Karl-Markus Gauß zeigt uns sein Leben und Denken im Alltag der Welt

Karl-Markus Gauß: Der Alltag der WeltKarl-Markus Gauß denkt weiter. Und er schreibt seine Gedanken weiter auf. „Der Alltag der Welt“ ist schon das fünfte Buch, das weder eine Sammlung von Essais, noch eine Autobiographie ist. Vielmehr ist es beides und noch viel mehr. Eine Sammlung seiner Gedanken über den Alltag und das Leben, über die Politik und das Denken.

Zwei Jahre bilden den formalen Rahmen für die vielen Beobachtungen und Gedanken. Von 2011 bis 2013 reicht der Zeitraum, mit dem Gauß die Leser jetzt noch einmal konfrontiert. Insofern ist das Buch auch ein Spiegel, in dem der Leser erkennt, was in diesen beiden Jahren wichtig war und heute schon wieder fast vergessen ist. Etwa die Unruhen und Brandschatzungen von Jugendlichen in englischen Städten. Gauß sinniert über deren Gewaltausbruch und Plünderungen immer wieder. Gegen was revoltieren Jugendliche, wenn ihr wichtigstes Begehren der Besitz von Gütern wie Flachbildfernseher ist? Ist es ein sozialer Protest, der die Güter des Kapitalismus wichtiger findet als echte soziale Teilhabe?

Karl-Markus Gauß schreibt auch über das Altern, über die Katastrophe von Fukushima und immer wieder von allen Arten des Vergessens, des Vergessen-Werdens und des Entdeckens. All das legt er wie immer nicht nur in seiner Heimatstadt Salzburg an, sondern auch in Mittelosteuropa, dem Raum, den er zusammen mit Martin Pollack maßgeblich für den deutschen Sprachraum in den vergangenen 30 Jahren literarisch zugänglich gemacht hat. Und so sind die vielen kurzen Essais und Gedanken nicht nur in größere thematische Bögen dieses Buches eingebettet, sondern auch in die seiner vorherigen eingebunden. Jede Seite bietet Anknüpfungspunkte für das eigene Nachdenken und Sinnieren – bis hin zu einem kleinen Essai über diesen fast schon untergegangene Wort.

Karl-Markus Gauß findet den Wald in den Metropolen

Die Vielfalt Europas ist schon lange das Thema von Karl-Markus Gauß. Sein aktuelles Buch, „Im Wald der Metropolen“ wurde von der Darmstädter Jury jetzt zum Buch des Monats Oktober gewählt. Zu recht. Denn Gauß gelingt es mit seinem Buch über seine Reisen den Blick für das Besondere in Europa zu öffnen.

Dieses Besondere liegt vor allem im Osten. Denn der ist bei weitem nicht so oft bereist und beschrieben worden wie der Westen. Zwar beginnt sein Buch auch in Frankreich, im Burgund. Doch er erzählt auch aus Bukarest und Oppeln, aus Brünn, Belgrad und Arnstadt. Das Verbindende sind kulturelle Beobachtungen, die ein Zusammengehören zu einem imaginären oder realen Europa schildern.

Sein besonderes Interesse gilt der Literatur. Er spürt in Wien all die Bestrebungen zur Gründung von Nationalliteraturen in der ehemaligen Habsburger Monarchie auf. Da saßen Kroaten, die in Wien das Kroatische zur Literatursprache entwickelten. Und in Wien saßen Serben genauso wie Böhmen oder Rumänen. Doch sie alle lebten für sich in ihren Zirkeln. Sie wussten nichts von den literarischen Bestrebungen der anderen. Am wenigsten aber wussten die deutschen Wiener von den Aufbrüchen der direkten Nachbarn.

Gauß folgt genau diesem Nebeneinander, indem er die Orte besucht, an denen die Literaten wirkten. Er geht aber auch ihren Stoffen nach, die ihre Bücher beherrschten. Dabei fördert er viele Parallelitäten zu Tage – und natürlich die Differenzen, die oft heute noch wirken. Vor lauter Wald sehen die Nachbarn in den Metropolen die Bäume des Unterschiedlichen nicht mehr. Auch die Reisenden wollen immer das gleiche wie daheim finden. Umso wichtiger ist ein Buch wie das von Gauß.

MOZ-Rezension…