Panikreaktion des Iran

Der Iran droht dem Westen mit der Blockade sämtlicher Erdöl-Lieferungen aus dem Persischen Golf. Sollten die USA Atomanlagen des Iran angreifen. sind die Mullahs bereit die Energieversorgung der Welt massiv zu beeinträchtigen. Das Signal ist heftig. Und demnach gehört es zum Szenario des allgemeinen Säbelrasselns im Streit um das Atomprogramm des Iran: Wenn ihr es uns nicht erlaubt Energie aus Uran zu gewinnen, dann streichen wir Euch die wichtige Energieressource Erdöl…

Die Spirale der Eskalation wird nur dann gebrochen, wenn mit dem Iran ernsthaft verhandelt wird. Denn bei aller Gefahr, die von einem nuklearen Iran ausgeht, ist eines klar: Die friedliche Nutzung der Atomkraft ist allen Staaten gestattet. Wer verhindern will, dass der Iran darauf verzichtet, muss Angebote machen und nicht drohen.

Wenn der Iran in Kauf nimmt, auf 80 Prozent seiner Einnahmen zu verzichten, dann fühlt er sich offensichtlich sehr in die Enge getrieben.

Mögliche Lieben – Heiße Sommernächte in Rio

Mögliche Lieben - Amores Possiveis
Mögliche Lieben – Amores Possiveis

Was wäre, wenn Julia damals vor 15 Jahren gekommen wäre? Wenn sie Carlos nicht vor dem Kino versetzt hätte?

Die alte Frage, wie sich das Leben hätte entwickeln können, spielt die Brasilianerin Sandra Werneck in ihrem zweiten Kinofilm ganz überraschend durch. Sie lässt drei unterschiedliche Carlos‘ Julia wiederbegegnen.

Da ist der reiche Rechtsanwalt, der in einer Midlifcrisis steckt. Dann der Sunny- und Playboy, der noch immer bei Muttern wohnt und der trotz allem Vögeln quer durch
Rio noch immer auf die große Liebe hofft und wartet. Und dann ist da noch der schwule Carlos, der in einer festen Beziehung lebt, aber dennoch die Liebe zu seiner Ex Julia wieder entdeckt.

Jeder Carlos trifft auf eine andere Julia. Alle drei Geschichten spielen durch, ob es sich dabei um Mögliche Lieben handelt. Da die Geschichten nicht linear erzählt werden, sondern sich ständig abwechseln, entsteht ein Film, der nicht nur die Frage Was wäre wenn beantwortet, sondern ganz nebenbei einen verwirrenden, erotischen Blick auf Rio wirft. Zwar ist dem Film das geringe Budget anzumerken, doch die witzigen Dialoge, die
überzeugenden Stories und die tollen Darsteller machen das mehr als wett.

Die ungeheure Kraft von Leningrad

Leningrad: Hleb
Leningrad: Hleb

Live muss diese Band unglaublich gut sein. Diese Kraft, diese Wucht, die von Leningrad auf das aktuelle Album Hleb gepresst wurde, ist schon der Hammer. Live bläst die 16-Mann-Combo das Publikum ganz sicher um.

Wer bei russischer Musik an Don Kosaken denkt, ist völlig falsch gewickelt. Leningrad ist eine echte Independent-Band. Hier klingt nichts nach weich gespültem Gitarren-Sound wie bei den Britpoppern von Kaiser Chiefs oder Franz Ferdinand. Die anarchische Kraft der Musik ist der Treibstoff der russischen Band aus St. Petersburg. Losgelöst von Plattenlabels und offizieller Unterstützung ersang sich Sänger Shnur echten Kultstatus in Russland.

Das hängt ganz sicher mit der ungeheuren Mischung aus Ska, Punk, R’n’B und tatsächlich auch Folklore-Elementen zusammen. Und mit der Fülle an Instrumenten. Fünf Musiker widmen sich dem Schlagwerk. Fünf weitere bilden den Bläsersatz. Und dann singt über der klassischen Rockinstrumentierung dieser Shnur oder grölt oder rotzt seine Botschaften.
Leningrad ist ein Lichtblick für Freunde kraftvoller Musik, die die x-fache Neuauflage der immer gleichen Riffs nicht mehr ertragen können.

Logisch, dass die große Koalition streitet

Im Land wird die Stimmung immer besser, die Konjunktur zieht an und die Verbraucher geben ihre gesparten Euros aus. Und was macht die Koalition? Sie fängt an, die zu prügeln!

Was wie ein Widerspruch klingt, ist jedoch logisch. Denn nach den ersten Monaten Freude am Regieren fällt den Partnern auf, dass sie eigentlich politische Gegner sind. Die Forderung der SPD, dass die CDU-Ministerpräsidenten mit den ständigen Querschlägen aufhören sollen, ist berechtigt. Doch das wird die Union nicht interessieren. Denn Koch, Rüttgers oder Stoiber können den Wählern signalisieren: Würden wir ohne SPD regieren, dann wäre alles anders, alles besser.

Dagegen gibt es für die SPD nur ein Mittel: Bei der Föderalismusreform kann die Bundestagsfraktion ihre Zustimmung etwa beim Thema Bildung verweigern. Das würde die CDU-Minsterpräsidenten schmerzen. Und so die Disziplin fördern.

Trikont geht auf Zeitreise mit kreativen Outlaws

Heute ist es kaum noch vorstellbar, wie radikal sich die Musik in den 1960er-Jahren veränderte. Die Explosion der Kreativität in den USA hat das Münchner Label Trikont
auf einem faszinierenden Sampler eingefangen.

„Creative Outlaws – US Underground 1962-1970“ ist der Titel der CD. Auf ihr versammelt sind Jimi Hendrix und der von seinem Freund Frank Zappa produzierte Captain Beefheart. MC5, die ersten echten Punks überhaupt, sind ebenso zu hören wie die großartige Grace Slick. Ihr Song ist ein echtes Fundstück. Denn sie ist nicht mit Jefferson Airplane, sondern mit einem Vorläufer-Projekt zu hören.

Alle 22 Songs der bekannten und auch der weniger bekannten Interpreten lassen den Sound der Revolte, des Abstreifens ermüdender Traditionen und den Wunsch nach der selbständigen Erkundung des Lebens erklingen. Wer sich in das Album einhört, begibt sich an die Wurzeln einer inzwischen 40 Jahre alten Rock-Tradition, die junge Bands mit neuen Songs oft richtig alt aussehen läßt. Die Musik des Samplers ist noch echt. Sie ist noch nicht zur gut abgemixten Pose verkommen, mit der zurzeit vor allem langweilige Brit-Popper
als neue Entdeckung angepriesen werden.

John Peels kuriose Schellack-Legenden

John Peels Sampler
John Peels Sampler

Für viele Radiohörer war er der Mann, der den eigenen Musikgeschmack prägte. John Peel († 65). Bei der BBC legte er auf und hatte es in der Hand, ob aus Newcomern Stars (Sex Pistols, White Stripes, Laibach, The Cure) oder enttäuschte Hoffnungen wurden.

In seinen Sendungen legte er auch stets ein Stück aus seiner Schellack-Sammlung auf. Die kuriosesten davon sind jetzt als Sampler bei „Trikont“ erschienen. „The Pig’s Big 78s“ enthält Aufnahmen von 1908 bis 1955. Da erklingt frühe Musik-Comedy, da werden Hits der frühen Radiozeit vor dem Vergessen gerettet, da macht ein Geräusch-Imitator ein anfahrendes Auto nach. Kurz: Hier hat der Klang, der Ton in all seinen Farben seine Chance.

Das ist faszinierend und oft auch sehr amüsant. Vor allem ist es aber sehr lehrreich. Denn vieles von dem, was heute neu klingt, haben kreative Musiker schon vor 60 oder gar 80 Jahren aufgenommen! Das schöne Booklet von Sheila Ravenscroft, John Peels Frau, die
auch fürs Radio die Schellacks mitausgewählt hatte, rundet diese feine CD ab. Damit es auch jeder versteht, gibt es das informative Booklet gleich zweimal – in Deutsch und in Englisch!

Diese Rezension ist am 6. Mai 2006 in 20cent erschienen.

Rocket/Freudental liedern starke Töne aus dem Ländle

Nicht nur die White Stripes können zu zweit so richtig einen los machen. Das Österreicher Duo Attwenger kann das auch. Und auf dessen Label Trikont ist jetzt eine Zweierkombo aus Stuttgart mit einem neuen Album vertreten: Rocket/Freudental „Wir leben wie Gespenster“ heißt das überraschende Album, das vor Kreativität und Kraft nur so
strotzt.

Musikalisch schaffen sich  die beiden einen immer tanzbaren Klangraum zwischen Punk, Techno und Krautrock. Und textlich schaffen sie es, den Alltag des arbeitenden  Individuums auf der Suche nach dem permanenten Ausbruch als Endlos-Loop in vielen originellen Formulierungen immer neu zu erfinden.

Damit grenzen sie sich von den netten Jungs der Hamburger Schule deutlich ab. Denn Rocket/Freudental sind erfrischend direkt, ohne jemals platt zu sein. Die Poesie ihrer Texte ist Bestandteil ihrer Rhythmen. Und die treiben den Hörer immer weiter und weiter
in die nächste Tanzschleife. Rocket/Freudental sind ein Lichtblick. Sie leben zwar angeblich
wie Gespenster. Tatsächlich aber nehmen sie den von ihnen gefüllten Klangraum voll in Besitz – und damit auch den verblüfften Hörer.

Die volle Wucht der Balkan Beats

Wer sich für den satten Sound von Tuba, Posaune, Trompete und Co begeistern kann, der ist bei den „Balkan Beats – Volume 3“ genau richtig. Die geballte Lebensfreude auf den 15 Tracks schreit nach einem guten Verstärker.

Bei den ersten beiden Ausgaben der Balkan Beats war nur Musik von Bands aus dem ehemaligen Jugoslawien und Österreich zu hören. Diesmal hat Robert Soko alias DJ Soko, der wieder die Auswahl besorgte, auch Bands aufgenommen, die sich den Klängen des
Balkan in Frankreich (Watcha Clan und Slovanski Bal) und den USA (Slavic Soul Party), Deutschland (Äl Jawala), Italien (Figli di madre ignota) und England (Max Pashm) widmen. Die Mischung ist so rasant, dass das Wort atemberaubend tatsächlich stimmt.

Neben dem Phänomen der Russendisko von Wladimir Kaminer (40) und Yuriy Gurzhy in Berlin ist die Musik vom Balkan das zweite große Phänomen osteuropäischer Musik, die in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern viele Anhänger findet. Wer den Balkan-Brass, die wummernden Bässe aus der Tuba und die Geschwindigkeit genossen hat, wird die Balkan Beats 3 sicherlich nicht mehr so schnell weglegen. Im Gegenteil.

Nina Hagens Swing steckt fröhlich an

Nina Hagen: Irgendwo auf der Welt
Nina Hagen: Irgendwo auf der Welt

Robbie Williams (32) hat es getan. Und das klang gar nicht schlecht. Als er mit großer Big  Band auftrat und die Klassiker des Swing sang, waren viele von dem Entertainer  begeistert. Nina Hagen (51) hat es jetzt auch getan – und bei ihr klingt es noch viel besser! Kein Wunder, bei der Stimme!

Zusammen mit dem Berliner „The Capital Dance Orchestra“  interpretiert die Hagen die Klassiker der Big Band-Ära. Selbst Schnulzen wie der Hildegard-Knef-Song „Für mich soll’s rote Rose regnen“ kommen kraftvoll daher. Ihre stimmliche Bandbreite, ihre Lust am Inszenieren, Verkleiden und in andere Rollen schlüpfen kommen ihr voll zugute. Nina Hagens Spaß an diesen für sie ungewöhnlichen Songs überträgt sich auf die Hörer. Der Swing sorgt garantiert für gute Laune. Nina Hagens Spiele mit der Stimme verstärken das noch. Wer bei Summertime nicht den Sommer riecht, der lebt verkehrt.

Für die Punk-Diva ist der Ausflug zum Swing auch eine Rückkehr. Vor ihrer Ausreise aus der DDR 1977 trat die gelernte Opernsängerin mit Schlagern auf – und zu denen spielten Big Bands auf. Wie sie an allen ihren Eskapaden gereift ist, erklingt jetzt auf dieser schönen CD.

Wladimir Kaminer kocht in der „Küche Totalitär“

Offensichtlich hat der Sozialismus gut geschmeckt. Den Eindruck muss gewinnen, wer sich über Wladimir und Olga Kaminers Rezepte aus „Küche totalitär – Das Kochbuch des Sozialismus“ hermacht.

Die kulinarische Reise durch die Ex-Sowjetrepubliken ist deftig. Wladimir Kaminers passende Erzählungen aus der Gegenwart zu all diesen Ländern sind zudem eine feine ironische Brechung alter Vielvölkerstaatsträume. Sie handeln vom Leben der Exilanten in
Berlin, von ihren Träumen und Erinnerungen an die Heimat. Und sie erzählen von der postsozialistischen Geschichte Weißrusslands, Lettlands oder Tschetscheniens.

Eine als Kochbuch getarnte literarische Geschichtsstunde also. Und sie ist kraftvoll angerichtet.