Bernadette La Hengst: Machinette

Bernadette La Hengst: Machinette
Bernadette La Hengst: Machinette

Sie klingt im ersten Moment immer etwas naiv. Die Stimme von Bernadette La Hengst (41). Als müsse sie beschützt werden. Doch wer sich ihre Texte genau anhört, merkt, dass diese Bernadette alles ist. Aber eines sicher nicht: naiv.

Sie besingt die Freiheit ohne Sicherheit. Und weiß ganz genau, dass es Freiheit nur so gibt, ohne Sicherheit. Aber mit schöner Musik: „Die Ketten, die fallen, machen die schönste Musik“. Das klingt bedeutungsschwer und ist doch auch gebrochen ironisch. In Süßer Gefangenschaft besingt sie mit der gleichen Ironie die selbst gewählte Aufgabe der Freiheit in einer Beziehung: „Rette mich aus meinem freien Leben / nimm mich gefangen / denn ich will keine Wahl, keine tägliche Qual.“ Mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Elektro-Pop und Gitarren-Akkorden rundet sie ihre leicht melancholischen Texte passend ab.

Neue Rockoper im alten Gewand: Ignorance & Vision

Die ersten Takte klingen, als hätte Lou Reed mit Velvet Underground einen neuen Song eingespielt. Dann wird am Sound vor allem durch den Einsatz anderer Stimmen gedreht – und schon wird der Hörer in ein unbekanntes Album von Queen versetzt. Für eine CD,
die gerade erst auf den Markt gekommen ist, eine sehr ungewöhnliche Mischung!

My Baby wants to eat your Pussy (MBWTEYP) nennt sich die Band, der das einfällt. Vier Jahre sind die sechs Musiker schon zusammen, haben unzählige Konzerte gespielt. Aber „Ignorance & Vision“ ist das Debüt. Wer auf vielschichtigen Rock steht, wird bestens bedient.

MBWTOYP hat die Rockgeschichte nicht nur gehört, sie formt daraus eine irre Mischung aus Neuem und Zitaten von Altem. So sorgt die Band für ständige Überraschungen – und die Gewissheit, dass man sich das Album immer und immer wieder anhören kann, weil es immer noch Neues zu entdecken gibt. Die Rockoper handelt von Liebe und Jungen und Mädchen. Das ist nichts Besonderes, die Musik aber schon. Sind da wirklich nur MBWTEYP zu hören oder auch David Bowie, Van der Graaf Generator, The Who, Red Hot Chilli Peppers?

Orsihas: Cosita Buena

Orishas: Costa buena
Orishas: Costa buena

Cosita Buena ist das vierte Studioalbum der Orishas . Vor knapp zehn Jahren taten sich Roldán González, Hiram Riveri Ruzzo und Yotuel Romero als kubanische Exilanten zu einer Band zusammen. Sie formten eine Mischung aus traditioneller kubansicher Musik und Hip-Hop. Beim ersten Album von Culcha Candela klang einiges so, wie bei den enorm erfolgreichen Orishas . Mit Cosita Buena gehen sie einen weiteren Schritt Richtung eigenständigen Sound. Zwar ist immer klar, dass hier Kubaner am Werk sind, doch die Musik distanziert sich vom Kitsch des Buena Vista Social Club auf angenehme Art. Der Hip-Hop dominiert genauso wenig. Heraus kommt eine extrem hörbare Scheibe, die wie der musikalische Aufbruch in die Zeit nach Fidel Castro klingt.

Le Trio Joubran: Majaz

Le Trio Joubran: Majaz
Le Trio Joubran: Majaz

Drei Brüder aus Palästina verzaubern mit ihrer Mischung aus arabischer Lautenmusik und leichten Jazzanklängen. Der Vater der Brüder Adnan, Samir und Wissam Joubran ist ein bekannter Oud-Bauer. Die Oud ist eine Art Laute, die seine Söhne beherrschen.

Der Klang, den die Brüder aus den Instrumenten herausholen, ist ideal, um sich und seine Gedanken treiben zu lassen. Das liegt am weichen Klang der Oud. Anders als Gitarren, die oft etwas hart wirken, erzeugen diese Lauten einen flirrenden Sound, bei dem die drei Instrumente ineinander aufgehen. Arabische und spanische Melodien liegen den Stücken zugrunde. Das
Arabische überwiegt dabei immer. Und dennoch ist diese Musik nicht nur fremd. Le Trio Joubran öffnet uns eine akustische Vorstellung der Nähe von Okzident und Orient.

Toni Mahoni ist sich sicher: Allet is eins

Toni Mahoni ist ein Phänomen des Internets. Auf myspace wurde er groß. Seine Songs fanden Hörer, weil sie witzig, direkt und in einem schönen, rotzigen Berlinerisch gesungen
sind. „Allet is eins“ heißt jetzt sein erstes Album.

Das hält, was uns sein myspace-Treiben versprochen hatte. Wer den ersten Song Ketten gehört hat, muss das Album zu Ende hören. Wunderbar, wie Toni da unser aller falsches
Einkaufen kommentiert: „meen kleena buchladen macht bald zu / und schuld daran bist du / denn du korrupta clown / koofst jedet buch bei amazon“. Tja, wo er recht hat, hat er recht.

Und wenn er diese Weisheit auch noch wie einen echten Gassenhauer intoniert, der sich in die Gehörgänge wie ein Ohrwurm windet, dann hat er uns gewonnen. Und das zu Recht. Denn seine Lieder sind einfach schön. Seine Hymne auf Brandenburg genauso wie der
verzweifelte Appell an die Freundin, doch auch mal was mit Fleisch zu kochen: „Ick mag ja dein jemüse / ich krieg bloß kalte füße / ick brauch paar proteine, / sonst fallick vonna schiene / dit wolln wa beede nich / drum kommt fleisch heut auf den tisch.“ Toni Mahoni klingt etwas wie Tom Waits. Er ist nur viel jünger.

Michael Braun erinnert sich an seine Zeit mit Haindling

Haindling ist in Bayern eine Kultband. Seit 1982 spielt Hans-Jürgen Buchner (63) unter dem Namen seines niederbayerischen Heimatortes eine Mischung aus Jazz, Rock, Folklore und vor allem Dialekt. Michael Braun gehörte zu den ersten Mitgliedern der Band. In seinem Buch „Meine wilde Zeit mit Haindling“ erzählt er in abgeschlossenen Geschichten Episoden aus dem Bandleben.

Die sind zum Teil sehr lustig, manche auch traurig, vor allem aber immer voller Leben. Da es kein offizielles Buch über Buchner und Haindling gibt, hat Braun für Fans ein unbedingtes Muss verfasst. Dass es auch gut zu lesen und voller schöner Fotos ist, macht das Buch umso besser.

Michael Braun: MEINE WILDE ZEIT MIT HAINDLING. ROSENHEIMER VERLAGSHAUS, 14,95 EURO.

The Bosshoss live in Köln

Bosshoss: Live from Cologne
Bosshoss: Live from Cologne

Die Berliner Country-Rocker Bosshoss sind auf der Bühne groß geworden. Das ist auf der Doppel-CD Stallion Battalion Live in jedem ihrer Song zu hören. Boss und Hoss und ihre Band überzeugen nicht nur mit ihren Songs. Das haben sie nun schon hinlänglich bewiesen. Vor allem ihre Fähigkeit, das Publikum zu steuern ist faszinierend. Das kommt auf der beiliegenden DVD natürlich noch besser zur Geltung. Musikalisch bieten Bosshoss ihrerockige Mischung aus Cover-Versionen und eigenen Titeln. Die Songs haben einen unglaublichen Drive. Sie sind gespickt mit Ironie und dennoch nichts für den Kopf, sondern vor allem für Bauch und Beine. Denn bei Bosshoss ruhig zu bleiben, geht gar nicht. Bewegung ist ein Muss. Und vor allem eine große Lust!

P.R. Kantate ist janz dick im Jeschäft

Der Berliner Plattenreiter Kantate hat sich die deutsche Rockmusik der 80er-Jahre noch mal angehört. Und Rio Reisers „König von Deutschland“ in einen Kreuzberger verwandelt. Und aus „Karl dem Käfer“ einen Kiffer gemacht. Das Gute daran: Es sind richtig gute Songs entstanden.

P. R. Kantate hat das Covern als Kunst begriffen und sich Songs von Ideal, Trio, Grauzone angeeignet. Er hat sie neu abgemischt, mit neuen Texten oder Textteilen versehen und so zu Berliner Songs eines Jungen vom Kiez in Kreuzberg gemacht. Das Ganze ist mit Reggae-
Rhythmen unterlegt und zu einer extrem tanzbaren Musik gemixt.

Seine selbstironischen Einschübe unter dem Titel „Radio Ragga“ geben dem ganzen Halt und Struktur. Das Ganze ist also ein echter Knüller, verspielt und doch mit Witz und Schärfe.

Trikont feiert Weihnachtslieder mal ganz anders

Weihnachtsgedudel allerorten. Aus jeder Box im Kaufhaus, aus jedem Radio, selbst in den Fußgängerzonen trällern perwollweichgespülte Weihnachtsweisen aus den Lautsprechern. Wem das zu viel ist – und wem sollte das nicht zu viel sein? – für den hat das kleine, feine Label Trikont eine passende Ausgabe von Weihnachtsliedern.

Wish you heißt das Album, auf dem 19 Songs rund um das Thema Weihnachten, Geschenke und Gefühl versammelt sind. Da erklingen Country-, Mambo- und Jazzklänge.
Da ist wunderbarer Schlager aus den 40er-Jahren dabei. Und selbst „Last Christmas“ von George Michael (44) erklingt hier – aber in einer Country-Version von „The Twang“. Der einfache Kunstkniff, dem Song einen anderen Sound zu geben, sorgt dafür, dass selbst diese schlimmste aller Christmas-Schnulzen schön wird – und eine Erholung für die Ohren.
Renate Heilmeier hat die Sammlung zusammengestellt.

Wer will, kann auf die Texte hören und über Weihnachten sinnieren. Wem die säuselnden Engelschöre vergangen sind, der kann diese CD auch nach Weihnachten noch wunderbar
hören. Denn ohne die Texte funktioniert die Musik einfach als gute Musik. Ganz ohne Schmalz und Glockenklingeln.

Serrats Texte zu Son bis Hip-Hop

Cuba la cant a Serrat
Cuba la cant a Serrat

Ein spezielles Experiment mit bekannten kubanischen Musikern ist auf der Doppel-CD  „Cuba le canta a Serrat“ gebannt. Alte und junge Kubaner, die musikalisch die Bandbreite zwischen Son und Hip-Hip haben, machten sich an das Werk von Joan Manuel Serrat (63).

Der kommt aus Barcelona und hat sich während der Diktatur Francos geweigert, spanisch zu singen. Serrat bestand auf seiner Muttersprache Katalanisch – und war dafür sogar bereit, ins Exil zu gehen. Ein Jahr lebte der originelle Dickkopf in Mexiko, dann starb der senile Faschist Franco und Serra wagte es wieder, heimzukehren.

Wenn jetzt kubanische Künstler einen solchen widerständigen Sänger, Texter und Komponisten intonieren, dann weckt das natürlich Gedanken an die Diktatur des senilen
Dauerkranken Fidel Castro. Insofern ist das Projekt nicht nur musikalisch, sondern auch
politiisch spannend. Ibrahim Ferrer († 77, Buena Vista Social Club) ist für die traditionelle Interpretation, David Calzado ein Beispiel für eine moderne. Alle 21 vereint der durchaus gelungene Versuch, den katalanischen Liedermacher zu kubanischer Musik zu machen. Das gelingt fast ausnahmslos. Und macht somit neugierig auf die eigenen Musikprojekte wie auf jene Serras.