Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses

Adam Zamoyski: 1815Der Wiener Kongress steht für das Ende aller revolutionären Träume in Europa. Er ist das Sinnbild der Reaktion, die nach der Französischen Revolution und den ihr folgenden Umstürzen und Veränderungen in Europa, die alten Monarchien festigte. Und das Jahr 1815 steht für eine Epoche, die Restauration, in der Metternichs Geheimpolizei und die gefestigten Herrscher die Entwicklung Deutschlands zu einem normalen Nationalstaat verhinderte. Das ist alles richtig. Und dennoch wird diese Beschreibung dem Wiener Kongress nicht gerecht. Davon überzeugt Adam Zamoyski die Leser seines umfangreichen Werkes „1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“. „Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses“ weiterlesen

Erneut gelesen: Dieter Kühns Napoleon-Buch „N“

Dieter Kühn: N
Dieter Kühn: N

Vor mehr als 40 Jahren ist dieses Buch erstmals erschienen. Vor gut 20 habe ich es gelesen. Auch heute lohnt es sich noch. Damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. Denn Dieter Kühn erzählt das Leben Napoleons von der Geburt bis zum Zeitpunkt der Machtübernahme im nachrevolutionären Frankreich.

Aber das Buch ist keine Biografie. Ein Roman ist es auch nicht. Genau dieses Zwitterhafte hatte ich noch in Erinnerung. Und dass der Text in vielem sehr theoretisch wirkte. Doch genau das macht seinen Reiz aus. Dieter Kühn erzählt nämlich nicht nur den Werdegang Napoleons, sondern auch die Möglichkeiten, die es in seinem Leben auch noch gegeben hatte. Und diese spinnt er immer wieder an den Weggabelungen des Lebens weiter. Was wäre gewesen, wenn nicht er sondern sein Bruder Soldat geworden wäre und er Geistlicher? Was wäre gewesen, wenn Nelson Napoleons Flotte vor der Ankunft in Alexandria vernichtet hätte? Was wäre aus ihm geworden, wenn er in türkische Dienste eingetreten wäre?

Dieses Hypothetische sorgt dafür, dass der Leser das Leben Napoleons nicht von seinem erfolgreichen Phasen als Eroberer Europas, als Verbreiter des Code Napoleon, des Vorläufers unseres Bürgerlichen Gesetzbuches, herdenkt. So schrumpft die Größe auf ein menschliches Maß, da zwar die Tatkraft und Intelligenz gewürdigt werden, aber eben auch immer die Zufälle und Gelegenheiten, die er für sich zu nutzen wusste. Da schwingt viel 68er-Gedankengut mit. Es geht um die politische Kraft des Individuums und um die gesellschaftlichen Umstände, die Geschichte gestalten. Es geht um eine hohe Kunst der Dialektik, wenn die unterschiedlichen Optionen durchgespielt werden.

Dabei gelingt es Kühn aber, nicht im Traktat zu versumpfen oder in der Theorie zu veröden. Er liefert ein Gedankenspiel, das auch heute noch Spaß macht – und nachdenklich. Spaß übrigens mehr als damals beim Lesen.