Bettina Baltschev lässt den Querido-Verlag hochleben

Bettina Baltschev schlendert durch Amsterdam. Dabei spürt sie einem Verlag, seinem Verleger, den Lektoren und den Autoren nach. Die hießen Joseph Roth, Heinrich und Klaus Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Alfred Döblin oder Irmgard Keun. Der Querido-Verlag war einer der wichtigsten Exil-Verlage für die Deutschen Schriftsteller, die vor den Nazis fliehen mussten. „Hölle und Paradies“ ist das Buch, in dem Baltschev ihre Liebe zu Amsterdam und zur Exil-Literatur auf eine lesenswerte Art zusammenführt. „Bettina Baltschev lässt den Querido-Verlag hochleben“ weiterlesen

Ignazio Silone erzählt in Fontamara vom Widerstand gegen den Faschismus

Ignazio Silone: FontamaraIn Fontamara, einem fiktiven Bergdorf der Abruzzen, herrscht Armut. Die Cafoni, die Bergbauern, kämpfen in de späten 1920er-Jahren um ihre Existenz, weil die kleinen Grundstücke nicht genug Ertrag abwerfen. Außerdem hält der Kapitalismus in Person eines römischen Geschäftsmannes Einzug in die noch immer feudal geprägte Region.

Das ist der Hintergrund vor dem Ignazio Silones Debüt-Roman aus dem Jahr 1930 spielt. Silone war zu diesem Zeitpunkt im Exil in der Schweiz. Zuvor hatte er im Untergrund gegen Mussolinis Faschisten gearbeitet. „Fontamara“ spielt in der Heimat Silones, der selbst Sohn von armen Bergbauern war. Aus der Sicht eines Cafone schildert er, wie sich der Faschismus in der Region und im Dorf immer weiter ausbreitet. Erst kommt ein Kaufmann aus Rom, der sich Schritt für Schritt nicht nur die Ernten der Bauern sichert, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette der Agrarprodukte. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wächst auch der politische Einfluss, vor allem, weil er auch Faschist ist. Schließlich wird er dann sogar Bürgermeister.

Für die Bauern aus Fontamara ist das eine Katastrophe. Denn jetzt bemächtigt er sich des Wassers, das schon immer die Felder von Fontamara bewässert hat. Alle Versuche dagegen zu protestieren laufen ins Leere und führen am Ende dazu, dass junge faschistische Schläger das Dorf überfallen, brandschatzen, Frauen vergewaltigen und auch vor Mord nicht zurückschrecken. All das erzählt Silone aus der Sicht des Bauern, dessen Frau und dessen Sohns. Dadurch wird eine erstaunliche Nähe erzeugt. Das inzwischen so ferne Geschehen ist auch heute noch fesselnd. Vor allem auch, weil neben des Konflikts der Bauern mit dem kleinstädtischen, faschistischen Bürgermeister auch die Geschichte des aufkeimenden und tatsächlichen Widerstands vor allem anhand eines jungen Mannes erzählt wird. Das ist alles stimmig und noch immer lesenswert. Nicht nur, wenn man selbst in den Abruzzen ist und stets vor Augen hat, wie hart die Arbeit für die Bergbauern früher gewesen sein muss.

Das Opfer ist das erstaunliche Debüt von George Tabori

George Tabori: Das OpferGeorge Tabori war gerade 30 Jahre alt, als er seinen Debüt-Roman veröffentlichte. Geboren in Budapest als Jude, für den Ungarisch und Deutsch die Sprachen seiner Kindheit waren, dann als Jugendlicher in Berlin, um unter anderem im Adlon eine Ausbildung im Hotelfach zu machen, dann 1935 nach England zu seinem Bruder emigriert, war für ihn Sprache das Mittel, um zu Leben. In London konnte er als Journalist arbeiten und zwischen 1941 und 1943 dann als Auslandskorrespondent in Sophia und Istanbul. Hier sammelte er auch die Erfahrungen, die er in „Das Opfer“ verarbeitete.

Tabori nimmt die Perspektive eines Majors der Wehrmacht ein, der für den Geheimdienst arbeitet. Auf dem Balkan im Haus des Schwiegervaters ist er, als ein Engländer, der in ziviler Kleidung mit dem Fallschirm abgesprungen ist, von seinen Soldaten aufgegriffen wird. Diese beiden Männer sind der Kern, des kammerspielartigen Romanaufbaus. Ein Geheimdienstoffizier und die Frau des Majors sind die weiteren Figuren, die in den wenigen Stunden vom Nachmittag des Aufgriffs bis zum nächsten Morgen handeln. Alles andere sind Erinnerungen des Majors und des Geheimdienstmannes, der den Engländer schon lange beobachtet hat. Er vor allem erzählt dessen Geschichte.

Und die spielt an den Orten, die auch George Tabori erlebt und gekannt hat. Vor allem in Ungarn und in Istanbul. In Ungarn hat der Engländer seine große Liebe kennengelernt. Mit einem Schiff, das mit jüdischen Flüchtlingen völlig überfüllt ist, versucht sie über das Schwarze Meer zu ihm nach Istanbul zu fliehen. Aber hier darf das Schiff nicht anlegen. Die Menschen müssen an Bord bleiben, werden abgewiesen und schließlich sinkt das Schiff kurz nach der Ausfahrt aus dem Bosporus. George Tabori hat ein solches Schiff in Istanbul tatsächlich gesehen, er war sogar an Bord, sah die miserablen Zustände an Bord. Und hat in seinem Roman diese Eindrücke erdrückend beschrieben.

Auf nur 260 Seiten schildert er erstaunlich zurückhaltend all die Zwänge und Hoffnungen, in denen sich der Major, der Engländer, deren Frauen und die vielen Opfer des Krieges befinden. Dabei vermeidet er es, zu urteilen. Das überlässt er dem Leser. Und macht ihn damit zum Komplizen. Dass das weder der amerikanischen noch der englischen Kritik 1944 sonderlich gefiel, ist nachzuvollziehen. Doch das macht den Text nur noch besser. Denn Tabori hat keinen Bekenntnisroman wie etwas Anna Seghers mit ihrem „Siebten Kreuz“ geschrieben, sondern ein packendes Psychogramm, das noch dazu mit einem überraschenden Ende eine große Hoffnung zu Ausdruck bringt.

Der Steidl Verlag hat den Roman als ersten Band der Gesammelten Werke Taboris veröffentlicht.

Kerstin Schoor übernimmt die Axel-Springer-Stiftungsprofessur an der Viadrina

Die Literaturwissenschaftlerin Kerstin Schoor tritt heute die Axel-Springer-Stiftungsprofessur an der Viadrina in Frankfurt (Oder) an. Auf Antenne Brandenburg wurde dazu folgendes Stück gesendet:

An der Europa-Universität Viadrina gibt es jetzt eine ganz besondere Professur, eine Axel-Springer-Stiftungs-Professur. Was hat es damit auf sich?

Friede Springer, die Frau des 1985 gestorbenen Verlegers Axel Springer, hat diese Professur gestiftet. Zum 100. Geburtstag von Axel Springer wollte sie ihm ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk machen. Springer setzte sich sehr für die Aussöhnung von Deutschen und Juden ein. Die Professur, um die es jetzt geht ist eine für „Deutsch-Jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration. Friede Springer sagte mir gestern, dass diese Themen sowohl ihr, als auch ihrem Mann sehr am Herzen lagen.

Was bedeutet diese Professur für die Universität? Kann sich das Land jetzt die Kosten für einen ganzen Lehrstuhl sparen?

In der Tat geht es um eine Professur, die nicht das Land bezahlt. Die Friede-Springer-Stiftung übernimmt die Kosten von mehr als 200.000 Euro im Jahr für fünf Jahre. Insofern hat die Springer Stiftung Frankfurt für fünf Jahre eine Professorin samt Mitarbeitern und Ausstattung tatsächlich geschenkt. Das ist übrigens das erste Mal für die Springer-Stiftungen.

Und wer kann sich jetzt glücklich schätzen, diese Professur mit leben zu füllen?

Kerstin Schoor kommt aus Wismar, hat in Berlin Literaturwissenschaft studiert und dort über jüdische Literatur im dritten Reich gearbeitet. Sie hat erforscht, dass es bis 1938 noch mehr als 1700 jüdische Autoren in Berlin gab. Jahrelang hat sie mit Überlebenden des Holocaust Interviews geführt und damit auch die Grundlage für ein umfangreiches Archiv gelegt. Das ringt sie quasi mit nach Frankfurt. Und hier hat sie auch die Bewerbung der Uni im Rahmen der Exzellenz-Initative der Bundesregierung als Exzellenz-Cluster vorbereitet. Im Juni fällt die Entscheidung. Frau Schoor ist für die Viadrina also nicht nur inhaltlich ein großer Gewinn.