Essad Beys Debüt über die Flucht aus und durch den Kaukasus

Essad Bey: Öl und Blut im Kaukasus
Essad Bey: Öl und Blut im Kaukasus

Mit 24 Jahren hat Essad Bey seine Autobiografie geschrieben. 1930 ist sie erschienen und hat für Furore gesorgt. Da erzählt ein Emigrant aus Baku von den Wirrnissen des 1. Weltkrieges, von den diversen Umstürzen und Staatsgründungen in Aserbeidschan, Armenien, Georgien und vielen anderen Ländern. Und er behauptet, ständig dabei gewesen zu sein. Das ist in der Tat schwer zu glauben. Denn bei vielen der geschilderten Erlebnisse war Lew Noussimbaum, wie Essad Bey alias Kurban Said, eigentlich hieß, noch sehr jung. Und dennoch stimmen die meisten der geschilderten Erlebnisse.

Er war Sohn eines der größten Ölbarone in Baku, das damals das größte Erdölförderzentrum der Welt war. Er musste zusammen mit seinem Vater mehrmals vor den Bolschewisten und anderen Umstürzlern fliehen. Sie reisten dabei auf allen nur erdenklichen Fortbewegungsmitteln per Schiff, Zug oder Kamel bis nach Zentralasien und durch Persien. Und tatsächlich kannte der reiche Kaufmann Noussimbaum überall wichtige Menschen, die als Anlaufstation willkommen waren. Unglaublich ist es, wie der damals so junge Autor mit seinem Wissen umgeht. Er erklärt alle wichtigen kulturellen Hintergründe der Kaukasusvölker ohne jede Überheblichkeit.

In seiner klaren Sprache, die auch 80 Jahre später noch wirkt als sei sie von heute, nimmt er die Leser mit in diese Weltgegend, in der sich damals und heute Konflikte ballen, wie in wenigen anderen. Diese haben mit Religion und Kultur, mit Sprache und Lebensart zu tun. Viel mehr aber noch mit sozialen Unterschieden. Essad Bey lehnte die Bolschewisten ab. Dennoch zeigt er sogar Verständnis für deren Anliegen. Angeblich kannte er Stalin aus diesen Tagen. Auf jeden Fall hat er eine der ersten Biografien über ihn geschrieben. Gerade bei der Schilderung der Revolutionäre schlägt Essad Beys Humor durch. Denn dieses Buch ist nicht nur lehrreich und dabei kurzweilig, es aist auch spannend und amüsant.

Kein Wunder, dass „Öl und Blut im Orient“ in den 1930-Jahren ein internationaler Bestseller war. Wie auch etliche andere seiner Bücher, etwa „Ali und Nino“ oder „Das Mädchen vom Goldenen Horn“. Wer noch mehr über den Autor erfahren will, der sollte die Biografie von Tom Reiss zur Hand nehmen.

Erneut gelesen: Christoph Ransmayrs „Die letzte Welt“

Die Erstausgabe von Ransmayrs "Die letzte Welt"
Die Erstausgabe von Ransmayrs „Die letzte Welt“

Wenn es ein Buch gibt, in dem es ständig regnet, dann war dies für mich immer „Die letzte Welt“ von Christoph Ransmayr. Ganz fest in meiner Erinnerung sind Regen und Schwarzes Meer und „Die letzte Welt“ eins. Umso erstaunlicher war beim erneuten Lesen des Buches, dass es in der ersten Hälfte überhaupt nicht regnet. Und auch in der zweiten nur ab und an. Dann aber ganz massiv und heftig.

Erstaunlich, was sich von einem Buch im Gedächtnis festsetzt. Die neue Lektüre bestätigte aber die Faszination des Textes, den ich 1989 verschlungen hatte. Auch 23 Jahre nach dem ersten Lesen hat „Die letzte Welt“ von Christoph Ransmayr nichts von ihrer Faszination verloren. Im Gegenteil: Das Buch hat gewonnen, weil das Wissen um die historischen und literaturwissenschaftlichen Hintergründe größer geworden ist. Auch heute noch ist der Roman eine treffende Parabel auf die Angst des Diktators vor der Kraft des freien Wortes. Und ein wunderbarer Text über das Weiterleben von literarischen Figuren und Erfindungen.

Ransmayr hat Ovids Metamorphosen in einen zeit- und raumlosen Roman über die Veränderung der Welt verwandelt. In dem Roman geht es darum, dass ein römischer Bürger, Cotta, den verbannten Dichter Ovid sucht. Dazu fährt er ans Schwarze Meer, wo der Dichter auf Geheiß Augustus‘ leben muss. Es gelingt ihm zwar nicht, Ovid zu finden, aber seine Erzählungen, seine Figuren finden sich überall. Ein bisschen ist es wie bei „Alice im Wunderland“: Cotta tritt nach stürmischer Seefahrt in eine andere Welt ein und wird Schritt für Schritt Teil von ihr. Mit jeder Figur, mit jeder Erzählung kommt Cotta so seinem Vorbild Ovid näher, ohne ihn aber jemals zu sehen. Das Buch hat nichts an seiner Kraft verloren. Nur meine eigene Vorstellung vom ständigen Regen musste ich beim Wiederlesen revidieren. Und der Reiz der völligen Aufhebung von Zeit und Raum hat mich jetzt viel mehr begeistert.

Mehr von Ransmayr:
Die Unsichtbare
Die Wolfsjäger
Atlas eines ängstlichen Mannes

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Florian Klenk entdeckt das Ende der Welt mitten in Europa

Florian Klenks Buch mit Reportagen
Florian Klenks Buch mit Reportagen

Das Ende der Welt entdeckt Florian Klenk nicht irgendwo in Feuerland oder der Südsee. Der Journalist aus Österreich findet es in seinem Heimatland – und den angrenzenden Ländern der ehemaligen österreichischen Kronlande. Klenk ist stellvertretender Chefredakteur des Wiener „Falter“. Für ihn hat er die Reportagen geschrieben, die in dem Band „Früher war hier das Ende der Welt“ erschienen sind.

Dabei meint dieses „Ende“ in den wenigsten Fällen einen geographischen Ort. Vielmehr schreibt Klenk über diejenigen, die sozial am Ende der Wahrnehmung leben. Etwa die Wiener Huren, die von der Stadtverwaltung und dem Innenministerium immer weiter aus dem Sichtfeld der Stadt gedrängt werden. Das führt natürlich nicht dazu, dass weniger Freier zu ihnen kommen. Aber das Abdrängen macht die Frauen von Zuhältern abhängig, es kriminalisiert sie und es kann dazu führen, dass die schutzlosen Frauen viel leichter Opfer von Gewalt werden. Damit sind sie am Ende der Welt, mitten in Wien angekommen.

Anders ist es bei Klenks Besuch eines ukrainischen Flüchtlingslagers, in dem Menschen aus Pakistan, der Türkei und andern Ländern stranden, die den Sprung in den EU-Schengenraum nicht schaffen. Dort leben sie zwischen der Slowakei, Ungarn und der Ukraine und harren in schlimmsten Zuständen aus, weil sich niemand für die zuständig fühlt. Und weil sie hoffen, dass sie ihrem Elend mit einem – illegalen – Sprung über die Grenze doch noch entkommen können. Hier, wo früher schon keine K.u.K-Herrlichkeit, sondern Elend war.

Florian Klenk rückt mit seinen Reportagen Menschen in den Blick, an die wir in der regel nicht denken. Und auch nicht denken wollen, weil wir uns dieses Elend weder vorstellen wollen noch können. Das macht er sehr anschaulich, vor allem auch deshalb, weil es sich selbst nie in den Blick rückt. Klenk überlässt es dem Leser, ein Bild zu entwerfen und die entsprechenden Schlüsse zu ziehen.

Bei Truman Capote bekommen die Opfer handgeschnitzte Särge

Truman Capote: Handgeschnitzte Särge
Truman Capote: Handgeschnitzte Särge

In einem vergessenen Ort der USA geschehen Morde. Die Opfer werden auf ihr Ende vorbereitet: Der Täter schickt ihnen handgeschnitzte Särge. Die Polizei ermittelt über Jahre. Und Truman Capote ist immer wieder vor Ort. Das ist der Stoff des kleinen Büchleins „Handgeschnitzte Särge – Tatsachenbericht über ein amerikanisches Verbrechen“.

Der Band aus der schönen Truman-Capote-Reihe bei „Kein & Aber“, die wie die berühmten Moleskine-Notizbücher in Größe und Aufmachung aussieht, enthält eine seltsame Geschichte. Nicht nur, dass die Rolle des Beobachters Capote durch etliche Alkohol-Abstürze in einer wirren Art geschildert wird.

Der Polizist verrennt sich in dem Fall. Er hat eine Ahnung, wer der Täter ist. Und er will ihn unbedingt überführen. Doch trotz seiner jahrelanger Anwesenheit wird sogar in seiner direkten Umgebung gemordet. Diese Situation erzeigt einen seltsamen Lesesog. Man muss wissen, was passiert. Noch dazu, weil uramerikanische Motive eine Rolle spielen. Aber am Ende plätschert das Buch aus. Das liegt am tatsächlichen Fall. Aber auch daran, dass Capotes Exzesse ihm offenbar die Kraft nahmen, ein klares Ende zu formulieren. Dennoch sind die ersten 120 der 156 Seiten es allemal wert, sich vom Exzentriker Capote einnehmen zu lassen.

de Sades Schädel hat eine tödliche Faszination

Der Schädel des Marquis de Sade
Der Schädel des Marquis de Sade

Er ist widerlich. Er ist abstoßend. Er ist faszinierend und er ist auch anziehend. Dieser Marquis de Sade, der am 2. Dezember 1814 in einer Irrenanstalt gestorben ist, gehört zu den historischen Figuren, die in jeder Generation neu entdeckt und verdammt wird. Alle setzen sich mit dem Lüstling und Philosophen, mit dem Revolutionär und Irrenhaus-Insassen auseinander.

Der mittlerweile verstorbene französischsprachige Autor Jacques Chessex aus der Schweiz hat das in seinem letzten Roman getan. Wobei Roman für die 127 Seiten eigentlich nicht der richtige Begriff ist. Das Buch handelt vom Schädel des Marquis, der nach seinem Tod ein Eigenleben entfaltet hat. Denn schon sein letzter Arzt hatte fest im Blick zu untersuchen, ob sich an und im Schädel die Abartigkeiten des Sadisten, Sodomisten und vor allem unbändigen Freigeistes materialisiert ablesen lassen. Deshalb bemächtigt er sich des Schädels, um ihn zu sezieren.

Chessex orientiert sich an historischen Begebenheiten. Er schildert den Insassen und Wüstling, der seinen sexuellen Passionen dank gut gefüllter Schatullen immer ausleben konnte. Er erzählt von den pathologischen Experimenten. Und er forscht dem Schädel nach. denn nicht nur der Arzt erliegt dem Totenkopf. Immer wieder bemächtigen sich unterschiedliche Mensches des Knochenstücks. Und immer wieder geschehen Unglücke in seiner Nähe; meist tödliche. Der erste Ausländer als Prix-Goncourt-Preisträger formt so eine Reihe von Episoden zu einer Erzählung über die Strahlkraft und Faszination des Marquis de Sade, die im nekrophilen Glauben an dessen Schädel gipfelt. Das passt natürlich zu dem Mann, der zu den schillerndsten Figuren der Aufklärung gehört.

Chessex verdichtet und verknappt historische und fiktive Begebenheit so sehr, dass dabei ein erstaunliches Porträt de Sades entsteht, obwohl der nur im ersten Viertel des Buches als Person beschrieben wird. „Der Schädel des Marquis de Sade“ ist ein faszinierender, abstoßender und dennoch fesselnder Solitär. Ein Buch, das schnell, in einem Zug gelesen wird und den Leser seltsam erregt und verwirrt zurücklässt.

Fundstück im Antiquariat (2): Ludwig Börnes Verhaftung

Augsburgische Ordinari Postzeitung vom 8. April 1820
Augsburgische Ordinari Postzeitung vom 8. April 1820

Dieses Stück Papier ist eine fast 200 Jahre alte Zeitung. Ich habe sie heute gefunden und musste sie kaufen. Die wenigen Euro wären es schon wert gewesen, nur um so eine alte Zeitung zu besitzen. Richtig spannend ist aber, dass in ihr von der Verhaftung und Entlassung Ludwig Börnes berichtet wird. Der war 1820 im ständigen Kampf mit der Zensur. Nach Verabschiedung der Karlsbader Beschlüsse 1819 machte sich auch in Frankfurt/Main die Zensur wieder breit. Seine Zeitung „Die Waage“ fiel dem Zensor zum Opfer. Er selbst arbeitete danach als Redakteur der „Zeitung der Freien Stadt Frankfurt“. Das erregte die Behörden allerdings so sehr, dass der Liberale entlassen werden musste. Im März 1820 war Börne dann in Paris, wo er später bis zu seinem Tod genauso wie Heinrich Heine im Exil bleiben sollte. Ein Student wurde mit verbotenen Flugblättern aufgegriffen. Als Hersteller gab es Börne an. Das tat er, weil er den Schriftsteller und Journalisten noch in Frankreich wähnte. Doch er war schon wieder daheim. Und so sperrten ihn Polizei und Zensor ein. Es dauerte einige Tage, bis er verhört wurde und sich alles aufklärte.

Augsburgische Ordinari Postzeitung vom 8. April 1820
Augsburgische Ordinari Postzeitung vom 8. April 1820

Für Börne war die Verhaftung ein Einschnitt in sein Leben. Von da an orientierte er sich endgültig weg aus Frankfurt, wo er in der furchtbaren Judengasse geboren und aufgewachsen war und nach seinem Studium, das für den Juden nur dank der Besatzung durch Napoleon möglich war, als Journalist arbeitete. Es ist heute wirklich nicht mehr vorstellbar, was Deutsche einst auf sich nehmen mussten, nur weil sie eine eigene Meinung hatten. Besonders absurd war es, dass sich die DDR auf Börne als liberalen Vorläufer der kommunistischen Denker auch auf ihn bezog. Wie es überhaupt seltsam ist, dass sich eine  auf Exilanten bezieht. Auf Menschen also, die für den aufrechten Gang und ihre Überzeugung lieber die Heimat hinter sich ließen als in Demut vor der Obrigkeit zu buckeln. Insofern ist dieses Stück altes Papier ein kleines Lehrstück für die Wirrnisse des Lebens. Und eine Mahnung, dass wir uns immer gegen die engagieren, die uns den Mund verbieten wollen. Denn Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Ein Blick in die Bücher und Schriften Börnes lohnt sich auch deshalb immer. Er hat über den Vorfall auch eine herrliche Satire geschrieben. Außerdem sind seine Reportagen und Feuilletons stilistisch ein Genuss.

Weitere Fundstücke im Antiquariat:
Walter Mehrings Autograph
Ludwig Börnes Verhaftung
Kostbarkeiten bei Alfred Polgar
Ein Theaterzettel von 1931
Die Verlustanzeige von Karl Frucht
Andreas Oppermann erinnert 1860 an Palermo

 


Kurban Said schrammt die Kitsch-Grenze

Kurban Said: Das Mädchen vom Goldenen Horn
Kurban Said: Das Mädchen vom Goldenen Horn

Er steckt an, dieser Kurban Said alias Essad Bey alias Lew Noussimbaum.Wer seine Biografie kennt und das bekannteste Buch von ihm, „Ali und Nino“ gelesen hat, will mehr von ihm lesen. Und mehr über ihn wissen. „Das Mädchen vom Goldenen Horn“ ist ein weiterer Liebesroman, der sich mit den unterschiedlichen Vorstellungswelten in Orient und Okzident auseinandersetzt.

Der Roman spielt nach dem Untergang des Osmanischen Reiches. Asiadeh ist die Tochter eines vormaligen Ministers. Sie lebt mit ihrem Vater in Berlin und studiert die Sprachen, die im einstigen Großreich des Goldenen Halbmonds gesprochen wurden. Vater und Tochter trauern Istanbul nach. Aber Asiadeh lässt sich dennoch auf einen jungen Arzt aus Wien ein, der ihr den Hof macht und sie schließlich heiratet. Das geht für die junge Frau aber erst, nachdem sie der Mann, dem sie einst versprochen worden war, freigibt.

Der lebt als Drehbuchautor in New York und ist eigentlich ein türkischer Prinz. Spätestens jetzt wird klar, dass der Roman erhebliches Kitsch-Potenzial enthält. Doch wie so oft liegt es am Autor, ob der Kitsch zu einer klebrigen Soße wird, oder ob aus dem Kitsch ehrliche Gefühle und etliche kluge Gedanken destilliert werden. Kurban Said beherrscht das Destillieren. Das liegt an seiner klaren Sprache. Er hat es nicht nötig Gefühle durch Adverbien zu erzeugen. Seine Sätze sind Beobachtungen der Figuren, die diese nachvollziehbar beschreiben. Seine intimen – in diesem Fall trifft dieser Begriff es wirklich – Kenntnisse von Orient und Okzident verblüffen den Leser immer wieder mit ihren modernen und nach wie vor gültigen Erklärungsmustern. Bei Kurban Said taucht man in einen Orient ein, den es so nicht mehr gibt, dessen mentale Grundlagen aber auch heute noch vielfach anzutreffen sind.

Natürlich begreift der Prinz irgendwann, dass sein Leben voller Alkohol und Filmen leer ist. Diese Leerstelle soll Asiadeh füllen. Da ist viel vorhersehbar. Und dennoch legt man das Buch am Ende zur Seite und bereut die Lektüre nicht. Als das Buch Ende der 1930er-Jahre erschien, hatte Lew Noussimbaum schon etliche Jahre in Berlin, Wien und New York verbracht. Seine Beobachtungen des Lebens und der Lebenslügen der Menschen sind das Nachhaltige. Und die Modernität. Zwar werden noch keine SMS verschickt, aber Telegramme können die gleiche Wirkung entfalten.

Jochen Hörischs Denken freut sich am Unreinen

Jochen Hörischs neues Buch
Jochen Hörischs neues Buch

Ohne Wasserwerke keine Demokratie. Diese These in Jochen Hörischs Aufsatzsammlung hat mir sofort eingeleuchtet. Denn ohne Wasserversorgung kein regelmäßiges Waschen. Ohne sauberes Wasser keine einfache Reinigung der Kleider. Und ohne Trinkwasser keine regelmäßiges Zähneputzen. Was das mit Demokratie zu tun hat? Sehr viel! Denn wer miteinander diskutiert, muss sich Riechen können. Der darf nicht aus dem Mund stinken und ein Würgen bei seinem Gegenüber hervorrufen. Die Nähe des Gesprächs, der Auseinandersetzung auf Augenhöhe erfordert es geradezu, dass sich die Sinne nicht von Ekelhaftem ablenken lassen, sondern sich auf das Wesentliche, auf das Argument konzentrieren können.

Jochen Hörisch geht sogar so weit zu behaupten, dass Stinken ein Privileg des Adels war. Erst die Reinlichkeit der Bürger ließ es zu, dass sich Gleichgesinnte und sich gleich Fühlende so oragnisieren konnten, dass sie ein Staatswesen übernehmen und organiseren konnten.

Solche Gedanken machen die Aufsätze Hörischs aus. Auch wenn sie nicht alle so eingängig sind wie der über die Gründung des Hamburger Wasserwerks. Der Mannheimer Germanist und Medienwissenschaftler nimmt sich auch Benjamin, Adorno und Luhmann an. Dabei interessiert ihn immer das Kommunikative und dessen Funktion. Wer Lust auf eine das Hirn etwas fordernde Lektüre in den Ferien hat, dem kann ich das Buch empfehlen. Ach ja: Der Untertitel von „Tauschen, sprechen, begehren“ ist übrigens: „Kritik der unreinen Vernunft.“ Denn für Hörisch ist nur das von Interesse, was nicht absolut, was nicht vollkommen, was nicht perfekt ist. Denn genau dann lohnt es sich mit dem Denken zu beginnen.

Jochen Hörisch: Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft. Edition Akzente, Hanser Verlag.

Julian Barnes nimmt die Furcht vor dem Tod

Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste
Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste

„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Schon wegen dieses ersten Satzes muss man das letzte Buch von Julian Barnes mögen. Wie lässt sich der Zweifel und die letzte Hoffnung auf einen übergeordneten und regelnden Sinn des Daseins besser auf den Punkt bringen?

Julian Barnes wird eindeutig älter. Mit Mitte 60 rückt der Tod in den Blick des britischen Romanciers. Mit seinem Humor und einer guten Anordnung seiner Figuren schafft er es, ein packendes und sehr hintergründiges Buch über das Sterben zu schreiben, das ich nicht mehr aus der Hand legen wollte, ehe ich viele neue Perspektiven auf das endgültige Ende präsentiert bekam. Ausgangspunkt des autobiografischen Romans ist die Auseinandersetzung mit seinem Bruder, einem Philosophen, um den Tod. Dem setzt er auch das obige Zitat entgegen, wenn der die Sinnsuche als überflüssig abtut.

Das ganze Buch ist eine Diskussion der Interpretation des Todes. Der Ich-Erzähler ist Schriftsteller. Er liest die großen Dichter, um sich dem Tod zu nähern. Sein Bruder, der Atheist und Rationalist, hält sich an den Philosophen fest. Das klingt sehr trocken. Ist es aber nicht. Und genau da zeigt sich die schriftstellerische Klasse von Julian Barnes. Er packt dieses Auseinandersetzung in eine Famlienchronik. Und so werden die sich wandelnden Einstellungen zum Tod an einem Jahrhundert Familiengeschichte greifbar. Die damit verbundenen Gefühle und der so verschiedene Umgang andersartiger Menschen mit dem Tod wird warm und voller liebenswerter Ironie geschildert. Und in den Worten und Gedanken der großen Dichter und Phliosophen gespiegelt.

Das ist wunderbar leicht trotz des schweren Themas. Wahrscheinlich kann nur ein frankophiler Brite so ein feines Buch über unser aller Ende schreiben.

Schweskas Roman schildert den Niedergang der DDR anhand der IT-Subkultur

Marc Schweska: Die letzte Instanz
Marc Schweska: Die letzte Instanz

Über die Widerständigen in der DDR ist schon viel geschrieben worden. Meist handelt es sich um Bürgerrechtler, Umweltschützer, Hippies oder auch Skinheads. Musik und Kirche ist immer wichtig. Aber dass die ersten Computerfreaks der Arbeiter- und Bauerndiktatur Teil der Berliner Subkultur von Prenzlauer Berg und Friedrichshain waren, war mir neu. In Marc Schweska Roman „Zur letzten Instanz“ erweckt er die untergehende DDR zum Leben. Der Roman gehört zu den überraschendsten Büchern der „Anderen Bibliothek“ der vergangenen Jahre. Denn die Collage um Lem, den Sohn eines einst wichtigen Kybernetikers, der am Theater arbeitet, in einer Band spielt und vor allem in seiner Freizeit Computer und Elektrogeräte bastelt, zeigt alle Aspekte des absurden Staates zwischen Elbe und Oder.

Dabei entwirft Schweska nicht nur ein Panorama des Untergangs. Er schreibt auch eine Geschichte der Kybernetik, die als gemeinsame Sprache jenseits der Ideologien für einen Moment in Ost und West von einigen Wissenschaftlern als Möglichkeit gesehen wurde, anhand der logischen Informationstechnologie den starren ideologischen Systemen eine Alternative an die Seite zu stellen. Das ist natürlich nicht immer ganz einfach zu lesen. Denn Schweska scheut auch nicht davor zurück, mal eine Seite Programmcode abzudrucken. Aber in Kombination mit Überwachungsprotokollen der Stasi und absonderlichen Nachrufen entsteht ein facettenreiches Bild. Schweska kann sprachlich für unterschiedliche Akteure auch eigene Dukti entwerfen. Das sorgt für mehr Spannung.

Obwohl das Buch kein spannendes, sondern eher ein verwunderliches ist. Es hat etwas von einem Bildungsroman. Nur dass der sich bildende nicht ein einzelner Mensch ist, sondern eine Idee, die sich in den Menschen zweier Generationen ausbreitet. Wobei der Sohn die Errungenschaften des Vaters nur als Pervertierung kennenlernt. Wo der Vater anhand der IT den Fortschritt beflügeln wollte, spürt der Sohn die negativen Auswirkungen: Denn die Stasi nutzt die IT, um besser und effizienter überwachen zu können. Dieser Aspekt ist auch heute noch aktuell, wenn man an die aktuellen politischen Debatten denkt. Im Roman steht das Beispiel Computertechnologie für den gesamten Niedergang der Ideen, die der DDR anfangs Legitimität gaben und am Ende nur noch hohles Pathos verwirrter Greise war, die über die Mittel verfügten, das Leben von Menschen zu vernichten.

Marc Schweska: Zur letzten Instanz. Eichborn – Die Andere Bibliothek. 32 Euro.

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