Funny van Dannens beste Lieder, ganz sicher

Funny van Dannen: Meine vielleicht besten Lieder
Funny van Dannen: Meine vielleicht besten Lieder

Schon der Titel des neuen Albums bringt die Haltung Funny van Dannens auf den Punkt: „Meine vielleicht besten Lieder“. Dem Liedermacher, Kabarettisten und Schrammelkünstler fehlt Überzeugung, alles besser zu wissen. Ironische Distanz ist das Stilmittel, das seine Songs ausmacht.

Diese Ironie ist so stark, dass er bis zu drei Stunden lang von der Bühne nur mit seiner Gitarre und seiner eher mäßigen Stimme ein großes Publikum begeistert. Die neue Doppel-CD fängt diese Stimmung und Funny van Dannens Stimme gut abgemischt ein. Sie wurde auf Konzerten in Neukölln mitgeschnitten und enthält nicht nur vielleicht die besten, witzigsten und bösesten Stücke von ihm. Sehr fein!

Funny van Dannen „Meine vielleicht besten Lieder“ (Warner)

Element of Crime am Lagerfeuer

Element of Crime
Element of Crime

Märkische Oderzeitung: Herr Regener, die CD klingt ein bisschen, als würden sich alte Herren zum Lagerfeuer treffen.

Sven Regener: Wir haben nie Teenie-Pop gemacht. Eine Band mit einem sehr eigenen Stil spielt auch fremde Songs in diesem Stil.

Begibt sich Element of Crime auf Traditionssuche?

In der Summe klingt das vielleicht so. Aber jedes Lied ist unter ganz anderen Umständen aufgenommen worden. 1996/97 etwa hat Polydor den Tribute-Sampler „We love The Bee Gees“ herausgebracht. Wir haben mitgemacht, weil es reizvoll war.

Der Einstieg in die CD mit Freddie Quinns „Heimweh“ wirkt amüsant.

Das passiert mit solchen Songs, wenn sie den Element of Crime-Sound bekommen.

„My Bonnie is over the Ocean“ klingt auch nach Lagerfeuer.

Das Lied ist für Leander Haußmanns Film „NVA“ entstanden. In dem Film ist das eine ganz wichtige Szene. In der Stube singen ihn die Soldaten, bevor der eine von ihnen in die Strafzelle muss.

Würden Sie gern wieder mit großem Orchester spielen?

Das haben wir bei „Fallende Blätter“ auf der CD „Romantik“ gemacht. Aber das ist nicht so interessant. Das ist nur sinnvoll, wenn es wirklich gut zum Song passt – und wenn man es sich vom Budget her leisten kann.

Und was halten Sie von Balkanelementen?

Bläser sind ja nicht unüblich bei uns. Das kann dann schon mal so einen Balkaneinschlag bekommen. Aber das ist nicht immer so beabsichtigt. Das Entscheidende ist auch nicht, dass man immer neue musikalische Möglichkeiten angräbt, sondern dass man neue Songs hat. Ein Lied ist stärker als alles andere. Wenn es gelingt, ein Lied von Freddy Quinn so zu spielen, dass es ein Song von Element of Crime wird, dann ist das interessant.

Der Autorensong macht Element of Crime aber aus.

Ja. Deshalb haben wir diese Coversongs ja nicht auf den regulären Alben veröffentlicht. Wir hatten nur vier Cover-Versionen auf zwölf Alben. Ich würde auch keine Tournee damit machen.

Arbeiten Sie an neuen Texten, Projekten, Büchern?

Wir haben ab Februar eine Tournee, dann noch Festivals. Neue Sachen fangen wir immer erst danach an.

Das ist eine komfortable Situation.

Wenn man anfängt, dem Druck nachzugeben ständig etwas Neues abliefern zu müssen, dann ist das immer schlecht, auch für junge Künstler.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihren Stil entwickelt hatten?

Das erste halbe Jahr. Schon auf der ersten Platte ist alles da, was uns ausmacht. Natürlich haben wir danach neue Türen aufgemacht, weitere Möglichkeiten gefunden. Aber immer im Rahmen dieses stilistischen Gerüsts.

MOZ-Interview…

Minimalistische Klänge von Philip Glass und dem Kronos Quartet veredeln Dracula

Sie haben sich versteckt. Obwohl die Fledermaus-Kolonie in der Spandauer Zitadelle zu den größten Berlins zählt, ließen sich die fliegenden Nager nicht blicken. Nur eine Fledermaus tauchte zu den Klängen von Philip Glass und dem Kronos-Quartet am Donnerstagabend auf: Dracula. Als die Dämmerung das Tageslicht fast verschluckt hat, beginnt ein außergewöhnliches Konzert. Philip Glass hat zum Spielfilm „Dracula“ von 1931 vor über zehn Jahren eine Filmmusik geschrieben. Der Rechteinhaber hatte den Film mit Bela Lugosi als Graf Dracula restaurieren lassen. Da der Streifen keine Musik hatte, wurde einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten beauftragt, der nicht nur Opern und Kammermusik, sondern auch viel Filmmusik komponiert hat.

Eingespielt wurde die Musik schon damals mit dem Kronos-Quartet aus San Francisco, dem wohl einflussreichsten Streichquartett für Neue Musik. Glass und Kronos vereint die stete Überschreitung vermeintlicher Grenzen. Beide arbeiten sowohl klassisch als auch populär.

Dieses Verständnis von einer grenzenlosen Musik, die sich an der Entdeckung von Ungehörtem orientiert und gleichermaßen Kopf und Bauch des Zuhörers fordert, ist beim Berliner Auftritt allgegenwärtig. Und das, obwohl die Musik nur Teil des Abends ist. Der alte Tonfilm läuft auch noch.

Philip Glass hat mit seinen minimalistischen Tonfiguren, die in immer neu variierten Schleifen mit unterschiedlicher Beschleunigung und tragenden Instrumenten dem Film einen großen Dienst erwiesen. Immer da, wo die Handlung nicht stimmig ist, erzeugt die Musik mit ihren Loops für thematische Klammern. Und da, wo Filmtricks aus dem Jahr 1931 – etwa bei ins Zimmer fliegenden Riesen-Fledermäusen – heute nur noch für mitleidiges Gelächter sorgen, intoniert die Musik den dramatischen Ernst.

Diese Symbiose aus neuer Musik und altem Film lockt 1300 Zuhörer in die Zitadelle. Das internationale Publikum ist begeistert. Standing Ovations bejubeln den seltenen Auftritt. Der Applaus dankt für ein Erlebnis, das Glass in einem Interview so zusammenfasste: „Wenn wir über meine Musik reden, reden wir über eine Welt, die nicht diejenige ist, in der wir leben.“ Das gilt für die Musik und für Dracula. Und wohl auch für die Fledermäuse, die ihre Heimat an diesem Abend nicht wiedererkannten.

Philip Glass spielt zu „Dracula“ auch am Sonnabend in Dresden.

MOZ-Rezension…

Entdeckung aus Weißrussland

Lyapis Trubetskoy: Agitpop
Lyapis Trubetskoy: Agitpop

Das Label Eastblok Music stellt erstmals eine weißrussische Band auf CD vor. Der Sound von Lyapis Trubetskoy, die eine Fusion aus Ska, Pop, Punk und Folklore spielen, überzeugt. Videos, wie das zu „Kapital“, die auf Youtube zu sehen sind, zeugen von großer künstlerischer Kraft.

Die politische Botschaft führt in Russland und Weißrussland regelmäßig dazu, nicht im Radio gespielt zu werden. Lyapis Trubetskoy ist eine echte Entdeckung.

Lyapis Trubetskoy „Agitpop“ (Eastblok)

Johnny Cashs neues Album ist das definitiv letzte

Johnny Cash: Ain't no Grave
Johnny Cash: Ain't no Grave

Zehn schlichte Lieder sind das letzte Vermächtnis von Johnny Cash. „Aint no Grave“ lässt ihn sechs Jahre nach seinem Tod wieder erklingen. Und das in einer Intensität, die Gänsehaut erzeugt.

Oft haben postume Veröffentlichungen von Liedern oder Büchern etwas von Leichenfledderei. Da wird noch schnell zu Geld gemacht, was bald niemanden mehr interessieren könnte. Das trifft bei diesem Album nicht zu. Im Gegenteil: Die letzte CD der in sechs Teilen erschienenen Reihe American Recordings ist ein Dokument der Trauer, der Erkenntnis und des tiefen Glaubens eines Mannes, der den Tod vor Augen hatte.

1994 lebte Johnny Cash zurückgezogen mit seiner Frau June Carter Cash auf seiner Farm. Knapp 40 Jahre nach dem Start seiner fulminanten Karriere schien diese auch wegen der Spätfolgen seiner überwundenen Amphetamin-Sucht und anderer Krankheiten beendet. Aber der Produzent Nick Rubin konnte Cash davon überzeugen, noch einmal anzugreifen und die Musik zu interpretieren, die neben der Countrymusik entstanden ist und die Massen begeisterte.

Ob Depeche Mode oder Soundgarden, ob Sting oder Nine Inch Nails, Johnny Cash eignete sich die Musik der nachgeborenen Generationen für die nun sechs CDs der American Recordings an. Und legte dabei das Wesentliche in Text und Musik frei.

„Aint no Grave“ ist von der Stimme eines schwer kranken Mannes geprägt. Oft kann Cash nur noch wenige Zeilen am Stück singen. Der Hörer kann die Brüche der zusammengefügten Aufnahmen teilweise verfolgen. Doch es wird nie peinlich, die Stimme versagt nicht. Selbst wenn Cash die Kraft verlässt, wenn die Stimme sich zu verlieren beginnt, gelingt es ihm, hoffnungsvoll zu trauern. Seine Ausdruckskraft bleibt ihm treu. Und so wird die Aneignung von Sheryl Crows „Redemption Song“, Kris Kristoffersons „For the good Times“ und vor allem des Gospels „Ain ‚ t no Grave“ zur Messe seines Glaubens an ein Leben nach dem Tod.

Johnny Cash hat diese nach Aussagen seines Sohnes nun wirklich allerletzten Lieder aufgenommen, nachdem seine Frau starb. Der Tod ist das zentrale Thema. Die Instrumentierung bleibt akustisch und im Hintergrund. Auch sie ist ein Tribut an einen ganz Großen. Sie kommt ihm nicht in die Quere, sondern unterstützt seine Nachdenklichkeit. Und das Andenken an Johnny Cash.

Johnny Cash, „American Recordings VI: Aint no Grave“ erschienen bei Mercury (Universal)

MOZ-Rezension…

In memoriam Django Reinhardt

Django Reinhardt ist nur 43 Jahre alt geworden. Doch das genügte, um seinen Ruhm und sein Gitarrenspiel unsterblich zu machen. Susie Reinhardt, eine entfernte Verwandte der Jazz-Legende, hat für das Label Trikont eine Hommage zusammengestellt.

Ob Dotschy Reinhardt oder Coco Schumann, ob das Titi Winterstein Quintett oder Tiki Daddy, alle interpretieren Stücke von Django Reinhardt und machen die musikalische Vielfalt seiner Songs erlebbar.

Django’s Spirit – A Tribute to Django Reinhardt (Trikont)

Tocotronic lebt auf Kriegsfuß mit der Romantik

„Schall und Wahn“ heißt das neue Album von Tocotronic. Die CD der Band der Hamburger Schule und des deutschen Diskursrock erscheint am Freitag. Andreas Oppermann hat mit Texter, Gitarrist und Sänger Dirk von Lowtzow über Rock, Romantik und die Entstehung des Albums gesprochen.

Dirk, William Faulkner stand beim neuen Album mit seinem Roman „Schall und Wahn“ offenbar Pate.

Dirk von Lowtzow: Das ist ein Titel, der uns gut gefallen hat. Er spielt aber keine große Rolle.

Warum erzeugt Ihr Bezüge, wenn sie nicht wichtig sind?

Es geht eher um die Geste der Aneignung, als um das Buch. Der Titel ist einfach gut.

Dennoch gibt es Bezüge. In „Schall und Wahn“ ist eine erzählende Figur depressiv und geisteskrank. Viele Eurer Texte wirken ebenfalls depressiv.

Nein, das Album ist ja keine Romanvertonung. Es geht uns einfach um den Titel und den Prozess der Aneignung. Dabei finde ich Wahllosigkeit interessanter als offensichtliche Bezüge. Schon Faulkner hat den Titel von Shakespeare geklaut.

Im Gegensatz zu den Vorgängern ist Eure Aneignung ironiefrei.

Wenn man „Schall und Wahn“ zum Albumtitel macht, dann wird er in erster Linie Musik.

Die musikalische Bandbreite reicht von Streicherteppichen bis zu hartem Rock.

Die Klammer ist eigentlich der Sound, also der Schall. Das Album ist in gut zehn Tagen live eingespielt worden. Den Aufnahmen liegt der Versuch zugrunde, den Raum des Studios auf die interessanteste Art abzubilden. Und so den Schall zu Ehren kommen zu lassen.

Die Songs sind aber alles andere als homogen.

Für uns war es interessant, innerhalb dieser Klammer in die Extreme zu gehen. Vom folkigen Stück mit Streichern „Im Zweifel“ zum Hardcore-Song „Das Schloss“ oder dem Klassik-Rock-Song „Die Folter endet nie“. Die Klammer des gemeinsamen Klangs erzeugt eine Auffassung von Räumlichkeit.

Habt Ihr mit echten Streichern aufgenommen?

Ja, aber sie haben nicht live mit uns gespielt. Das wäre nicht gegangen. Die Band ist zu laut und die Streicher zu leise.

Wie entstehen die Ideen für die Instrumentierung innerhalb eines solchen Sound-Spektrums? Vor oder nach den Texten?

Man hat Wunschvorstellungen bestimmte Stücke mit anderen Instrumenten über das klassische Rockquartett hinaus zu erweitern. Dafür haben wir zum Beispiel von einer befreundeten Band einen Bläsersatz schreiben lassen. Bei drei weiteren Stücken war der Wunsch da, Streicherarrangements zu haben. Das ist ja auch nicht total ausgefallen. Der Einsatz solcher Elemente hat sich eher nach der Komposition gerichtet und nicht unbedingt nach dem Inhalt. Auch dabei geht es um die Vorstellung, wie sich so ein Stück musikalisch entwickeln kann.

Das Lied „Eure Liebe tötet mich“ klingt nach depressiver Selbstzerstörung.

Ausgehend von Oscar Wildes Satz „Jeder tötet, was er liebt“ versuchen wir eine Konzeption von Liebe zu entwerfen, die etwas Zerstörerisches an sich hat. Wenn es die Gesellschaft vermag, durch Liebe Menschen zu formen und zu domestizieren, dann geht es um die zerstörerische und gefährliche Seite, das Suchtpotenzial der Liebe.

Hat die Sehnsucht nach dem Tod für Euch etwas Romantisches?

So ist das nicht gedacht. Die Konzepte der Ich-Auflösung, Vielheit, des Wahns, der Verrücktheit oder Schizophrenie sind nicht romantisch. Wir betrachten Liebe analytisch. Sie wird hier nicht als erlösende Kraft vorgestellt. Mit dem Zustand von romantisch wäre ich vorsichtig, weil ich dabei an eine gewisse Sentimentalität denke. Das ist eigentlich etwas, womit wir auf Kriegsfuß stehen.

Das Album kommt quasi zum Start einer Schwarz-Gelben Regierung heraus.

Die Songs sind 2008 entstanden. 2009 haben wir die Stücke arrangiert. Wenn es einen Zeitbezug zur Gegenwart gibt, ist er prophetisch.

Das wäre Euch nicht unrecht?

Als Texter würde ich nie auf eine Regierungsbildung reagieren. Aber wenn Texte diagnostisch, prophetisch oder reflexiv in den Zusammenhang passen, dann ist das oft das Beste.

Einer dieser Kommentare ist der Song „Stürmt das Schloss“. Der Aufruf zur Revolte hat aber etwas Romantisches.

Das ist nicht romantisch im Sinne von schwärmerisch. Das Album ist sehr analytisch oder diagnostisch. Es geht um eine eigene Beschädigung.

Tocotronic: „Schall und Wahn“, erscheint am Freitag bei Universal

MOZ-Interview…

Punkverliebter Balkan-Rock von La BrassBanda aus Übersee

La BrassBanda: Übersee
La BrassBanda: Übersee

Das zweite Album ist immer das schwerste. LaBrassBanda hat diese Prüfung mit dem Album „Übersee“ bestanden. Die fünf Musiker haben im Süden der Republik Kultstatus. Ihre Mischung aus Ska, Funk, Mariachi und Reggae ist Energie pur.

Und das mit einer Instrumentierung, die es sonst nur im Balkan-Rock gibt: Die Trompete ersetzt die Gitarre, die Tuba dröhnt wie der Bass, die Posaune treibt zum Tanz – unterstützt von Schlagzeug und echtem Bass. „Übersee“ ist noch kraftvoller als das Debüt. Die Texte strotzen von herber Poesie. In Fülle und Dynamik entsteht ein Sound, der sich nur so umschreiben lässt: Blasmusik ist der neue Punk.

LaBrassBanda „Übersee“ (Trikont)

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Live sind die fünf aus Übersee auch auf CD dramatisch gut 

Funny van Dannens Krisen-Kommentar

Funny van Dannen: Saharasand
Funny van Dannen: Saharasand

Die Produktivität Funny van Dannens (51) ist ungebrochen. Mit „Saharasand“ ist gerade sein 13. Album in 14 Jahren erschienen. Der Mann mit der Gitarre und den ironischen Texten bleibt sich treu. Und kommentiert die Krise.

Das Themenspektrum auf „Saharasand“ reicht vom „Samenstau“ über den „Jugendstil“ bis zum „Aktienpaket“. Immer beobachtet er seine Umwelt genau. So genau, dass ihm das Absurde des Alltags und unserer Sprache auffällt. Seine Gabe, diese Widersprüche in Versen zu Bildern zu formen, ist erstaunlich. Etwa wenn er in „Aktienpaket“ das Paket ganz ernst nimmt und in dem Paket nichts findet – genauso wie im Konjunkturpaket. Die Melancholie, mit der er das leere Aktienpaket vorträgt, bringt die Resignation darüber auf den Punkt, dass sich die Politik der Aktionäre annimmt und diese mit Konjunkturpakten päppelt, die große Masse der Nicht-Aktien-Besitzer aber leer ausgeht. Funny van Dannen transportiert solche Gedanken nicht im Agitprop-Stil der alten Liedermacher, sondern als ironischen Kommentar.

Schön ist auf dem aktuellen Album auch „Jugendstil“. Da geht ein Paar in eine Klimt-Ausstellung. Anfangs tun beide noch so, als fasziniere sie der Kitsch. Doch dann platzt es aus ihr heraus: „Scheiß-Jugendstil! Ich kann das nicht mehr sehn!“ Von Deko-Kitsch und Endzeit-Gefühlen ist dann die Rede. Und von der Sehnsucht nach Einfachheit: „Wie schade, dass man so klare Urteile so selten fällen kann! Immer muss man differenzieren, dieses Für-und-Wider-Spiel.“ Auch hier drängt sich der Gedanke auf, dass es nicht nur um den Jugendstil geht, sondern ums Heute.

Auf „Saharasand“ versammelt sind 21, meist kurze Lieder. Das Zuhören macht Spaß, viele Refrains sind so eingängig, dass man sie schon beim zweiten Mal mitschmettern kann. Der Berliner hat nichts von seiner kreativen Kraft verloren. Kurz vor Weihnachten stellt er das Album im Berliner „Astra“ live vor.

„Saharasand“ ist erschienen bei Warner Music

Element of Crime mit frischer Wut

Element of Crime: Immer da wo du bist bin ich nie
Element of Crime: Immer da wo du bist bin ich nie

Die alten Herren werden zornig. Im neuen Album von Element of Crime, das heute in die Plattenläden kommt, pflegt die Band um Sven Regner (48, „Herr Lehmann“) wie immer die hohe Kunst der Melancholie. Aber „Immer da wo du bist bin ich nie“ klingt rotziger und aggressiver als die Vorgänger.

Vier Jahre ist es schon her, dass mit „Mittelpunkt der Welt“ die letzte CD der Berliner Band erschienen ist. Lediglich einige Songs für den Soundtrack von Leander Haußmanns Film „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ haben sie seitdem aufgenommen. Diese beiden Projekte waren von einer heiteren Melancholie getragen. Das neue Album kombiniert den unverwechselbaren Sound von Element of Crime mit einer neuen Wut.

Das bekommt der Platte. Wo die Songs der letzten Alben noch etwas glatt klangen, wird nun geschrammelt, gepoltert und gestampft. Wunderbare Texte von der nachlassenden Kraft der Liebe, die dennoch weiterlebt, und den verpassten Chancen im Leben zeugen nicht mehr von Altersmilde. Jetzt regen sie sich über den Gang der Dinge wieder auf.

Das macht das ganze Album frisch – und dennoch gewohnt nachdenklich. Wobei das Schmunzeln nicht ausbleibt. Denn die Situationen, die Element of Crime da besingen, kommen einem fast alle bekannt vor. Ob die Geschichte von der Mutter, die ihrem Kind beim Schaukeln zuschaut in „Am Ende denk ich immer nur an dich“ oder der Blick ins Gartencafé mit der schönen Zusammenfassung des Geschehens als „Jammern und Picheln“ in „Kaffee und Karin“: Jeder hat Ähnliches schon erlebt. Aber es so schön auszudrücken, können nur die wenigsten.

Kombiniert mit einer Musik, die mit Anleihen von Folk, Country bis Mariachi einen eigenen stringenten Sound abmischt, entsteht so ein Album, das wieder mehr als eine Eintagsfliege sein wird. Jedes der zehn Lieder ist so aufgebaut, dass man immer wieder Neues entdecken kann – bis hin zum Einsatz von Violine und Kinderchor. Aber nicht, um abgeschmackte Glückseligkeit zu transportieren, sondern um das Schöne im oft mühsamen Leben als Erinnerung im Hintergrund wachzuhalten. Einfach wunderbar.

„Immer da wo du bist bin ich nie“ erscheint bei Universal.