Gilad Atzmons Satire bricht israelische Tabus

Wer seinen Lebensunterhalt als Jazzmusiker verdient, weiß ganz genau, wie man mit unkonventionellen Einfällen schockieren kann. Allerdings ist die Gemeinde der Jazzfans so klein und eingeweiht, dass sie diese Provokationen gern mit Applaus honoriert. Das große Publikum, das sich tatsächlich auch provozieren lassen könnte, straft die Jazzer mit konsequenter Ignoranz.

Ein provokanter Schelmenroman
Gilad Atzmon verdient sein Geld als Schlagzeuger in der Londoner Jazz-Szene. Die Lust an der Provokation lebt er in seinem ersten Roman so richtig aus. Sein
Schelmenroman „Anleitung für Zweifelnde“ ist ein Generalangriff auf die israelische Gesellschaft der Gegenwart. Sämtliche Tabus Israels verletzt Atzmon mit einer Wucht, die den Leser manchmal erschauern lässt. Doch das Ergebnis ist nicht nur erheiternd, es ist so richtig erhellend.

Distanzierter Blick auf Israel
Gunther Wanker ist der obskure Schelm von Gilad Atzmon. Er ist ein Israeli deutscher Abstammung, der recht bald erkennt, dass die Politik der Besatzung und Unterdrückung der Palästinenser den inneren Verfall der israelischen Gesellschaft befördert. Wo Freiheit und Selbstbestimmung einst die zionistischen Einwanderer beflügelte, herrscht jetzt nur Angst und der Wille zur Unterdrückung der Palästinenser. Wanker blickt aus dem Jahr 2032 auf die Geschichte seines Lebens und seines Volkes zurück. Beides mit großer Distanz.

Erkenntnisse aus der Peepshow
Denn Wanker ist der Begründer der Peepologie. Einer Wissenschaft, die ihre Erkenntnis in der Peepshow gewann. Wanker nimmt das Guckloch des Voyeurs als Erkenntnisquelle. So wie der Voyeur immer nur das Ziel seines Verlangens außer Griffweite sehen kann, so kann das israelische Volk seinen Wunsch nach Frieden auch immer nur in der Vorstellung sehen.  In der Wirklichkeit verhindert der Blick auf einen möglichen Frieden den echten, weil der Blick durch den Sehschlitz vor allem die eigene Vorstellung transportiert, nicht aber die des Partners, mit dem dieser Frieden geschlossen werden müsste.

Satirische Attacke bringt Erleuchtung
Atzmon attackiert mit der Handlung und dem Stoff seines Romans also das Selbstverständnis der israelischen Gesellschaft. Doch wie bei jeder guten Satire, ist das nicht zersetzend. Dieser Vorwurf kommt immer von denen, die aus den gerade aktuellen Zuständen Gewinne ziehen. Diese Satire ist eine prickelnde Erleuchtung – nicht nur über Israel. Auch über die kulturellen Verwerfungen der eigenen Gesellschaft.

„Anleitung für Zweifelnde“ von Gilad Atzmon ist bei dtv erschienen. Das Buch hat 180 Seiten und kostet 12,50 Euro.

Gefahr Her Vereinfachung – Der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen zu Goldhagens Thesen

Selten wurde ein Buch schon vor dem Erscheinen so heftig diskutiert wie Daniel Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“. Der Harvard-Dozent stellt die These auf, daß beim Holocaust „ganz gewöhnliche Deutsche aufgrund ihres Antisemitismus durchaus Mörder aus Überzeugung“ gewesen seien. Eine überwiegende Mehrheit der Deutschen habe einen tief verwurzelten, seit Jahrhunderten überkommenen „eliminatorischen Antisemitismus “. Zur Auslieferung des Buches sprach die RUNDSCHAU mit dem Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Dr. Günter Morsch.

Wie bewerten Sie die Diskussion über Goldhagens Thesen?
Ich muß das Buch zunächst einmal lesen. Ich kenne Aufsätze von Goldhagen und die Diskussion über ihn. Aber so wie ich die Thesen Goldhagens bis jetzt kenne, scheinen sie mir etwas vereinfachend. Wäre es so gewesen, dann ließe sich Geschichte viel einfacher erklären. Das Problem ist doch eher, daß man den Genozid nicht nur aus einem massiv verbreiteten rassistischen Antisemitismus  in der Bevölkerung erklären kann.

Was war dann die Ursache?
Der rassistische Nationalsozialismus ist nur ein Punkt von vielen – und meiner Meinung nach, was die Tragfähigkeit innerhalb der Bevölkerung anlangt, nicht einmal der wichtigste. Im Gegenteil: Wenn man die Quellen studiert, kann man nachweisen, daß der rassistische Antisemitismus der Nationalsozialisten zumindest bis 1939 außerhalb der NS-Bewegung kaum Widerhall fand. Er stieß sogar auf Ablehnung. Die war aber nicht so groß, daß man aktiv dagegen vorgegangen ist. Und genau das ist das Problem.

Greift Goldhagen zu kurz?
Die Frage, wie sich ein Genozid in einer modernen Gesellschaft, die sich auf einem hohen kulturellen Niveau befindet, durchsetzt, sehe ich in der Tendenz durch die Goldhagen-These eher verkürzt.

Sehen Sie Parallelen zu Konflikten – etwa auf dem Balkan?
Es gibt bis jetzt keinen mit dem Holocaust vergleichbaren Vorgang. Da sehe ich eine Einmaligkeit. Auf der anderen Seite ist es trivial zu sagen, daß die Lager und eine Politik der Ausrottung eine Begleiterscheinung der Moderne sind, die nicht nur für den Holocaust gilt.

Ausrottung und davor Ausgrenzung?
Ja, aber mit dem Ziel der Vernichtung. Sie sprechen genau das Problem der Vergleichbarkeit an. Das gilt auch für den Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die Erziehung: Wie können wir so etwas abwehren? Wenn man da die These Goldhagens vertritt und sagt, der Holocaust sei ein Produkt des übersteigerten Rassismus einer ganzen Bevölkerung, dann macht man es sich zu einfach.

Man bleibt dann also zu oberflächlich und kann das Volk nicht richtig verstehen?
So ist es. Gerade das Verhalten der deutschen Bevölkerung –  von der Arbeiterschaft bis zum Bürgertum – war viel komplizierter. Das muß man wissen, um auch Widerstand verstehen zu können. Historische Prozesse lassen sich nicht auf die einfache Mechanik „Zustimmung ist gleich Handlung“ reduzieren.

Warum gibt es ausgerechnet jetzt eine so heftige Debatte?
Es ist ganz bezeichnend, daß im gleichen Maß, wie ganz bestimmten gesellschaftlichen Trägerschichten die Mitverantwortung genommen worden ist, sie den kleinen Leuten summarisch auferlegt wurde. Und in diesen Dreh kommt die These Goldhagens hinein. Entstehen von Widerstand, Ablehnung und Zustimmung, das ist nicht diese einfache Mechanik. Das versimplifiziert die Strukturen totalitärer Herrschaft enorm und nimmt uns damit die Chance, etwas darüber zu lernen, wie man totalitärer Versuchung widerstehen kann.
(Das Gespräch führte Andreas Oppermann)