Johnny Cashs neues Album ist das definitiv letzte

Johnny Cash: Ain't no Grave
Johnny Cash: Ain't no Grave

Zehn schlichte Lieder sind das letzte Vermächtnis von Johnny Cash. „Aint no Grave“ lässt ihn sechs Jahre nach seinem Tod wieder erklingen. Und das in einer Intensität, die Gänsehaut erzeugt.

Oft haben postume Veröffentlichungen von Liedern oder Büchern etwas von Leichenfledderei. Da wird noch schnell zu Geld gemacht, was bald niemanden mehr interessieren könnte. Das trifft bei diesem Album nicht zu. Im Gegenteil: Die letzte CD der in sechs Teilen erschienenen Reihe American Recordings ist ein Dokument der Trauer, der Erkenntnis und des tiefen Glaubens eines Mannes, der den Tod vor Augen hatte.

1994 lebte Johnny Cash zurückgezogen mit seiner Frau June Carter Cash auf seiner Farm. Knapp 40 Jahre nach dem Start seiner fulminanten Karriere schien diese auch wegen der Spätfolgen seiner überwundenen Amphetamin-Sucht und anderer Krankheiten beendet. Aber der Produzent Nick Rubin konnte Cash davon überzeugen, noch einmal anzugreifen und die Musik zu interpretieren, die neben der Countrymusik entstanden ist und die Massen begeisterte.

Ob Depeche Mode oder Soundgarden, ob Sting oder Nine Inch Nails, Johnny Cash eignete sich die Musik der nachgeborenen Generationen für die nun sechs CDs der American Recordings an. Und legte dabei das Wesentliche in Text und Musik frei.

„Aint no Grave“ ist von der Stimme eines schwer kranken Mannes geprägt. Oft kann Cash nur noch wenige Zeilen am Stück singen. Der Hörer kann die Brüche der zusammengefügten Aufnahmen teilweise verfolgen. Doch es wird nie peinlich, die Stimme versagt nicht. Selbst wenn Cash die Kraft verlässt, wenn die Stimme sich zu verlieren beginnt, gelingt es ihm, hoffnungsvoll zu trauern. Seine Ausdruckskraft bleibt ihm treu. Und so wird die Aneignung von Sheryl Crows „Redemption Song“, Kris Kristoffersons „For the good Times“ und vor allem des Gospels „Ain ‚ t no Grave“ zur Messe seines Glaubens an ein Leben nach dem Tod.

Johnny Cash hat diese nach Aussagen seines Sohnes nun wirklich allerletzten Lieder aufgenommen, nachdem seine Frau starb. Der Tod ist das zentrale Thema. Die Instrumentierung bleibt akustisch und im Hintergrund. Auch sie ist ein Tribut an einen ganz Großen. Sie kommt ihm nicht in die Quere, sondern unterstützt seine Nachdenklichkeit. Und das Andenken an Johnny Cash.

Johnny Cash, „American Recordings VI: Aint no Grave“ erschienen bei Mercury (Universal)

MOZ-Rezension…

Harry Rowohlts wahrhaftige Kolumnen

Handlich ist das Buch und griffig sind die Texte. Harry Rowohlts neuer Kolumnen-Band sammelt Texte aus der „Zeit“, die zwischen 1997 und 2009 erschienen waren. Prägnant sind sie noch immer. Das ist der beste Beweis dafür, dass Rowohlt, der in Irland lebende Übersetzer, Satiriker und Gelegenheitsdarsteller in der Lindenstraße nicht nur genau hinschauen kann.

Vor allem kann er das Erlebte so auf den Punkt bringen, dass es mehr als nur einen Augenblick wahrhaftig bleibt. Und was den Band noch besser macht: Die Texte sind auch noch witzig.

Harry Rowohlt: „Pooh’s Corner“, Kein & Aber, Zürich 2010, 288 S., 19,90 Euro

Wahrhaftige Kolumnen

Harry Rowohlt: Pooh's Corner
Harry Rowohlt: Pooh's Corner

Handlich ist das Buch und griffig sind die Texte. Harry Rowohlts neuer Kolumnen-Band sammelt Texte aus der „Zeit“, die zwischen 1997 und 2009 erschienen waren. Prägnant sind sie noch immer.

Das ist der beste Beweis dafür, dass Rowohlt, der in Irland lebende Übersetzer, Satiriker und Gelegenheitsdarsteller in der Lindenstraße nicht nur genau hinschauen kann. Vor allem kann er das Erlebte so auf den Punkt bringen, dass es mehr als nur einen Augenblick wahrhaftig bleibt. Und was den Band noch besser macht: Die Texte sind auch noch witzig.

Harry Rowohlt: „Pooh’s Corner“, Kein & Aber, Zürich 2010, 288 S., 19,90 Euro

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Kategorisiert als Bücher

In memoriam Django Reinhardt

Django Reinhardt ist nur 43 Jahre alt geworden. Doch das genügte, um seinen Ruhm und sein Gitarrenspiel unsterblich zu machen. Susie Reinhardt, eine entfernte Verwandte der Jazz-Legende, hat für das Label Trikont eine Hommage zusammengestellt.

Ob Dotschy Reinhardt oder Coco Schumann, ob das Titi Winterstein Quintett oder Tiki Daddy, alle interpretieren Stücke von Django Reinhardt und machen die musikalische Vielfalt seiner Songs erlebbar.

Django’s Spirit – A Tribute to Django Reinhardt (Trikont)

Amsterdam lockt aufs Eis

Amsterdam riecht nicht wie andere Städte. Wer zu Fuß die Altstadt erkundet, wird von Abgasen recht wenig belästigt. Dafür ziehen hin und wieder die süßlichen Schwaden von Marihuana über die Gehsteige. Und der Duft von Gewürzen, der an die koloniale Vergangenheit der Niederlande erinnert.

Dieser Winter ist auch in Amsterdam knackig kalt. Die Grachten sind gefroren. Vor dem Rijksmuseum tummeln sich die Schlittschuhfahrer. Dort lockt der Geruch von Glühwein und „warmer Chocoladenmelk“. Eine friedliche Atmosphäre liegt über der Stadt. Die Kälte dämpft den Lärm auf den wenigen größeren Straßen der Altstadt. Aber immer wieder ist das Lachen von Kindern zu hören, die sich die Grachten auf Kufen aneignen. Und von Erwachsenen, die gerade am Wochenende der außergewöhnlichen Freizeitbeschäftigung nachgehen. Fast wirkt diese Schlittschuhleidenschaft wie die auf den Bildern von Hendrick Avercamp (1585–1634) oder Pieter Brueghel (1564–1637). Sie hielten schon im 16. und 17. Jahrhundert auf ihren Landschaftsbildern die Holländer fest, wie sie über gefrorene Flüsse schlittern.

Hendrick Avercamp widmet das Rijksmuseum momentan eine Sonderausstellung. Er gilt als der bedeutendste Maler von Winterlandschaften im „Goldenen Zeitalter“, Hollands wirtschaftlicher und kultureller Blütezeit im 17. Jahrhundert. Schöner kann der Besuch dieser Ausstellung gar nicht sein, als in diesen Tagen. Wer die Holländer auf dem Weg zur Schau auf den Schlittschuhen sieht und sie mit den ebenso heiteren Gesichtern auf den Avercampschen Bildern vergleicht, entdeckt die gleiche Freude, den Spaß am Schneeballwerfen, die Paare, die im Gleichschritt zu einer liebevollen Einheit geworden sind und sogar die Hunde, die sich auf dem ungewohnten Untergrund schwer tun.

Wer sich in der Ausstellung etwas Zeit nimmt und den Details der Bilder widmet, der belohnt sich bei seinem anschließenden Rundgang durch Amsterdam mit einem geschärften Blick für die vielen Besonderheiten am Rande. Etwa für die Verzierungen und Simse an den alten Häusern. Oder für die Geländer aus Schmiedeeisen, die nicht nur Kellerfenster und den Tritt auf vereisten Treppen sichern, sondern auch viele Hausboote, die in den gefrorenen Grachten liegen, schmücken.

Unweigerlich irritiert bei einem solchen Spaziergang durch Amsterdam immer wieder der Haschischduft die ihn ungewohnte Nase. Der legale Verkauf von Cannabisprodukten aller Art sorgt dafür, dass vor und in den unzähligen Coffeeshops gekifft wird. Es sind hauptsächlich Touristen, die sich dort eindecken. Und natürlich auch sofort rauchen.

Das Rijksmuseum widmet sich in seiner Ausstellung „The Masterpieces“ auch der Zeit, in der Amsterdam einmal so etwas wie eine Hauptstadt der Welt war. Im „Goldenen Zeitalter“ war die Stadt das Zentrum des europäischen Gewürzhandels. Nach der Übernahme der portugiesischen Kolonien in Indonesien kontrollierte die Niederländische Ostindische Kompanie den Handel mit Muskat und mit Nelken.

Amsterdam Brouwersgracht im Winter
Amsterdam Brouwersgracht im Winter

Das Schiffsmodell der „Prinz Willem“ aus dem Jahr 1651 ist mit seiner Länge von mehr als einem Meter nicht nur imposant. Es dokumentiert auch die Flotte, mit der dieser Reichtum in die Stadt kam. Er ließ dann die Kunst aufblühen, die mit Rembrandt oder Vanmeer ebenfalls in der Ausstellung präsent ist. Die stolze Architektur der hohen und schmalen Häuser an den Grachten aus dieser Zeit dominiert noch heute das Stadtbild.

Das Rijksmuseum zeigt in der kompakten Ausstellung das Zusammenwirken von wirtschaftlicher und militärischer Expansion und der Förderung der Künste ebenso wie das erstarkende Selbstbewusstsein der Handelsnation, an das noch heute vieles erinnert: die Giebel der Häuser, die dezente, aber edle Ausstattung der Kirchen oder so imposante Gebäude wie der Hauptbahnhof und das Rijksmuseum selbst.

Amsterdam befrorenes Fahrrad
Amsterdam befrorenes Fahrrad

Exotische Lokale sind in Amsterdam nicht erst in den vergangenen 30 Jahren entstanden. Indonesische Küche gibt es dort schon so lang, dass sie selbst an jeder „Frituur“, den holländischen Imbissbuden, zu bekommen ist. Zwar mussten die Niederlande sich Ende der 40er-Jahre des vorigen Jahrhunderts nach einem brutalen Krieg aus Indonesien zurückziehen. Aber das koloniale Erbe ist nicht zuletzt im bunten Gemisch der Menschen weiterhin sichtbar.

Auch das Rijksmuseum ist Ausdruck der kolonialen Größe. Nicht umsonst nennt es sich nach einem Reich, das längst vergangen ist. Nicht nur wegen der Rembrandtschen Nachtwache lohnt sich also der Besuch. Wobei auch sie vom Stolz der reichen Bürger zeugt, die ihr Geld mit dem Handel verdienten.

Die Ausstellung versäumt es übrigens nicht, den ersten Börsencrash der Welt darzustellen. 1637 platzte die Spekulationsblase auf Tulpenzwiebeln. Der Duft und die Schönheit der Blumen hatten den Preis für eine Zwiebel höher getrieben als den für ein Haus an der Amsterdamer Keizersgracht. Das konnte nicht gut gehen. Aber auch davon hat sich die Stadt zügig erholt.

Tocotronic lebt auf Kriegsfuß mit der Romantik

„Schall und Wahn“ heißt das neue Album von Tocotronic. Die CD der Band der Hamburger Schule und des deutschen Diskursrock erscheint am Freitag. Andreas Oppermann hat mit Texter, Gitarrist und Sänger Dirk von Lowtzow über Rock, Romantik und die Entstehung des Albums gesprochen.

Dirk, William Faulkner stand beim neuen Album mit seinem Roman „Schall und Wahn“ offenbar Pate.

Dirk von Lowtzow: Das ist ein Titel, der uns gut gefallen hat. Er spielt aber keine große Rolle.

Warum erzeugt Ihr Bezüge, wenn sie nicht wichtig sind?

Es geht eher um die Geste der Aneignung, als um das Buch. Der Titel ist einfach gut.

Dennoch gibt es Bezüge. In „Schall und Wahn“ ist eine erzählende Figur depressiv und geisteskrank. Viele Eurer Texte wirken ebenfalls depressiv.

Nein, das Album ist ja keine Romanvertonung. Es geht uns einfach um den Titel und den Prozess der Aneignung. Dabei finde ich Wahllosigkeit interessanter als offensichtliche Bezüge. Schon Faulkner hat den Titel von Shakespeare geklaut.

Im Gegensatz zu den Vorgängern ist Eure Aneignung ironiefrei.

Wenn man „Schall und Wahn“ zum Albumtitel macht, dann wird er in erster Linie Musik.

Die musikalische Bandbreite reicht von Streicherteppichen bis zu hartem Rock.

Die Klammer ist eigentlich der Sound, also der Schall. Das Album ist in gut zehn Tagen live eingespielt worden. Den Aufnahmen liegt der Versuch zugrunde, den Raum des Studios auf die interessanteste Art abzubilden. Und so den Schall zu Ehren kommen zu lassen.

Die Songs sind aber alles andere als homogen.

Für uns war es interessant, innerhalb dieser Klammer in die Extreme zu gehen. Vom folkigen Stück mit Streichern „Im Zweifel“ zum Hardcore-Song „Das Schloss“ oder dem Klassik-Rock-Song „Die Folter endet nie“. Die Klammer des gemeinsamen Klangs erzeugt eine Auffassung von Räumlichkeit.

Habt Ihr mit echten Streichern aufgenommen?

Ja, aber sie haben nicht live mit uns gespielt. Das wäre nicht gegangen. Die Band ist zu laut und die Streicher zu leise.

Wie entstehen die Ideen für die Instrumentierung innerhalb eines solchen Sound-Spektrums? Vor oder nach den Texten?

Man hat Wunschvorstellungen bestimmte Stücke mit anderen Instrumenten über das klassische Rockquartett hinaus zu erweitern. Dafür haben wir zum Beispiel von einer befreundeten Band einen Bläsersatz schreiben lassen. Bei drei weiteren Stücken war der Wunsch da, Streicherarrangements zu haben. Das ist ja auch nicht total ausgefallen. Der Einsatz solcher Elemente hat sich eher nach der Komposition gerichtet und nicht unbedingt nach dem Inhalt. Auch dabei geht es um die Vorstellung, wie sich so ein Stück musikalisch entwickeln kann.

Das Lied „Eure Liebe tötet mich“ klingt nach depressiver Selbstzerstörung.

Ausgehend von Oscar Wildes Satz „Jeder tötet, was er liebt“ versuchen wir eine Konzeption von Liebe zu entwerfen, die etwas Zerstörerisches an sich hat. Wenn es die Gesellschaft vermag, durch Liebe Menschen zu formen und zu domestizieren, dann geht es um die zerstörerische und gefährliche Seite, das Suchtpotenzial der Liebe.

Hat die Sehnsucht nach dem Tod für Euch etwas Romantisches?

So ist das nicht gedacht. Die Konzepte der Ich-Auflösung, Vielheit, des Wahns, der Verrücktheit oder Schizophrenie sind nicht romantisch. Wir betrachten Liebe analytisch. Sie wird hier nicht als erlösende Kraft vorgestellt. Mit dem Zustand von romantisch wäre ich vorsichtig, weil ich dabei an eine gewisse Sentimentalität denke. Das ist eigentlich etwas, womit wir auf Kriegsfuß stehen.

Das Album kommt quasi zum Start einer Schwarz-Gelben Regierung heraus.

Die Songs sind 2008 entstanden. 2009 haben wir die Stücke arrangiert. Wenn es einen Zeitbezug zur Gegenwart gibt, ist er prophetisch.

Das wäre Euch nicht unrecht?

Als Texter würde ich nie auf eine Regierungsbildung reagieren. Aber wenn Texte diagnostisch, prophetisch oder reflexiv in den Zusammenhang passen, dann ist das oft das Beste.

Einer dieser Kommentare ist der Song „Stürmt das Schloss“. Der Aufruf zur Revolte hat aber etwas Romantisches.

Das ist nicht romantisch im Sinne von schwärmerisch. Das Album ist sehr analytisch oder diagnostisch. Es geht um eine eigene Beschädigung.

Tocotronic: „Schall und Wahn“, erscheint am Freitag bei Universal

MOZ-Interview…

Chinesischer Öldurst treibt den Preis auf bis zu 250 Dollar

Der Erdölpreis beeinflusst die Inflation. Im Dezember belief sich die Inflationsrate auf 0,9 Prozent. Preistreiber waren Ölprodukte: Superbenzin war 16,2 Prozent teurer als 2008, Heizöl 4,4 Prozent. Andreas Oppermann hat mit Otto Wiesmann, Ölmakler an der New Yorker Warenterminbörse, über den zukünftigen Ölpreis gesprochen. Herr Wiesmann, der Ölpreis hat in den wenigen Tagen dieses Jahres Kapriolen geschlagen. Erst war er recht hoch, jetzt sinkt er gerade. Was ist los? Otto Wiesmann: Das ist einfaches Marktverhalten. Der Preis ist in kurzer Zeit um 16 Dollar gestiegen. Einem so starken Preisanstieg folgen immer Gewinnmitnahmen. Zudem sind die Bestände, vor allem in den USA, voll. Öl ist eigentlich genug vorhanden.

Liegt das Öl auf Halde?

Teilweise liegt Erdöl tatsächlich auf Tankern in den Weltmeeren auf Halde. Das ist aber nur vorübergehend der Fall.

Müssen wir mit steigenden Preisen rechnen?

Vor allem langfristig. China ist auf großer Einkaufstour auf den Rohstoffmärkten. Allein in den vergangenen beiden Jahren ist der Autobestand pro 1000 Chinesen von 24 auf 40 Fahrzeuge gestiegen.

Also fast eine Verdoppelung in zwei Jahren.

Aber China liegt mit diesen 40 Fahrzeugen auf 1000 Bürger noch weit unter westlichen Durchschnitt. Bei uns liegt er bei gut 500 Fahrzeugen pro 1000 Bürger. Da wollen die Chinesen hin. Wenn der Fahrzeugbestand nur auf 120 steigt, also auf weniger als nur ein Viertel unseres Bestandes, dann klettert der chinesischen Importbedarf pro Tag auf bis zu 16 Millionen Barrel.

So gesehen spielt der relativ kalte Winter derzeit keine Rolle bei der Preisbildung?

Der Winter hier ist nicht ganz so wichtig, Nach wie vor sind die USA der Hauptabsatzmarkt für Erdöl. Pro Bürger verbraucht das Land 25 Barrel am Tag. Dieser Wert sinkt aber zurzeit dramatisch. Anhand der Zweitwährung der USA wird das deutlich. Neben dem Dollar gibt es in den USA auch noch Essensgutscheine. Mehr als 34 Millionen US-Bürger bekommen diese. Das sind mehr als elf Prozent der Bevölkerung. An dieser enormen Zahl lässt sich ablesen, wie stark die USA in der Rezession stecken. Deshalb sinkt der Ölverbrauch in den USA so stark; im vergangenen Jahr um 60 Millionen Tonnen!

Das müsste den Ölpreis doch stabilisieren?

Auf der einen Seite sinkt der Verbrauch wie in den USA oder auch bei uns in Deutschland. Aber in den Schwellenländern steigt er eben. Und das wird stärker ins Gewicht fallen. Indien hat derzeit einen Pro-Kopf-Verbrauch von 0,76 Barrel und China einen von 1,98 Barrel. Damit stehen Indien und China ganz am Anfang einer Entwicklung, die Erdöl benötigt. In diesen beiden Ländern mit insgesamt 2,5 Milliarden Menschen wird der Ölverbrauch in den nächsten Jahren dramatisch steigen.

Ist diese Entwicklung zwangsläufig oder ließe sie sich verhindern?

Jeder Mensch hat Wünsche und Träume. Auch Inder und Chinesen wollen Kühlschränke, Fernseher und Autos. Schon deshalb wird der Verbrauch dort steigen, wie in den anderen Schwellenländern auch.

Damit erübrigen sich Gedanken über den Klimaschutz doch eigentlich?

Das darf man so nicht sehen. Der CO 2 -Ausstoß kommt vor allem aus Kraftwerken. Wenn die westlichen Industrieländer bis 2050 rund 80 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes einsparen wollen, dann geht das nur, wenn keine neuen Kohlekraftwerke gebaut und bestehende stillgelegt werden. Das Erdöl ist zwar wichtig, aber im Verhältnis nicht ganz so bedeutend.

Aber dieser neue Durst nach Erdöl in den Schwellenländern führt auf jeden Fall zu einer Verknappung.

Das ist richtig. Schon jetzt erschöpfen sich die großen Erdölfelder. Die Fördermengen der großen Ölfelder schrumpfen um 7,9 Prozent pro Jahr. Es gibt sogar Staaten wie den Jemen, die fast kein Öl mehr haben. Von den Vereinigten Arabischen Emiraten wissen wir, dass die Fördermenge drastisch sinkt. 1990 gab es weltweit noch 15 Ölfelder, die täglich mehr am eine Million Barrel Erdöl abgaben. Heute gibt es nur noch zwei mit einer solch hohen Fördermenge: Burgan in Kuwait und Ghawar in Saudi-Arabien. Das ist wie bei einer Zitrone: Je stärker man presst, umso eher ist sie leer.

Dann können die Milliarden Inder und Chinesen doch gar nicht so viel Öl verbrauchen?

Das hängt vom Preis ab. Sicher ist, dass der Westen in Zukunft wesentlich weniger verbrauchen kann.

Wie wirkt sich Ihre Prognose auf Raffinerien wie in Schwedt aus?

Für sie wird die Zukunft schwer. Der Ölverbrauch wird bei uns sinken. Spätestens in 20 Jahren wird die Hälfte der Autos elektrisch betrieben werden. Dazu kommen die mit Hybridmotoren.

Erdöl spielt nicht nur im Verkehr eine zentrale Rolle, sondern auch in der Chemie.

Die deutsche Chemieindustrie hat bereits angekündigt, sich vom Erdöl entfernen zu wollen. Das ist möglich. Wir könnten uns zudem vollständig von fossilen Energieträgern trennen.

Wie entwickelt sich der Preis, wenn sich die Wirtschaft dieses Jahr tatsächlich erholt?

Der Markt wird 2010 sehr stark schwanken; zwischen 60 und 100 Dollar pro Barrel.

Setzt sich dieser Trend in den nächsten fünf Jahren fort?

Die starken Schwankungen werden bleiben. Aber sie bewegen sich wohl zwischen 60 und bis zu 250 Dollar pro Barrel.

Wann müssen wir wieder mit den Höchstpreisen von 120 bis 140 Dollar wie im Jahr 2008 rechnen?

Das wird schon im Jahr 2011 wieder der Fall sein.

Bei welchem Preis sollte man seinen Erdöltank füllen?

Wenn der Preis sich wieder den 70 Dollar pro Barrel annähert. Dann sind Heizölpreise von 50 Cent netto möglich. Dann lohnt es sich, den Tank zu füllen.

Otto Wiesmann (54) ist seit 20 Jahren Ölhändler an der Warenterminbörse Nymex in New York. Dafür muss er nicht in den USA arbeiten. Sein Schreibtisch steht in Neu Isenburg bei Frankfurt/Main. Der gebürtige Bayer ist Referent und Gastdozent an Hochschulen. 2009 erschien sein Buch „Change Peak Oil“ im Finanzbuchverlag.

MOZ-Interview…

Die Faszination der Sterne

Dieter B. Herrmann (70) kann den Blick von den Sternen nicht abwenden. Der langjährige Leiter der Archenhold-Sternwarte zu Berlin und Gründungsdirektor des Berliner Zeiss-Großplanetariums wird von nun an jeden Monat in der Kolumne „Herrmanns Himmelsblicke“ den Sternenhimmel erläutern – sowohl im Journal als auch im Video auf der MOZ-Internetseite. Mit Andreas Oppermann sprach er über die Faszination, die der Sternenhimmel ausübt.

Märkische Oderzeitung: Herr Herrmann, was sagen Ihnen die Sterne über das Jahr 2010?

Dieter B. Herrmann: Auch wenn zum Jahreswechsel viel in die Sterne geblickt wird, kann man dort dennoch nichts über die Zukunft finden. Die Sterne erzählen uns sehr viel, aber wirklich nichts über unsere direkt bevorstehende Zukunft. Astrologie hat nichts mit Wissenschaft zu tun.

Und dennoch sind die Menschen schon immer davon fasziniert.

Das ist richtig. Schon vor Jahrtausenden in der Antike hat der Mensch in den Sternenhimmel geblickt und versucht, die Bewegung der Sterne zu deuten. Das ist auch nach wie vor so. Aber wer behauptet, die Zukunft in den Sternen zu finden, erzählt Unfug. Allenfalls können Astronomen durch die Beobachtung der kosmischen Phänomene vorhersagen, wie sich unser Sonnensystem entwickeln wird. Aber da sprechen wir nicht vom kommenden Jahr, sondern von den nächsten Jahrmilliarden.

Die Vereinten Nationen hatten das vergangene Jahr zum internationalen der Jahr der Astronomie erklärt. Hat das etwas gebracht?

Ich denke schon. Vor allem in den weniger entwickelten Ländern, in denen es kaum Planetarien gibt, hat diese Initiative beachtlichen Erfolg gehabt. Damit wurde sinnvoll auf die Bedeutung der Naturwissenschaften hingewiesen.

Was genau kann solch ein Jahr der Astronomie bewirken?

Die Astronomie ist eine Wissenschaft, in der sich alle anderen bündeln. Physik, Chemie und Mathematik sind für den Astronomen genauso bedeutsam wie die Biologie. Wenn man also die Astronomie in den Fokus rückt, dann nutzt man die Faszination des Sternenhimmels, um die Naturwissenschaften generell zu stärken. Auch in Brandenburg ist wieder vom Schulfach Astronomie die Rede gewesen.

Aber ist das wirklich sinnvoll? Der Fächerkanon ist schon so voll. Die Verkürzung des Gymnasiums hat dazu geführt, dass die Kinder jetzt die gleiche Menge Stoff in einem Jahr weniger lernen sollen.

Ich sehe in der Astronomie auch eher eine Ergänzung, ein Wahlfach, das nicht zulasten anderer Fächer gehen sollte. Aber sie ist so spannend, dass sie auch die Literatur- und Geschichtswissenschaften berührt.

Gerade sprachen Sie von der Biologie als Teil der Astronomie. Glauben Sie an außerirdisches Leben?

Die Menschen sind doch schon immer von der Möglichkeit fasziniert, dass es womöglich noch anderswo Leben geben könnte. Mit welchem großen Interesse die Entdeckung von Wasser auf dem Mars kommentiert wurde, zeigt das.

Womit aber noch nicht bewiesen ist, dass es Leben, gar intelligentes Leben gibt.

Das ist richtig. Aber wir können heute mithilfe des Weltraumteleskops Hubble verfolgen, wie neue Sonnensysteme in den Weiten des Alls entstehen. Wir begreifen, dass es noch viele Planetensysteme gibt. Die meisten kennen wir noch gar nicht. Wenn man bedenkt, dass wir erst am Anfang der Weltraumforschung sind, dann halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass wir auch noch Leben im All entdecken werden. Ich weiß nicht in welcher Form. Aber dass es kein Leben außer dem auf der Erde geben sollte, scheint mir sehr unwahrscheinlich.

Damit projizieren Sie auch Wünsche in die Sterne, wie es ein Astrologe tut.

Nein. Ich spreche über wissenschaftliche Wahrscheinlichkeiten und nicht über eigene Wünsche oder Sorgen, bei denen mir der Blick in die Sterne angeblich einen Rat geben könnte. Das ist ein ganz großer Unterschied.

Würden Sie den Sternen gern einmal ganz nahe sein und selbst ins Weltall fliegen?

Nein, das muss nicht sein. Es gibt noch so viele Reiseziele auf dieser Erde, die ich gern sehen würde. Etwa in Peru oder Bolivien.

Wo sich ja auch uralte Formen der Sternenbeobachtung finden lassen.

Ja. Da haben wir es wieder. Überall, auch bei den lateinamerikanischen Hochkulturen, gab es diesen Wunsch, die Welt durch den Blick in die Sterne besser verstehen zu lernen.

Nun gibt es aber seit einigen Wochen den sehr konkreten Plan, Touristen ins Weltall zu bringen, damit sie die Erde bestaunen können. Das reizt Sie nicht?

Selbst wenn ich es spannend fände, würde mir bei diesen Preisen der Spaß vergehen. Um kurz die Schwerelosigkeit erleben zu können, sechsstellige Beträge auszugeben, das ist meine Sache nicht.

Sie haben zusammen mit einem Radiosender und einem Hörbuchverlag eine andere Form des Sternenguckens in Berlin populär gemacht …

Das Hörspielkino unterm Sternenhimmel. Aber das war nicht meine Idee. Sie wurde an uns herangetragen. Anfangs war ich sehr skeptisch. Aber ich habe mich eines Besseren belehren lassen. Die Menschen strömen auch nach Jahren noch in diese Veranstaltungen.

Was macht den Reiz aus? Hörbücher kann man auch anderswo hören.

Aber dieses Gemeinschaftserlebnis unter einem großen Sternenhimmel scheint etwas Besonderes zu sein. Die Möglichkeit, sich ganz auf das Gehörte konzentrieren zu können und allenfalls die Gedanken zu den Sternen schweifen zu lassen, hat vielleicht etwas von einer romantischen Sommernacht. Für das Planetarium hat es natürlich den Effekt, dass durch diese neue Form von Veranstaltung neue Besuchergruppen erschlossen werden. Manch einer kommt vielleicht dann auch zu einem normalen Planetariumsbesuch. Und ganz nebenbei ist das Hörspielkino natürlich eine zusätzliche Einnahmequelle.

Ab sofort wollen Sie die Leser der MOZ mit Ihrer Begeisterung für den Sternenhimmel anstecken.

Ich finde das wunderbar, dass die MOZ das Jahr der Astronomie mit einer monatlichen Serie fortsetzt.

Was wollen Sie erläutern?

In meiner Kolumne „Herrmanns Himmelsblicke“ werde ich den Sternenhimmel des Monats erklären. Dabei geht es um Sternbilder und um die Geschichten, die sich hinter diesen Sternbildern verstecken. Außerdem will ich versuchen, auf besondere astronomische Besonderheiten hinweisen, die sich in diesem Monat entdecken lassen.

Sie schreiben nicht nur für die MOZ. Sie stehen auch vor der Kamera.

In der Videokolumne konzent­riere ich mich auf das Sternbild des Monats. Jeder Monat bietet einen eigenen Blick in den Himmel. In der ersten Folge erzähle ich vom Januarhimmel und dem Orion. Ich bin sehr gespannt, wie das ankommt.

„Ich lebe. Als Sieger und Besiegter“

Hans Keilson kurz vor seinem 100. Geburtstag. (Foto: Andreas Oppermann)
Hans Keilson kurz vor seinem 100. Geburtstag.

Hans Keilson ist 100 Jahre alt, Psychoanalytiker, Schriftsteller, Musiker – und Überlebender des Holocaust. Ein Gespräch über das Leben, seine Arbeit und Heimat Holland

Der Freitag: Herr Keilson, in Ihrem Jahrhundert wurde vieles erfunden. 1909, dem Jahr Ihrer Geburt, gab es weder Radio noch Fernsehen, weder Waschmaschine noch Rührgerät …

Hans Keilson: … und auch kaum Autos.

Gibt es eine Erfindung, die Sie besonders bewegt hat?

Das Telefon. Das ist es sehr wichtig für mich. Aber sonst?

1992, mit über 80, haben Sie noch am Computer gearbeitet. Da hatten die allermeisten Deutschen noch gar keinen.
Ich bin sehr neugierig!

Glauben Sie, dass die Entwicklung von Technik und Medien die Menschen verändert hat?
Man bekommt einen anderen Bezug zur Welt. Das Eremitendasein gehört ins vorige Jahrhundert. Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt ist völlig verändert. Sie kommen aus Deutschland hierher nach Holland, um sich mit mir zu unterhalten. So etwas hätte ich mir früher nicht vorstellen können.

Sind Sie auch auf die großen Fragen der Menschheit von heute, auf die Energie- und Klimapolitik neugierig?
Daran rieche ich. Aber ich muss nicht mehr eintauchen. Das ist nicht mehr mein Thema. Wenn ich 200 Jahre alt würde vielleicht …

Eines Ihrer großen Themen war der Tod. Schon in ihrem ersten Roman spielt er eine große Rolle. In diesem Fall der reale Selbstmord des Freundes Fritz.
Das werde ich nie vergessen.

War es Ihre erste Konfrontation mit dem Tod?
Ich will nicht sagen, dass er die erste war. Aber in der Pubertät hat er in mir etwas geöffnet, fürs Leben, aber auch für den Tod. Das war ein großes, trauriges Erlebnis.

Im Buch heißt es, dass Selbstmord auch ein Stück Erlösung sein kann.
Das denke ich heute nicht mehr. Es war eine Flucht. Ich begriff, dass es Fritz sehr schwer hatte, auch mit seiner Sexualität. Aber dass der Tod eine Erlösung sein könnte, das haben mir die Nazis gründlich ausgetrieben. So stirbt man nicht. Ermordung ist kein Tod.

Egal ob Selbstmord oder Mord?
Ja, Ermordung ist kein Tod.

Im zweiten Buch geht es dann um den Grippe-Tod des bei Holländern versteckten Juden Nico. Da¬raus machen Sie eine Komödie.
„Eine Komödie in Moll“. Da ist einer untergetaucht und kann nicht begraben werden. Deshalb wird die Leiche unter eine Parkbank gelegt. Dieser Tod, der nicht richtig begangen werden kann, ist absurd.

War das im Exil für Sie eine Notwendigkeit, über den Tod auch lachen zu können?
Die Perversität des Zeitalters war so groß, dass man selbst über den Tod lachen konnte. Perversität ist der richtige Ausdruck, obwohl ich es noch nie so formuliert habe.

Wie ist es, ein Überlebender zu sein, der eigenen Familie, der Freunde, vielleicht sogar einer ganzen Welt?
Da bin ich sehr vorsichtig, um mein Selbstgefühl nicht zu überfordern. Ich beschütze mich bewusst selbst. In meinem Leben spielt das keine Rolle. Ich könnte ja eitel werden.

Nach dem Motto: Wen ich alles gekannt habe?
Als Analytikus weiß ich, dass man sehr eitel sein kann. Warum sollte ich es nicht auch sein können? Aber das möchte ich nicht. Das ist keine angenehme Eigenschaft.

Dennoch ist die Frage erlaubt: Wie es ist zu überleben?
Das ist eine völlig legitime Frage. Ich habe überlebt. Aber ich sage mir: Dank je wel. Das ist genug.

Das Thema Überleben haben Sie sich aber auch zum Beruf gemacht, indem Sie mit Kindern gearbeitet haben, deren Eltern die Konzentrationslager nicht überlebten.
Das begann schon, als ich untergetaucht war. Ich hatte mit Kindern gearbeitet, bevor ich holländischer Arzt wurde. Ich war deutscher Arzt und Sportlehrer und habe als solcher ab 1934 in jüdischen Schulen Berlins gearbeitet. In der Großen Hamburger Straße, in der Rykestraße, im Landschulheim Caputh, in der Zionistischen Schule am Kaiserdamm. Deshalb hatte ich viel Erfahrung mit jüdischen Kindern. Holländische Hausärzte haben dann später Kinder zu mir geschickt, weil ich offenbar Vertrauen zu ihnen aufbauen konnte.

Sie haben erst mit 70 promoviert. Was war so spät der Antrieb?
Ich habe neun Jahre an den Nachuntersuchungen gesessen. Es war keine Eitelkeit, oder doch? Ich habe mir gesagt: ‚Du hast so viel Erfahrung, Du hast so viel mit den Kindern mitgemacht, als Du untergetaucht warst. Du hast so viel Leid gesehen; auch später nach dem Krieg, als Du mit Ihnen gearbeitet hast‘. Meine erste und meine zweite Frau sagten auch: ‚Du bist einer der wenigen, die das erlebt haben. Probiere, daraus etwas zu machen‘. Die schöngeistige Literatur kann lesen, wen das interessiert. Aber die Wissenschaft gehört auch zu mir. Ich empfand es als Verpflichtung, denn ich hatte eine Erfahrung, die Kollegen nicht hatten.

Wirkt die lange Beschäftigung damit in Ihnen nach?
Ja. Ich wurde mal gefragt, ob ich mich als Sieger oder als Besiegter fühle. Ich fühle mich weder als Besiegter noch als Sieger. Ich lebe. Und zwar als Sieger und als Besiegter. Die Qualität des Lebens ist durch Hitler und Stalin vernichtet worden. Das muss erst wieder aufgebaut werden.

Im Tod des Widersachers spielen sie dieses Thema durch: Der Tod des Anderen ist auch immer ein eigener Tod?
Überhaupt die Verbindung zum Feind, zum Anderen und sich selbst. Beide spiegeln sich in diesem Verhältnis. Sie können sich auch fruchtbar spiegeln.

In einer Szene schänden Jugendliche einen jüdischen Friedhof. Und zwar mit dem Satz: „Wir waren gekommen, die Toten umzubringen.“
Das ist eine Seite des Antisemitismus. Die Jugendlichen haben etwas in sich selbst umgebracht. Das ist ein guter Satz. Er erklärt sehr viel. Ich hatte ihn völlig vergessen.

Warum gibt es noch Schändungen jüdischer Friedhöfe?
Das ist das Leben der Juden. Das Leben hat diese Antinomie. Ich finde, dass die Kirchen total versagt haben. Wenn sie einen Beweis für Notwendigkeit ihrer Existenz als moralischer Stellvertreter Gottes auf Erden hätten erbringen wollen, dann hätten sie dagegen aufstehen müssen. Bis hin zum: Ich opfere mein Leben.

Was einige Pfarrer ja taten.
Sicherlich. Aber nicht die Höchsten. Hätte es Hitler gewagt, etwas gegen den Papst zu unternehmen?

Das hätte er wohl nicht. Die Verwurzelung der Kirchen in der Bevölkerung war ja noch eine ganz andere als heute.
Das denke ich auch. Der Umgang mit den Juden ist eine profunde menschliche Problematik: Wie gehe ich mit meinen Feinden um? Wie gehe ich mit Menschen um, die auch geboren wurden, die auch leben, die auch aus einer Samenzelle und einer Eizelle entstanden sind. Genau ist das doch das Wunder des Lebens. Wenn ich jetzt als Mann von 100 Jahren meine Enkelkinder bestaune, 15 Monate und fünf Monate alt, dann sage ich zu meiner Frau und meiner Tochter: ‚Das ist das Wunder. Die Verbindung einer Samenzelle und einer Eizelle, aus der ein Mensch wird‘. Damit akzeptiere ich jeden als Teil der Menschlichkeit.

Sie glauben nicht, dass Antisemitismus besiegt werden kann?
Nein, aber diese Grausamkeiten könnten überwunden werden.

Wie konnten Sie all die Probleme der jüdischen Kinder verkraften, die Sie als Psychotherapeut auf sich geladen haben?
Ich bin oft auf der Schneekoppe gewesen. Von Krumhübel an der Talsperre hoch, zur Prinz-Heinrich-Baude, wo wir übernachteten. Das ist auch eine Anstrengung. Wer Freude und schöne Dinge erleben will, muss sich anstrengen können, viel schlucken können.

Wer trainiert, kann seinen Körper anders erleben, und wer sich mit Problemen beschäftigt, kann Geist und Seele abhärten?
Er flüchtet nicht. Ich bin auch nicht geflüchtet. Aber ich weiß, wie schwer das ist. Wenn mir Leute in meiner Praxis erzählten, wie schwer sie es haben, konnte ich so zu hören, dass sie das Gefühl hatten, der Doktor erhört sie. Der Patient erwartet, erhört zu werden, nicht nur gehört.

Das führte dazu, dass Sie kleinere Texte veröffentlichten.
Wenn man diesen Beruf hat, muss man sich entscheiden, ob man schreiben oder ob man seinen Beruf ausüben will. Ich habe mich für meinen Beruf entschieden.

Ist Ihnen das schwer gefallen?
Nein. Man muss sich dazu verleiten können wie Richard Wagner, der mit dem Tod seines Christus nichts anfangen konnte. Tod und Musik. Musik hat in meinem Leben auch eine große Rolle gespielt. Ich schätze Richard Wagner. So schreiben zu können, davor ziehe ich meinen Hut. Dazu muss man ein sehr großes Talent haben.

Aber Wagner war kein sonderlich angenehmer Mensch.
Bestimmt nicht. Viele Genies sind nicht angenehm.
Ich bin angenehm als Mensch.

Das ist wahr. Entschuldigen Sie.
Ich bin ja auch kein Genie. Als Genie kann man kein Psychotherapeut sein. Ich weiß auch nicht genau, ob ich privat immer so angenehm bin. Meine Frau bezweifelt das manchmal.

Wagner gilt als typisch Deutsch.
Tja, das deutsche Wesen hat auch etwas Anziehendes. Wenn ich Haydn oder Mozart höre, dann ist das für mich deutsch. Französische Musik ist anders, englische auch.

Was unterscheidet Deutsch und Niederländisch? Sie habe ein ganzes Leben Deutsch geschrieben und ein halbes Niederländisch gesprochen.
Ich spreche gern Niederländisch. Niederländisch ist bis in die Tiefe der Seele die Überlebenssprache. Sie ist das Leben, das Überleben. Überleben ist etwas anderes als Leben. Auch in meiner Praxis war das Überleben in mir sehr stark. Das sagten die Leute zu mir. Sie kannten meine Biografie.

Sie haben über Fußball-Reportagen im Radio Holländisch gelernt. Schauen Sie heute noch Fußball?
Wenn ich Zeit habe, ja. Aber ich schone meine Augen, deshalb schaue ich wenig.

Sind Sie dann für Deutschland oder für Holland?
Für Holland. Die spielen wunderbaren Fußball. Das sind auch ganz andere Typen als die deutschen Spieler.

Dachten Sie nach dem Krieg jemals daran, nach Deutschland zurückzukehren?
Nein, niemals.Sie sind 1990 Ehrenbürger Ihrer Heimatstadt Bad Freienwalde geworden.
Die Bibliothek trägt meinen Namen. Sie versuchen alles, um die Schande auszulöschen. Das ist sehr nett. Ich schätze das wirklich. Ich bin ja zweimal in Bad Freienwalde gewesen. Es ist ja Unsinn zu sagen, da gehe ich nicht hin, als könnte ich mir eine ansteckende Krankheit holen.

Wollen Sie hier in Holland beerdigt werden?
Ja, auf dem jüdischen Friedhof in Amsterdam, neben meiner ersten Frau. Ich bin Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde in der Nähe von Amsterdam.

Hat der Tod für Sie seinen Schrecken verloren?
Dass ich meine Eltern nicht retten konnte, bereitet mir heute noch Pein. Das ist furchtbar. Und wenn ich meine Tochter, sie ist 35, mit ihren Kindern sehe, dann wird für mich der Abschied schwer. Es geht nicht um den Tod, es geht um den Abschied. Meine Neugierde ist so groß: Was wird aus meiner Tochter, was wird aus ihren Mädchen.

Inzwischen lösen sich die Grenzen auf. Es gibt die Europäische Union, es gibt eine gemeinsame Währung.
Es ist alles so verändert. Das nationale Moment ist nicht mehr so beherrschend.

Die Lehre aus der Geschichte?
Ja. Jetzt heißt es: Lerne, miteinander zu leben, auch mit den Problemen, Bankkonten und allem anderen. Das ist die Normalität. Das ist wunderbar.

In Ihrem ersten Buch schildern Sie, wie die Wirtschaftskrise die Existenz ihrer Eltern vernichtet. Hat die momentane Krise Ängste geweckt?
Wissen Sie, ich habe so viele Ängste in meinem Leben gehabt, dass ich jetzt etwas immun dagegen bin. Das ist so wie Zahnschmerzen.

Darf ich fragen, wie der Tagesablauf eines 100-Jährigen aussieht?
Ich fühle mich in vielen Dingen gehandicapt. Meine Augen, ich sitze zu lang und laufe nicht genug. Schon in meiner Praxis habe ich stundenlang gesessen. Und das, obwohl ich staatlich geprüfter Sportlehrer bin. In letzter Zeit tue ich dafür zu wenig. Deshalb helfe ich im Haus, mache das Schlafzimmer und helfe meiner Frau in der Küche. Das ist meine Gymnastik.

Aber Sie kochen nicht selber?
Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, dann lerne ich bestimmt kochen. Es ist ein Fehler von mir, dass ich nicht kochen kann.

Das Gespräch führte Andreas Oppermann. Er ist Redakteur bei der Märkischen Oderzeitung
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Die Kunst der Ornithologie

Er war ein kleiner Gutsbesitzer und hat mit seinen genauen Beobachtungen die Vogelkunde revolutioniert. Trotz wissenschaftlicher Genauigkeit bei der Beschreibung hat Johann Friedrich Naumann (1780–1857) dennoch wunderbar eingängige Porträts der heimischen Vogelwelt geschrieben und gemalt. In der „Anderen Bibliothek“ ist ein Prachtband erschienen, der das Interesse an dieser Arbeit weckt.

Den besonderen Reiz des 500 Seiten starken Buches machen jene 80 Aquarelle aus, die Naumann malte. Jedes dieser A 4 großen Dünndruckblätter ist eine Reproduktion von Bildern, die bislang nicht veröffentlicht wurden. Naumann widmet jeder Vogelart ein Blatt. Das Besondere an den Bildern sind die außergewöhnliche Kunstfertigkeit, mit der sie geschaffen wurden, und ihre Natürlichkeit.

Für diese Meisterschaft war Naumann schon zu Lebzeiten berühmt. Als Kind malte er bereits für seinen Vater, von dem er die Leidenschaft für die Vogelbeobachtung erbte. Später dann brachte er es zu einer Meisterschaft, die weit über seine sachsen-anhaltinische Heimat hinaus für Begeisterung sorgte. Da Naumann aber nicht nur der begnadete Maler, sondern auch ein genauer Beobachter war, gilt er als Begründer der Ornithologie, der wissenschaftlichen Vogelkunde, in Deutschland. Die Zeitschrift der Ornithologischen Gesellschaft trägt noch heute seinen Namen.

Arnulf Conradi hat „Die Vögel Mitteleuropas“ nun neu herausgegeben und mit einem Vorwort versehen. Dabei trifft er mit seinem erzählenden Stil den richtigen Ton. Er weckt die Neugier auf den großen Vogelkundler, ohne sich als Lehrmeister aufzudrängen. Selbst Leser, die Vögel bislang nur mithilfe des iPhone-Apps des Nabu, des Naturschutzbundes Deutschlands, zur Bestimmung von Vögeln auseinanderhalten konnten, werden nicht verschreckt. Im Gegenteil: Die Neugier auf das Leben und das Werk dieses Gelehrten ohne Lehrstuhl, dieses Wissenschaftlers ohne Hochschulabschluss wird geweckt.

Natürlich gibt es an der populärwissenschaftlichen Ansprache Conradis auch Kritik. Doch dieses Nörgeln an den Details, wie der unzureichenden wissenschaftlichen Zitierweise, ist eher ein Beleg dafür, dass Conradi fast alles richtig gemacht hat. Denn mit einer wissenschaftlichen Edition würden sicherlich nicht so viele Leser für Naumann gewonnen. Dessen Texte sind wunderbar, zum Beispiel die Beschreibung des Rotkehlchens: „Er steht immer hoch auf den Beinen, die Brust erhaben tragend, die Flügel etwas hängend, den Schwanz horizontal; schnellt diesen bei jeder Veranlassung aufwärts, macht eine schnelle Verbeugung dazu und ruckt auch meistens mit den Flügeln.“ Wer demnächst ein Rotkehlchen sieht, wird all das bestimmt erkennen.

Johann Friedrich Naumann: „Die Vögel Mitteleuropas. Eine Auswahl“, herausgegeben von Arnulf Conradi. Eichborn, Frankfurt/Main 2009, 520 S., 79 Euro

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