Leo Perutz ist eine lesenswerte Entdeckung

Leo Perutder_judas_des_leonardo-9783423133043z ist einer dieser Schriftsteller, deren Name ich schon immer kenne, für dessen Bücher ich aber noch nie den nötigen Impuls bekam. Für seinen letzten Roman, „Der Judas des Leonardo“, gab es jetzt so einen Anlass. Und siehe da: Es hat sich gelohnt, Leo Perutz zu lesen.

Zum einen ist der Roman aus dem Mailand des frühen 16. Jahrhunderts historisch dicht. Beim Lesen entsteht ein vielschichtiges Bild des Lebens, der kulturellen und der gesellschaftlichen Zustände. Zum anderen ist der Stoff faszinierend erzählt. Leonardo da Vinci kommt mit seinem berühmten „Abendmahl“ nicht voran. Die Auftraggeber werden schon ungeduldig. Aber Leonardo fehlt ein Gesicht. Und nicht nur das. Es fehlt ihm vor allem der Ausdruck des Gesichts. Deshalb ist er auf der Suche nach einem Mann, der ihm als Judas zum Vorbild taugen könnte.

Das Wesentliche am Verrat des Judas ist die Bereitschaft, seine Liebe gegen Geld zu verraten. Von einer solchen Liebe und ihrem Verrat handelt das Buch deshalb vor allem. Von den zarten Banden, die ein deutscher Kaufmann und eine junge Mailänderin knüpfen. Leo Perutz schildert das wunderbar zart und ergreifend. Auch wenn man als Leser sehr bald weiß, auf welches Ende die Geschichte zu laufen wird, bleibt das Wie immer spannend. Und natürlich steht der Verrat als das zentrale Thema des Buches für mehr als nur einen Liebesverrat. Er steht für die Suche nach den Motiven, die Menschen dazu bringen, das zu verraten, was ihnen am wichtigsten ist. In diesem Fall ist es die Gier und die vernichtende Kraft, die ein zu großes Gerechtigkeitsempfinden entwickeln kann.

Dass Perutz dies nicht mit erhobenem Zeigefinger geschrieben hat, macht die Qualität des Romans aus. Es lohnt sich also, Leo Perutz zu lesen und für sich zu entdecken.

Steinmetzkunst auf dem Dom zu Mailand

Steinmetzkunst auf dem Dach des Doms zu Mailand

Bild 1 von 23

Steinmetzkunst auf dem Dach des Doms zu Mailand

Schon von unten ist der Dom zu Mailand kaum mit den Augen zu fassen. Die vielen Details lösen ihn fast auf, machen den massiven Baukörper zu einem luftigen Etwas, das wirkt, als sei es nicht von dieser Welt. Wer die Stufen erklimmt, um auf das Dach des Doms zu gelangen (es gibt auch einen Aufzug), der kann die vielen Figuren und Ornamente aus Marmor en detail bewundern. Aber angesichts der Fülle von Hunderten Statuen, Ornamenten und Figürchen ist das Auge auch hier sehr schnell satt. Was bleibt ist die Bewunderung für diese Vielfalt. Und die handwerklich und künstlerische Fertigkeit der Mitarbeiter der Dombauhütte. Die wird mit ihrer Arbeit nie fertig. Wenn die letzten der mehr als 3000 Figuren saniert sind oder die 130 Türmchen ausgebessert sind, dann sind die ersten durch die Witterung und die Umwelteinflüsse schon wieder brüchig. Und so finden sich neben den alten Motiven auch manch neues, mit denen die Bildhauer und Steinmetze zeigen, dass sie mehr können als nur zu reparieren.

Henning Klüwer lockt nach Mailand

Gebrauchsanweisung für mailandIm kommenden Jahr ist Mailand die Stadt der Weltausstellung. Zu den vielen Touristen, die ohnehin in die Hauptstadt der Lombardei kommen, werden zur Expo 2015 noch Millionen zusätzliche kommen. Kurz davor ist es ein optimaler Zeitpunkt, um eine „Gebrauchsanweisung für Mailand“ zu veröffentlichen. Henning Klüwer hat genau das getan – und eine Lücke der Reiseliteratur angenehm geschlossen.

Die „Gebrauchsanweisungen“ des Piper-Verlags sind eine seit langem eingeführte Reiseliteratur-Reihe, der es weniger um eine Auflistung von touristischen Highlights geht, sondern eher um ein vielschichtiges Bild der beschriebenen Stadt oder Region. Und damit tatsächlich um Reiseliteratur. Henning Klüwer, Kulturkorrespondent u.a. für die Süddeutsche Zeitung, lebt seit etlichen Jahren in Mailand. Ihm gelingt es, den Anspruch zu erfüllen und ein lesenswertes Buch zu schreiben.

Natürlich sind die Basis einiger Kapitel Reportagen und Texte, die er für Zeitungen geschrieben hat. Aber er geht immer über die simple Zweitverwertung hinaus. Alle Kapitel haben einen angenehmen Tonfall, der Mailand und seine Designer, Architekten, Kultur und Baudenkmäler nicht anpreist, sondern aus der jeweiligen Zeit heraus verständlich macht. Da er mit Frau und Kindern in der Stadt lebt, kann er auch den Alltag schildern und einfließen lassen. Wer sich davon allerdings Geheimtipps verspricht, wird kaum etwas finden. Denn Klüwer geht es nicht darum, die Expo-Touristen des kommenden Jahres an bestimmte Orte zu führen. Er will das Mailand der Gegenwart verständlich machen – und ordnet historische Erläuterungen diesem Ziel unter.

Das liest sich alles gut. Stilistisch weiß Henning Klüwer, was er tut. Manchmal plaudert er etwas zu viel, gibt einen Einblick zu viel in sein Familienleben preis. Doch genau das wird vielen Lesern vielleicht gefallen. Wer sich auf nach Mailand machen will, findet auf jeden Fall einen kompetenten Begleiter in Klüwers „Gebrauchsanweisung für Mailand“.

 

Figli Di Madre Ignota feiern im Fez Club

Diese Musik klingt wie eine Sammlung lustigster Urlaubserlebnisse. Gleich der erste Song „Spaghetti Balkan“ dreht so richtig auf. Bläsersätze wie im Balkan werden von der Mailänder „Band Figli Di Madre Ignota“ mit einem skurrilen Text kombiniert, in dem sich alles um die Bestellung eines Touristen im Ausland dreht – und das in mehreren Sprachen, oder besser Sprachfetzen.

„Fez Club“ nennt sich das Album dieser Combo. Ihr Name heißt auf Deutsch: Söhne einer unbekannten Mutter. Das ist natürlich Programm. Zumindest musikalisch weigern sich die Figli, an nur einer Mutter zu orientieren. Sie spielen mit Balkan-Beats, adaptieren Surf-Sound, rauben Klezmer-Einflüsse und mixen das alles mit Polkas und Swing-Elementen. Wer sich das nicht wirklich vorstellen kann, muss aber zumindest neugierig geworden sein. Denn die Musik ist kraftvoll, schwungvoll oder einfach nur atemberaubend.

„Fez Club“ ist das dritte Album der „Figli Di Madre Ignota“. Dass sie in Deutschland vom Label Eastblock Music vertrieben werden, ist folgerichtig. Denn sie schwimmen auf der Welle der Balkan-Beats. Aber sie würzen ihre Musik zu einem ganz eigenen Sound. Wunderbar!