Von der eigenen Beschränktheit

„Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du
kennst – aber vom Zufall des Gelesenen
hängt es ab, was du bist.“ (Elias Canetti)

 „Da war ich einmal fünf und einmal acht Monate im Knast. Und in Bautzen dann noch zwei Jahre.“ Direkt hinter mir im Zug sagt ein Mann diesen Satz. Ich kann mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren. Meine Ohren wachsen und versuchen jedes Wort von hinten nach vorne in mein Hirn zu ziehen. Es gelingt ihnen.  Ich fühle mich wie im Kino. Die Worte lassen mich gruseln. Der Verbrecher ist  keinen Meter von mir entfernt! Nur die Lehne meines gepolsterten Sitzes trennt mich von ihm! Aber es gibt diese Lehne! Und diese Polstersitze, die genauso blau und fast so bequem wie die im Kino sind. Die Distanz verhindert echte Angst. Nur dieser wohlige Schauer wie bei einem guten Krimi überkommt mich. Und wie im Kino sind die Nerven ganz auf das Geschehen hinter mir konzentriert.

Offensichtlich waren Drogen und Schlägereien die Gründe für die Haftstrafen. Sein Begleiter kann nicht mit Knast-Erfahrung aufwarten. Er steuert drei Jahre Therapie bei. Auch bei ihm müssen es Drogen gewesen sein, die zur Behandlung führten. Gescheiterte Existenzen also. Zum Wohlfühl-Gruseln kommt nun noch die Überlegenheit des Wissenden hinzu.

Als der Therapierte dann aber davon spricht, dass er seiner Freundin den Fernseher abkaufen will, um ihn auf den Müll zu schmeißen, stutze ich. Als sich beide über die Dauerverblödung durch die Glotze auslassen noch viel mehr.  Gesteigert wird das nur noch durch die Sorge der Männer, dass die Tochter der Freundin gar keine Chance habe, als ebenfalls zu verblöden. Mein schnelles Weltbild wankt. Was ist das denn? Kulturpessimismus in Proletenslang? Meinen die das ernst?

„Der Ronny war doch auch Nazi.“ „War der nicht schwul? Der hat doch die anderen Nazis abgeknutscht, wenn die alle besoffen waren, oder?“ Der Knacki hat einen Erinnerungsreigen eröffnet. Jetzt geht es um Mitschüler. Und darum, wann die Polizei wie oft in die Schule musste, weil man sich geprügelt hat. Und wo die Bullen wen aufgegriffen haben.  Die beiden haben viel zu lachen. Es klingt wie früher, wenn Opa mit alten Kameraden vom Krieg erzählte.

Und dann wieder so etwas: „Ich kann ja Bibliotheken nur empfehlen. Da bekommst Du alles und musst Dir die Bücher nicht kaufen.“ „Nee. Ich will die Bücher haben, die ich gelesen habe.“ „Warum das denn? Die liest man ja doch nur einmal. Oder hast Du schon mal eines zweimal gelesen“ „Quatsch. Wenn ich mit einem durch bin, will ich doch das nächste lesen. Es gibt doch so viele Bücher, die ich noch lesen will. Aber vielleicht will ich ja mal was nachschauen.“ „Hm. Eins hab ich zweimal gelesen. Das war mit der Sprache beim ersten Mal so schwer. Aber dann war es echt gut.“ „Was denn?“ „Steppenwolf von Herrmann Hesse. Das war echt schwer. Aber dann einfach super. Kann ich nur empfehlen.“

Ich bin platt. Die reden über Bücher! Und wollen Fernseher auf den Müll schmeißen! Die waren im Knast oder in Drogentherapie! Und jetzt sprechen sie von der Lust am lesen? Das gibt es doch nicht! Doch. Der eine hat in Bautzen angefangen und kann seit dem nicht mehr von Büchern lassen. Den anderen infizierten die Therapeuten. Was die Schule nicht schaffte, haben sie selbst geschafft. „Jeder hat sein Leben. Und jeder muss schauen, was er daraus macht!“ Das sagte der Knacki. Und der Therapierte: „Aber die Kleine kann das doch nicht allein. Deshalb muss der Fernseher auch raus!“

Und ich? Ich fühle mich wie ein Depp. Beim Aussteigen wage ich einen Blick auf die beiden. Zwei Kerle um die 30 sitzen da. Sie lachen, erzählen, leben. Innerlich kann ich nur mitlachen. Über mich und meine Beschränktheit.

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