Mit Johann Legner im RE 2 – Ein Nachruf

RE 2 von Berlin nach Cottbus. Jeden Morgen saß Johann einige Jahre lang in diesem Zug. Und abends dann zurück. In Königs Wusterhausen bin ich dazu-, bzw. ausgestiegen. Frühs hatte Johann schon die wichtigsten Zeitungen gelesen. Was es an Neuem gab, welche Analysen der Innen- und Außenpolitik plausibel oder einfach nur ärgerlich waren, wurde dann sofort ausgewertet. Für mich waren diese Zugfahrten wie eine Druckbetankung mit Wissen und Denkanregungen.

Aber Johann hörte auch zu. Er war neugierig auf die Gedanken des jüngeren Kollegen. Sein Denken war stets so beweglich, dass es ohne Anregungen gar nicht ausgekommen wäre. Bei unseren ersten Fahrten schüttelte er noch den Kopf, wenn ich ihm erklärte, weshalb sich Vattenfall über kurz oder lang aus der Lausitz zurückziehen könnte. Anfangs war er reserviert, wenn wir über Erneuerbare Energien stritten, über die ökonomischen und ökologischen Chancen, die in deren Entwicklung und Ausbau steckten. Aber das änderte sich. Johann begann sich mit dem Thema zu beschäftigen. Und begann die Diskussion darüber, welche Akteure aus der Lausitz, aus Brandenburg an einem Tisch sitzen müssten, um zu verhindern, dass die Lausitz in ihren Kohlestrukturen so sehr erstarrt, dass sie den Wandel verschläft – und eines Tages vor einem nicht zu beherrschenden Strukturwandel stünde.

Johann dachte weiter. Deshalb war er auch bereit, für Vattenfall eine Talk-Runde zu moderieren, in der die Akteure der Lausitzer Wirtschaft, die Umweltaktivisten und die politisch Verantwortlichen über die Zukunft der Lausitz diskutierten. Ihn ärgerte zwar, dass das eigene Blatt, die Lausitzer Rundschau, nicht in der Lage war, das Debattenforum für den nötigen gesellschaftlichen Wandel in der Lausitz zu sein. Aber das Thema war ihm zu wichtig, als dass er es unbearbeitet lassen wollte. Dann lieber den Konzern, der sich mit dem Talk-Format ja auch zu seiner Verantwortung in der Lausitz bekannte, quasi im eigenen Haus mit den Ideen der anderen und den Konsequenzen des eigenen Handelns zu konfrontieren.

Wenn Johann von den Gesprächen mit Vattenfall erzählte, leuchteten seine Augen. Er wusste um die subversive Kraft von Worten und Gedanken. Es machte ihm sichtlich Spaß, sich als Motor einer Diskussion zu fühlen, die er auch in Potsdam als Landeskorrespondent fortführte. Und je mehr er sich mit der möglichen Zukunft der Lausitz beschäftigte, umso größer wurde auch das historische Interesse am gesamten Raum von Berlin bis Breslau. Denn Johanns Denken konnte nicht an irgendwelchen Grenzen stoppen.

Die Fahrten in RE 2 mit Johann waren für mich oftmals so wie der Besuch einer Akademie. Hier habe ich viel gelernt. Und zwar nicht durch Pauken, sondern durch diskutieren. Durch das Erproben von Argumenten. Manchmal haben wir dabei auch lachend gestritten. Immer wieder lasen wir in den Kommentaren des anderen Argumente, die im Zug schon mal erprobt worden waren.

So wie es mit der Energiepolitik und der Lausitz war, so war es auch bei vielen anderen Themen. Johann war klug. Er konnte dank seines enormen Wissens und seines geistigen Witzes Komplexes schnell verstehen und dem Leser, Zuhörer oder Gesprächspartner schnell verständlich erklären. Er wusste, wenn eine Argumentation falsch war. Ihm war die politische Geschichte und die Geistesgeschichte stets präsent. Deshalb konnte er sich wunderbar ärgern, wenn brandenburgische Politiker (und Ministerpräsidenten) in ihrer provinziellen Enge verharrten, statt sich selbst und das Land zu öffnen – etwa wenn Mathias Platzeck in seinem Buch eine dezidiert ostdeutsche Identität formulierte, die das Drittel zugezogene und nach dem Untergang der DDR geborene Landeskinder ausschloss.

Die Lausitz, Brandenburg und Berlin waren ihm zu klein. Deshalb zog es ihn auch in die USA. Deshalb beschäftigte er sich mit der europäischen Finanzpolitik. Immer neugierig, immer vom Wunsch zu lernen und zu verstehen beseelt. Und von der Grundtugend des Journalismus, dies so wahrhaftig wie nur irgend möglich den Lesern verständlich aufzubereiten. Damit sich jeder ein eigenes Urteil bilden kann. Gern auch ein eigenes, aber unbedingt eines, das sich mit den Argumenten Johanns auseinandersetzt.

Im RE 2 habe ich einen Freund gefunden, der sich viel zu früh verabschiedet hat. Mit nur 61 Jahren ist er gestorben, weil das Herz nicht mehr konnte. Ohne unsere gemeinsamen Fahrten nach Cottbus wurden die Begegnungen seltener. Aber sie blieben auch dann immer herzlich, anregend, geistig belebend. Leider bleibt die am Zeuthener See an einem Sommerabend im August für immer die letzte.

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All das ist nur ein sehr persönlicher Ausschnitt, der Johann nicht gerecht werden kann. Und schon gar nicht der Trauer seiner Frau und seiner Kinder. Einige Kollegen haben anrührende Nachrufe geschrieben, die viel mehr von Johann Legner erzählen:

Alexander Fröhlich: Dem das Recht des Bürgers alles war
Markus Füller: Es ist so traurig
Michael Sontheimer: Nachruf: Unser Kollege Johann Legner

Fundstücke aus meinem Rucksack (2) – Ein Button

Der Button: Wer nicht genießt, wird ungenießbar!
Der Button: Wer nicht genießt, wird ungenießbar!

Die Suche in den Tiefen meines alten Rucksacks fördert eine weitere Erinnerung hervor: diesen Button.

Eine liebe Kollegin schenkte ihn mir zum Abschied aus Cottbus. Wir waren in den Cottbuser Jahren so manches Mal Essen und haben dazu immer einen guten Wein getrunken. Sie sagte damals, dass sie bedaure, so spät erst zu gutem Wein gefunden zu haben. Und lachend, dass sie mir gern die Auswahl überlässt. Ich habe daraufhin nichts anderes getan wie sonst auch immer: Mit Genuss gegessen und auch mit Genuss getrunken, den Nuancen der Gewürze, Weine und Obstler nachgeschmeckt.

Heute lachen wir zusammen über diese Zeiten und ich freue mich noch immer daran, dass ihr die Entdeckung neuer Weine so viel Vergnügen bereitet. Ich muss zugeben, ich habe den Button nie getragen.

Aber schon als ich ihn bekam, musste ich an ein Lied von Konstantin Wecker denken. Im Refrain heißt es: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar.“ Der Wecker hält also schon diejenigen für mehr als problematisch, die in der Gegenwart genussunfähig sind. Die sind für ihn schon verloren. Der Button ist da etwas optimistischer. Er geht davon aus, dass sie für ihre Umwelt erst in der Zukunft unerträglich werden. Also wäre für diese armen Menschen noch Zeit, dem Einhalt zu gebieten. Als guten Vorsatz, diese Weinabende mal wieder aufleben zu lassen, bekommt der Button am neuen Rucksack außen einen festen Platz.

Weitere Fundstücke aus meinem Rucksack:
GPRS-Modem
Blasenpflaster
USB-Sticks