Christian Kracht beschreibt den Untergang des Imperiums

Christian Kracht: Imperium
Christian Kracht: Imperium

August Engelhardt ist einer von diesen extremen Menschen, die vor lauter Prinzipien das lebenswerte Mittelmaß vergessen. Er ist Vegetarier. Er ist Nudist. Und weil das noch nicht reicht, entwickelt er eine Lehre, in der die Kokosnuss zum Fetisch der Welterlösung wird. Aber nur, wenn man sich komplett auf die Kokosnuss verlässt, nur sie zu sich nimmt und auf jede andere Nahrung verzichtet. Bei August Engelhardt hat sich etwas verrückt. So wie bei vielen anderen Sektenführeren und Sektierern auch.

Christian Kracht hat sich diesen August Engelhardt, den es tatsächlich gab, genauer angeschaut und in ihm einen wunderbaren Romanstoff gefunden. Denn das Leben dieses schrägen Helden der Kokosnuss bietet sich an, um eine Geschichte des Niedergangs zu schreiben. Der radikale Vegetarier siedelt vor dem Ersten Weltkrieg auf die Insel Kabakon in Deutsch-Neuguinea über, um dort seinen Orden der Sonnenanbeter zu gründen und die Kokosnuss anzubauen. Da sitzt der Sonderling, dem nur begrenzte Aufgeschlossenheit entgegen schlägt. Seite um Seite wird aus dem Sonderling ein vom Wahn gezeichneter, der sich vom Bücherfreund zum Bilderstürmer, vom Vegetarismus zum Kannibalismus, vom kraftvoll gesunden Mann zur von Geschwüren übersäten Männlein verkommt. Und so wird dieser August Engelhardt zum Sinnbild einer Kultur, eines Imperiums, das sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges mit Giftgas entmenschlichen und massenhaft morden wird.

Christian Kracht ist vom Spiegel Rassismus unterstellt worden. Ein absurder Vorwurf, wenn man den Roman mit seinem distanzierten Ton liest. Denn der Erzähler ist Teil der Zeit zwischen 1900 und 1914.  Er nähert sich seiner Figur an, hält aber Abstand. Aber eben nicht so viel, dass er den Rassismus des frühen 20. Jahrhunderts mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts reflektiert, sondern ihn in der Zeit der Geschichte zu Wort kommen lässt. Das ist richtig, weil nur so die Figur des Asketen, der vom aufgeklärten Demokraten zum verbiesterten Antisemiten degeneriert, glaubhaft wird. Denn auch dieser Aspekt des Niedergangs ist Teil des Buches, das vor allem davon erzählt, wie die Fluchten aus einer satten und zufriedenen Gesellschaft in extreme, letztlich ungesunde und unmenschliche Experimente alles nur noch schlimmer machen.

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