Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gen-Defekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie.

Als sie begreift, dass Johann Ritter die unglaubliche Eigenschaft hat, dass er selbst schwerste Verletzungen in kürzester Zeit regenerieren kann, ist er vor allem ein Forschungsobjekt. Denn all ihre Versuchsreihen dienen einem Ziel: Der Überwindung der Sterblichkeit. Ritter wiederum ist dankbar, dass er bei Johanna aufgenommen wird. Aber sein Geheimnis will er nicht preisgeben. Denn er erlebt sein mehr als 200-jähriges Leben nicht als Genuss und Freude, sondern vor allem als Leid.

Thea Dorn ist eine großartige Stilistin. Sie schafft es, den Sprachduktus Johann Ritters im aus dem frühen 19. Jahrhundert glaubwürdig zu schreiben. Außerdem gelingt es ihr, die vielen wissenschaftlichen Aspekte spannend und dennoch sehr genau zu schildern. Und dann gibt es da auch noch eine immer wieder von außen kommentierende Stimme, die stark nach Mephisto, Luzifer oder Faust klingt. Selbst eine Fledermaus lässt sie kommentieren. Eine Fülle von stilistischen Besonderheiten, die für unterschiedliche Erzählebenen stehen, muss sie bändigen.

Sie formt daraus eine aktuelle Faust-Erzählung, die mit Motiven aus der Romantik ebenso gekonnt spielt wie mit theologischen und literarischen. All das macht das Buch komplex. Aber auch raffiniert. Leser, die Bücher nicht nur „weg lesen“, können in den „Unglückseligen“ regelrecht versinken. Denn Thea Dorn sorgt beim Jonglieren der Motive, Dialekte, Andeutungen und Zitate nicht für Verdruss. Alles geht auf. Alles fügt sich. Selbst die großen, schweren Themen erdrücken den Text nicht.

Ein Roman, der einen noch immer lebenden Mann aus dem 19. Jahrhundert mit einer modernen Wissenschaftlerin zusammenbringt, läuft immer Gefahr, lächerlich zu werden. Bei Mann und Frau denkt jeder auch an Liebe. Spätestens dabei ist der Absturz in die Lächerlichkeit fast schon programmiert. Aber selbst diese selbst gebaute Klippe bewältigt Thea Dorn. Am Ende kommen sich die beiden sehr nahe. Ja, sie lieben sich. Aber mit der Liebe kommt auch eine Ausweglosigkeit. Das Happy End, das Thea Dorn den Lesern anbietet, ist ein Dilemma. Unsterblich kann die Liebe nur im Tod werden. Bleibt die Frage, ob ein Johann Ritter tatsächlich sterben kann?

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