Robert Seethaler fasziniert ein ganzes Leben

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Seine ersten beiden Bücher überraschten mit einem wunderbaren absurden Humor. In seinem dritten, „Der Trafikant„, macht sich Robert Seethaler erneut auf die Suche nach den Verwirrungen des Erwachsenwerdens. Diesmal aber im historischen Wien kurz vor und nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Und jetzt in seinem aktuellen Roman „Ein ganzes Leben“ begleitet Seethaler tatsächlich ein ganzes Leben, das Leben des Seilbahnarbeiters Andreas Egger. und so, wie sein Schreiben schon im vorherigen Buch erwachsener, reifer wurde, so ist es jetzt noch überzeugender und ganzheitlicher.

Andreas Egger ist ein uneheliches Kind, dessen Mutter sehr früh stirbt. Deshalb wird er zu einem verwandten Bauern in die Berge gebracht, wo er aufwächst. Prügel und Arbeit bestimmen seine Tage. Liebe erfährt er allenfalls von der Großmutter, wenn der Bauer es nicht mitbekommt. Das ist kein schönes Leben und doch macht sich Andreas Egger in dem Moment, in dem es der Bauer nicht mehr wagt, die Hand gegen ihn zu erheben auf den Weg, ein eigenständiges zu führen. Der Bau der ersten Bergbahnen hilft ihm dabei. Als Arbeiter, der die Berge kennt wie kaum ein anderer sprengt er Felsen für  Betonfundamente  und wartet die Gondeln und Seile später in luftiger Höhe.

Andreas Egger verliebt sich und führt ein kurzes glückliches Leben, bis eine Lawine sein kleines Haus zerstört und seine schwangere Liebe in den Tod reißt. Wieder allein beginnt er sich in sich und die Natur zu vergraben. Er zieht in den Krieg und übersteht die russische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr führt er Touristen durch die Berge. Und doch ist er immer für sich, lebt sein eigenes, karges Leben. Egger hat kein Telefon und er verlässt sein Tal nur noch ein einziges Mal, um mit dem Bus in die größere Stadt zu fahren, wo er sich aber nicht mehr zurechtfindet.

Das klingt alles sehr depressiv. Aber Robert Seethaler schreibt kein trauriges, dunkles Buch. Er begleitet Andreas Egger durch dessen Leben und nimmt ihn unaufgeregt ernst. So wird er uns immer sympathischer. Obwohl er von außen betrachtet ein Kauz ist, lernen wir ihn schätzen. Seine Geradlinigkeit nötigt uns Respekt ab und seine Verwurzelung in seiner Heimat löst sogar ein Gefühl von eigenem Verlust aus. Seethaler ist ein Meister der kurzen Sätze. er benötigt nur wenige Worte, um ein Gefühl zu erzeugen. Diese Sprache passt hervorragend zur Beschreibung des ganzen Lebens von Andreas Egger. Es ist trotz des Verlustes von Frau und Kind kein erfülltes, aber ein zufriedenes Leben. Und das bringt uns Robert Seethaler prägnant auf 154 enidringlichen Seiten näher.

 

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