Ein Sicherheitsdilemma

Schutz vor Angriffen im Internet ist ein wichtiges Thema. Datensicherheit und die Verlässlichkeit bei Vertragsbeziehungen sind ebenso bedeutsam wie die Abwehr von Angriffen Krimineller oder von Geheimdiensten. Insofern ist es richtig, dass die Bundesregierung das Thema endlich so ernst nimmt.

Der Staat ist dazu da, Bürger vor Angriffen aller Art zu schützen. Selbstverständlich bezieht sich das im Zeitalter des Internets auch auf den „Cyber-Raum“, wie ihn die Regierung jetzt nennt. Und dennoch schwingt bei den Plänen von Thomas de Maizière ein gerütteltes Maß Heuchelei mit.

Angriffe auf Computer oder Computersysteme funktionieren in der Regel über Sicherheitslücken in der Software. Das Beste wäre also, diese möglichst umfassend zu schließen, etwa durch ein Bundesamt zur IT-Qualitätssicherung. Doch dann würden auch die Lücken geschlossen, die Polizei und Geheimdienste benötigen, um Rechner von Kriminellen oder Terroristen ausspähen zu können. Insofern soll das neue Abwehrzentrum bekämpfen, was man selbst benötigt.

MOZ-Kommentar…

Wie Stars gemacht werden

Jedes x-beliebige Schaufenster eines Fotografen präsentiert heute Menschen, die sich wie Stars ablichten lassen. Die Posen und Inszenierungen, auf die sowohl die Porträtierten als auch die Fotografen zurückgreifen, sind in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entstanden. Einer, dessen Bildsprache noch heute wirkt, war der Amerikaner Edward Steichen. Der Steidl-Verlag hat einen schönen Bildband aufgelegt, der das „Celebrity Design“ durch Steichen dokumentiert.

Steichen arbeitete seit 1923 als Cheffotograf des New Yorker Verlages Condé Nast, der neben „Vanity Fair“ auch die „Vogue“ verlegte. Diese Illustrierten waren in Aufmachung und Themenauswahl neu. Sie stellten Fotos in den Mittelpunkt der Publikationen. Und sie kümmerten sich um Themen, die bis dahin in Zeitschriften keine große Rolle gespielt haben. Da war die Mode, die vor allem in der „Vogue“ damals wie heute das wichtigste Thema ist. Außerdem widmeten sich beide einer neuen Gattung Prominenter, die vor allem durch den aufkommenden Film immer wichtiger wurde: die Stars und Sternchen.

Edward Steichen machte sich in dieser Zeit vor allem einen Namen mit seinen Porträts. Er experimentierte ausgiebig mit den Möglichkeiten den künstlichen und des natürlichen Lichtes. Er konzentrierte sich auf die richtige Perspektive und die Inszenierung des richtigen Augenblicks für das Drücken des Auslösers. Wichtig war ihm dabei stets, dass er den zentralen Wesenszug des Porträtierten einfing. Bei Stars entsteht so ein Image, ein Bild von seinem Wesen. Dieses Image bestimmt seine Wirkung auf das Publikum.

In seinem Studio in New York, das als eines der ersten mit Batterien von Scheinwerfern ausgestattet war, wollte Steichen dieses Image gestalten. Wie ihm dies gelang, ist in der Werkauswahl des Buches der Fotografischen Sammlung des Museums Folkwang zu sehen. Schwerpunkt des Bandes sind Porträts und Modefotografien der 1920er- und 1930er-Jahre. Winston Churchill hat Steichen für „Vanity Fair“ genauso in Pose gebracht wie Henri Matisse, Eugene O’Neill und Franklin D. Roosevelt.

Das Bild von Frank Lloyd Wright (oben rechts) gehört in diese Reihe. Es setzt den damals wohl bedeutendsten amerikanischen Architekten als leicht verschlossenen Einzelgänger in Szene. Steichen rückt ihn perspektivisch nach oben. Den Hintergrund leuchtet er aus, als ginge gerade die Sonne auf. Insgesamt erweckt er den Eindruck, als befinde sich Wright ganz weit oben. So erzeugt Steichen im Studio ein Image, das zum Planer von Wolkenkratzern hervorragend passt. Das Bild ist also alles andere als ein Schnappschuss. Es ist eine Interpretation des Wesens von Frank Lloyd Wright.

Das Porträt des Schauspielers Chester Morris (unten links) zeigt auch mehr als nur das Gesicht eines Mannes. Steichen inszeniert hier eine männliche Unwiderstehlichkeit, die Morris auf der Leinwand darstellte. Auch hier ist der Umgang mit dem Licht das noch heute Faszinierende. Es setzt die tadellose Kleidung und den bestechenden Blick des Mannes ins Zentrum. Bei Bildern wie diesen wird ersichtlich, wie stilprägend der 1879 in Luxemburg geborene und 1973 in den USA gestorbene Steichen bis heute ist.

Das liegt nicht nur an seiner Arbeit als Fotograf, sondern auch an seinem Einfluss als Art Director und Kurator für Fotografie am Museum of Modern Art in New York. In dieser Funktion gestaltete er viel beachtete Ausstellungen. Wer den Bildband durchblättert, wird immer wieder auf Bilder stoßen, die in ihrer Typologie an ganz aktuelle Fotos erinnern. Zwar dominiert heute das Bewegtbild im Fernsehen und im Internet die Imagebildung von Stars und solchen, die glauben, in Castingshows einer werden zu können. Doch auch hierbei wirken die Muster der Typisierung und Inszenierung, wie sie neben Steichen auch seine Kollegen Man Ray, Charles Sheeler und Anton Bruehl von „Vogue“ entwickelten.

Petra Steinhardt hat in ihrer Einleitung das Wirken Steichens klar herausgearbeitet. Es hilft, diesen bedeutenden Fotografen in seiner Zeit besser zu verstehen. Wobei die Bilder auch ohne viele Worte noch heute wirken. Das wollte Steichen. Und das gelingt ihm auch noch 80 bis 90 Jahre nach Entstehung der Bilder. Das zeigt ebenso das Porträt von Dana Steichen (oben links), Edward Steichens Frau, der das Museum Folkwang die Sammlung verdankt.

Edward Steichen: „Celebrity Design“, Edition Museum Folkwang, Steidl Verlag, Göttingen, 118 Seiten, 38 Euro

MOZ-Rezension…

Künstlerische Wagnisse in den späten Zwanzigern

Frank Castorf hat sich nach eigenem Bekunden lange nicht an Mehrings „Der Kaufmann von Berlin“ gewagt. Jetzt hat er das Stück, mit dem Erwin Piscator 1929 den größten Theaterskandal in der Weimarer Republik auf die Bühne brachte, inszeniert. Das Stück erzählt in der beginnenden Weltwirtschaftskrise von der großen Inflation des Jahres 1923. Es beleuchtet die politischen Wirrnisse nach dem Ende des Kaiserreiches. Und es zeigt, wie die Gier nach immer mehr Geld letztlich jeden Menschen korrumpiert. Ein Stoff also, der angesichts von Eurokrise und latent überwundener Weltwirtschaftskrise viele aktuelle Parallelen aufweist.

Zentral ist bei Walter Mehring, dem 1896 als Sohn eines Schriftstellers und einer Opernsängerin geborenen Juden, die Figur des Ostjuden Kaftan. Er kommt mit 100 Dollar ins von der Inflation geplagte Berlin. Da gelingt es ihm, in kürzester Zeit ein Vermögen anzuhäufen. Das tut er ursprünglich, weil er seiner kranken Tochter das Sanatorium in der Schweiz finanzieren will. Aber er verfällt einem Rausch der Gier. Dabei wird er von einem skrupellosen Rechtsanwalt beraten, der Geld für seine Verschwörung gegen die Republik benötigt. Das alles ist sehr dicht geschrieben. Bei Mehring lebt der Text vor allem von der enormen sprachlichen Vielfalt. Das gilt auch für die formalen Aspekte. Mehring hat Traumsequenzen neben Chansons und klassische Guckkastenbühne gestellt. Auf diese Weise verdichtete er die Vielfalt Berlins, der Menschen und gleichzeitigen Ereignisse in der Moderne. Leider reduziert Frank Castorf die Differenzierungen. Mit einem Dauergebrüll der Schauspieler werden die vielen Nuancen Mehrings von einem permanenten Lärmteppich erstickt. Aber Castorf nutzt auch die künstlerischen Aspekte, die ihm entgegenkommen. Natürlich setzt er Videoszenen ein. Erstaunlicher aber ist es, dass Filmelemente schon vor mehr als 80 Jahren im Text vorgesehen waren. Bei der Uraufführung realisierten Erwin Piscator und der ungarische Fotograf László Moholy-Nagy diese Ideen. Moholy-Nagy war als Dozent am Bauhaus davon fasziniert, Licht nicht nur abzubilden, sondern als Element der Kunst selbstständig zu nutzen. Das lässt sich derzeit in einer Ausstellung im Berliner Gropiusbau sehr gut nachvollziehen. Dabei fällt auf, wie Moholy-Nagy sich auf die Strukturierung des Lichts konzentrierte, um mit dessen Schein Bedeutungen zu erzeugen.

Leider zeigt die Ausstellung nichts von Moholy-Nagys Arbeiten für das Bühnenbild des „Kaufmanns von Berlin“. Dennoch lohnt sich der Besuch beider Ereignisse, um eine Vorstellung der Umwälzung der Künste in den späten 20er-Jahren zu bekommen. Wer sich dann noch die 2009 erschienene Ausgabe von Mehrings Stücks im Niemeyer-Verlag gönnt, der stößt auf einen Text, aus dem nicht nur ein vierstündiges Theaterspektakel mit Sophie Rois und Dieter Mann gemacht werden kann. Eigentlich steckt darin ein Mehrteiler fürs Fernsehen, bei dem all die optischen Versuche Moholy-Nagys sehr gut aufgehoben wären.

MOZ-Text…

Martin Prinz erwandert sich die bäuerliche Kultur der Alpen

2500 Kilometer quer durch die Alpen. Auf den Weg von Triest in Italien nach Monaco hat sich der österreichische Journalist Martin Prinz gemacht. Zu Fuß wollte er nicht nur seine körperlichen Grenzen kennenlernen, sondern vor allem auch die unserer Lebensweise. Der Alpenraum ist eine von Menschen belebte und geformte Kulturlandschaft. Das betrifft natürlich nicht die Gipfel und Gletscher.

Aber die Bergwiesen und Almen, die jeder Tourist mit den Alpen in Verbindung bringt, gibt es nur, weil Menschen seit Jahrhunderten Landwirtschaft betreiben. Der Rückgang der bäuerlichen Kultur birgt die Gefahr, dass sich die Alpen insgesamt verändern. Insofern war die Wanderung in 161 Tagen mehr als eine Suche nach dem eigenen ich. Für Prinz war der lange Weg vor allem eine Recherchereise, bei der die Langsamkeit der Fortbewegung erste die Erkenntnis beförderte.

Denn egal ob in Italien, Slowenien, Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Frankreich, überall entdeckte Prinz eine ähnliche Struktur der einstigen bäuerlichen Landwirtschaft – und dieselben Folgen deren Rückgangs. Denn da, wo heute Städter die ehemaligen Bauernhöfe als Wochenendhaus nutzen, werden aus ehemaligen Weiden wieder Wälder. Damit verändert sich nicht nur das Landschaftsbild, es verschiebt sich die gesamte ökologische Struktur. Und mit dem Rückgang der bäuerlichen Eingriffe wachsen auch die Gefahren von Lawinen und Muren. Denn die Bauern sichern das Land nicht mehr. Eine Aufgabe, die von den Wochenendpendlern auch nicht übernommen wird. Martin Prinz gelingt es in seinem Buch diese Zusammenhänge sehr anschaulich darzustellen. Wesentliches Stilmittel dabei sind seine Schilderungen des Laufens, Kletterns und Ausruhens.

Er nimmt den Leser auf die Wanderung mit, lässt ihn die Strapazen und Gefahren erleben. Dadurch werden die Eindrücke unmittelbarer und die Schlussfolgerungen zum Thema Natur und Mensch plausibler. Lediglich der dritte Erzählstrang ist mitunter nervig. Die Trennung von der Mutter seines Kindes und das Finden einer neuen Liebe mag für Prinz ein bedeutender Teil der langen reise sein. Für den Leser ist das aber unerheblich. Dieser lange Weg zu ihm selbst nimmt dutzende Seiten ein, die gern hätten gestrichen werden können. Sie blähen das ansonsten gut und informativ geschriebene Buch auf und schmälern gleichzeitig die Leselust.

MOZ-Rezension…

Nur wer mitmacht, weiß, wovon er redet

Nach „Safer Sex“ jetzt also „Safer Internet“. Die Botschaft ist klar: Die Jugend soll aufpassen, denn das Internet ist gefährlich. Das hat der gestrige Aktionstag zur Sicherheit im Internet wieder gezeigt. Damit Sicherheit irgendwie cool wirkt, wird sie von politisch Verantwortlichen ins Englische übersetzt. Aber ob die jungen Netzbürger so nachhaltig erreicht werden, ist mehr als fraglich.

Das liegt vor allem am latent erhobenen Zeigefinger. Der ist bei Jugendlichen noch nie sonderlich beliebt gewesen. Wenn er dann noch von Personen erhoben wird, die sich selbst noch nie auf Facebook, StudieVZ oder Jappy getummelt haben, wirkt er dann auch noch sehr schnell verknöchert.

Eltern teilen dabei das Schicksal der Politiker. Wer seine Kinder vor den Gefahren des Internet warnen will, muss sich selbst auskennen. Nur wer selbst schon erlebt hat, wie bereichernd, erhellend und unterhaltsam soziale Netzwerke sein können, wird ihre Faszination verstehen. Nur wer sich selbst zu einem Knoten im Netz macht, lernt die Kommunikation dort kennen.

Leider prägen viele Erwachsene Vorurteile. Da werden Twitter und Facebook mit Klatsch und Tratsch gleichgesetzt. Dass im Moment darüber Aufstände und Revolutionen (mit-)organisiert werden, wird ausgeblendet. Das liegt an Unkenntnis und der eigenen Verweigerung, sich dieser Kommunikation zu stellen. Die Jugendlichen, die sich in dieser Kommunikationswelt auskennen, verstehen dagegen, wie es möglich ist, dass Informationen in kürzester Zeit die unterschiedlichsten Menschen über die Empfehlung von Freunden erreichen.

Natürlich ist es richtig, Datenschutz und Cyber-Kriminalität vorzustellen. Die Gefahren, die im Datenaustausch mit Freunden und Fremden liegen, müssen erklärt werden. Warnungen vor Leichtsinn im Netz sind nötig. Der jungen Generation sind diese durchaus bewusst, auch wenn sie gern verdrängt werden. Dennoch ist es viel wichtiger, dass all jene, die warnen ohne zu wissen, schleunigst Mitglied bei Facebook und Co. werden. Dann können sie auf Augenhöhe mit ihren Kindern über die Gefahren diskutieren, weil sie endlich wissen, wovon sie reden.

Hubert von Goiserns Erkundung der Donau

Hubert von Goisern, der vor 20 Jahren damit begonnen hat, die traditionelle Musik der Alpen als Quelle für inspirierende Rockmusik zu nutzen, hat 2008 eine Konzertreise auf der Donau von Regensburg bis ins Schwarze Meer unternommen. Unterwegs legte er mit seinem Bühnenschiff an, um mit einheimischen Musikern Konzerte zu geben. 2009 fuhr er dann Donau, Main-Donau-Kanal, Main, Rhein, Necker und Maas entlang, um den westlichen Teil Europas von der Wasserstraße musikalisch zu erkunden.

„Stromlinien“ ist ein Logbuch, das aus dem Reise begleitenden Blog entstanden ist. Ergänzt hat Goisern das Buch um längere Texte über die Vorbereitung der kostspieligen Reisen, deren erste im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Linz zustande kam. Goisern nimmt den Leser mit auf seine Reise, die er als eines der letzten Abenteuer in Europa beschreibt. Die Vielfalt der Erfahrungen, die Überraschungen, Enttäuschungen und Jubelmomente wirken alle authentisch. Da wo Europa am wildesten und unberechenbarsten von ihm – und dem Leser – erwartet wird, funktioniert es am unkompliziertesten; etwa in Serbien und Bulgarien. Und da, wo Europa schon seit Jahrzehnten auch ein politischer Raum ist, ist die Skepsis am größten, etwa in Deutschland und Holland.

Hubert von Goisern öffnet aber vor allem den Blick auf die Schönheit der Donau und der Flusslandschaften. Ausgewählte Fotos runden das schöne Buch ab. Es lädt dazu ein, sich selbst auf den Weg zu machen, um Europa zu erkunden, zu Land, zu Wasser und in der Luft.

MOZ-Rezension…

Martin Pollack findet den Kaiser von Amerika

Martin Pollack hat sich einen Namen mit ausführlichen historischen Reportagen gemacht, die den Wahnsinn des Nationalismus im multikulturellen Österreich und den Nachfolgestaaten der Doppel-Monarchie hatten. Auch sein neues Buch beschreibt ein historisches Phänomen. Im „Kaiser von Amerika“ nimmt er sich der Auswandererbewegung galizischer Juden im späten 19. Jahrhundert an.

Pollack zeigt den Lesern eine vergangene Welt. Und dennoch denkt man bei jeder Seite an die Gegenwart. Nur dass die USA von damals die EU von heute ist. Und dass die Schleuser nicht mehr mit Schiffspassagen nach New York locken, sondern mit der Einreise in die Festung Europa. Anhand eines Prozesses, bei dem Beamte, Schiffsagenten, Frauenhändler und viele weitere verurteilt wurden, drängen sich die Parallelen ständig auf. Pollacks Kunst ist es, nie auch nur einen Hauch von Aktualität in seinen Text einfließen zu lassen. Das hat er gar nicht nötig.

Richtig erschütternd sind die Passagen, in denen er über die Grenzstadt Auschwitz und den dazugehörigen Bahnhof Birkenau schreibt. Die von ihm aus Akten und Zeitungsberichten ausgewählten Zitate klingen stets wie die Ankündigung der Vernichtungstransporte der Nationalsozialisten.

Karl-Markus Gauß findet den Wald in den Metropolen

Die Vielfalt Europas ist schon lange das Thema von Karl-Markus Gauß. Sein aktuelles Buch, „Im Wald der Metropolen“ wurde von der Darmstädter Jury jetzt zum Buch des Monats Oktober gewählt. Zu recht. Denn Gauß gelingt es mit seinem Buch über seine Reisen den Blick für das Besondere in Europa zu öffnen.

Facebook kann den eigenen Erfolg nur selbst zerstören

Facebook ist ein Phänomen. Die Internetseite hat nicht nur eine unglaubliche Anzahl an Nutzern. Sie ist auch unglaubliche 50 Milliarden Dollar wert. Und das völlig zu recht. Mit einer zweiten New-Economy-Blase hat diese Bewertung nichts zu tun.

Sagenhafte 500 Millionen Menschen aus aller Welt haben sich auf Marc Zuckerbergs Freundeseite registriert – und täglich werden es mehr. Jeder zweite von ihnen ist Tag für Tag in dem sozialen Netzwerk unterwegs, wo er mit seinen durchschnittlich 130 Freunden kommuniziert oder zumindest verfolgt, was sich bei ihnen Neues tut. Außerdem beobachten diese Nutzer auch, was es an Neuigkeiten von ihrer liebsten Zeitung, TV-Sendung oder dem präferierten Fußballverein gibt.

Anhand von Facebook-Einträgen konnten Soziologen schon entschlüsseln, an welchen Tagen sich Paare am häufigsten trennen. Die 2,5 Millionen Entwickler von Spielen und Applikationen auf Facebook schaffen es zudem, den Nutzern immer weitere Informationen über sich selbst zu entlocken; da diese Entwickler nicht von Facebook bezahlt werden, sondern von all den Firmen, die sich auf Facebook den Nutzern präsentieren.

Kein Wunder also, dass Facebook so viel wert ist. Denn im Unterschied zu den Internetfirmen, die vor gut zehn Jahren an den Börsen hoch bewertet wurden, hat Facebook nicht nur einen direkten Kundenkontakt. Facebook weiß auch deutlich mehr über den einzelnen Nutzer und über bestimmte Nutzergruppen. Mit diesem Wissen kann tatsächlich über Werbung Geld verdient werden. Weder Google noch eBay wissen so viel über ihre Mitglieder wie Facebook.

Da Facebook rasant weiter wächst, ist derzeit auch nicht absehbar, dass der Wert der Firma sinken könnte. Es gibt eigentlich nur einen Grund, der zu einem Kursabsturz führen kann: Wenn Face¬book die Sorgen der Nutzer um Datensicherheit weiter völlig ignoriert. Dann könnten sich die Nutzer genauso schnell von der Plattform zurückziehen, wie sie sie geentert haben. Wer an AOL oder Yahoo denkt, weiß, dass im Internet Marken schnell groß und mächtig werden können – und genauso schnell wieder verglühen können.

MOZ-Kommentar…

Franca Rame erzählt ihr Leben mit Dario Fo

Ohne Franca Rame gäbe es den Literaturnobelpreisträger Dario Fo nicht. Die Frau an der Seite des Theater-Anarchisten hat mit seiner Unterstützung eine Autobiografie geschrieben, die so ist, wie alles, was die beiden auf die Bühne gebracht haben: schnell, lustig, überraschend und lehrreich.

Franca Rame hat das Theater schon als Kind kennen und lieben gelernt. Ihre Eltern hatten eine eigene fahrende Bühne, mit der sie in ganz Italien auftraten. Die kleine Franca erlebte die Kunst des Theaters als Gewerbe, das die Familie ernähren musste. Und als Faszinosum, das die Besucher in einer Zeit ohne Fernsehgeräte in ein Reich der Phantasie verführte.

Im Italien Mussolinis lernte die 1929 geborene Franca zudem, wie Komik selbst in der Diktatur ein Weg sein kann, die Wahrheit auszusprechen. Dario Fo hat dann später das Theater über seine spätere Frau kennengelernt. Sein Sprachwitz und ihre Spontaneität auf der Bühne waren der Kitt, der aus dem Ehepaar ein unverwechselbares Bühnenpaar machte, das auch heute noch zusammen auftritt. Ihr Buch hat Franca Rame wie ein einen Bühnenmonolog angelegt. Deshalb heißt es auch „Ein Leben aus dem Stegreif“. Und weil damit das Lebensgefühl dieser Künstlerin auf den Punkt gebracht wird. In Episoden erzählt sie aus ihrem Leben.

Manchmal meldet sich Dario Fo aus dem Off und korrigiert ihren Monolog. Ganz so, wie es in seinen Stücken oft die Figuren der Commedia dell’Arte machen. Diese Entdeckung des traditionellen Volkstheaters Italiens hat maßgeblich zum Erfolg des Paares beigetragen. Rame beschreibt fesselnd, wie sie als bekennende Linke auch in der katholischen Provinz die Zuschauer Fesseln konnten. Der Führung der Kommunistischen Partei war das nicht immer recht.

Denn Wahrhaftigkeit und Witz waren den beiden stets wichtiger als eine Parteilinie. Selten war eine Autobiografie so frei von Eitelkeit wie diese. Rame zeigt ihren Weg von der fahrenden Schauspielerin bis zur unabhängigen Abgeordneten im italienischen Senat. Dabei wahrt sie stets Distanz zu sich selbst und erkennt so die komischen Seiten ihres Lebens. Denn die Schauspielerin ist es gewohnt, sich von außen zu betrachten – und das Gesehene in einer direkten, schnörkellosen Sprache zu erzählen.

MOZ-Rezension…