Mit Andreas Oppermann 1860 durch Palermo (1) – Le Catacombe dei Cappuccini

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„Palermo – Erinnerungen von Andreas Oppermann“ heißt ein 1860 in Breslau erschienenes Buch. Auf den Spuren dieses Namensvetters aus der Vergangenheit sieht Palermo manchmal noch genauso aus wie heute:

Von dem hellen Klosterhofe steigt man hinab in die weitem Bogenhallen des todes, welche nur stellenweise grell durch das von oben herienfallende Tageslicht erleuchtet sind. Zu beiden Seiten der langen und hohen Bogengewölbe stehen an die Mauern angebunden, zwei, drei Reihen übereinander, viele Tausende von Todtengerippen. Sie sind mit halbverfaulten, die entfleischten Knochen zeigenden Lumpen bedeckt, oft auch in ganz neue, bunte Gewänder bekleidet, deren Contrast mit den braunen, wie mit einem lederartigen Ueberzug versehenen Todtenköpfen nur um so auffälliger ist.

Braun der Verwesung und des Moders ist die Grundfarbe dieser schudererregenden Todtenparade, die mit bunten Farben bestrichenen Wände, die nur hier und da von dem streitenden Deckenlicht beschienen sind, wirken dazu nur um so unheimlicher.

Und nun erst die Einzelheiten dieser grauenhaften Todtenhallen! Eine wahre Fundgrube für den Maler und Darsteller des Bizarren!

Dadurch, daß die Knochen der aufrechtstehenden Todten zum Theil zusammengesunken sind, werden die verschiedenatrigsten Stellungen dem entsetzten Auge sichtbar.

Wie drastisch ist dort die Verzweiflung ausgedrückt! Ein Gerippe in braunem Kittel, die Kniee gebeugt, die Hände im Schooße ringend, den Kopf mit der zwar braunen, aber noch ziemlich wohlerhaltenen verzerrten Gesichte auf die Brust gesenkt!

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Hier ein wahrer Fluchschrei der Vergänglichkeit! Wie Gott und die sittliche Weltordnung ankeifend, steht die Schreckensgestalt da, mit den dunklen leeren Augenhöhlen nach oben schauend, den Kopf in die Höhe gereckt, das herabgesunkene Kinn in scheußlicher Verzerrung, die Hände wie gefesselt zusammengebunden, den Körper wie auf den Zehen stehend in die Höhe reckend – ein todtes, gefesseltes Prometheus-Gerippe!

Hier neigt Einer sarkastisch den Kopf zu seinem Nachbar, der stier den Beschauer angrinst. Höhnisch schaut dort Einer herab mit der trostvollen Gewißheit der triumphirenden Freude, da der, welcher noch im vollen Leben staunend zu ihm emporblickt, über kurz oder lang gleichfalls in Reih und Glied des Regimentes „Tod“ stehen wird; – mögen aber alle die Gerippe den verschiedenartigsten Ausdruck zeigen, ruhelos, friedlos erscheinen sie Alle; was wir an Schlechtigkeit oder an Elend im Menschenleben erdenken können, hier finden wir es in Gestalten der wüstesten Verzerrung dargestellt.

Die Frauenleichname sind von denen der Männer getrennt, und fast scheint es, als ob ihre Ausstellung nicht so beliebt wäre, auch sind die nicht an den Wänden in Reih und Glied aufgstellt, sondern liegend und in Glassärgen wohlt verwahrt.

Eine junge Frau von großer Schönheit – wie der am Glaskasten befindliche Zettel besagt – ist in einer Robe von rosa Atlas gekleidet, an den Füßen befinden sich zierliche, weißseidene Schuhe; das ausgestopfte, jugendliche Formen zeigende Kleid, der Kranz gemachter Blumen in den reich von dem Kopfe fallenden Haaren bilden mit dem zusammengeschrumpften, braunen, grinsenden Todtenschädel einen häßlichen Contrast.

dsc_6962Hier liegt ein Weib da, gleichsam, als wäre sie lebendig begraben worden und hätte im neuen Todeskrampfe des Erstickungtodes gelegen, eine so verzerrte Stellung nimmt sie ein. Dort liegt ein Kind, obwohl es schon vor Jahren gestorben, doch besonders gut conservirt. Ihm sind die vergelbten Wangen mit hohem Rot geschminkt, und da die Augen nothwendig verfaulen müssen, sind gläserne eingesetzt worden. Dies gewährt ein Bild, welches Jeden mit Ekel und Entsetzen erfüllen müsste.

Der Palermitaner empfindet von alle dem Nichts. Dem nur halb ausgebildeten Naturkinde mit auswuchernder Phantasie fehlt die Empfindung für die feineren, tiefer liegenden Beziehungen zwischen Leben und Tod gänzlich, ebenso wie die Lebendige christliche Durchdringung seiner Anschauungen hierüber. Ihm sind die todten Körper lieb und werth, er freut sich auf Allerseelentage, an dem die Grabgewölbe Jedem geöffnet sind, wo man dort Corso macht, gerade so gut, wie auf der Marine und der Strada Nuova, wo man die Verwandten und Freunde wiedererkennt und ihnen, um den Anstand zu bewahren, ein paar neue weiße Glacéhandschuhe über die dürren Finger zieht, ihnen auch wohl eine neue Robe umthut.

Sogar den Leidenschaften der Lebenden müssen die armen am Pranger stehenden Todten dienen, indem man sie  – ein sehr häufiger Fall – zwischen mehreren Lotterienummern ziehen läßt.

Doch zu lange schon haben wir in der grausigen Höhle des Todes verweilt, beklommen schmachtet die Brust aus dem Bereiche des Moders zu entfliehen, der eilende Schritt führt an einem in’s unermeßliche Dunkel sich verlierenden Gewölbe vorüber, zu dem man durch eine schmale Eingangspforte gelangt. Hier liegt, fünfzig bis sechzig Fuß in die Tiefe in einem ausgegrabenen weiten Raum ein wirrer Haufen von Menschenknochen. Die Armen, welche keinen Platz zur Ausstellung bezahlen können, werden in diese dunkle Knochenhöhle geworfen, liegen hier in verworrenem Durcheinander – die glücklichen Armen, sie haben doch wenigstens Ruhe vor den gaffenden Blicken der Menge!

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