Grimmelshausens Gefährten sind immer auf Reisen

Eigentlich sind in diesem Buch zwei Reiseromane. Die „Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage“ und „Der seltsame Springinsfeld“ sind mit dem „Simplizissimus“ verbunden. Hans Jakob von Grimmelshausen hat sie nach dem Erfolg des Simplizissimus geschrieben, um die Geschichte weiterzudrehen. Dabei nutzte er Personen aus dem eigentlichen Buch.

Reiseromane sind die Bücher deshalb, weil die Lebenserzählungen der Courage und des Springinsfeld nicht aneinem Ort spielen. Vielmehr ziehen die Helden durch Europa, dem Dreißigjährigen Krieg nach. Der Leser kommt so an Orte in Deutschland, Böhmen, Italien, Griechenland, Russland der Türkei und vielen anderen Ländern. Die Courage folgt zunächst als Offiziersfrau, später als Hure und noch später als Zigeunerkönigin den Heeren und Schlachten.

Springinsfeld ist als Soldat Teil dieser Maschinerie. Die Courage schreibt eine fiktive Autobiografie, weil sie sich vom Simplizissimus in dessen Lebensbeschreibung verhöhnt fühlt. Es geht um ein Kind, das sie von ihm haben will oder auch nicht. Obwohl sich beide nur sehr kurz getroffen haben, schildert sie ihr Leben, um es diesem einen Mann heimzuzahlen. Und das, wo sie doch so viele Männer hatte. Männer, die sie verehrten, Männer, die sie benutzten und Männer, die sie bezahlten. Aber der eine Simplizissimus hat ihre Würde, die sie trotz ihrer entgegen gesetzten Karriere von der adligen Tochter sozial abwärts zur Zigeunerin führte, so sehr verletzt, dass sie diesen Umstand in die Welt hinausschreit.

Genau aus diesen Gegensätzen entsteht der Grimmelshausensche Witz in den Romanen. Die Courage hat übrigens so gut wie gar nichts mit der des Bert Brecht zu tun. Moral und Moralisieren sind ihre Kategorien nicht. Dafür die ständige Bewegung auf der Suche nach dem Wohlstand – und letztlich auch nach dem Glück. Sie ist immer auf Tour, kann nicht sesshaft werden. Und so nimmt sie den Leser mit auf ihre Lebensreise, die stets auch eine Reise durch die reale Welt ist. Ähnlich ist es beim Springinsfeld. Dem hat die Courage ihr Leben diktiert. Und der erzählt in dem Buch alles dem Simplizissimus in einer Straßburger Kneipe, wo er den alten Kameraden zufällig trifft. Sein Leben ist das eines typischen Landsknechts in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Da der Krieg nicht enden will, bietet er Ernährung für all jene, die lieber kämpfen, räubern und marodieren, als Äcker zu bestellen oder ein Handwerk auszuüben.

Die stete Bewegung, das stete Reisen hält ihn genauso wie die Courage davon ab, sein Glück festzuhalten, wenn sie es einmal gefunden haben. Aber diese Kategorie ist für diese Menschen nichts. Sie erdulden kein Schicksal, sondern leben eine Freiheit, die eben auch das Risiko in sich trägt, zu scheitern. Grimmelshausen schildert in den Büchern genau dies. Seine Bildungsromane sind kurzweilig und lehrreich. Denn die Courage ist zwar faszinierend, aber eben auch auf der schiefen Bahn nach unten. So viel Moral muss in den satirischen Schriften schon sein. Und Springinsfeld macht sich als Bettler sogar zum Gespött. Doch seine Würde behält er. Ja, er ist sogar glücklich und zufrieden. Schließlich hat er mehr von der Welt gesehen, als die meisten Zeitgenossen. Zwangsläufig fragt sich der Leser, ob sich Glück festhalten lässt oder ob es immer nur ein Momentum sein kann.

Egal, ob man in Bewegung oder fest verankert ist. Das Reisen bietet die Chance auf Veränderungen stärker als das Verharren. Aber ob das Treiben oder das feste Verzurren besser und richtiger ist, lässt Grimmelshausen für den Leser offen. Auch wenn die vordergründige Moral der Texte, etwas anderes suggeriert. Aber die Satire eröffnet neue Gedankenspiele. Reinhard Kaiser hat die beiden Romane wie schon den gesamten Simplizissimus ins Hochdeutsche übersetzt. Das war sehr mutig, denn auf den ersten Blick ist das Barockdeutsch noch immer gut verständlich. Doch Keiser eröffnet mit seinen Übersetzungen einem neuen Publikum die Chance, diese wunderbaren Simplizianischen Bücher kennenzulernen, die sich an das alte Deutsch nie getraut hätten. Da er sein Handwerk versteht, schafft er so wunderbare, gut verständliche und auch in der Übersetzung großartig abwechslungsreiche und unterhaltsame Texte. Egal ob man auf Reise ist, geht oder daheim beleibt, die Lebensbeschreibungen von Simplizissimus, Courage und Springinsfeld sind eine Entdeckung wert. Zumindest bei einer vergnüglichen Lesereise ins Innere der Texte und des Lesers selbst.

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Fotos auf Festen

Was ist die wichtigste Frage vor der Konfirmation? Für die Eltern, wenn sie gemeinsam mit der Pfarrerin das Fest vorbereiten? Es ist das Fotografieren. Darf man? Oder besser nicht? Das Festhalten des Augenblicks ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Aber der Akt selbst störend. Das Klicken durchbricht die Ruhe. Das Blitzen zieht die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Ereignis auf den grellen Lichtfleck. Und das Suchen der besten Perspektive bindet die Blicke. Aber das Bedürfnis, den entscheidenden Moment im Bild festgehalten zu erinnern, ist groß. Nicht nur bei Konfirmationen. Das Dilemma ist es ebenso. Denn die Fähigkeit ohne Bildkrücke sich erinnern zu können, scheint zu schwinden. Und doch wäre dies doch der einzig richtige Weg, ein geistiges Ereignis festzuhalten. Im Herzen. Im Geist. In der Erinnerung.

Und das kommt dabei heraus…

Pause beim Wochenenddienst

Samstagsarbeit im Sommer kann ganz erträglich sein. Auf der Terrasse stört nur das grelle Licht der Sonne, das den Blick auf den Bildschirm einschränkt. Aber im Schatten geht es sehr gut. Umso schöner dann eine Pause mit Erdbeeren und Vanilleeis. Und natürlich einer Tasse guten Tee. Schade, dass Arbeit meist nicht so beschaulich ist. Die Produktivität ist in diesem Umfeld definitiv höher. Beim nächsten Dienst gibt es dann selbstgemachtes Eis…

Rotfront kennt keine Grenzen

Am Freitag erscheint die zweite CD des „Emigrantski Raggamuffin Kollektivs“ wie sich die Band auch noch nennt. Enge und Bevormundung sind genau die Assoziationen, die überhaupt nicht zu Rotfront passen. Denn die Band, die
Yuriy Gurzhy zusammen mit Simon Wahorn 2002 um sich geschart hat, sucht die Weite und den neuen Horizont, den sich Emigranten in jeder neuen Gesellschaft erschließen müssen. Außer den sowjetischen Wurzeln des Ukrainers Gurzhy erinnern allenfalls einige russische Songs an die Vergangenheit.

Thema des Albums und aller Live-Auftritte der fulminanten Musiker ist die Gegenwart. In den Songs beschreiben sie die internationale Welt, in der sie leben. Dass sich die Band in Berlin sammelte, ist deshalb auch kein Zufall. Dort gibt es diese Kultur, die sich aus ganz vielen Quellen speist und daraus etwas ganz Neues formt. Gurzhy ist der Internationalität schon lange auf der Spur. Für Trikont hat er den Sampler „Shtetl Superstars“ über aktuelle jüdische Musik quer über den Erdball zusammengestellt. Dabei suchte er das Verbindende in der Tradition.

Auf der neuen CD gibt es solche Elemente nur als persönliche Erinenrungen derer, die in Deutsch, Englisch, Russisch oder Ungarisch singen. Die Einheit wird durch das gemeinsame Musizieren so geformt, dass jeder Auftritt von Rotfront zwangsläufig zur Party wird. Schon nach den ersten Takten wippt jeder Saal. Auch deshalb ist Rotfront beim „Sziget-Festval“, einem der größten Europas, Headliner.

Musikalisch erinnert Rotfront an Seed oder Culcha Candela. Wo dort Karibik mitklingt, ist es hier Osteuropa. Ska, Raggae und HipHop werden mit Polka und Klezmer kombiniert. Heraus kommt Berliner Musik, die weltoffen, tolerant und befreiend feiert.

Rotfront: VisaFree (essay Recordings)

MOZ-Rezension…

Türkische Schüler pauken fürs Zentralabi

Prüfungsstress gehört in der Türkei zum Schulalltag. Vor allem die zentralen Prüfungen an Ende der achtklassigen Grundschule, der Mittelstufe und beim Abitur setzen Schüler und Eltern so unter Druck, dass Nachhilfe an Privatschulen normal ist. Experten schätzen, dass Eltern dafür mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr ausgeben.

Das Kabatas-Erkek-Lisesi in Istanbul liegt direkt am Bosporus. Der Blick richtet sich auf das asiatische Ufer. Frachter und Yachten passieren die staatliche Eliteschule. Hier werden nur Kinder unterrichtet, die bei der Abschlussprüfung der achten Klasse zu den Punktbesten der ganzen Türkei gehören. Zwar stammen die meisten Schüler aus Istanbul selbst. Doch hier in Besiktas gibt es auch ein Internat, das Kinder bis aus Trabzon aufnimmt.

Die Schüler am Kabatas-Gymnasium sind so gut, dass von 180 Absolventen im vergangenen Jahr 56 sogar einen Medizin-Studienplatz bekamen. Den ergattern in der Türkei nur die Allerbesten. Beim gesamttürkischen Zentralabitur müssen die Schüler fast alle Punkte erreichen, um in den Genuss zu kommen, Arzt werden zu dürfen. Das ist für sie eine große Qual – und eine große Belastung.

Denn de facto besuchen auch die meisten Schüler des Istanbuler Elite-Gymnasiums nicht nur dieses. „Dersane“ heißt das Wort, das türkische Eltern und Schüler fürchten. Dersane nennen sich private Nachhilfeschulen, die auf die zentralen Prüfungen vorbereiten. Im Istanbuler Cagaloglu-Lisesi, einer Eliteschule schräg gegenüber der Blauen Moschee, führt das dazu, dass in den Abschlussklassen fast alle Schüler krankgeschrieben sind. Sie gehen auf die Dersane und schenken sich wie landesweit ganz viele Schüler auch den eigentlichen Unterricht. Denn Eltern und Schüler sind davon überzeugt, dass die Nachhilfe aufs Abitur besser vorbereitet als der eigentliche Unterricht.

Im April sind jedoch viele Schüler des Cagaloglu-Lisesi zusammen mit Hunderten anderer Schulen in den Streik getreten. Auf Demonstrationen machten sie sich Luft, weil herauskam, dass die Schüler einer ganz bestimmten Dersane-Gruppe das Schema zur Beantwortung der zentralen Prüfungen kannten. Sie lösten selbst schwierigste Fragen, indem sie sich das Muster der Multiple-Choice-Antworten merkten. Offensichtlich hatte sich der Nachhilfekonzern die Muster im Bildungsministerium in Ankara organisiert.

Für die Türkei sind die zentralen Prüfungen eigentlich als Mittel im Kampf gegen die Korruption eingeführt worden. Und um auch den Schülern im unterentwickelten Osten des Landes die Chance einzuräumen, auf eine gute Schule oder eine gute Uni zu kommen. Die Vorstellung, dass gleiche Lehrpläne für alle Schüler am Ende mit zentralen und damit gerechten Prüfungen zu einem guten Ende der Schullaufbahn führen, hat sich aber nicht bewahrheitet.

Wer in der Türkei Eltern nach der Schule fragt, erntet traurige Blicke. „Wenn für meinen Sohn um 16 Uhr die Schule zu Ende ist, steigt er in den Bus und fährt eine Dreiviertelstunde, um auf die Dersane zu gehen“, schildert ein Vater in Ankara. Da bleibt er dann bis 20 Uhr. Anschließend sind dann noch die Hausaufgaben angesagt. Der Vater: „Er tut mir leid. Aber es geht ja nicht anders. Ohne Dersane hat er keine Chance auf einen guten Abschluss.“

Dieser zusätzliche Unterricht ist sehr teuer. 500 Euro pro Monat für Nachhilfe sind normal. In den Prüfungsjahren kann das aber auch auf bis zu 3500 Euro ansteigen. Von diesen Zahlen berichten die Schüler des Cagaloglu-Lisesi. Diese Kosten fallen an, wenn es sich um Einzelunterricht handelt und die angeschlossenen Fahrdienste inklusive sind. Eine ganze Industrie lebt davon, dass die staatlichen Schulen nicht das Vertrauen genießen, die Schüler auf die Prüfungen richtig vorbereiten zu können. Cengiz Ertan, Lehrer am Kabatas-Lisesi meint: „Eigentlich ist es ja unsere Aufgabe, die Schüler für die Prüfungen fit zu machen. Doch es wird dem Schulsystem insgesamt nicht zugetraut.“

Diese Einschätzung hat auch mit den großen Unterschieden innerhalb des Landes zu tun. Im Westen, also in Istanbul oder Izmir, ist der Lebensstandard deutlich höher als in Städten wie Erzurum oder Batman im Osten. Mit dem Wohlstand steigt auch der Bildungsgrad. Die türkische Regierung will diese Ungleichheit auch durch das strenge landesweite Prüfungsverfahren ausgleichen. Doch im ärmeren Osten verschärft der teils objektive, vor allem aber subjektive Zwang zum Besuch der Dersane nach Schulschluss die Ungerechtigkeit noch. Denn hier 
fällt es den Eltern angesichts der niedrigeren Einkommen noch schwerer, das Geld dafür aufzubringen.

Das Özel-Bilkent-Lisesi ist eine Antwort auf dieses Problem. Özel Bilkent hat einen großen Teil seines Vermögens in eine Bildungsstiftung gesteckt. Neben einer Universität in Ankara gibt es in Erzurum ein Internat von ihm. Dieses Pilotprojekt soll auf andere Städte im Osten ausgedehnt werden. Im Gespräch sind Van und Batman. Zugangsvoraussetzung ist der zentrale landesweite Test. Hinzu kommt noch eine Aufnahmeprüfung. Wer es schafft, kann sich fast immer auf ein Stipendium freuen. Es sei denn, die Eltern verdienen zu gut.

Jeder Schüler erhält einen Laptop, die Klassen sind überschaubar und die Ausstattung ist auf dem allerneusten Stand. Ziel der Einrichtung ist es, eine Elite im Osten auszubilden, die dort nach dem Studium auch möglichst bleibt. Und die sich dem türkischen Staat verbunden fühlt, obwohl Türken in diesen Städten oft nur die Minderheit sind.

Dafür weicht das Schulkonzept auch von denen der staatlichen Schulen ab. Hier wird nicht nur auswendig gelernt, wie es an normalen Schulen angesichts der drohenden Multiple-Choice-Tests nötig ist. Am Özel-Bilkent hat Projektarbeit einen hohen Stellenwert. Neugier wird belohnt. Kreativität zu fördern ist Ziel der Schule. Staatliche Schulen opfern diesen Bildungsauftrag dem Pauken für die Zentralprüfungen.

MOZ-Beitrag…

Schönes Ende eines Interviews

Hans Keilson: Kein Plädoyer für eine Luftschaukel
Hans Keilson: Kein Plädoyer für eine Luftschaukel

Das Gespräch mit Hans Keilson vor dessen 100. Geburtstag ist mir auch 18 Monate später noch ganz präsent. Mit seiner Frau hatte ich den Termin abgestimmt und mich auf den Weg über Amsterdam nach Bussum gemacht.

Dort lebt der letzte deutsche Exilschriftsteller in einem schönen, typisch holländischen Haus. Die Wärme des Empfangs, die Güte des Gesprächs, der Humor beim Nachdenken an die Jugend in Bad Freienwalde und Berlin, die Trauer über den Zwang ins Exil gehen zu müssen und die Klarheit beim Nachdenken über die Folgen des Nationalsozialismus wirken noch immer nach.

Keilson musste seine Heimat verlassen und hat sich eine neue erarbeitet. Keilson hat Familie verloren und eine neue begründet. Keilson hat Kindern, die aus den KZs zuück kamen als Arzt geholfen und dennoch angesichts des Leids nicht auf Rache gehofft. Keilson galt 1933 als ein verheißungsvolles Talent, als sein Debütroman bei S. Fischer erschien, und hat sich nach dem Krieg als Psychoanalytiker einen Namen gemacht. All das ist schon faszinierend und Ehrfurcht erfüllend. Aber wenn man dann mit so einem Menschen sprechen kann und eine gute Wellenlänge zueinander findet, verschwimmt das alles.

Dann sitzt einem nur ein wunderbarer, humorvoller Mensch gegenüber, der auch mit 100 Jahren noch neugierig ist. Und das so sehr, dass die Hälfte des mehr als zweistündigen Gesprächs aus meinen Antworten auf seine Fragen bestand. Die sind in dem gerade erschienenem Band nicht zu finden. Aber das Interview, das aus dem Gespräch entstand, ist die Eröffnung der Textsammlung. Und damit ein schönes Ende eines Interviews.

Zur Verlagsseite…

Mehr von Hans Keilson:
„Ich lebe als Sieger und Besiegter“ – Interview zum 100. Geburtstag
Schönes Ende eines Interviews – Erinnerungen an das Interview
Hans Keilson ist tot – Kurzer Nachruf
Hans Keilsons Jahrhundert ist vorbei – MOZ-Nachruf
„Da steht mein Haus“ – Die Erinnerungen Hans Keilsons – Eine kurze Autobiografie
Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe – Sonette für Hanna

Afritanga sprengt Weltmusik-Klischees

Afritanga
Afritanga

Wenn es das Münchner Label Trikont nicht gäbe, müsste es erfunden werden. Vor allem die immer wieder überraschenden Sampler aus fremden Kulturkreisen sind ein echter Verdienst.

Jetzt lässt sich der aktuelle Sound Kolumbiens entdecken. „Afritanga – The Sound of Afrocolumbia“ heißt die Platte, die sämtliche Klischees über südamerikanische Musik sprengt. Zwar gibt es Salsa auf der CD, doch der klingt hier aggressiv und fordernd.

Steen Thorsson, der die 15 Stücke zusammengestellt hat, konzentrierte sich auf die Gegenwart. Und lässt damit die Musik etwa vom „Karneval der Kulturen“ alt aussehen.

Afritanga „The Sound of Afrocolumbia“ (Trikont)

Berlin feiert die 17 Hippies

17 Hippis im Kesselhaus
17 Hippis im Kesselhaus

30 Instrumente sind es bestimmt, die das Dutzend Hippies, die sich 17 Hippies nennen, auf der Bühne zum Einsatz bringen. Von der leisen Blockflöte bis zur lauten Posaune, von der zarten Violine bis zur kreischenden Säge, von der zarten Ukulele bis zum wummernden Bass, die Palette der Instrumente ist genaus vielfältig wie die Bandbreite des Stilmixes.

Niemand in dem ausverkauften Konzert der „Phantom Songs-Tour“ kann angesichts der Vitatlität auf der Bühne ruhig bleiben. Alle feiern mit, wippen mit, klatschen mit uns singen mit. Wobei das mit dem Singen etwas schwer fällt. Die aktuelle Platte ist ja erst seit einigen Wochen im Handel. Selbst die besten Fans können die Texte nicht. Aber sie lassen sich alles auf das Neue ein. Das fällt bei den Hippies natürlich recht leicht, weil die neuen Songs ganz in der Tradition der älteren stehen. Das Publikum weiß, was es erwartet. Und die 17 Hippies enttäuschen es nicht.

Erstaunlich viele Songs feiern die reine Musikalität. Sie verzichten auf Gesang. Sie treiben in türkischen, jüdischen, französischen oder amerikanischen Rhythmen die Palette der Instrumente über die Bühne durchs Ohr der Zuhörer dirket in deren Beine. Das ist Unterhaltung, wie sie besser kaum sein kann. Wer die CDs der Hippies schon mag, wird von der Kraft der Live-Darbietung regelrecht weggefegt. Das Bühnenerlebnis ist eine unglaubliche Steigerung der Konserven.

Das liegt auch am perfekt abgemischten Sound. Nicht zu laut und doch laut genug ist kein einziges Instrument übersteuert. Jeder Sänger bekommt den Raum für seine Stimme, um in en kraftvollen Bläsersätzen oder dynamischen Streicherteppichen nicht unterzugehen. Kurz: Ein perfektes Konzert! Wobei perfekt hier nicht aseptischen meint, sondern das emotionale und musikalische Gegenteil.

Philip Boa mixt sich neu

Philipp Boa: Boaphenia
Philipp Boa: Boaphenia

Wenn alternde Rockmusiker ihre eigenen Alben neu abmischen lassen, stellt sich immer die Frage, ob ihnen langsam die Kraft ausgeht. Bei Philip Boa ist das nicht so. Er füllt mit dem alten Programm gerade die Hallen. Insofern hat er noch genug Saft, um gute Konzerte zu geben.

Aber die letzte echte Platte ist zwei Jahre alt. Seitdem bereitet er nur noch altes Material auf. Selbst in neuem Gewand bleiben die 20 Jahre alten Scheiben „Helios“ und „Boaphenia“ alt. Der ewige Kurz-vor-dem-großen-Durchbruch-stehende Boa dokumentiert mit den Produzenten von Talking Heads und David Bowie, die an den Reglern saßen, dass er in der Szene gut verdrahtet ist.

Philipp Boa: Helios
Philipp Boa: Helios

Aber die beiden Platten sind nur etwas für echte Fans. Außer einem Schuss Größenwahn gibt es nichts zu entdecken.

Philip Boa and the Voodooclub „Helios“ und „Boaphenia“ (Vertigo/Universal)

MOZ-Rezension…

Mein Gewürztraminer des Genusses

Gewürztraminer von Hummel
Gewürztraminer von Hummel

Zum Essen einen Gewürztraminer. Das war für mich bislang nicht möglich. Zu stark sind die Aromen, zu mächtig der Geschmack, als dass ein feines Essen daneben bestehen könnte. So dachte ich bisher. Doch seit gestern weiß ich es besser. Das liegt zum einen an diesem ausgereiften Wein vor Horst Hummel aus dem ungarischen Villány, das einst Bordeux des Südens genannt wurde.

Der wurde gestern aus fünf schönen Weißweinen zu einem abwechslunsgreichen Abendmahl gewählt. Und zwar von jemandem, der eigentlich nur Rotwein mag. Ein feiner, filigraner Riesling kam da nicht in Frage. Und so begleitete dieser erstaunliche Tropfen das Essen. Er zeichnet sich durch eine frohe Fülle an fruchtigen Geschmacksnoten aus, die sich nicht sofort verflüchtigen. Im Gegenteil: Sie halten auch einem köstlich gebratenem Wammerl und einem kräftig-würzigen Blutwurststrudel stand. Aber ohne deren Noten zu verkleistern.

Tja. Es war wohl ein kleines Fest des Genusses, den das “Schlesisch Blau” in Kreuzberg da bereitete. Ich bin gespannt, mit welchem Wein ich überrascht werde, wenn sich ein solcher Abend wie gestern wiederholt. Sicher bin ich mir jetzt auf jeden Fall, dass diese Begleitung wieder wählen darf!