren aufgenommen! Das schöne Booklet von Sheila Ravenscroft, John Peels Frau, die
auch fürs Radio die Schellacks mitausgewählt hatte, rundet diese feine CD ab. Damit es auch jeder versteht, gibt es das informative Booklet gleich zweimal – in Deutsch und in Englisch!

Diese Rezension ist am 6. Mai 2006 in 20cent erschienen.

Rocket/Freudental liedern starke Töne aus dem Ländle

Nicht nur die White Stripes können zu zweit so richtig einen los machen. Das Österreicher Duo Attwenger kann das auch. Und auf dessen Label Trikont ist jetzt eine Zweierkombo aus Stuttgart mit einem neuen Album vertreten: Rocket/Freudental „Wir leben wie Gespenster“ heißt das überraschende Album, das vor Kreativität und Kraft nur so
strotzt.

Musikalisch schaffen sich  die beiden einen immer tanzbaren Klangraum zwischen Punk, Techno und Krautrock. Und textlich schaffen sie es, den Alltag des arbeitenden  Individuums auf der Suche nach dem permanenten Ausbruch als Endlos-Loop in vielen originellen Formulierungen immer neu zu erfinden.

Damit grenzen sie sich von den netten Jungs der Hamburger Schule deutlich ab. Denn Rocket/Freudental sind erfrischend direkt, ohne jemals platt zu sein. Die Poesie ihrer Texte ist Bestandteil ihrer Rhythmen. Und die treiben den Hörer immer weiter und weiter
in die nächste Tanzschleife. Rocket/Freudental sind ein Lichtblick. Sie leben zwar angeblich
wie Gespenster. Tatsächlich aber nehmen sie den von ihnen gefüllten Klangraum voll in Besitz – und damit auch den verblüfften Hörer.

Die volle Wucht der Balkan Beats

Wer sich für den satten Sound von Tuba, Posaune, Trompete und Co begeistern kann, der ist bei den „Balkan Beats – Volume 3“ genau richtig. Die geballte Lebensfreude auf den 15 Tracks schreit nach einem guten Verstärker.

Bei den ersten beiden Ausgaben der Balkan Beats war nur Musik von Bands aus dem ehemaligen Jugoslawien und Österreich zu hören. Diesmal hat Robert Soko alias DJ Soko, der wieder die Auswahl besorgte, auch Bands aufgenommen, die sich den Klängen des
Balkan in Frankreich (Watcha Clan und Slovanski Bal) und den USA (Slavic Soul Party), Deutschland (Äl Jawala), Italien (Figli di madre ignota) und England (Max Pashm) widmen. Die Mischung ist so rasant, dass das Wort atemberaubend tatsächlich stimmt.

Neben dem Phänomen der Russendisko von Wladimir Kaminer (40) und Yuriy Gurzhy in Berlin ist die Musik vom Balkan das zweite große Phänomen osteuropäischer Musik, die in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern viele Anhänger findet. Wer den Balkan-Brass, die wummernden Bässe aus der Tuba und die Geschwindigkeit genossen hat, wird die Balkan Beats 3 sicherlich nicht mehr so schnell weglegen. Im Gegenteil.

Nina Hagens Swing steckt fröhlich an

Nina Hagen: Irgendwo auf der Welt
Nina Hagen: Irgendwo auf der Welt

Robbie Williams (32) hat es getan. Und das klang gar nicht schlecht. Als er mit großer Big  Band auftrat und die Klassiker des Swing sang, waren viele von dem Entertainer  begeistert. Nina Hagen (51) hat es jetzt auch getan – und bei ihr klingt es noch viel besser! Kein Wunder, bei der Stimme!

Zusammen mit dem Berliner „The Capital Dance Orchestra“  interpretiert die Hagen die Klassiker der Big Band-Ära. Selbst Schnulzen wie der Hildegard-Knef-Song „Für mich soll’s rote Rose regnen“ kommen kraftvoll daher. Ihre stimmliche Bandbreite, ihre Lust am Inszenieren, Verkleiden und in andere Rollen schlüpfen kommen ihr voll zugute. Nina Hagens Spaß an diesen für sie ungewöhnlichen Songs überträgt sich auf die Hörer. Der Swing sorgt garantiert für gute Laune. Nina Hagens Spiele mit der Stimme verstärken das noch. Wer bei Summertime nicht den Sommer riecht, der lebt verkehrt.

Für die Punk-Diva ist der Ausflug zum Swing auch eine Rückkehr. Vor ihrer Ausreise aus der DDR 1977 trat die gelernte Opernsängerin mit Schlagern auf – und zu denen spielten Big Bands auf. Wie sie an allen ihren Eskapaden gereift ist, erklingt jetzt auf dieser schönen CD.

Wladimir Kaminer kocht in der „Küche Totalitär“

Offensichtlich hat der Sozialismus gut geschmeckt. Den Eindruck muss gewinnen, wer sich über Wladimir und Olga Kaminers Rezepte aus „Küche totalitär – Das Kochbuch des Sozialismus“ hermacht.

Die kulinarische Reise durch die Ex-Sowjetrepubliken ist deftig. Wladimir Kaminers passende Erzählungen aus der Gegenwart zu all diesen Ländern sind zudem eine feine ironische Brechung alter Vielvölkerstaatsträume. Sie handeln vom Leben der Exilanten in
Berlin, von ihren Träumen und Erinnerungen an die Heimat. Und sie erzählen von der postsozialistischen Geschichte Weißrusslands, Lettlands oder Tschetscheniens.

Eine als Kochbuch getarnte literarische Geschichtsstunde also. Und sie ist kraftvoll angerichtet.

Otto Sander und Götz Alsmann lesen Max und Moritz

Der alte Wilhelm Busch (1832- 1908) ist seit einigen Jahren wieder richtig in. Spätestens seit Robert Gernhardt (69) die wunderbare Auswahl „Da grunzt das Schwein, die Englein sangen“ veröffentlichte, wird sein Humor wieder ernst genommen.

Schauspieler Otto Sander (65) und Entertainer Götz Alsmann (49) haben sich auch durch
das Werk gelesen und für eine herrliche CD ihre Busch-Favoriten vorgelesen. Dabei legen sie viele verschüttete kleine Gedichte und Texte frei. Natürlich lesen sie „Max und Moritz“. Dieser Einstieg in die CD soll die lachenden Hörer nur einfangen. Die vielen kleinen Bosheiten, die danach folgen, machen das Hörbuch zu einem echten Knüller – inklusive Alsmanns Ukulele-Improvisationen.

Paul Berman analysiert die Generation Joschka Fischer

Joschka Fischer (57) ist der Inbegriff eines 68ers, der den Marsch durch die Institutionen vollendete. Paul Berman, ein amerikanischer Intellektueller, hat die Karriere Fischers vom Straßenkämpfer bis zum Außenminister analysiert.

Sein Blick von außen lässt die Debatte über Fischers Vergangenheit kleinkariert erscheinen. Zu Recht. Denn Bermann zeigt in seinem Buch auf, wie sich eine Generation
nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa aufmachte, um das Leben freier, friedlicher und fröhlicher zu machen. Und welchen Erfolg die Generation gesellschaftlich
hatte. Problematisch bleibt aber sein Vorwurf, dass Fischer und Co. den Irakkrieg
ablehnten.

Paul Berman: IDEALISTEN AN DER MACHT – DIE PASSION DES JOSCHKA
FISCHER. SIEDLER. 19,95 EURO

Mikael Niemi So witzig treibt es die Welt mit uns

Wer glaubt, dass die Welt durch den Urknall entstanden ist, der ist auf dem Holzweg. Denn eigentlich ist alles viel verrückter. Mikael Niemi hat in seinem aktuellen Roman „Das Loch in der Schwarte“ eine skurril-witzige Erklärung der Welt vorgelegt.

Niemi wurde mit seinem Debüt „Populärmusik aus Vittula“ weit über seine schwedische Heimat hinaus bekannt. Die Verfilmung des Buches verstärkte die Resonanz auf den etwas schrulligen Schweden noch. In „Das Loch in der Schwarte“ wandelt Niemi ein bisschen auf den Spuren von Douglas Adams und dessen „Per Anhalter durch die Galaxis“. Der Held seines Romans lebt irgendwann in der Zukunft und arbeitet als Fährmann eines  Transport-Raumschiffs, das quer durch alle Galaxien fliegt. Die Betonung liegt auf alle.

Denn Niemis Menschen kennen das Geheimnis der Welt inzwischen. Sie wissen, wo das Ende der Welt ist. Sie wissen sogar, dass danach noch etwas kommt. Ein Reich der Zwischenmaterie. Oder so ähnlich.

Der Roman beginnt mit einer ganz beschaulichen Geschichte. Irgendwo am Polarkreis geht ein Mann in eine Sauna direkt an einem unberührten See. Und dann passieren die  unglaublichsten Dinge. Die sind der Anfang vom Verständnis der Welt. Denn Außerirdische
besuchen die Erde. Sie sind recht seltsam und schauen sich die Welt aus anderen Zeitwinkeln an.

Diese Geschichte ist der Rahmen für all die Erlebnisse, von denen der Raumfahrer als Chronist zu erzählen weiß. Er berichtet von Figuren, die Krokodilen gleichen und intergalaktische Konzerne besitzen. Er erzählt vom abgedrehtesten Club der Galaxis, der
Schwarte, in der sich alles versammelt, was durch das Universum kreucht und fleucht. Und das ist einiges! Er erläutert, wie die ersten Freaks mit gebrauchten Raumschiffen
ins All vorgestoßen sind – und was sie da alles so erlebten.

Dabei weiß er auch noch, wie der Markt für gebrauchte Raumschiffe damals auf der Erde in Schwung kam, wie Siedler auszogen und auf Kometen und Planeten neue Zivilisationen
gründen wollten. All das ist extrem witzig geschrieben. Kein Gedanke ist Niemi zu abgedreht. Und so formt er eine literarische Welt, die der guten alten Erde aufs Vergnüglichste den Spiegel vorhält.

MIKAEL NIEMI: DAS LOCH IN DER SCHWARTE. BTB. 19.90 EURO

Eulenspiegel veröffentlicht das erste Satire-Jahrbuch

Klaus Stuttmann (56), der Berliner Karikaturist, muss sich aus Angst vor islamistischen Morddrohungen verstecken. Und das nur wegen einer sehr gelungenen Karikatur
gegen die politische Weltsicht von Innenminister Schäuble. Die Welt ist kompliziert. Aber Satiriker schaffen es immer wieder, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Und das tut dann oft weh.

Der Eulenspiegel-Verlag hat mit „Die geballte Ladung“ erstmals ein Jahrbuch  herausgegeben. Wiglaf Droste (44), Matthias Biskupek (55), Ernst Röhl (68) und andere kommen zu Wort. Haderer, Mette oder Stuttmann illustrieren. Das alles ist ein wunderbar böser Rückblick – ganz ohne Mohammed. Die Eiferer, die sich darüber aufregen,
sollten sich anschauen, wie böse der Westen zu sich selbst ist!