Nur noch vier Tage, dann wissen wir, ob die Briten weiterhin Europäer sein wollen oder nur noch Insulaner. Die Debatte um den Brexit hat alles, was ein Thriller benötigt; inzwischen mit der Labour-Abgeordneten Jo Fox leider auch ein Mordopfer. Als der Journalist Andrew Marr seinen Thriller „Der Premierminister“ schrieb, war ein tatsächlicher politischer Mord noch unvorstellbar. Umso lustvoller hat er darüber geschrieben.
Das Buch selbst ist ein wahnwitziges Gedankenexperiment, indem Downing Street 10, das Parlament, die Finanzindustrie und natürlich die Medien wichtige Zutaten. Natürlich darf das Königshaus nicht fehlen und der berühmte britische Humor. Ohne diesen wäre das Buch nicht auszuhalten. Aber der Witz und die Schärfe, mit der Andrew Marr, immerhin einer der wichtigsten britischen Politik-Journalisten, seine jahrzehntelange intime Kenntnis der politischen Akteure und Verhältnisse auf die Schippe nimmt, macht dem Leser sehr viel Spaß.
Leider ist es nicht möglich, das wichtigste des Buches zu erzählen, ohne die Wucht der Überraschungen beim Lesen des Buches zu zerstören. Denn jedes Mal, wenn man sich denkt, jetzt wird doch nicht dieses oder jenes passieren, geschieht noch etwas viel erstaunlicheres. Der Thriller macht einen atemlos. Und fassungslos, weil der Irrsinn angesichts der gerade stattfindenden Debatten um den Ausstieg aus Europa nicht mehr nur als ein Hirngespinst erscheinen, sondern mit Blick auf die Verbissenheit beider Seiten als Steigerung realen Geschehens erscheint. Natürlich hat das Buch auch Schwächen. Aber wer es jetzt anfängt zu lesen, wird vor dem 23. Juni noch fertig. Und hat dann wenigstens noch richtig Spaß am Brexit – auch wenn man ihn sich definitiv nicht wünscht.
Endlich gibt es wieder die Gedichte Walter Mehrings im Buchhandel. Der Zürcher Elster Verlag hat nach „Die verlorene Bibliothek“ vor wenigen Monaten eine Sammlung der wichtigsten „Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“ (so der Untertitel) auf 200 Seiten herausgebracht. Das ist verdienstvoll für den Verlag und unglaublich bereichernd für den Leser.
Eine Erzählung ist es nicht. Eine Novelle auch nicht. „Wiener Flohmarktleben“ von Richard Swartz ist eher ein autobiografisches Feuilleton, das von der sprachlichen Kraft eines großen Reporters lebt. Der Schwede, der seit Mitte der 70er-Jahre in Wien lebt, erzählt von seiner Sammelleidenschaft, von den sozialen Veränderungen bei den Flohmarkthändlern und der Stadt, in der jedes Wochenende die Stände mit Krims, Krams, Kunst und Kitsch stehen. Und er schildert eine wichtige Phase seiner Kindheit, in der in Stockholm von Virus der Sammelleidenschaft infiziert wurde.
Alles beginnt mit einer polnischen Hochzeit. Kommissar Voss feiert zusammen mit seiner Freundin, der Pflegerin seiner Mutter, mit viel Wodka einige Kilometer hinter der polnischen Grenze. Am nächsten Morgen wird Maja entführt. Aus einem fröhlichen Kurzurlaub wird ein Kriminalfall mit viel persönlichen Gefühlen.
Sabine Rennefanz wurde 1974 in Beeskow geboren. Aufgewachsen ist sie in Eisenhüttenstadt. In ihrem Buch „Eisenkinder“ hat sie davon schon viel erzählt. In ihrem neuen Buch „Die Mutter meiner Mutter“ spielt die Heimat der jetzigen Berlinerin in Ostbrandenburg erneut eine ganz wichtige Rolle. Links der Oder kommt ihre Großmutter Anna mit Stiefmutter und zwei Brüdern in einem Dorf nach der Vertreibung aus dem jetzigen Westpolen an, um nach dem Krieg ein neues Leben zu beginnen.
Die Idee klingt absurd. Da lässt sich ein Paar scheiden, weil der Mann sich auf die Suche nach einer neuen Frau machen soll. Die soll dann mit der Ex unter einem Dach leben, weil sich das Scheidungspaar noch immer liebt. Die neue Frau soll das aber erst erfahren, wenn sie wirklich mit der Ex im gleichen Haus lebt. Einzige Voraussetzung: Die Neue muss eine Mitgift bekommen, die zur Tilgung der Schulden genügt.
le Jahre später beim Spaziergang durch Aschaffenburg prasseln Erinnerungen an etliche Momente von damals ins Gedächtnis. Es sind vor allem Töne, die dieses Gefühl von Heimat auslösen. Es ist der Klang des Dialektes, der so sehr Hessisch ist und doch auch fränkische Anteile hat. Einer Mundart, die aus dem Namen der Schlosserei, in der mein Vater als 14jähriger in die Lehre musste, um zum Ernährer der Familie zu werden, ein völlig anderes Wort formte. Beim „Schwalje“ hat er gelernt. Dass der Betrieb hinter dem Theater, in der gleichen Gasse wie der „Schlappeseppl“ eigentlich „Chevalier“ hieß, habe ich erst bei einem späten Besuch als Erwachsener begriffen. Es ist der Tonfall, den mein Vater nie ablegte. Und so höre ich bei jedem aufgeschnappten Wort auch ihn.