Journalistisches Handwerk in Zeiten der Flüchtlings-Hysterie

Engen uns unsere handwerklichen Grundregeln und Leitplanken ein? Das ist eine für Journalisten sehr typische Frage. Eine Frage, wie sie alle paar Jahre, manchmal auch nur alle paar Monate neu gestellt wird. Ich erinnere mich an einen großen Seite-3-Atrikel von Herbert Riehl-Heyse aus den frühen 1990er-Jahren. In ihm ging es anlässlich der damaligen Asyldiskussion auch um Presseethik und Pressekodex. Er schrieb damals, dass es keinen Berufsstand gebe, der sich so oft in Frage stelle, wie der Journalismus. Und um das zu verdeutlichen fragte er: Könne sich irgendjemand vorstellen, dass etwa die Landesinnung der Metzger jedes Jahr bei der Jahreshauptversammlung aufs Neue die Frage nach der Moral des eigenen Handelns stelle? 

Damit soll weder die Metzgerinnung, die Anfang der 90er-Jahre noch ein angesehenes Handwerk im Rahmen der Ernährung der Bevölkerung war, noch der  Journalismus schlecht gemacht werden. Aber dieser war damals im Großen und Ganzen gut. Und er ist es heute auch noch. Oder um mit Dunja Hayali zu sprechen: „Wir machen Fehler. Wir sind Menschen. Aber wir sind keine Lügner.“

Genau so ist es. Journalisten sind keine Lügner. Um nicht in die Lügenfalle zu tappen, haben sie einen journalistischen Werkzeugkasten, mit dem sie sich  Wahrheit annähern, um möglichst wahrhaftig zu berichten.

Ein konkretes, reales Beispiel macht das deutlich: In einer Polizeimeldung heißt es, dass „ein libanesischer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in der Zentralen Ausländerbehörde (ZABH) Eisenhüttenstadt mehrere Frauen verbal belästigt und unsittlich berührt haben“ soll? Sollte dies sofort eins zu eins gemeldet werden? Oder sollten Journalisten nicht erst einmal überlegen, was es mit dieser Meldung auf sich hat?

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird der Handwerkskasten aus Rundfunkstaatsvertrag, Pressekodex und der langjährigen journalistischen Erfahrungen genutzt. Es wird recherchiert. Da die Polizeimeldung ja nur eine Quelle ist, muss sie genauso bewertet werden sie andere Primärquellen. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass sie der Wahrheit entspricht, aber auch die Pressearbeit der Polizei ist in erster Linie interessengeleitet. Die Behörde entscheidet, was gemeldet wird uns was nicht. Im konkreten Fall wäre eine Gegenrecherche beim DRK als Träger der Unterkunft möglich oder bei der Behördenleitung der ZABH. Damit beginnen Journalisten bereits, sich ein eigenes Bild zu machen. Das ist auch deshalb notwendig, weil das beschriebene Delikt ein schwieriges ist. Was bedeutet „verbal belästigt?“ Was ist „unsittlich berührt?“ Was ist „sexuelle Beleidigung?“ All diese Delikte verdienen es, verfolgt zu werden. Aber haben diese möglichen Delikte die Fallhöhe für eine Berichterstattung? Oder gehören sie zur Fülle der Delikte, die es nicht in die Nachrichten schaffen, weil sie  nicht relevant genug sind? Noch dazu, wenn man daran denkt, dass falsche Anschuldigungen mit sexuellem Kontext verheerende Wirkungen für den Betroffenen haben können.

Gute Journalisten fragen zudem, ob der Hinweis auf die Nationalität wichtig ist. „Libanese“ sagt nichts über Motive aus. Auch nichts über den Aufenthaltsstatus. Seit wann lebt er in Deutschland? Ist er Flüchtling, der als 1-Euro-Jobber beschäftigt ist oder Ehepartner einer Deutschen, der schon seit 20 Jahren hier lebt? Oder ist der Libanese schon in den 1980er Jahren als Flüchtling in die Bundesrepublik gekommen? „Libanese“ sagt auch nichts über den kulturellen und religiösen Hintergrund. Ca. 54 % Muslime und 40 % Christen leben in dem in diesem Fall laizistischen Staat. Welchen Mehrwert hat also die Nennung der Nationalität? Die Assoziationskette „Libanon – Naher Osten – Muslim – sexuelles Delikt“ könnte in die Irre führen.

Die Journalisten, die entscheiden müssen, ob die Meldung meldenswert ist, haben ganz schön viele Fragen für sich zu beantworten. Was ist richtig? Die Polizeimeldung vorbehaltslos in den Äther zu blasen? Oder erst recherchieren?  Und noch einmal: Ist das Delikt so wichtig, dass es überhaupt gemeldet werden muss?

Das gleiche galt auch bei all den Facebook-Hypes. Oder bei vermeintlichen toten Flüchtlingen in Berlin. Journalisten müssen ihren Handwerkskasten zur Hand nehmen und mit dessen Werkzeugen sauber arbeiten. Dann melden sie, dass eine Organisation behauptet, dass es einen toten Flüchtling geben soll. In der Folge wird die Geschichte mit allen neuen Rechercheergebnissen fortgeschrieben. Der Handwerkskasten behindert dabei nicht. Im Gegenteil: Die Anwendung seines Inhalts gibt den aktuell arbeitenden Journalisten – und der Öffentlichkeit – Sicherheit und Verlässlichkeit – und das jeweils mögliche Maß an Wahrhaftigkeit.

Gefahr lauert also nicht von den Berufsstandards, sondern eher aus einer anderen Richtung, die auch mit dem Staatsvertrag zu tun hat. Friedrich Küppersbusch hat das in der taz so formuliert: „Politik ist den von den Parteien überwachten Sendern längst zur Parteipolitik geronnen. Nicht, was die Menschen bewegen mag – sondern: Was die Parteien an Themen forcieren, wird als Politik verkauft.“ Egal, ob man diese Sicht teilt, sie spricht etwas an, was viele Menschen fühlen. Deshalb müssen sich öffentlich-rechtliche Sender ganz besonders in Acht nehmen, dass sie nicht einer von anderen gesetzten Agenda folgen, sondern selbst die Themen suchen und die nötigen Fragen stellen. Sie müssen sich immer wieder ganz genau überlegen, ob schon wieder ein Minister ins Studio eingeladen werden sollte, damit der den Hörern und Zuschauerinnen seine Wirklichkeit erklären kann. Auch er ist ja nur eine Quelle. Und oft genug ist es schon vorgekommen, dass Minister versucht haben, die journalistische Arbeit eher zu behindern als zu befördern.

Das beginnt schon damit, dass es ein Innenministerium in der Hand hat, wann was zum Beispiel in der ZABH in Eisenhüttenstadt gedreht wird. Eine Drehgenehmigung zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Das gilt natürlich auch für fast alle anderen staatlichen Einrichtungen – bis hin zu Bahnhöfen, Flughäfen, Zügen usw. Statt auf Drehgenehmigungen zu warten sollten Journalisten in Zukunft stärker auf die Möglichkeiten schauen, die das Informationsfreiheitsgesetz oder die Mediengesetze der Länder bieten, die die Landesregierung und den Senat und alle Behörden zur Auskunftspflicht verdonnern. Vielleicht müssen Journalisten das Informationsbedürfnis, um sauber Recherchieren zu können offensiver durchsetzen – auch gerichtlich. Das würde den Vorwurf, Systemmedium oder – besser gesagt – verlängerte Arm der Politik zu sein, entkräften. Aber auch dazu muss kein anderes Werkzeug weggeschmissen werden – oder gar neues gekauft werden.

Auf keinen Fall dürfen sich Medien von einer diffusen, vermeintlichen Besorgtheit treiben lassen. Der Soziologe Harald Welzer hat das so auf den Punkt gebracht: „Die AfD, die im Kern auf derselben Menschenfeindlichkeit reitet (wie Pegida), ist leider etwas, was man nicht mehr so einfach ignorieren kann. Aber heißt das im Umkehrschluss, dass man jeden gedanklichen Furz von Menschen, die man vor zwei Wochen noch nicht kannte, zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit machen muss?“ Müssen Medien dafür sorgen, dass die AfD einen Großteil des politischen Diskurses beherrschen kann, obwohl sie als Organisation zumindest in Ostbrandenburg kräftig vor sich hinbröckelt? „Sie hat auf diese Aufmerksamkeit keinerlei Anspruch. Demokratie bedeutet: Alle dürfen ihre Meinung sagen. Demokratie bedeutet nicht: Man muss jede Meinung ernst nehmen, jedem Unfug zuhören und jeder absurden These drei Talkshows pro Woche widmen.“ (Bettina Gaus).

Ein Blick in den Rundfunkstaatsvertrag hilft weiter. Der Auftrag, der da formuliert wird, ist wohltuend aufklärerisch. Er hat nichts mit der Förderung von Ressentiments zu tun. Er verlangt aber auch nicht, dass die Wirklichkeit oder auch nur Teile davon ausgeblendet werden sollen. Wörtlich steht dort, dass Journalisten  „gewissenhaft recherchieren; wahrheitsgetreu und sachlich sind“. Und weiter, dass  „Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen“ sind. Außerdem verpflichtet er zu  „Objektivität und der Überparteilichkeit“.

Was brauchen Medien mehr, um gut und seriös zu berichten? All jene, die uns als Lügner verleumden, lassen sich damit zwar nicht unbedingt überzeugen. Es sei denn, wir vermelden etwas, was in ihr Weltbild passt. Denn dann – und nur dann – sind wir auch für die „Lügenpresse-Schreihälse“ auf einmal gut. Und zwar so gut, dass wir plötzlich die beste und glaubwürdigste Quelle überhaupt sind. Immerhin.

Insofern ist auch bei ihnen Hopfen und Malz noch nicht ganz verloren.

Aber bis dahin machen wir unsere Arbeit sauber, gründlich und wahrhaftig.

P.S. Derzeit sind Woche für Woche mehr Menschen in der konkreten Flüchtlingshilfe als Betreuer, ehrenamtliche Paten, Sprachlehrer etc. tätig, als Bramm, Pogida oder Bärgida für ihre Demos mobilisieren können. Auch das ist Teil der Wirklichkeit.

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