Umberto Ecos „Friedhof in Prag“ verblüfft und verwirrt

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag
Umberto Eco: Der Friedhof in PragSimon Simonini

Simon Simonini ist die einzige frei erfundene Figur i n Umberto Eco neuestem Roman. Alle anderen Figuren haben gelebt, haben geschrieben, was Eco zitiert, haben gesagt, was Simonini in seinem Tagebuch aufschreibt. Insofern ist „Der Friedhof in Prag“ vor allem ein Geschichtsbuch und weniger ein Roman.

Auf der einen Seite ist die Gewissheit, dass Eco profund recherchiert, faszinierend. Auf der anderen mindert die Faktenlast immer wieder das Lesevergnügen. Denn Eco hat zwar einen Roman über die wirkungsmächtigste Verschwörungstheorie der Geschichte geschrieben, aber die Spannung, die in dem Stoff liegt, kann er nicht entfalten.

Und das, obwohl dieser Simonini als Fälscher, Geheimagent, Notar und Mörder alle Zutaten enthält, die für einen guten Thriller nötig sind. Nur der Sex fehlt, weil Eco ihm diesen offenbar nicht gegönnt hat. Simonini ist über viele Jahre damit beschäftigt, für unterschiedliche Auftraggeber Dokumente zu produzieren, die die Freimaurer und vor allem die Juden denunzieren sollen. Dazu schreibt der bei Alexandre Dumas, Henri Joly und vielen anderen ab. Er sortiert Versatzstücke neu und überprüft die Plausibilität. Am Ende fertigt er für den russischen Geheimdienst einen Text, der unter dem Titel „Die Weisen von Zion“ das zentrale Dokument des Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert wird.

All das ist wahr. Nur diesen Simonini gab es nicht. Aber all die Texte und ihre Beziehungen stimmen. In der Figur des Fälschers führt Eco unzählige Stränge zusammen. Denn er ist auch derjenige, der die Dokumente fälscht, die die Dreyfus-Affäre auslösen. Eco spielt die Möglichkeiten durch und konstruiert dabei zu sehr. Wobei er es aber dennoch schafft, den Leser ständig zu verblüffen. Denn selbst die absurdesten Figuren und Begebenheiten sind für sich ja historisch belegt. Nur das literarische Scharnier, das alle miteinander verbindet eben nicht.

Dennoch habe ich das Buch gern gelesen. Weil es zu viel enthält, was fasziniert und erschreckt. Weil Eco sich immer in die Karten schauen lässt und den Leser damit dann doch noch mitnimmt.

Umberto Eco: „Der Fredhof in Prag“. Roman. Aus dem Italienischen von Burkhard Kroeber. Hanser Verlag, München 2011. 519 S., geb., 26,- €.

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