Hans Keilson ist tot

Hans Keilson (1909 - 2011)
Hans Keilson (1909 – 2011)

Hans Keilson ist am Dienstag in einem Krankenhaus in Hilversum mit 101 Jahren gestorben. Er war der letzte deutsche Exilschriftsteller. Sein Debütroman Das Leben geht weiter. Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit ist 1933 bei S. Fischer erschienen. Es war das letzte Buch eines jüdischen Schriftstellers, das in dem Traditionsverlag in Druck gelegt wurde. Noch vor Erscheinen haben es die Nazis verboten. Es dauerte über 50 Jahre, bis es das Licht der Öffentlichkeit sah.

Hans Keilson war ein warmherziger, auch im hohen Alter noch sehr auf das Leben neugieriger Mann. Bei einem fast dreistündigen Interview kurz vor seinem 100. Geburtstag schaffte es der Schriftsteller, Sportlehrer und Psychiater mehr Fragen an den Interviewer zu richten als umgekehrt. Er wollte wissen, wie sich seine alte Heimat verändert. Ihn interessierte, was der 60 Jahre jüngere über die Vergangenheit weiß. Ihn faszinierte, wie Internet und Technik das Leben erleichtern und Entfernung und Nichtwissen schrumpfen lassen.

Dazu passt auch, dass er mit über 80 Jahren noch einen Computer anschaffte. Überhaupt trieb ihn eine ungeheure Energie an. Erst 1979 promovierte er sich mit einer Arbeit über Traumata von Kindern. Sequentielle Traumatisierung bei Kindern ist das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Arbeit mit jüdischen Kindern, die aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten in die Niederlande zurückkehrten. Die meisten von ihnen hatten ihre Eltern und die ganze Familie verloren. An die wissenschaftliche Arbeit machte er sich so spät noch, weil ihn seine Frau und andere ihm nahestehende Menschen darum baten, seine Erfahrungen aufzuschreiben. Das Ergebnis hat sich bis auf die Rechtsprechung ausgewirkt.

Keilson stammt aus Bad Freienwalde. Dort wuchs er als Sohn eines Kaufmanns auf, ging zur Schule, machte Abitur und sang als Jude sogar im Kirchenchor. Sein erster Roman schildert diese Zeit. In Berlin studierte er Medizin, durfte als Jude den Beruf aber nicht ausüben. Deshalb arbeitete er als Sportlehrer an jüdischen Schulen, bis er 1936 ins Exil nach Holland ging. Dort engagierte er sich im Widerstand und überlebte im Untergrund die deutsche Besatzung. Anders als seine Familie, die in Auschwitz ermordet wurde. Dennoch schafft er es, weiter in Deutsch zu schreiben, nach Deutschland zu reisen und Deutschland nicht zu verdammen. Sein Verstand trennte schwarz zwischen Tätern, Mitläufern und Opfern. Den folgenden Generationen bürdete er keine Schuld auf. Aber es erwartete Verantwortung von ihr. Mit Hans Keilson ist ein Mensch gestorben, der Ungeheuerliches erlebte, der gute Bücher schrieb, der als Arzt und Psychiater vielen Kindern den Weg zurück ins Leben erleichterte, der als Chef des deutschen Exil-P.E.N. politisch seine Stimme erhob und der eine große Wärme, tiefe Neugier und sanften Humor ausstrahlte.

Mehr von Hans Keilson:
„Ich lebe als Sieger und Besiegter“ – Interview zum 100. Geburtstag
Schönes Ende eines Interviews – Erinnerungen an das Interview
Hans Keilson ist tot – Kurzer Nachruf
Hans Keilsons Jahrhundert ist vorbei – MOZ-Nachruf
„Da steht mein Haus“ – Die Erinnerungen Hans Keilsons – Eine kurze Autobiografie
Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe – Sonette für Hanna

 

Zappas Werk ganz groß

Dieses Buch grenzt an Wahnsinn. Frank Wonneberg hat nichts Geringeres gemacht, als sämtliche Platten von Frank Zappa in allen ihren Ausgaben zu sammeln, zu katalogisieren und zu beschreiben. Für alle, die mit Zappa nicht sonderlich viel anfangen können, mag das nach Archivstaub klingen. Doch Wonneberg schreibt anhand der einzelnen Platten eine Biografie, eine Geschichte der Rockmusik und eine Geschichte der Musiktechnologie von der E-Gitarre über das Synclavier bis hin zur digitalen Studiotechnik.

„Grand Zappa – Internationale Frank Zappa Discology“ ist also vielmehr als eine absurde Aneinanderreihung der unterschiedlichen Label und der gleichen Schallplatte oder CD. Obwohl auch dies schon ein spannendes Thema ist. Wonneberg erschließt damit nämlich nicht nur die offiziellen Platten Zappas, sondern auch die Bootlegs, also inoffizielle Kopien und vor allem Konzertmitschnitte, die niemals autorisiert wurden. Diese Bootlegs aber spielten in den späten 1960er- und in den 1970er-Jahren eine große Rolle bei Fans. Bestimmte Bootlegs sind noch heute bei Sammlern sehr viel wert. Und das nicht nur bei Zappa, sondern vor allem auch bei Jimi Hendrix, den Doors, Bob Dylan und Velvet Underground.

Zum Fan-Sein hat diese Sammelwut immer dazugehört. In Zeiten digitaler Download-Plattformen ist diese Liebe zu den Details der Tonträger kaum noch nachzuvollziehen. Umso schöner ist es, dass sich der Sammler und Fan Wonneberg so akribisch bei Frank Zappa auf die Suche gemacht hat. Damit legt er auch ein kleines Stück Kulturgeschichte frei. Am oben abgebildeten Album „We’re only in it for the money“ lässt sich die Arbeit Wonnebergs gut darstellen. Ursprünglich war die Platte als direkte Reaktion auf „Sgt. Pepper’s“ von den Beatles konzipiert. Das lässt sich sehr gut am Cover oben rechts erkennen. Doch gab es wohl Probleme mit den Rechten an der Collage. Deshalb ist die erste Ausgabe in den USA mit einem Wendecover erschienen (das zweite von oben rechts). Die folgenden beiden Cover sind für CDs in den Jahren 2005 und 2008 entstanden, also lange nach Frank Zappas Tod.

Wonneberg erzählt die Geschichte des Covers ebenso knapp wie entscheidende Details zur Musik und zur Aufnahmetechnik. Insofern liefert er zu jeder Platte Zappas eine fundierte Kurzkritik, die angesichts der technischen Details auch eine Technikgeschichte der Rockmusik ergeben. Denn Frank Zappa war neuen technischen Möglichkeiten immer aufgeschlossen. Eigentlich hätte er am liebsten alles selbst gemacht, um seinen Perfektionismus ausleben zu können. Musiker mit eigenen Ideen und eigenen Interpretationen seiner Musik waren für ihn oft störend. Deshalb mischte Zappa die Mastertapes auch möglichst selbst. Und später bearbeitete er sie erneut, wenn es um neue Auflagen oder ab den 1980er-Jahren um die Veröffentlichung von CDs ging.

Angesichts der komplexen Musik, die ja nie einfache Rockmusik war, sondern sich immer an den Formen und Ausdrucksmöglichkeiten der Neuen Musik von Edgar Varese, Arnold Schönberg und anderen orientierte, ist dieser Drang zur Durchsetzung des eigenen Klangs sogar verständlich. Auch wenn er es vielen Musikern unmöglich machte, länger mit Zappa zusammenzuarbeiten. Wonneberg hat zu jeder der 45 offiziellen Zappa-Alben kuriose Informationen gesammelt. Beim Beispiel oben etwa die Hinweise, weshalb die Zensur an einigen Texten Anstoß nahm. In der Fülle der Texte entsteht so eine kleine Sittengeschichte vor allem der USA. Denn Zappa, der sich ja als Bürgerschreck inszenierte, setzte seine Texte immer wieder bewusst ein, um die Zensur auf den Plan zu rufen. Schließlich gibt es für Platten und Bücher kaum eine bessere Öffentlichkeitsarbeit als den Hinweis auf die Zensur. Im prüden Amerika war das für den Provokateur auch nicht schwer.

Die Texte Wonnebergs zeichnet bei einer großen Liebe zum Detail und zum Respekt des Fans vor dem verehrten Künstler dennoch eine gewisse Distanz aus. Der Autor liegt seinem Objekt der Begierde und Beschreibung nicht aus Demut zu Füßen. Im Gegenteil: Wonneberg hat eine ähnliche Ironie wie der Meister. Und so finden sich in den Texten auch etliche kleine Spitzen, die das Buch insgesamt lesenswert machen. Die Gestaltung des prachtvollen Bandes im Format von 36,5 mal 30 Zentimeter ist großartig. Die Fülle der grafischen Objekte wird klar und erkenntnisgewinnend präsentiert. Auch das hat Frank Wonneberg selbst übernommen, mit einem feinen Gespür für Typografie und Layout. Für Zappa-Fans ist das Buch sicherlich ein Muss. Aber angesichts der Freude am Detail ist der Band auch eine Freude für jeden Bücher- und Musikfreund.

Frank Wonneberg: „Grand Zappa“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 69,95 Euro MOZ-Rezension…

Von der kraftvollen Erotik dicklicher Männer

Keiner der gut 25 Männer auf der Bühne hat einen Astralleib. Im Gegenteil: Fast alle tragen einen ganz schönen Bauch vor sich her. Und dennoch juchzen die Frauen und die Männer im Berliner Huxley’s vor lauter Extase, wenn sie nur einen leichten Hüftschwung vollführen. Und sie kreischen fast hysterisch, wenn sie alle in Bewegung und Schwung kommen.

Die Balkan Brass Battle von Boban & Marko Markovic Orchestra und Fanfare Ciocarlia strotzt vor so viel Energie, dass alle schwitzen, alle beben, alle auf ein noch schnelleres Tempo warten, nur um auch damit noch nicht voll befriedigt zu sein, weil sie erst mit dem letzten, dem höchsten Ton endlich kurz zur Ruhe, zum Durchatmen kommen können. Aber nur kurz. Denn es ist zu schön, um eine echte Pause ertragen zu können. Es muss weiter gehen. Der Klang und die Kraft und die Körper treiben immer neuen Höhepunkten entgegen. Beide Bands – Fanfare Ciocarlia aus Rumänien und Boban & Marko Markovic Orchestra aus Serbien – sind unglaublich. Sie beherrschen ihre Instrumente und das Zusammenspiel perfekt. Und sie verstehen es, das Publikum zu treiben, so wie sie es lieben, sich dem Rausch aus Rhythmus hinzugeben.

Wer von den beiden besser ist, lässt sich nicht sagen. Die Serben sind etwas traditioneller, die Rumänen spielen sogar „Born to be wild“ als Balkan-Brass-Nummer ohne jede Gitarre. Und das so exstatisch, dass die Originalversion von Steppenwolf wie ein halbgarer musikalischer Einfall einer Schülerband wirkt. Und immer wieder diese Männer, diese Bewegungen, diese Anmache von der Bühne. Unglaublich! Einfach großartig!

Lob der Gartendusche

Ganz unscheinbar hängt sie in der Fichte. Lediglich einige Steinplatten aus Hammelburger Muschelkalk geben einen Hinweis darauf, dass sich in diesem Baum etwas Besonderes befindet: Die Gartendusche. Sie ist eine der einfachsten und wunderbarsten Erfindungen für Gartenfreunde. Sie spendet immer kühles, brunnenkaltes Nass. Sie schenkt Abkühlung und einen klaren Kopf. Sie nimmt Schweiß und gibt prickelnde Frische. Und das zu jeder Zeit!

So wie heute, als sich die Schwüle abends bis zu den sich verdunklenden Wolken aufstaute. Als nicht mehr klar war, ob der feuchte Film auf der Haut von der Luftfeuchtigkeit oder doch eher aus dem Inneren der Haut stammte. Als der Druck auf dem Kopf zunahm und die Bewegungsfreude immer weiter ab. Genau in solchen Momenten ist die Gartendusche die Erlösung. Erst schreckt die Kälte ab. Doch wer den Schritt wagt und tief einatmet, wenn die Kälte von oben herabprasselt, der wird mit einem unglaublich entlastenden und befreienden Gefühl belohnt.

Natürlich geht dem eine kleine Qual, eine Schrecksekunde mit hunderten kleinen kalten Stichen auf der Haut voraus. Doch das währt nur kurz. Dann greift die Entspannung am ganzen Körper auf den Kopf über. Er wird klar und frei und von allem Druck entlastet. Dieses Gefühl ist einfach nur gut. Und das richtig Schöne dabei ist: Es dauert nicht lang. Nach zwei bis drei Minuten ist man ein anderer Mensch. Und erfreut sich wieder des Tages.

Grimmelshausens Gefährten sind immer auf Reisen

Eigentlich sind in diesem Buch zwei Reiseromane. Die „Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage“ und „Der seltsame Springinsfeld“ sind mit dem „Simplizissimus“ verbunden. Hans Jakob von Grimmelshausen hat sie nach dem Erfolg des Simplizissimus geschrieben, um die Geschichte weiterzudrehen. Dabei nutzte er Personen aus dem eigentlichen Buch.

Reiseromane sind die Bücher deshalb, weil die Lebenserzählungen der Courage und des Springinsfeld nicht aneinem Ort spielen. Vielmehr ziehen die Helden durch Europa, dem Dreißigjährigen Krieg nach. Der Leser kommt so an Orte in Deutschland, Böhmen, Italien, Griechenland, Russland der Türkei und vielen anderen Ländern. Die Courage folgt zunächst als Offiziersfrau, später als Hure und noch später als Zigeunerkönigin den Heeren und Schlachten.

Springinsfeld ist als Soldat Teil dieser Maschinerie. Die Courage schreibt eine fiktive Autobiografie, weil sie sich vom Simplizissimus in dessen Lebensbeschreibung verhöhnt fühlt. Es geht um ein Kind, das sie von ihm haben will oder auch nicht. Obwohl sich beide nur sehr kurz getroffen haben, schildert sie ihr Leben, um es diesem einen Mann heimzuzahlen. Und das, wo sie doch so viele Männer hatte. Männer, die sie verehrten, Männer, die sie benutzten und Männer, die sie bezahlten. Aber der eine Simplizissimus hat ihre Würde, die sie trotz ihrer entgegen gesetzten Karriere von der adligen Tochter sozial abwärts zur Zigeunerin führte, so sehr verletzt, dass sie diesen Umstand in die Welt hinausschreit.

Genau aus diesen Gegensätzen entsteht der Grimmelshausensche Witz in den Romanen. Die Courage hat übrigens so gut wie gar nichts mit der des Bert Brecht zu tun. Moral und Moralisieren sind ihre Kategorien nicht. Dafür die ständige Bewegung auf der Suche nach dem Wohlstand – und letztlich auch nach dem Glück. Sie ist immer auf Tour, kann nicht sesshaft werden. Und so nimmt sie den Leser mit auf ihre Lebensreise, die stets auch eine Reise durch die reale Welt ist. Ähnlich ist es beim Springinsfeld. Dem hat die Courage ihr Leben diktiert. Und der erzählt in dem Buch alles dem Simplizissimus in einer Straßburger Kneipe, wo er den alten Kameraden zufällig trifft. Sein Leben ist das eines typischen Landsknechts in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Da der Krieg nicht enden will, bietet er Ernährung für all jene, die lieber kämpfen, räubern und marodieren, als Äcker zu bestellen oder ein Handwerk auszuüben.

Die stete Bewegung, das stete Reisen hält ihn genauso wie die Courage davon ab, sein Glück festzuhalten, wenn sie es einmal gefunden haben. Aber diese Kategorie ist für diese Menschen nichts. Sie erdulden kein Schicksal, sondern leben eine Freiheit, die eben auch das Risiko in sich trägt, zu scheitern. Grimmelshausen schildert in den Büchern genau dies. Seine Bildungsromane sind kurzweilig und lehrreich. Denn die Courage ist zwar faszinierend, aber eben auch auf der schiefen Bahn nach unten. So viel Moral muss in den satirischen Schriften schon sein. Und Springinsfeld macht sich als Bettler sogar zum Gespött. Doch seine Würde behält er. Ja, er ist sogar glücklich und zufrieden. Schließlich hat er mehr von der Welt gesehen, als die meisten Zeitgenossen. Zwangsläufig fragt sich der Leser, ob sich Glück festhalten lässt oder ob es immer nur ein Momentum sein kann.

Egal, ob man in Bewegung oder fest verankert ist. Das Reisen bietet die Chance auf Veränderungen stärker als das Verharren. Aber ob das Treiben oder das feste Verzurren besser und richtiger ist, lässt Grimmelshausen für den Leser offen. Auch wenn die vordergründige Moral der Texte, etwas anderes suggeriert. Aber die Satire eröffnet neue Gedankenspiele. Reinhard Kaiser hat die beiden Romane wie schon den gesamten Simplizissimus ins Hochdeutsche übersetzt. Das war sehr mutig, denn auf den ersten Blick ist das Barockdeutsch noch immer gut verständlich. Doch Keiser eröffnet mit seinen Übersetzungen einem neuen Publikum die Chance, diese wunderbaren Simplizianischen Bücher kennenzulernen, die sich an das alte Deutsch nie getraut hätten. Da er sein Handwerk versteht, schafft er so wunderbare, gut verständliche und auch in der Übersetzung großartig abwechslungsreiche und unterhaltsame Texte. Egal ob man auf Reise ist, geht oder daheim beleibt, die Lebensbeschreibungen von Simplizissimus, Courage und Springinsfeld sind eine Entdeckung wert. Zumindest bei einer vergnüglichen Lesereise ins Innere der Texte und des Lesers selbst.

Das Buch in der Anderen Bibliothek…

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Fotos auf Festen

Was ist die wichtigste Frage vor der Konfirmation? Für die Eltern, wenn sie gemeinsam mit der Pfarrerin das Fest vorbereiten? Es ist das Fotografieren. Darf man? Oder besser nicht? Das Festhalten des Augenblicks ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Aber der Akt selbst störend. Das Klicken durchbricht die Ruhe. Das Blitzen zieht die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Ereignis auf den grellen Lichtfleck. Und das Suchen der besten Perspektive bindet die Blicke. Aber das Bedürfnis, den entscheidenden Moment im Bild festgehalten zu erinnern, ist groß. Nicht nur bei Konfirmationen. Das Dilemma ist es ebenso. Denn die Fähigkeit ohne Bildkrücke sich erinnern zu können, scheint zu schwinden. Und doch wäre dies doch der einzig richtige Weg, ein geistiges Ereignis festzuhalten. Im Herzen. Im Geist. In der Erinnerung.

Und das kommt dabei heraus…

Pause beim Wochenenddienst

Samstagsarbeit im Sommer kann ganz erträglich sein. Auf der Terrasse stört nur das grelle Licht der Sonne, das den Blick auf den Bildschirm einschränkt. Aber im Schatten geht es sehr gut. Umso schöner dann eine Pause mit Erdbeeren und Vanilleeis. Und natürlich einer Tasse guten Tee. Schade, dass Arbeit meist nicht so beschaulich ist. Die Produktivität ist in diesem Umfeld definitiv höher. Beim nächsten Dienst gibt es dann selbstgemachtes Eis…

Rotfront kennt keine Grenzen

Am Freitag erscheint die zweite CD des „Emigrantski Raggamuffin Kollektivs“ wie sich die Band auch noch nennt. Enge und Bevormundung sind genau die Assoziationen, die überhaupt nicht zu Rotfront passen. Denn die Band, die
Yuriy Gurzhy zusammen mit Simon Wahorn 2002 um sich geschart hat, sucht die Weite und den neuen Horizont, den sich Emigranten in jeder neuen Gesellschaft erschließen müssen. Außer den sowjetischen Wurzeln des Ukrainers Gurzhy erinnern allenfalls einige russische Songs an die Vergangenheit.

Thema des Albums und aller Live-Auftritte der fulminanten Musiker ist die Gegenwart. In den Songs beschreiben sie die internationale Welt, in der sie leben. Dass sich die Band in Berlin sammelte, ist deshalb auch kein Zufall. Dort gibt es diese Kultur, die sich aus ganz vielen Quellen speist und daraus etwas ganz Neues formt. Gurzhy ist der Internationalität schon lange auf der Spur. Für Trikont hat er den Sampler „Shtetl Superstars“ über aktuelle jüdische Musik quer über den Erdball zusammengestellt. Dabei suchte er das Verbindende in der Tradition.

Auf der neuen CD gibt es solche Elemente nur als persönliche Erinenrungen derer, die in Deutsch, Englisch, Russisch oder Ungarisch singen. Die Einheit wird durch das gemeinsame Musizieren so geformt, dass jeder Auftritt von Rotfront zwangsläufig zur Party wird. Schon nach den ersten Takten wippt jeder Saal. Auch deshalb ist Rotfront beim „Sziget-Festval“, einem der größten Europas, Headliner.

Musikalisch erinnert Rotfront an Seed oder Culcha Candela. Wo dort Karibik mitklingt, ist es hier Osteuropa. Ska, Raggae und HipHop werden mit Polka und Klezmer kombiniert. Heraus kommt Berliner Musik, die weltoffen, tolerant und befreiend feiert.

Rotfront: VisaFree (essay Recordings)

MOZ-Rezension…

Türkische Schüler pauken fürs Zentralabi

Prüfungsstress gehört in der Türkei zum Schulalltag. Vor allem die zentralen Prüfungen an Ende der achtklassigen Grundschule, der Mittelstufe und beim Abitur setzen Schüler und Eltern so unter Druck, dass Nachhilfe an Privatschulen normal ist. Experten schätzen, dass Eltern dafür mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr ausgeben.

Das Kabatas-Erkek-Lisesi in Istanbul liegt direkt am Bosporus. Der Blick richtet sich auf das asiatische Ufer. Frachter und Yachten passieren die staatliche Eliteschule. Hier werden nur Kinder unterrichtet, die bei der Abschlussprüfung der achten Klasse zu den Punktbesten der ganzen Türkei gehören. Zwar stammen die meisten Schüler aus Istanbul selbst. Doch hier in Besiktas gibt es auch ein Internat, das Kinder bis aus Trabzon aufnimmt.

Die Schüler am Kabatas-Gymnasium sind so gut, dass von 180 Absolventen im vergangenen Jahr 56 sogar einen Medizin-Studienplatz bekamen. Den ergattern in der Türkei nur die Allerbesten. Beim gesamttürkischen Zentralabitur müssen die Schüler fast alle Punkte erreichen, um in den Genuss zu kommen, Arzt werden zu dürfen. Das ist für sie eine große Qual – und eine große Belastung.

Denn de facto besuchen auch die meisten Schüler des Istanbuler Elite-Gymnasiums nicht nur dieses. „Dersane“ heißt das Wort, das türkische Eltern und Schüler fürchten. Dersane nennen sich private Nachhilfeschulen, die auf die zentralen Prüfungen vorbereiten. Im Istanbuler Cagaloglu-Lisesi, einer Eliteschule schräg gegenüber der Blauen Moschee, führt das dazu, dass in den Abschlussklassen fast alle Schüler krankgeschrieben sind. Sie gehen auf die Dersane und schenken sich wie landesweit ganz viele Schüler auch den eigentlichen Unterricht. Denn Eltern und Schüler sind davon überzeugt, dass die Nachhilfe aufs Abitur besser vorbereitet als der eigentliche Unterricht.

Im April sind jedoch viele Schüler des Cagaloglu-Lisesi zusammen mit Hunderten anderer Schulen in den Streik getreten. Auf Demonstrationen machten sie sich Luft, weil herauskam, dass die Schüler einer ganz bestimmten Dersane-Gruppe das Schema zur Beantwortung der zentralen Prüfungen kannten. Sie lösten selbst schwierigste Fragen, indem sie sich das Muster der Multiple-Choice-Antworten merkten. Offensichtlich hatte sich der Nachhilfekonzern die Muster im Bildungsministerium in Ankara organisiert.

Für die Türkei sind die zentralen Prüfungen eigentlich als Mittel im Kampf gegen die Korruption eingeführt worden. Und um auch den Schülern im unterentwickelten Osten des Landes die Chance einzuräumen, auf eine gute Schule oder eine gute Uni zu kommen. Die Vorstellung, dass gleiche Lehrpläne für alle Schüler am Ende mit zentralen und damit gerechten Prüfungen zu einem guten Ende der Schullaufbahn führen, hat sich aber nicht bewahrheitet.

Wer in der Türkei Eltern nach der Schule fragt, erntet traurige Blicke. „Wenn für meinen Sohn um 16 Uhr die Schule zu Ende ist, steigt er in den Bus und fährt eine Dreiviertelstunde, um auf die Dersane zu gehen“, schildert ein Vater in Ankara. Da bleibt er dann bis 20 Uhr. Anschließend sind dann noch die Hausaufgaben angesagt. Der Vater: „Er tut mir leid. Aber es geht ja nicht anders. Ohne Dersane hat er keine Chance auf einen guten Abschluss.“

Dieser zusätzliche Unterricht ist sehr teuer. 500 Euro pro Monat für Nachhilfe sind normal. In den Prüfungsjahren kann das aber auch auf bis zu 3500 Euro ansteigen. Von diesen Zahlen berichten die Schüler des Cagaloglu-Lisesi. Diese Kosten fallen an, wenn es sich um Einzelunterricht handelt und die angeschlossenen Fahrdienste inklusive sind. Eine ganze Industrie lebt davon, dass die staatlichen Schulen nicht das Vertrauen genießen, die Schüler auf die Prüfungen richtig vorbereiten zu können. Cengiz Ertan, Lehrer am Kabatas-Lisesi meint: „Eigentlich ist es ja unsere Aufgabe, die Schüler für die Prüfungen fit zu machen. Doch es wird dem Schulsystem insgesamt nicht zugetraut.“

Diese Einschätzung hat auch mit den großen Unterschieden innerhalb des Landes zu tun. Im Westen, also in Istanbul oder Izmir, ist der Lebensstandard deutlich höher als in Städten wie Erzurum oder Batman im Osten. Mit dem Wohlstand steigt auch der Bildungsgrad. Die türkische Regierung will diese Ungleichheit auch durch das strenge landesweite Prüfungsverfahren ausgleichen. Doch im ärmeren Osten verschärft der teils objektive, vor allem aber subjektive Zwang zum Besuch der Dersane nach Schulschluss die Ungerechtigkeit noch. Denn hier 
fällt es den Eltern angesichts der niedrigeren Einkommen noch schwerer, das Geld dafür aufzubringen.

Das Özel-Bilkent-Lisesi ist eine Antwort auf dieses Problem. Özel Bilkent hat einen großen Teil seines Vermögens in eine Bildungsstiftung gesteckt. Neben einer Universität in Ankara gibt es in Erzurum ein Internat von ihm. Dieses Pilotprojekt soll auf andere Städte im Osten ausgedehnt werden. Im Gespräch sind Van und Batman. Zugangsvoraussetzung ist der zentrale landesweite Test. Hinzu kommt noch eine Aufnahmeprüfung. Wer es schafft, kann sich fast immer auf ein Stipendium freuen. Es sei denn, die Eltern verdienen zu gut.

Jeder Schüler erhält einen Laptop, die Klassen sind überschaubar und die Ausstattung ist auf dem allerneusten Stand. Ziel der Einrichtung ist es, eine Elite im Osten auszubilden, die dort nach dem Studium auch möglichst bleibt. Und die sich dem türkischen Staat verbunden fühlt, obwohl Türken in diesen Städten oft nur die Minderheit sind.

Dafür weicht das Schulkonzept auch von denen der staatlichen Schulen ab. Hier wird nicht nur auswendig gelernt, wie es an normalen Schulen angesichts der drohenden Multiple-Choice-Tests nötig ist. Am Özel-Bilkent hat Projektarbeit einen hohen Stellenwert. Neugier wird belohnt. Kreativität zu fördern ist Ziel der Schule. Staatliche Schulen opfern diesen Bildungsauftrag dem Pauken für die Zentralprüfungen.

MOZ-Beitrag…

Schönes Ende eines Interviews

Hans Keilson: Kein Plädoyer für eine Luftschaukel
Hans Keilson: Kein Plädoyer für eine Luftschaukel

Das Gespräch mit Hans Keilson vor dessen 100. Geburtstag ist mir auch 18 Monate später noch ganz präsent. Mit seiner Frau hatte ich den Termin abgestimmt und mich auf den Weg über Amsterdam nach Bussum gemacht.

Dort lebt der letzte deutsche Exilschriftsteller in einem schönen, typisch holländischen Haus. Die Wärme des Empfangs, die Güte des Gesprächs, der Humor beim Nachdenken an die Jugend in Bad Freienwalde und Berlin, die Trauer über den Zwang ins Exil gehen zu müssen und die Klarheit beim Nachdenken über die Folgen des Nationalsozialismus wirken noch immer nach.

Keilson musste seine Heimat verlassen und hat sich eine neue erarbeitet. Keilson hat Familie verloren und eine neue begründet. Keilson hat Kindern, die aus den KZs zuück kamen als Arzt geholfen und dennoch angesichts des Leids nicht auf Rache gehofft. Keilson galt 1933 als ein verheißungsvolles Talent, als sein Debütroman bei S. Fischer erschien, und hat sich nach dem Krieg als Psychoanalytiker einen Namen gemacht. All das ist schon faszinierend und Ehrfurcht erfüllend. Aber wenn man dann mit so einem Menschen sprechen kann und eine gute Wellenlänge zueinander findet, verschwimmt das alles.

Dann sitzt einem nur ein wunderbarer, humorvoller Mensch gegenüber, der auch mit 100 Jahren noch neugierig ist. Und das so sehr, dass die Hälfte des mehr als zweistündigen Gesprächs aus meinen Antworten auf seine Fragen bestand. Die sind in dem gerade erschienenem Band nicht zu finden. Aber das Interview, das aus dem Gespräch entstand, ist die Eröffnung der Textsammlung. Und damit ein schönes Ende eines Interviews.

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