Fridericiana (I) – Norbert Leitholds Panorama überzeugt

Norbert Leithold: Friedrich II. von Preußen - Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z
Norbert Leithold: Friedrich II. von Preußen – Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z

Bücher über Friedrich II. gibt es ja derzeit zuhauf. Das von  Norbert Leithold ragt aus dem Biographien, Anekdoten-Sammlungen und historischen Abhandlungen heraus. Denn Leithold hat quasi einen Friedrich-Blog zwischen Bücherdeckel gepackt.

„Friedrich II. von Preußen – Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z“ versammelt knappe, aber exakte und noch dazu gut erzählte Texte von „Abenteurer“ bis „Zeitungen und Journale“. Jeder dieser 95 Artikel überzeugt nicht nur durch die Darstellung, sondern vor allem auch durch die Verlinkung mit anderen Texten und teilweise mit weiteren erläuternden Artikeln, die die Zeitumstände beleuchten. All das ist, wie gesagt, wie auf einem Blog verlinkt. Und so springt der Leser nicht unbedingt alphabetisch, wie das Buch geordnet ist, durch die Seiten. Vielmehr kann er stöbern, blättern, erneut nachlesen und so besser verstehen.

Norbert Bleisch, so heißt Leithold eigentlich, hat mehrere Romane veröffentlicht und auch am Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen. Diese literarische Ausbildung ist jedem Text anzumerken. Denn Leithold/Bleisch erzählt Geschichten – und erleichtert so den Zugang auch zu schweren historischen Themen.

Leithold blendet auch neue Quellen in seine Texte ein. Etwa die Briefe des Grafen Johann Eustach von Goertz (1737-1821), den Prinzenerzieher des Erbprinzen Carl August von Sachsen-Weimar und Diplomaten in Diensten des Weimarer Hofes und von Friedrich dem Großen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viele Quellen zu Friedrich noch gar nicht richtig ausgewertet wurden und auf die Forscher nur warten. Auch davon erzählt Leithold – und davon, was eine neue Quellenauswertung zur Korrektur einer der historisch am häufigsten  von unterschiedlichsten politischen Gruppen und Ideologien missbrauchten Figur der deutschen Geschichte beitragen kann. In den fast 100 Texten kommt deshalb nicht nur ein erstaunlich umfassendes, sondern auch ein sehr facettenreiches Bild des preußischen Königs zusammen. Und ein guter Führer durch das Friedrich-Jahr.

Mehr Fridericiana:
II.  Wohin mit dem Erbstück?
III. Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben
IV. d’Apriles feines Buch über die Aufklärer in Umfeld Friedrichs

Mehr über Bücher der Anderen Bibliothek

Max Herrmann-Neiße blickt 1925 auf neue Kabarettdichtung

Neuere deutsche Kabarettdichtung

Lange fehlten in Deutschland jene Dichter des packenden, urwüchsigen, aktuellen Schlagers, die in Frankreich die Entwicklung des Kabaretts zu einem eignen vollwertigen Kunstzweige früh gefördert hatten, gab es gar keine Schriftsteller, die spezifisch dahin begabt waren, ein Ereignis sofort rücksichtslos zu entblößen und unterm amüsanten Pfeilregen des Witzes zu begraben. Gab es keine Künstler, denen jene leichte Musikalität im Blute liegt, die im einprägsamen Rhythmus und mit dem volkstümlichen Gedächtnisanhalt des Refrains gleichsam spontan Empfindung und Meinung sich äußern läßt. Gab es auch keine abseitigen, untergründigen Urwuchspoeten, Bänkelsangdichter voll Dämonie und satzungsferner Doppelbödigkeit.

Die Textlieferanten der ersten deutschen Überbrettlära waren lyrische Limonadenfabrikanten (Ernst von Wolzogen, Bierbaum), platte Bonmotdrechsler und Bonhomiesatiriker (Pserhofer, Rideamus). Und die Dichter, die damals zufällig im Rahmen dieser Kabaretts auftraten, schrieben nicht fürs Kabarett und schrieben nicht so, daß ihre Werke irgend eine Möglichkeit gehabt hätten, vom Kabarett aus zu wirken. Von wirklichen
Künstlern gemachtes, Kabarett, das eine Welt für sich darstellte, war erst das der »Elf Scharfrichter« mit den Dichtern Wedekind, Lautensack. Leo Greiner, Gumppenberg, Ludwig Scharf. Dann gab es in den drei, vier Jahren, die dem Weltkrieg vorausgingen, eine Dichtung, die zwar nicht direkt fürs Kabarett gemacht war, aber ihrer Struktur nach einem wirklich künstlerischen und selbständigen Kabarett geeignetes Material zu bieten hätte. Die impressionistisch-naturalistische Literaturepoche hatte es in ihrem Ausgang zur Groteske gezogen: nach der Erringung eines hohen formalen Niveaus führte man akrobatische Wagestücke und verblüffende Fingerfertigkeiten vor, hielt Berlins Großstadtsensationen in grotesk frisierter Verklärung lyrisch fest. Die Reihe der Dichterexzentriks war groß und mannigfaltig, Scheerbart, Meyrink, Mynona waren ebenso darin wie Hardekopf, van Hoddis, Lichtenstein, Blass, Hugo Kersten und das Autorenterzett der »Kriminalsonette«. Die Schwindelatmosphäre des Kriegs- und Nachkriegsbetriebs nimmt die deutsche Abart des Dadaismus dann einfach als Technik auf, erbarmungslos, exakt, mit nötiger Kaltschnäuzigkeit, marschartigem Draufloshämmern, marktschreierischer Inseratenstrophe, marionettenhafte Geschäftigkeit, betreibt die Tollheit als Gewerbe und schafft so auch für ein selbstherrliches Kunstkabarett bizarre, klischeefeindliche Vorlagen in Gedichten von George Grosz, Richard Huelsenbeck, Hans Arp, Kurt Schwitters.

Der ganze Text steht im Walter-Mehring-Blog…

Ringsgwandls Geschichten sind nichts für leise Leser

Georg Ringsgwandl: Das Leben und Schlimmeres
Georg Ringsgwandl: Das Leben und Schlimmeres

Jetzt sind es bald schon 25 Jahre, dass Georg Ringsgwandl den Salzburger Stier verliehen bekam. Solange gehört er zumindest in Bayern zu den Stimmen, die mit ihrem schrägen Blick die Wirklichkeit graderücken. Bei ihm gilt zudem das Wort von der „Stimme“ nicht im übertragenen Sinn. Aber als Autor ist er bislang nicht in Erscheinung getreten.

Leider. Denn sein erstes Buch „Das Leben und Schlimmeres – Hilfreiche Geschichten“ verursacht eine Art Phantomschmerz, weil man diese wunderbaren Texte erst jetzt lesen darf. Warum hat uns der Ringsgwandl so lange warten lassen? Weil die CDs nicht die Verkaufszahlen erreichen, die sie verdient hätten? Oder weil ihm das Leben – früher auch als Arzt – als Familienvater und Rampensau keine Zeit ließ?  Zumindest auf die Frage nach den CD-Verkäufen gibt es in dem Buch eine Antwort.

Ganz nah an den Menschen sind seine Beobachtungen. Ganz lakonisch ist sein Ton. Und ganz großartig ist der Witz, der in diesem Spannungsfeld entsteht. „Das Leben und Schlimmeres“ ist eines dieser Bücher, die in der Bahn die Mitreisenden belästigen können, weil man lauthals lachen muss. Ringsgwandl ist ein Meister in der Offenlegung des Absurden im Alltag. Etwa wenn er den ehemaligen Schulfreund beschreibt, der fest davon überzeigt ist, dass seine Songs besser in großen Stadien funktionieren würden als die der großen Bands. Aber da er sich lieber in Gram vergräbt, bleibt er unentdeckt und leidet als kleines Licht an seinem Größenwahn.

Wunderbar sind auch die Beobachtungen über Liebe im Niedrigenergiehaus, „das Knie“ als biomechanischem Drama in drei Akten oder den „Tiroler Rundfunk“. Jeder Text für sich ist ein feines Meisterstück. Da in dem rororo-Band 32 Texte sind, wächst dieser zu einem großen Buch.

Ringsgwandl: Das Leben und Schlimmeres – Hilfreiche Geschichten. rororo, 9,99 Euro.

 

Olga Grjasnowa rollendes „r“ macht Mascha sympathisch

Olga Grjasnowa  kurz nach der Lesung von "Der Russe ist einer, der Birken liebt" in der Berliner Buchhandlung "Moby Dick".
Olga Grjasnowa kurz nach der Lesung von „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ in der Berliner Buchhandlung „Moby Dick“.

Ihr „r“ rollt so schön. Und ihre Betonung der zweiten statt der ersten Silbe erzeugt einen ganz eigenen Lesefluss.  Olga Grjasnowa hat sich gut auf ihre gut einstündige Lesung vorbereitet. Sie liest nicht eine Passage am Stück, sondern hat etliche kleinere Szenen aus ihrem gesamten Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, die den Handlungsstrang erkennen lassen.

Leicht aufgeregt wird die Anspannung der Autorin durch mehrere Mikrophon-Aussetzer noch verstärkt. Dann wird ihr Deutsch mit dem schönen leichten Akzent leider etwas monoton. Die Konzentration des Zuhörers darf sich dann nicht von den Bücher- und CD-Regalen der der schönen Buchhandlung „Moby Dick“ in Prenzlauer Berg ablenken lassen. Denn dann wird es schwer zu folgen.

Deutlich wird das vor allem am Ende. Sie habe Mascha, die Protagonistin, ursprünglich noch böser angelegt, als sie dann im Roman wurde, meint Olga Grjasnowa auf eine Frage der Buchhändlerin. Doch Mascha kam bei der Lesung als überhaupt nicht böse an. Eher als Opfer, die einen Todesfall zu beklagen hat und bei der Einreise nach Israel bei der Kontrolle so sehr schikaniert wird, dass sogar der Laptop zerstört wird. Als eine Frau mit bösen Neigungen, wird Mascha nicht greifbar. Im Gegenteil: Die Lesung sorgt für viel Sympathie mit ihr.

Die Buchhandlung ist übrigens fast schon überfüllt. Viele Zuhörer sind um die 30. Sie fühlen sich angesprochen von dieser Geschichte, die im multikulturellen Milieu der gut ausgebildeten, mehrere Sprachen sprechenden Deutschen mit den Migrationshintergrund spielt. Und in der damit verbundenen Bindungslosigkeit, die bis zu zwischenzeitlichen Aufenthalten in der Psychiatrie reicht. Das ist alles auch sehr verwirrend. Und wahrscheinlich ein Grund, weshalb man den Roman doch lesen sollte. Neben der nach wie vor offenen Frage, warum Russen, Birken lieben. Und dieser Titel über einem Text steht, der eine Frau in den Mittelpunkt rückt, die aus Aserbaidschan stammt. Und: rollen die dort das „r“ auch so schön?

Stuart Evers macht aus der Coolness des Rauchens wärmende Nostalgie

Stuart Evers: Zehn Geschichten übers Rauchen
Stuart Evers: Zehn Geschichten übers Rauchen

Es ist schon spannend, dass ein Buch mit diesem Titel inzwischen wie eine Provokation wirkt: „Zehn Geschichten übers Rauchen“. Noch vor einigen Jahren, als das Rauchen in Kneipen noch selbstverständlich war, wäre dieses Buch kaum aufgefallen. Doch jetzt hat es schon etwas Verruchtes, dass da Erzählungen erscheinen, in denen die Zigarette der stille, verklimmende Held ist.

Stuart Evers, ein Literaturkritiker und Lektor aus London, hat für sein Debüt zehn Kurzgeschichten geschrieben, die von Freundschaft, Liebe und Leid handeln. Sie sind jede für sich ein Kleinod. Und jede dieser Geschichten hat die Zigarette nicht unbedingt zum Helden. Da ist die Frau, die ihre erste große Liebe nach vielen Jahren der Trennung in ein Hotel bestellt. Früher da lebten sie nur für sich. Alles war Liebe. Und wie es damals so üblich war eine Liebe im Rauch. Das Date im Hotel wird nicht so wie erwartet. Denn der Mann riecht anders als damals. Sie, die nur überprüfen will, ob es richtig ist mit Mitte 40 einen anderen zu heiraten, vermisst genau diesen Geruch. Die Zigarette ist hier nur noch eine Erinnerung des Geruchssinns. Aber eine so prägende, dass sie etwas nostalgisches hat.

Stuart Evers Provokation entpuppt sich deshalb weniger als Coolness. Vielmehr ist sein gutes Stück Nostalgie. In den meisten Texten ist mit der Zigarette etwas Vergangenes verbunden. Und so macht er die Coolness zu etwas Rückwärtsgewandtem, zu einem Gefühl aus der Vergangenheit. Wie Evers aus der Erwartungshaltung des Lesers dieses Gefühl erzeugt, ist meisterhaft. Ganz nebenbei machen die Texte auch alle ganz einfach Spaß beim Lesen!

Wenn junge Männer Tagebücher junger Frauen vorlesen

Theodor Schmidt liest in N>eukölln aus einem Tagebuch.
Theodor Schmidt liest in Neukölln aus einem Tagebuch.

Gut 50 Zuhörer auf 50 Quadratmeter drängen sich in einem ehemaligen Ladenlokal in Neukölln. Die Enge macht die eisige Kälte erträglicher, wenn die Tür aufgeht und noch mehr zu dieser Lesung in den Raum drängen. Die Frauen tragen Nasenring oder mindestens Nasensticker. Die Wände lassen ehemalige Tapeten und Anstriche erahnen. Die Beleuchtung zierte einst eine Chouchgarnitur mit Nierentisch. Und das große Bild des Malers dieses Ateliers hängt nicht an der Wand, sondern trocknet auf Bierkästen.

An einem kleinen Tisch sitzt ein hagerer junger Mann ganz in weinrot gekleidet. Zum Vortrag bringt er ein Tagebuch. Eine Hilde hat es mit knapp 18 Jahren 1928/29 in Mannheim geschrieben. Theodor Schmidt liest den Text als sei es ein Roman. Eine Geschichte vom Verliebtsein einer jungen Frau in einen Schauspieler am Theater. Die Zuhörer erleben den ersten Kuss, sie fiebern bei der ersten Knutscherei im Auto des zweiten Schauspielers und sie lachen, wenn Hilde ihre nächsten Küsse plant.

All die Gefühle sind aus der eigenen Jugend irgendwie vertraut. Aber die Sprache ist doch manchmal etwas seltsam. Eine eigenartige Spannung baut sich auf, die durch den lesenden Mann der Frauengedanken noch verstärkt wird. Etwa wenn er über Wörter wie „Busserl“ oder „Gspusi“ stolpert. Dann wird die Nähe, wie sie bei der Lesung eines Autors seines eigenen Textes immer zu spüren ist, gestört. Dann verschwindet für einen Moment der Eindruck, als höre man doch ein Buch von Schmidt, das als Hildes Tagebuch getarnt wird.

Die Geschichte von Hildes Eroberungen und dem Abgewiesen-Werden ist mehr als eine gute Abend-Unterhaltung. Die Spannung der Authentizität überträgt sich trotz aller Irritationen. Und so erträgt der Zuschauer auch das schwarze Einhorn, das auf den Bierkisten trocknet. Obwohl Hilde nur küsste – und sich nicht traute, es mit einem der Einhörner vom Theater wirklich aufzunehmen.

Und das passierte zur gleichen Zeit:

Literatur hören in Jurten zwischen Stahl und Glas

Andreas Scheffler in einer der Jurten am Potsdamer Platz
Andreas Scheffler in einer der Jurten am Potsdamer Platz

Als man noch mit der Milchkanne direkt im Bauernhof Milch kaufen durfte, da gab es einen ganz besonderen Geruch in den Melkstuben neben dem Kuhstall. Da vermischten sich Aromen von Tier und Milch zu einem etwas süßlichen Geruch, der auch etwas Fettes hatte.

Mitten in der großstädtischen Glas- und Stahlarchitektur des Potsdamer Platzes hatte ich genau diesen Geruch wieder in der Nase. Nicht in einem zu glatten Lokale oder der vielen Büroräume. Es war in einer der Jurten, die da gerade stehen. Etwas verlassen stehen die drei Zelte aus der mongolischen Steppe da. Aber genau das ist es ja, was sie so reizvoll macht.

In ihnen verliert sich der Zuhörer nicht. Im Gegenteil: Nur 44 können einer der Lesungen zuhören; vielleicht auch 48 mit ganz viel quetschen. Egal wie kalt es draußen ist, innen ist es in kürzester Zeit so warm, dass jede nur noch so dünne Jacke zu dick ist.

Jurten auf den Potsdamer Platz
Jurten auf den Potsdamer Platz

Der Geruch der Filzzelte verschwindet dann auch. Ob das an den Ausdünstungen der vielen Menschen liegt, oder dem abnehmenden Sauerstoffgehalt der Luft? Ich weiß es nicht. Nur, dass es nach der Lesung nur fünf Minuten dauert, bis er wieder in die Nase drängt.

Die Jurtendeckel oben sind geschlossen. Doch wenn sie etwas verrutscht sind, dann erblickt man durch sie ein kleines Stück Glas- und Stahl eines der hohen Häuser. Dann kommt die Kälte des Außen als Bild in die Wärme des Innen. Die Lesung wird so zu einem sinnlichen Eindruck ganz eigener Art. Und der ist so stark, dass selbst peinlich unvorbereitete Moderatoren, die keinen Autorennamen kennen, gut zu ertragen sind.

Mit dem Bahntower im Hintergrund
Mit dem Bahntower im Hintergrund

Neben der Gefahr dass laut grölende italienische Touristen direkt neben der Zeltwand die leise Stimme der Autorin übertönen, ist das der einzige Minuspunkt einer wunderbaren Art, mit Literatur in Kontakt zu kommen.

Andreas Scheffler war übrigens sehr amüsant, auch wenn er etwas zu sehr in dem einen oder anderen Klischee badete. Katharina Hacker erzählte nett vom Odenwald, auch wenn es da bestimmt niemanden gibt, der Blaubeeren isst. Wenn schon, dann Heidelbeeren. Judith Poladjan hat wunderbar gelesen, auch wenn die Ich-Erzählerin etwas blass blieb. Und Thomas Melle hat bestimmt einen guten Roman geschrieben. Aber mit dem Vorlesen hat er es nicht so. Dennoch haben alle Runden Spaß gemacht.

 

 

Nino Haratischwilis „Mein sanfter Zwilling“ zeigt die Abgründe der Liebe

Nino Haratischwili: Mein sanfter Zwilling
Nino Haratischwili: Mein sanfter Zwilling

Dieser Roman verstört, weil er das Zerstörungspotenzial der Liebe beschreibt. Dieses Buch fesselt, weil es die Suche nach Freiheit zum Thema hat. „Mein sanfter Zwilling“ verwirrt, weil er den Irrsinn einer Familie, einer Liebe und eines Krieges analysiert.

Nino Haratischwili ist erst 28 Jahre alt. Sie ist in Tiflis (Georgien) geboren und in Deutschland aufgewachsen. Sie hat bereits 13 Theaterstücke geschrieben, wurde dafür schon mehrfach ausgezeichnet und legt mit „Mein sanfter Zwilling“ ihren zweiten Roman vor. Für sie ist das Schreiben offenbar eine Sucht, zumindest aber eine Verpflichtung. Bei all den Stoffen, die sie bereits bearbeitet hat, ist klar, dass sie sich nicht mit der Aufarbeitung der eigenen Biografie beschäftigt. Sie sucht die großen Konflikt, die schweren Themen. Und kann sie fesselnd auf einem außerordentlichen sprachlichen und literarischen Niveau bearbeiten.

Im aktuellen Roman geht es um Ivo und Stella, die als (Stief)-Geschwister aufwachsen. Seit sie sich kennen, lieben sie sich. Allerdings ist das keine einfache, sanfte Liebe. Denn etwas steht zwischen ihnen. Deshalb ist ihre Beziehung von Trennungen und Gewalt, von Selbstzerstörung und unglaublichen Glücksmomenten geprägt. Sobald sie sich nahe kommen, können sie kein normales Leben mehr führen, dann müssen sie das Leben in Extase mit Sex und Drogen spüren, dann verschwindet das, was man gemeinhin für Glück hält. Denn in der körperlichen Pein, in der seelischen Qual, aber auch in der unglaublichen Zweisamkeit erleben sie eine ganz andere Dimension des Zusammenseins.

Die Anlage dieses Stoffes wäre den meisten Autoren zu einer klebrigen Kolportage verkommen. Nino Haratischwili formt aus der Ich-Erzählung Stellas aber einen Roman, der sämtliche Zwischentöne der Liebe gekonnt ausformuliert. Sobald der Leser weiß, dass die Beziehung von Ivo und Stella schwierig ist, wird er immer weiter in den Sog dieser Liebe gerissen. Gekonnt hält sie die Ursache offen, ohne Langeweile zu produzieren. Am Ende des Buches ergeben Aufbau und die verschiedenen Szenen ein schlüssiges Bild, das den Leser grübelnd zurücklässt. Und das, weil das Buch so klar und ergreifend ist.

Auch die Szenen in Georgien, die sich mit dem Bürgerkrieg 1992 beschäftigen, sind deutlich mehr als Folklore. Sie sind integraler Bestandteil der Geschichte. Und sie bringen die Auflösung des Dramas. Nino Haratischwilis Roman ist ein großer deutscher Gegenwartsroman.

Nino Haratischwili: Mein sanfter Zwilling, Frankfurter Verlagsanstalt, 379 Seiten, 22,90 Euro.

Dialekt macht Spaß

Kark-Heinz Göttert: Alles außer Hochdeutsch
Kark-Heinz Göttert: Alles außer Hochdeutsch

Wenn Menschen dieses angebliche Hochdeutsch sprechen, dann klingt das meist gekünstelt. Viel schöner ist es, wenn sich an der Sprache erkennen lässt, wo jemand herkommt. Karl-Heinz Göttert versucht in seinem Buch „Alles außer Hochdeutsch“ Lust auf Dialekt zu machen. Doch so ganz gelingt es dem Kölner Germanisten nicht.

Von den gut 350 Seiten werden die wenigsten Leser alle in sich aufsaugen. Die Einführung ist gut und überzeugend. Auch jeder Komplexe über die großen neun deutschen Dialekte ist für sich lesenswert. Aber alle zusammen sind dann doch ermüdend. Und das gilt für den interessierten Laien wie für den linguistischen Experten. Letzteren dürfte das Bauch nicht tief genug gehen, weil es das auch gar nicht will. Für die anderen wird neben der Einführung vor allem das Kapitel über die eigene Heimat und die Wohngegend von Bedeutung sein.

Verdienstvoll ist Götterts klare Ansage, dass es kein Hochdeutsch gibt. Denn weder spreche man in Hannover besseres Hochdeutsch als in Frankfurt am Main oder in Nürnberg. Im Norden wird ein von Resten der überwundenen niederdeutschen Dialektformen geprägtes Deutsch gesprochen, im Süden eines, das von den noch gesprochenen geprägt ist. Göttert zu Folge ist keines besser oder schlechter. Und da hat er ja auch recht. All die fruchtlosen Diskussionen, on „zu“ oder „an“ Weihnachten richtig ist, haben nichts mit Hochdeutsch zu tun, sondern allenfalls mit einer an der eigenen regionalen Dialektkultur geschulten Sprachwahrnehmung.

„Ein Streifzug durch unsere Dialekte“ ist der Untertitel des Buches. Diesem wird er durch die Kapitel über die neun Dialektregionen gerecht. Leider fehlt Göttert dabei der rote Faden, der sich durch alle Kapitel zieht. Der Suche nach griffigen und witzigen Beispielen wird manchmal die Systematik geopfert. Allerdings sind viele Beispiele dann doch amüsant. Und sie machen sämtlich Lust auf die sprachliche Vielfalt, die Deutschland prägt – und das wieder verstärkt.

Insofern lohnt sich ein Blick in das Buch. Jeder Leser wird Dinge finden, die ihn verblüffen. Wer sich allerdings intensiv mit dem Thema befassen will, sollte besser nach echter Fachliteratur greifen. Aber das wird sicherlich nur eine kleine Minderheit sein.

Karl-Heinz Göttert: Alles außer Hochdeutsch – Ein Streifzug durch unsere Dialekte. Ullstein, 384 Seiten, 19,90 Euro.