Sven Regener lässt Herrn Lehmann keine Ruh

Sven Regener: Wiener StraßeDieser Humor läuft sich nicht tot. Wer schon nach „Herr Lehmann“ dachte, so etwas amüsantes lässt sich nicht fortsetzen, wurde schon mit „Neue Vahr Süd“ eines besseren gelehrt. „Der kleine Bruder“ war auch köstlich. Und jetzt das: „Wiener Straße“. Ein Roman über die Zeit, die zwischen Herrn Lehmanns Zeit in Bremen und Ende der 1980er-Jahre liegt.

Sven Regener hat sich seine Helden noch einmal angeschaut und überlegt, was sie so in der Zeit dazwischen getrieben haben könnten. Wir erleben sie in der Wiener Straße, natürlich in Kreuzberg, wo Herr Lehmann und Chrissie eine WG mit Karl Schmidt und H.R.Ledigt begründen wollen. Und auf der Suche nach Geld sind. Herr Lehmann putzt dafür. Chrissie will unbedingt bei Onkel Erwin Kächele in der Kneipe bedienen. Karl Schmidt tut das schon und will das verhindern. H.R.Ledigt widmet sich seiner Kunst. Im November 1980 rücken sie in die Wohnung über dem Café ein – und sehen nichts. Denn die Wohnung ist vollkommen schwarz gestrichen. Der Vormieter war wohl lichtscheu. Die Nachmieter aber sind eher arbeitsscheu.

Sven Regener gelingt es wieder unglaubliche Dialoge zu formulieren. Die schrägen Figuren breiten sich ganz schnell im Hirn des Lesers aus und nehmen Gestalt an. Sie beginnen die  Kontrolle über die Lachmuskeln zu übernehmen. Das geht so weit, dass sich das Lachen nicht kontrollieren lässt. Es gibt nicht viele Bücher, die aus dem doch eher stillen Lesen auch ein Erlebnis für all jene machen können, die den selben Raum oder die selbe S-Bahn mit dem Leser teilen. Sie alle werden den Blick vom Handy heben und verwundert auf den Leser schauen, der sich das Lachen beim besten Willen nicht verkneifen kann.

Denn das ist die große Kunst des Sven Regener: Er bringt uns die absurden Existenzen des Kreuzbergs der frühen 1980er-Jahre ins Gedächtnis zurück. Geradezu liebevoll nähert er sich ihnen an. Die Absurdität der Existenz im Schatten der Mauer wird nachträglich nicht lächerlich gemacht. Vielmehr zeigt uns Regener, wie mühevoll das Leben in einer Utopie sein kann. Und wie lustig! Das ist wirklich große Kunst. Hoffentlich hört er jetzt nicht auf. Da wären ja noch einige Jahre offen…

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