Walter Mehrings Bibliothek im Wiener Hotel Fürstenhof

Vom Westbahnhof sind es nur einige Meter bis zum Hotel Fürstenhof. Es liegt am Neubaugürtel 4. Als Walter Mehring Im September 1934 aus Paris kommend mit dem Zug in die österreichische Hauptstadt einfuhr, hat er als erste Unterkunft eine naheliegende Adresse gewählt. Aber offenbar hat es ihm in dem von Inhaber Julo Formanek in einem schönen Jugendstilhaus geführtem Hotel so gut gefallen, dass er dort blieb. Und das für immerhin dreieinhalb Jahre.

Vielleicht waren es anfangs auch ganz praktische Überlegungen, die ihn in den Fürstenhof führten. Dank der Nähe zum Bahnhof war der Weg für den Transport seiner Bibliothek nicht weit. Denn nach Wien wurde ihm die Bibliothek seines Vaters, die „Verlorene Bibliothek“, aus Berlin nachgeschickt – „ins Exil gerettet dank der Komplizität der Berliner Tschechoslowakischen Gesandtschaft, dank der Kollegialität ihres Attachés, des Lvrikers Camill Hoffmann (aus der Prager Dichterrunde der Werfel, Mevrink, Kafka, Capek, die alle etwas kabbalistisch angehaucht waren), – ihn aber hat man später in einem Brandofen vernichtet.“ (Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek, Düsseldorf: Claassen Verlag, S. 17)

Und hier steht der ganze Text….

Süßes Wien

Apfelstrudel, Palatschinke, Torte, Kuchen, Konfekt – überall. In Wien kann man den Leckereien der Bäckereien, Konditoreien und Cafés nicht entgehen. Es sei denn, man weiß nicht zu genießen. In Schaufenstern, Spezialläden und den allgegenwärtigen Caféhäusern drängt sich all das, was sich mit Zucker Feines anstellen lässt, ins Auge. Und dann natürlich in den Mund, wo sich die Aromen dank des süßen Geschmackträgers herrlich verteilen, wo sich die Cremes und Strudel, die Kuchen und Torten zart auf der Zunge auflösen und gegen den Gaumen gedrückt Momente des Wohlgefühls auslösen. So ist das in Wien. Süß. Und gut. Und immer wieder beglückend.

Von der Würde des Arbeitens in der Wiener Hofburg

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Da geht man ganz unbedarft in die Wiener Hofburg, um Altes zu besichtigen, und dann ist man unversehens Zaungast eines Staatsempfangs. Keine bunten k. u. k. Uniformen marschieren in Reih und Glied durch die Hofburg. Schnödes Feldgrau versucht den gleichen Pomp, den gleichen Ernst, die gleiche Würde auszustrahlen, wie es das alte Zeremoniell erfordert. Denn das ist so alt wie Teile der Mauern, in denen der slowenischen Präsident Borut Pahor heute begrüßt wird.

Staatsempfang des slowenischen Präsidenten in Wien am 6. Februar 2013
Staatsempfang des slowenischen Präsidenten in Wien am 6. Februar 2013

In anderen Hauptstädten gehört das Aufmarschieren von Ehrenkompanien zum folkloristischen Tourismusspektakel. Vor allem Monarchien spielen gern mit bunten Soldaten, die auf- und abmarschieren. Und das vor großer, alter Kulisse. Die österreichische Ehrenkompanie hat noch einige Insignien, die an die große Zeit erinnern, zum Beispiel Offiziere, die blanke Säbel ziehen und präsentieren. Beim Publikum, fast ausschließlich Touristen, kommt gut an. So ein Säbel ist ja auch viel würdevoller, als leere Hände beim Grüßen am Stahlhelm.

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Überhaupt ist es die Würde, die hier zelebriert wird. Auch wenn sie immer wieder schön gebrochen wird. Etwa wenn sich Österreichs Präsident Heinz Fischer und seine Frau Margit auf den Weg zur Begrüßung des Gastes machen. Sie beide strahlen so viel herzliche Bürgerlichkeit aus, dass das Feldgrau doch wieder den richtigen Hintergrund abgibt. Als Sloweniens Staatspräsident Borut Pahor dann kommt, als die Hymne gespielt wird, als nach dem Herzen und Drücken die Ehrenkompanie abgeschritten wird, ist das alles dann doch noch ein würdevolles Spektakel.

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Wenn da diese Frau nicht wäre. Mit ihrem Wägelchen, das sie ungerührt von Bläsern, Blech und Bundespräsidenten, über die Pflastersteine rattert, macht sie einen geradezu ungehörigen Krach. Weder die absperrenden Polizisten noch die neugierigen Touristen können sich das Grinsen verkneifen. So wird sie eingerissen, die würdevolle Fassade in der Ehrfurcht erheischenden Wiener Hofburg. Von einer Frau, die arbeitet – und keine Zeit für alte, höfische, Zeremonien hat.

Herrn Kukas Empfehlungen für gute Tage in Wien

Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen
Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen

Waldemar. Der Pole heißt Waldemar und kommt aus Warschau, um nach Wien aufzubrechen. Ganz schön viele Ws wollen da auf wunderbarliche Weise Witz und Wahrhaftigkeit weismachen. „Herrn Kukas Empfehlungen“ von Radek Knapp trägt manchmal schon ein weinig dick auf. Dann drückt der Roman auf das Gemüt wie ein Kaiserschmarrn, der in zu viel Butterschmalz zu lange ausgebacken wurde, auf den Magen.

Und dennoch ist die Geschichte von Waldemars ersten vier Wochen in Wien ein amüsantes Buch. Denn Radek Knapp, der vor fast 30 Jahren selbst aus der Hauptstadt Polens in die Österreichs aufbrach, spielt wunderbar mit den Klischees die Polen vom Westen, Österreicher und Deutsche von Polen und alle zusammen von sich selbst haben. Nur manchmal trägt er zu dick auf. Aber das ist dann zwei Seiten später schon wieder vergessen, weil dann ein schöner neuer Einfall ein Schmunzeln erzeugt.

Waldemar steht in der Tradition vieler Schelmen, die ganz naiv in die Welt stolpern und den Lesern so zu amüsanter Erkenntnis verhelfen. Nach 250 Seiten ist er erwachsen geworden – mit allem was dazu gehört: der erste Sex, die erste Liebe, der erste Job – und das alles fern der Heimat. Dass der Roman schon 1999 erschienen ist, stört nicht. Die Geschichte ist heute genauso wahrscheinlich wie damals – mit samt dem Inventar Wiens. Kein Wunder, dass das Buch vor fünf Jahren auch verfilmt wurde. Wer Polen, Wien, Österreich und oder Schelmenromane mag, der wird seinen Spaß mit Radek Knapps „Herrn Kukas Empfehlungen“ haben.

Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen; Piper

Mein erster Schnaps

Minidestille zum Schnapsbrennen
Minidestille zum Schnapsbrennen

In dem einen Kolben ist Wein. Nicht irgendein Wein, sondern mein Wein. Im anderen ist Wasser zum Kühlen. Spiritus erhitzt den Wein – und nach der Kühlung tröpfelt Weinbrand in den Behälter mit dem Glastrichter. So einfach ist das. Und doch sehr aufregend. Immerhin ist es das erste Mal, dass ich die kleine Apparatur benutze. Und so bestaune ich jeden einzelnen Tropfen, der in den Glastrichter fällt.

Noch aufregender ist der erste Tropfen auf meiner Zunge. Funktioniert das? Kann man das trinken? Natürlich kenne ich unzählige Geschichten von selbstgebranntem Schnaps aus Russland oder Polen oder aus Erzählungen vom Wehrdienst bei der NVA. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass das Brennen bei mir auch klappt. Wie in der Anleitung verlangt, habe ich die allerersten Tropfen weggeschüttet – auch wenn es mir nicht leicht fiel. Aber die rochen auch sehr streng. Ganz anders als der erste auf meiner Zunge.

Der ist fruchtig, schmeckt intensiv nach Muskat und enthält all die Aromen, die mich auch bei meinem ersteren Wein schon so verblüfft haben. Irre! Und das geht so einfach! Schmeckt enorm gut. Und macht auch noch Spaß. Nur die Menge Schnaps, die sich in der Minidestille so destillieren lässt, ist doch arg klein. Der Bundesfinanzminister erlaubt nur wenige Gläschen. So ist ein Abend, bei dem eigener Schnaps gebrannt wird, auch ein langer – und ein zweisamer. Bei dem sich schön genießen lässt, denn betrinken kann man sich mit den wenigen Schnäpschen ganz sicher nicht.

Der Trafikant ist das beste Buch von Robert Seethaler

Robert Seethaler: Der Trafikant
Robert Seethaler: Der Trafikant

Die Phase, in der aus Buben in der Provinz junge Männer werden, hat es Robert Seethaler angetan. In „Die weiteren Aussichten“ erzählte er von Herbert Szevko, der mit seiner resoluten Mutter eine Tankstelle am Rande der Landstraße führt – und der aus dieser Enge ausbricht. Getragen von der Liebe in eine junge ungestüme Frau. In „Jetzt wird’s ernst“ bricht ein Junge aus der Enge des väterlichen Friseursalons in die faszinierende Welt des Theaters auf; natürlich auch aus Liebe. Und in seinem neuen Roman „Der Trafikant“ geht es um Franz aus dem Salzkammergut, der aus dem Fischerhäuschen am Rande des Sees von seiner Mutter nach Wien geschickt wird, um bei einem Trafikanten zu lernen.

Im Laden dieses Zeitungs- und Tabakhändlers entdeckt er die Welt durch die bedruckten Seiten. Die ist in den Jahren 1937 und 1938 alles andere als ruhig. Wien taumelt dem Ende der Unabhängigkeit entgegen. Der „Anschluss“ kommt, Nazis übernehmen die Macht, beschmieren den Trafik. Die Gestapo verhaftet den Chef und ermordet ihn schließlich.

Franz nimmt das alles wahr, aber ihn treibt die Liebe zu einer Cabaret-Tänzerin, die ihn verführt, verlässt und sich dann auf einen Nazi einlässt. Halt findet der junge Held in diesen verwirrenden und sich so radikal verändernden inneren und äußeren Umständen bei Sigmund Freud. Der kauft in dem Trafik seine Zigarren. Dem Franz gelingt es, mehrfach mit Freud zu sprechen und letztlich zu erleben, wie er sein Wien am Westbahnhof verlässt, um ins Exil zu gehen.

Robert Seethaler formt aus der Mannwerdung einen Roman voller Humor und Tragik, der dennoch nie lächerlich wird. Angesichts der Zeit, in der der Roman spielt und Sigmund Freunds ist das allein schon eine große Leistung. Wie Seethaler Freuds Traumdeutung, den Niedergang Österreichs und den naiven Blick von Franz mit dem weisen Freuds kombiniert, das ist große Literatur. Von Buch zu Buch wird Seethaler ernsthafter, ohne dabei seine Leichtigkeit zu verlieren. „Der Trafikant“ ist sein bestes Buch. Bisher.

Robert Seethaler: Der Trafikant; Kein & Aber

Teresa Präauer hat einen ganz eigenen Rhythmus in der Jurte

Thersa Präauer in der Jurthe
Thersa Präauer in der Jurthe

Teresa Präauer liest ganz betont. Jedes Wort bekommt genau das Gewicht, das sie ihm beim Schreiben geben wollte. Das verwirrt am Beginn ihrer Lesung in der Jurte am Potsdamer Platz. Doch schon nach kurzer Zeit entsteht ein ganz eigener Sound, der aus dem Roman fast ein Prosa-Gedicht formt.

„Für den Herrscher aus Übersee“ erzählt von einer Liebesgeschichte eines österreichischen Fliegers und einer japanischen Fliegerin. Ganz fremd sind sie sich, als sie sich nach einem Absturz kennenlernen. Seine Enkel wollen diese Geschichte hören, für die die Großmutter kein Verständnis hat. So wenig wie für die Biere, mit denen er die Erinnerung an seine große Liebe wegspült. Was anfangs naiv klingt, bekommt eine erstaunliche Tiefe – oder besser Höhe, denn die hat Teresa Präauer im Blick, wenn sie schreibt.

Dieses von oben Wahrnehmen, um Strukturen zu erkennen, die sich dann beim Annähern auflösen, fasziniert sie. In ihrer Lesung am Potsdamer Platz bei den Geschichten in Jurten gelingt es ihr trotz der Enge das zu vermitteln. Obwohl sie selbst nach fast elf Stunden im Zug gerade rechtzeitig ankam. Der Schnee in Wien hatte den Flug verhindert. Doch dann sitzt Teresa Präauer in einer Jurte, die mollig warm ist, und dem Winter trotzt. Das ist ein bisschen wie der Stoff ihres Buches, in dem sich das Besondere in einer warmen, schönen Erinnerung bündelt, um die Kälte und die Wirrnisse des Lebens und Liebens im Besonderen zu konservieren.

Teresa Präauer: Für den Herrscher aus Übersee, Wallstein Verlag

Rotfront feiert in der Geburtstags-Sauna

Rotfront im Café Burger
Rotfront im Café Burger

Das Café Burger dampft. Es bebt. Es dröhnt. Und das alles rhythmisch voller Energie. Zehn Jahre feiert Rotfront im Stammlokal. Drei Nächte, drei Konzerte und jedesmal nur 200 bis 300 Fans, weil mehr beim besten Willen nicht in die Kneipe passen. Die sind aber mehr als genug. Nach dem Konzert ist jeder verschwitzt, egal ob er sich bewegt hat oder nicht. Wie in der Sauna rinnt der eigene und der Fremdschweiß. Denn Yuriy Gurzhy und seine sieben bis zehn Helfer an den Instrumentebn und Mikrophonen heizen in dieser Winternacht richtig ein. Das abgegriffene Sprachbild trifft es in diesen kalten Winternächten ganz genau.

Rotfront mit der Mischung aus Raggae, Klezmer, HipHop, Ska und Balkan Brass macht die schönste und kraftvollste Berliner Heimatmusik. Weil sie so international ist, weil sie die Stadt feiert und weil sie das mit einer Leidenschaft und Spielfreude macht, die ohne jede Aggression auskommt. Danke Rotfront für dieses Konzert. Danke das feine, das ich schon vor einigen Jahren im Café Burger erleben durfte. Und danke für alle weiteren!