20 Jahre Brandenburg: Das Land putzt sich heraus

Einst und Jetzt - Land Brandenburg
Einst und Jetzt - Land Brandenburg

Rechtzeitig zu den Feierlichkeiten von 20 Jahren Brandenburg hat die Märkische Oderzeitung das Buch „Einst und Jetzt – Land Brandenburg“ veröffentlicht.

Der Wandel in Brandenburg hat sich für die Bewohner Schritt für Schritt vollzogen. Deshalb ist vielen gar nicht bewusst, wie stark sich die Städte und Gemeinden, die Infrastruktur aber auch ganze Landschaften verändert haben. Wer das Buch „Einst und Jetzt – Land Brandenburg“ durchblättert, wird überrascht sein, wie nachhaltig die Veränderungen sind.

Das Buch stellt Fotos aus der Zeit um 1990 Bildern aus diesem Sommer gegenüber. Knappe Texte der Potsdamer Autorin Hanne Bahra ordnen die Bildpaare ein und erzählen von denjenigen, die sich für den Erhalt von Gebäuden oder die Wiederbelebung alter Traditionen stark gemacht haben. Im Buch sind sie ausführlicher als auf dieser Seite.

Aus allen ehemaligen Altkreisen Brandenburgs sind Beispiele versammelt. Thematisch geht es um Schlösser, Herrenhäuser, Kirchen und Altstadtensembles. Aber auch die Veränderung in den den Natur- und Landschaftsparks sind abgebildet. Und die in der Wirtschaft, etwa in Schwarze Pumpe, im Mercedes-Werk in Ludwigsfelde oder im EKO Eisenhüttenstadt.

Abgerundet wird das Buch mit einigen Statistikseiten. Wer weiß schon, dass die Bevölkerung Brandenburgs kaum geschrumpft ist? Und dass die Anzahl der Ärzte um 46 Prozent gestiegen ist?

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Island klagt Ex-Premier vor dem Reichsgericht an

Die Konzerthalle Reykjaviks vom Wasser aus.
Die Konzerthalle Reykjaviks vom Wasser aus.

Nach heftigen Debatten wird der ehemalige isländische Regierungschef Geir Haarde angeklagt. Er muss sich vor dem Reichsgericht für die große Bankenpleite vor zwei Jahren verantworten. Haarde ist damit der erste Politiker weltweit, der wegen des Finanzcrashs vor Gericht muss. Island geht mit dem Verfahren in die nächste Runde der Aufklärung. In der ersten untersuchte eine parlamentarische Untersuchungskommission die Vorfälle.

Der konservative Haarde stellte sich den Fragen der Parlamentarier ebenso wie die ehemalige sozialdemokratische Außenministerin Ingibjörg Sólrun Gisladóttir. Ihr, Haarde und zwei weiteren Ministern war von der Kommission „grobe Fahrlässigkeit“ bescheinigt worden. Dennoch konnte sich der Althing, Islands Parlament, nur zur Anklage Haardes durchringen. Hintergrund des Verfahrens ist die de facto nicht existente Bankenaufsicht Islands vor der Krise.

Der nordatlantische Inselstaat mit seinen 320.000 Einwohnern etablierte sich als Steuerparadies. Die Rahmenbedingungen dafür hatte die Politik geschaffen. Vor allem die drei Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir profitierten davon. Sie lockten Kapital aus der ganzen Welt an. Doch als im Herbst 2007 die Finanzkrise begann, kamen die drei Banken ins Trudeln. Grund dafür war vor allem der rege internationale Handel mit riskanten Wertpapieren. Um den Bankrott abzuwenden, wurden die Banken im Oktober 2008 verstaatlicht. Kurz darauf zerbrach die Regierung.

Im Februar 2009 wechselten die Sozialdemokraten zu den Grünen. Seitdem ist die Sozialdemokratin Jóhanna Sigurdardóttir Ministerpräsidentin. Die Verstaatlichung hat dazu geführt, dass Island die Schulden der Banken übernommen hat. Vor allem die Niederlande und Großbritannien bestehen auf dem vollständigen Schuldendienst. Dabei geht es um gut 3 Milliarden Euro, die Privatanleger und institutionelle Investoren den Banken anvertrauten. Diese taten das natürlich wegen der hohen Zinsen, die Kaupthing und Co. versprochen hatten. Doch der Verweis auf die Risikobereitschaft der britischen und niederländischen Anleger verfängt nicht. Und so muss jeder Isländer statistisch etwa 10 000 Euro allein dafür aufbringen.

Viele Isländer werfen Haarde vor, dass der Neoliberale nichts gegen die aggressive Expansion der isländischen Banken unternommen hat. „Fahrlässigkeit“ lautet jetzt die Anklage vor dem Reichsgericht, das zum ersten mal seit seiner Gründung 1905 zusammentreten wird. Es besteht aus Juristen und vom Parlament gewählten Vertretern. Die mangelnde Erfahrung des Gerichtes und die damit verbundenen juristischen Probleme waren für die Gegner der Anklage Haardes das zentrale Argument gegen eine Anklage.

Ragnheidur Arnadottir, die konservative Fraktionschefin, sagt zudem: „Nichts hätte ab 2006 den Crash verhindern können.“ Auch die Sozialdemokratin Anna Margrét Gudjonsdóttir ist sich sicher, dass die Hauptverantwortlichen die Banker waren. Doch ihr Vorwurf an Haarde lautet: „Im Kabinett muss über Probleme diskutiert werden, über die Banken wurde nie geredet.“ Das Verfahren vor dem Reichsgericht soll nun klären, wie fahrlässig der Regierungschef war. Deren Auswirkungen merken die Isländer überall: Ihre Krone ist im Ausland nichts mehr wert. Die Preise für Strom und heißes Wasser mussten in Reykjavik erhöht werden. Die Arbeitslosenquote beläuft sich auf ungewohnte neun Prozent. Prestigeprojekte wie die Konzerthalle in der Hauptstadt verzögern sich. Und der Internationale Währungsfond zwingt Island zu einem harten Sparkurs.

Grüne diskutieren Energiewende

Auf ihrer ersten Sommerkonferenz haben die Brandenburger Grünen am vor allem über nachhaltige Wirtschaftspolitik diskutiert. Bundeschef Cem Özdemir versprach in Beeskow: „2013, wenn wir im Bund wieder Verantwortung übernehmen, machen wir die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke wieder rückgängig.“

Dieses Selbstbewusstsein kam bei den Brandenburger Grünen sehr gut an. Auch wenn es für die meisten anwesenden Parteimitglieder noch ungewohnt ist. Nicht einmal 800 Mitglieder hat die Partei im gesamten Land. Die meisten Aktiven kennen sich. In vielen Stadtverordnetenversammlungen und Kreistagen sind sie nicht einmal in Fraktionsstärke vertreten, etwa in Cottbus oder Oder-Spree. Dort sind sie Fraktionsgemeinschaften mit der SPD eingegangen. Eine eigenständige grüne Politik ist so kaum möglich.

Die meisten der 150 Teilnehmer der Sommerkonferenz am Sonnabend in der Beeskower Burg fühlen sich fast wie auf einem Familienfest. Umso ungewohnter sind die Gäste, die mit ihnen über Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Konflikte zwischen Naturschutz und dem Ausbau Erneuerbarer Energien diskutieren.

Ralf Christoffers (Linke), Brandenburgs Wirtschaftsminister, hat die Einladung ebenso angenommen wie Doro Zinke, DGB Vorsitzende Berlin-Brandenburg, oder Kurt-Christian Scheel vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Sie alle suchen den Dialog mit der kleinen Partei, die vor einem Jahr nach langer Pause wieder in den Brandenburger Landtag eingezogen ist. Und natürlich mit der Partei, die bundesweit in den Umfragen derzeit auf bis zu 17 Prozent kommt.

Das derzeitige Hoch der Grünen freut Cem Özdemir auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist er sich bewusst: „Unsere Programme werden jetzt mit dem Taschenrechner gelesen.“ Unrealistische Forderungen sind ihm suspekt. Aber das Beispiel Erneuerbare Energien zeige auch, dass zunächst ungewöhnliche Ideen durchaus realistisch sein können: Heute sei es Konsens, dass die Energiegewinnung vollständig auf Erneuerbare Energien umgestellt werden müsse. Es gehe nur noch um den Zeitpunkt. Als sie das Thema von 20 Jahren erstmals auf die Agenda gesetzt hätten, wären sie nicht ernst genommen worden. Dank grüner Politik wie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz arbeiteten heute 300 000 Menschen in der Branche; viele davon in Brandenburg.

Wie diese Rahmenbedingungen weiterentwickelt werden können, bestimmte die Diskussionen des gesamten Tages. Axel Vogel, Fraktionschef der Grünen im Landtag, forderte im Einklang mit Doro Zinke, dass das Vergabegesetz ökologische und soziale Aspekte beinhalten müsse. Der Entwurf der Landesregierung bliebe hinter dem Berlins zurück.

Da der Ausbau von Wind- und Solaranlagen auch Konflikte produziert, haben sich die Grünen in Beeskow auch darauf vorbereitet. Für die Uckermark hatte Vogel dabei einen ungewöhnlichen Vorschlag. Dort gibt es eine Initiative, die den Bau einer überirdischen Hochspannungsleitung unter die Erde verlegt wissen will. In Thüringen wird genau gegensätzlich diskutiert. Deshalb sollten die Projekte einfach getauscht werden. Beide Regionen wären mit dem Netzausbau versöhnt.

Über diesen pragmatischen Ansatz musste Christoffers schmunzeln, will ihn aber aufnehmen. Einen guten Rat hatte er für die Grünen obendrein: „Bei Konflikten hilft nur reden. Nur so können die Menschen überzeugt werden. Aber dann muss auch entschieden werden.“ Für Christoffers heißt das, dass nach Abwägung aller Sicherheitsaspekte Kohlendioxid bei Beeskow gespeichert werden könnte. Auch wenn Initiativen und Grüne strikt dagegen sind.

Raus aus der Nische

Mit dem Erfolg wächst die Verantwortung. Darüber sind sich die Grünen in Brandenburg einig. Zwar erlaubt es die Rolle als Oppositionspartei gegen vieles zu sein, was die rot-rote Landesregierung will.

Doch ist dieses Dagegensein nicht das, was die kleine Partei wirklich will. Auf der Sommerkonferenz in Beeskow hat sie den Anspruch formuliert zu gestalten. Schon jetzt hat sie ernsthaft überlegt, welche Konflikte das mit sich bringen wird. Ob der Gegensatz von Vogelschutz und Windkraft oder der generelle Protest von Initiativen gegen den Ausbau der Erneuerbaren Energien, die Grünen suchen den Dialog, um die reine Öko-Nische zu verlassen.

Das ist sinnvoll. Und kann dazu führen, sich im Land stärker zu verankern. Denn sollten aus den guten Umfragewerten auch gute Wahlergebnisse werden, ist ein breites und überzeugendes Personalangebot notwendig. Nicht einmal 800 Mitglieder wie derzeit sind dafür eindeutig zu wenig. MOZ-Kommentar…

Platzeck stellt MOZ-Buch über Brandenburg vor

Die Brücke über die Oder steht an diesem Wochenende im Mittelpunkt des Brandenburg-Tags in der Stadt Schwedt (Uckermark). Auf dem zweitägigen Landesfest wird auch das 20. Jubiläum von Brandenburg gefeiert. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) betonte gestern auf einer Pressekonferenz, dass er sich kaum eine bessere Stadt für die Feier vorstellen könne. „Schwedt steht stellvertretend für viele märkische Geschichten von Umbruch und Aufbruch“, sagte der Ministerpräsident. Insbesondere die Themen Deindustrialisierung und demografischer Wandel spiegeln sich in der Stadt an der Oder wider. Sie steht aber auch für eine neue Leistungsfähigkeit der Industrie und die Freundschaft zum Nachbarn Polen.

Schwedts Bürgermeister Jürgen Polzehl (SPD) rechnet am Wochenende mit bis zu 100 000 Besuchern. Nach der Eröffnung am Sonnabendvormittag, zu der auch Ministerpräsident Platzeck erwartet wird, stehen viel Musik sowie ein abendliches Spektakel auf der Oder-Brücke auf dem Programm. Am Sonntag ist ein Festumzug geplant. Erwartet werden zu dem diesjährigen Landesfest auch bekannte Künstler wie Ute Freudenberg und Jennifer Rush. Stadt, Land und Sponsoren finanzieren das Fest mit rund 400 000 Euro.

„Die Brücke ist nicht ohne Grund im Signet des Brandenburg-Tags,“ betonte Polzehl. Das Fest richte sich auch an die polnischen Nachbarn. Auf dem Logo treffen sich Adler und Pipeline zum Rendezvous. Für den Bürgermeister ist das auch eine Verbindung zwischen Nationalpark und moderner Industrie.

Die Märkische Oderzeitung gibt zu den Feierlichkeiten zwei neue Bücher der Edition „Einst und Jetzt“ heraus. Chefredakteur Frank Mangelsdorf stellte die Bände über das Land Brandenburg und die Stadt Schwedt gestern auf der Pressekonferenz in Potsdam vor. Die Bücher bietet auf jeweils 220 Seiten einen Überblick über die Entwicklung des Landes in den vergangenen 20 Jahren. Es werden Aufnahmen von Baudenkmälern oder der Infrastruktur gezeigt – und zwar stets ein Foto aus der Zeit um das Jahr 1990 und ein aktuelles Bild. „In kaum einem Landstrich hat sich in so kurzer Zeit so viel verändert“, sagte Mangelsdorf in seiner Rede. Diesen Wandel zu dokumentieren, ist ein Beitrag der Märkischen Oderzeitung zum Jubiläum. Am Brandenburg-Tag gibt es eine Sonderausgabe für 9,95 statt 17,95 Euro.

Wer sich ein Buch von Ministerpräsident Platzeck signieren lassen möchte, hat dazu bereits morgen im Anschluss an „Einer für Schwedt“ an den Uckermärkischen Bühnen Gelegenheit. Mit dabei ist auch das Autorenteam der Märkischen Oderzeitung. Am Sonnabend signiert MOZ-Chefredakteur Frank Mangelsdorf die beiden Bände von 15 bis 15:45 Uhr auf dem Landesfest im MOZ-Café.

Minimalistische Klänge von Philip Glass und dem Kronos Quartet veredeln Dracula

Sie haben sich versteckt. Obwohl die Fledermaus-Kolonie in der Spandauer Zitadelle zu den größten Berlins zählt, ließen sich die fliegenden Nager nicht blicken. Nur eine Fledermaus tauchte zu den Klängen von Philip Glass und dem Kronos-Quartet am Donnerstagabend auf: Dracula. Als die Dämmerung das Tageslicht fast verschluckt hat, beginnt ein außergewöhnliches Konzert. Philip Glass hat zum Spielfilm „Dracula“ von 1931 vor über zehn Jahren eine Filmmusik geschrieben. Der Rechteinhaber hatte den Film mit Bela Lugosi als Graf Dracula restaurieren lassen. Da der Streifen keine Musik hatte, wurde einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten beauftragt, der nicht nur Opern und Kammermusik, sondern auch viel Filmmusik komponiert hat.

Eingespielt wurde die Musik schon damals mit dem Kronos-Quartet aus San Francisco, dem wohl einflussreichsten Streichquartett für Neue Musik. Glass und Kronos vereint die stete Überschreitung vermeintlicher Grenzen. Beide arbeiten sowohl klassisch als auch populär.

Dieses Verständnis von einer grenzenlosen Musik, die sich an der Entdeckung von Ungehörtem orientiert und gleichermaßen Kopf und Bauch des Zuhörers fordert, ist beim Berliner Auftritt allgegenwärtig. Und das, obwohl die Musik nur Teil des Abends ist. Der alte Tonfilm läuft auch noch.

Philip Glass hat mit seinen minimalistischen Tonfiguren, die in immer neu variierten Schleifen mit unterschiedlicher Beschleunigung und tragenden Instrumenten dem Film einen großen Dienst erwiesen. Immer da, wo die Handlung nicht stimmig ist, erzeugt die Musik mit ihren Loops für thematische Klammern. Und da, wo Filmtricks aus dem Jahr 1931 – etwa bei ins Zimmer fliegenden Riesen-Fledermäusen – heute nur noch für mitleidiges Gelächter sorgen, intoniert die Musik den dramatischen Ernst.

Diese Symbiose aus neuer Musik und altem Film lockt 1300 Zuhörer in die Zitadelle. Das internationale Publikum ist begeistert. Standing Ovations bejubeln den seltenen Auftritt. Der Applaus dankt für ein Erlebnis, das Glass in einem Interview so zusammenfasste: „Wenn wir über meine Musik reden, reden wir über eine Welt, die nicht diejenige ist, in der wir leben.“ Das gilt für die Musik und für Dracula. Und wohl auch für die Fledermäuse, die ihre Heimat an diesem Abend nicht wiedererkannten.

Philip Glass spielt zu „Dracula“ auch am Sonnabend in Dresden.

MOZ-Rezension…

Burroughs und Kerouc lassen Nilpferdekochen

Burroughs/Kerouac: Und die Nilpferde kochten im Becken
Burroughs/Kerouac: Und die Nilpferde kochten im Becken

Ein Debüt-Roman aus dem Nachlass ist eine seltsame Sache. Der Autor wird schon seine Gründe gehabt haben, dass das Buch nicht erschienen ist. Das gilt auch für die schon spektakulär zu nennende Veröffentlichung des ersten Buches von Jack Kerouac und William S. Burroughs.

„Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ ist nicht nur ein erstaunliches Debüt. Es ist vor allem ein Roman von zwei Autoren, die beide zu den wichtigsten der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehören. Zusammen mit Allen Ginsberg sind sie die Vertreter der Beatniks. Sie haben mit ihrem konsequenten Leben abseits des US-Mainstreams einer ganzen Generation gezeigt, dass Karriere, Wohlstand, Glaube und Familie nicht die Grundlagen für ein erfülltes Leben sein müssen.

Beide erzählen aus ihrer eigenen Perspektive von einem Ereignis, das sie selbst erlebt haben. Burroughs nennt sich Will Dennison, Kerouac wählt den Erzählernamen Mike Ryko. Durch die Doppelperspektive beleuchten sie die letzten Tage von Al. Der ist unsterblich in Philipp verliebt und nervt ihn damit. Philipp möchte sich Al entziehen, indem er sich mit Ryko als Matrose einschiffen will, um von New York nach Europa zu fliehen.

Die Leser lernen den Freundeskreis dieser Bohemians kennen, die in der Phase des späten Zweiten Weltkriegs zwischen Universität und Alkohol, zwischen Kunstprojekten und Drogen die Tage und Nächte zubringen. Ganz wichtig sind dabei die erstaunlich oberflächlichen Beziehungen zwischen schwulen Männern, aber auch die zwischen Männern und Frauen. Der Titel des Buches ist ein Zitat aus einem Zeitungstext, das die schwül-überhitzte Atmosphäre des Freundeskreises auf den Punkt bringt.

Burroughs und Kerouac schaffen es, durch ihre konsequent subjektive Perspektive dem Geschehen einen jeweils anderen Ton zu geben. Das geht bis hin zur Ermordung Als durch Philipp. Auch das ist tatsächlich passiert. Am 14. August 1944 er¬stach ein gewisser Lucien Carr einen David Kammerer. Und anschließend ging Lucien Carr zu den Freunden Burroughs und Kerouac, um Hilfe und Trost zu suchen.

Die beiden Autoren haben diese Geschichte zu einem Roman verarbeitet. Dabei bleiben sie nah am Geschehen. Dennoch verdichten sie die Atmosphäre zu einem erstaunlichen Stück Literatur.

Dass ihr Debüt erst jetzt erschienen ist, hat nicht mit minderer Qualität zu tun. Burroughs und Kerouac verzichteten zu ihren Lebzeiten auf die Veröffentlichung aus Rücksicht auf Lucien Carr alias Philipp. Denn der wurde nach einer Haftstrafe ein erfolgreicher Journalist. Doch zum Glück wurde das Manuskript nicht vernichtet, sondern 40 Jahre nach dem Tod Kerouacs und zwölf nach dem von Burroughs veröffentlicht.

William S. Burroughs / Jack Kerouac: „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, Nagel & Kimche, Zürich 2010, 190 S., 17,90 Euro MOZ-Rezension…

Neues in der MOZ-Buchreihe Einst und Jetzt

Gleich zwei neue Bücher der „Edition Brandenburg“ sind zum Wochenende erschienen. Band zwei der Reihe „Einst und Jetzt“ widmet sich Frankfurt (Oder) / Slubice; Band drei Rüdersdorf bei Berlin.Die Märkische Oderzeitung und der Regionalverlag CulturconMedien geben die Reihe gemeinsam heraus. In ihr werden historische Fotos mit aktuellen Bildern aus der gleichen Perspektive kombiniert. Knappe Texte erläutern die Veränderungen. So wird an konkreten Beispielen gezeigt, wie sich Frankfurt und Rüdersdorf gewandelt haben – und warum.

Frank Mangelsdorf, Chefredakteur der MOZ, benennt den Reiz der Reihe: „Damit werden Erinnerungen geweckt.“ Das gilt für die Menschen, die in Frankfurt oder Rüdersdorf leben und für jene, die weggezogen sind.

Die Texte des Buchs über Frankfurt hat mit Jörg Kotterba ein Redakteur der MOZ geschrieben, der seit 20 Jahren in der Stadt lebt. Für ihn brachte die Arbeit zusammen mit Fotograf Heinz Köhler viele Entdeckungen. Etwa in der Dammvorstadt, dem heutigen Slubice. Unterstützt wurde das Team von Bernhard Klemm und dem historischen Verein Frankfurts.

Margrit Höfer war federführend am Band Rüdersdorf beteiligt. Die MOZ-Redakteurin schrieb die Texte zusammen mit Dieter Nickel und Ortschronist Reinhard Kienitz. Gerd Markert und Edgar Nemschok steuerten die aktuellen Fotografien bei.

Beide Bücher zeichnet neben der großen Genauigkeit die Darstellung aus. Das historische Foto ist stets auf einer ganzen Seite abgebildet. Die gegenwärtige Ansicht ist zusammen mit dem erläuternden Texten auf der gegenüberliegenden Seite. Dadurch kommen die Veränderungen besonders gut zur Wirkung. Der sehr gute Druck überzeugt ebenfalls.

– Einst und Jetzt – Frankfurt (Oder)/Slubice ist im Buchhandel erhältlich. Beim Bunten Hering wird das Buch im MOZ-Zelt und am Stand des Historischen Vereins verkauft.

– Einst und Jetzt – Rüdersdorf bei Berlin gibt es in den Buchläden. Beim Bergfest zum 775. Jubiläum der Gemeinde ist es am MOZ-Stand und im Museumshop erhältlich.

– Die Bücher (Preis jeweils 14,95 Euro) können unter www.moz.de/shop bestellt werden; telefonisch unter 01801 3357770

Mehmet Scholl analysiert mit Liebe zum Spiel

Was der Jogi Löw macht, kann nicht so falsch sein. Das denken sich offenbar die Chefs der öffentlich-rechtlichen Sender. Löw spielt mit einem festen Bayern-Block. Das ZDF bringt Oliver Kahn als Experten vor die Kamera. Und die ARD hat Mehmet Scholl verpflichtet. Wenn schon Experte, dann von den Bayern?

Beim ZDF geht das nicht auf. Oliver Kahn ist ein zielmicher Ausfall, wenn es um eine gute Analyse geht. Aber bei der ARD funktioniert der Trick mit den Bayern schon. Da heißt der Experte Mehmet Scholl. Der war nicht nur ein begnadeter, differenzierter Spieler. Er war auch Trainer der zweiten Mannchaft des FC Bayern. Und er ist einer jener Fußballer, die mehr im Blick haben als den Ball. Genau das merkt der Zuschauer immer wieder.

Natürlich spricht Scholl vor allem über Fußball. Aber seine Vergleiche zeugen von seiner Neugier auf das Leben außerhalb des Stadions. Das unterscheidet ihn wohltuend von Oliver Kahn. Dessen Horizont reicht auch heute noch kaum über das eigene Ich. und wenn, dann allenfalls bis zur Mittellinie.

Scholl war schon in seiner aktiven Zeit einer dieser Spieler, die bei der aktuellen Nationalmannschaft gerade so gelobt werden. Einer dieser Akteure, für die der Ball nie ein Feind, sondern immer ein Freund war, der eher mit dem Fuß gestreichelt als getreten wurde. Seine Analyse ist von der gleichen Empathie für das Spiel geprägt. Er qualifiziert nicht ab, sondern lobt eher. Und da, wo nichts gelobt werden kann, da spricht Scholl dann lieber von etwas anderem. Dadurch erzeugt er ein sicheres, angenehmes Klima, in dem nicht einmal Reinhold Beckmann seltsame Vergleiche machen kann. Mehment Scholl prägt dieses Paar stärker als der Profi-Moderator. Das ist ein Gewinn für das gesamte Team – und nach der Verrentung von Netzer und Delling eine echte Perspektive.

Entdeckung aus Weißrussland

Lyapis Trubetskoy: Agitpop
Lyapis Trubetskoy: Agitpop

Das Label Eastblok Music stellt erstmals eine weißrussische Band auf CD vor. Der Sound von Lyapis Trubetskoy, die eine Fusion aus Ska, Pop, Punk und Folklore spielen, überzeugt. Videos, wie das zu „Kapital“, die auf Youtube zu sehen sind, zeugen von großer künstlerischer Kraft.

Die politische Botschaft führt in Russland und Weißrussland regelmäßig dazu, nicht im Radio gespielt zu werden. Lyapis Trubetskoy ist eine echte Entdeckung.

Lyapis Trubetskoy „Agitpop“ (Eastblok)