Ingo Schulzes Adam und Evelyn ist ach aus Hörbuch fein

Ingo Schulze: Adam und Evelyn
Ingo Schulze: Adam und Evelyn

Die Flucht über Ungarn und die Ankunft in der Bundesrepublik stehen im Mittelpunkt des Buches „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze. Matthias Brandt hat den Roman für die große Hörfunkfassung gelesen.

Schulze erzählt eine neue Version der Geschichte von Adam und Eva. Die heißt hier Evelyn und verführt den Damenschneider Adam mit der Freiheit. Die Erkenntnis
der Vielfalt wirft den netten Menschen Adam aus der Bahn. Natürlich spielen die Verwirrungen der Liebe auch eine wichtige Rolle.

Ingo Schulze schafft es, ein präzises und packendes Zeitbild aus der Wendezeit zu zeichnen. Matthias Brandt liest das alles sehr exakt, nur bei den Frauenstimmen manchmal etwas zu affektiert.

Ingo Schulze: ADAM UND EVELYN. 7 CDS GELESEN VON MATTHIAS BRANDT. HÖRVERLAG, 30 EURO

 

Volker Brauns Flick kann das Arbeiten nicht lassen

Volker Braun: Machwerk oder Das Schichtbuch des  Flick von Lauchhammer
Volker Braun: Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer

Die Idee von Volker Brauns neuem Roman ist pfiffig. Ein Vorruheständler zieht als Schelm der Arbeit durch die Niederlausitz. Doch die Umsetzung ist schwerfällig, die Sprache sperrig und der Humor oftmals zu verschwurbelt.

Sein neues Buch soll ein Volksbuch werden. Das hat Volker Braun vor wenigen Tagen gesagt. Er hofft, dass es von den breiten Massen gelesen wird. Doch dieser Wunsch wird ein unerfüllter bleiben. Denn dazu ist der Text viel zu schwerfällig.

Eigentlich ist Braun ein Lyriker. Das ist auf jeder Seite von „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ zu spüren. Jeder möglichen schwerwiegenden Bedeutung eines Worts hechtet der Dichter hinterher. Dadurch zerstört er den Lesefluss und landet nur allzu oft auf der Nase. Denn nicht jede von ihm imaginierte Tiefsinnigkeit ist tatsächlich bedenkenswert.

Im Roman geht es um Flick, den Mann im Vorruhestand, der einst die großen Bagger im  Tagebau reparierte. Jetzt steht er auf dem Abstellgleis, will sich damit aber nicht abfinden. Zusammen mit seinem Enkel, einem Nichtsnutz, der weder Lust auf Bildung noch auf  Arbeit hat, zieht er von Kapitel zu Kapitel durch die Lausitz und Berlin.

Flick nimmt jede Arbeit an. Er kann sich nur als arbeitenden Menschen denken. Der Systemwechsel und die Rationalisierung in der Kohle hat ihm seiner Bedeutung beraubt. Jetzt ist er arbeitslos. Doch Flick packt noch immer an. Ob als Ein-Euro-Jobber oder bei
einem Theaterprojekt mit Arbeitslosen. Das macht den Flick teilweise sogar sympathisch. Anderseits ist er aber ein dummer Einfaltspinsel, der bei seinem Kampf gegen die Windräder der Gegenwart nicht in der Lage ist dazuzulernen.

Flicks Enkel wird von Braun zudem als fauler, blöder Jugendlicher dargestellt. Allerdings ist er nach Ansicht des Erzählers dafür nicht verantwortlich, sondern die Gesellschaft. Ein Traum von sozialistischer Arbeitsethik wabert da bei Braun mit. Einer Ethik, die aber  offensichtlich dazu führte, dass Opa Flick wie ein Narr durch die Lausitz stolpert und nicht in der Lage ist, sich selbst als Mensch zu begreifen. Sondern nur als Arbeiter. Da stellt sich doch ernsthaft die Frage, was für eine unsinnige Botschaft Volker Braun verkünden will!

VOLKER BRAUN: MACHWERK ODER DAS SCHICHTBUCH DES FLICK VON LAUCHHAMMER. S. FISCHER, 19,80 EURO.

Diese Rezension ist a 27. Dezember 2008 in 20cent erschienen.  

Anna Netrebko singt Souvenirs

Anna Netrebko: Souvenirs
Anna Netrebko: Souvenirs

Wenn Opern-Sängerinnen Solo-Alben besingen, dann ist der Kitsch nicht weit. Das liegt zum einen an der Musik. Arien sind hoch gekünstelte Lieder. Zum anderen ist es auch der Gestus, mit dem eine Sopranistin ihre Stimme einsetzt. Anna Netrebko, die derzeit wohl populärste und bekannteste Sopranistin schafft es immer wieder die Grenzlinie von Kitsch und Kunst, von Dramatik und Gefühl genau auszumessen.

Ihr neues Album Souvenirs kommt ohne ihren Partner Rollando Villazón aus. Netrebko sammelte dafür Lieder, die sie ihr Leben lang begleiteten. Das sind nicht nur Opern-Arien, sondern auch Volkslieder wie das jidische „Schlof sche, mein Vögele“. Anna Netrebko überrascht immer wieder mit Liedern, die so gar nicht nach Oper klingen. Und dennoch funktionieren sie ähnlich. Dabei entsteht im Ohr so viel Gefühl, dass es manchmal schon wie Kitsch wabert. Aber dann, wenn man sich fallen lässt, dann fängt einen die Stimme Netrebkos und trägt in eine Welt voll Leidenschaft, Trauer und Liebe. Deshalb ist dieses Album mit seinen 18 Liedern ein echter Genuss. Vor allem, wenn der Lautstärkenregler auch mal kräftig aufgedreht wird. Das wirkt. Mitten ins Herz!

Oana Catalina Chitu lässt in Berlin Bucharest Tango blühen

Oana Catalina Chitu: Bucharest Tango
Oana Catalina Chitu: Bucharest Tango

Seit einigen Jahren sind zwei Musikarten voll im Trend. Das ist zum einen die Weiterentwicklung des Tangos und zum anderen alles, was aus Osteuropa kommt. Ob Balkan-Musik oder Russen-Disko, die anarchische Kraft von Bläsern und treibenden Rhythmen ist faszinierend. Bucharest Tango ist ein neues Juwel aus dem Hause Asphalt Tango. Die junge rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu singt darauf Tango aus der Zwischenkriegszeit.

Zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg blühte Bukarest auf. Vergleichbar mit dem Berlin der 20er-Jahre war es ein Zentrum der Lebenslust und des Experiments. Musikalisch setzte sich der Tango neben anderen Trends durch. Denn seine erotische Kraft, seine Melancholie und seine dennoch vorhandene Lebenslust ist die musikalische Hülle, in die sich auch traditionelle Musik vom Balkan gut integrieren ließ – und nach wie vor lässt.

Genau das beweist Oana Catalina Chitu auf ihrem Album. Sie lebt in Berlin und weckt mit ihrer Stimme alte Zeiten und vor allem aktuelle Gefühle. Das klingt etwas nach Kaffeehaus, mehr nach Salon und vor allem nach ganz viel Gefühl. Und enormen Schwankungen im
Tempo.

Trikont feiert alternative X-Mas – Wish you too

Wish you too - best Christmas ever
Wish you too – best Christmas ever

Wenn die Ramones Merry Christmas anstimmen, dann ist das nicht besinnlich. Weder musikalisch noch textlich. Denn sie singen einfach davon, dass sie an diesem Abend mal nicht prügeln wollen. Da klingt etwas Besinnung durch, aber Besinnlichkeit ist doch etwas
anderes.

Zu hören ist das Stück der Ramones auf dem Sampler Wish you too – best of Christmas ever. 20 Songs feiern Weihnachten auf eine andere Art. Da ist nichts von die Ohren verklebender Kitsch, kein Gebimmel und Geläute, kein Gesäusel und Gedusel. Nein, auf dieser CD sind nur Weihnachtslieder, die garantiert nie als Hintergrundmusik beim X-Mas-Shopping zum Geldausgeben animiert.

Im Gegenteil: Hier ist versammelt, was das gängige Weihnachtsklischee angreift. Und selbst bei den Liedern, die Weihnachtsstimmung in sich tragen, überwiegt ein anderer Zugang zum Fest. Zwar wird da von Sehnsucht und Liebe gesungen. Aber dann doch bitte musikalisch überraschend. Viele der Aufnahmen sind 40, 50 oder 60 Jahre alt. Damals waren sie schillernd neu. Und gar nicht langweilig. So manche Cover-Version dieser Originale tönt inzwischen aber kitschig.

Dieter Thomä feiert den modernen Helden – den Vater

Dieter Thomae: Väter
Dieter Thomae: Väter

Bücher über das Selbstverständnis von Vätern boomen gerade. Doch die meisten sind allenfalls witzig, wenn sie den Alltag beschreiben.

Dieter Thomäs Väter sind eine  Ausnahme. Denn Thomä untersucht das Vater-Bild seit der Aufklärung. Er macht verständlich, weshalb so viele Männer sich überfordert fühlen, wenn sie Väter werden. Sie können den Rollenbildern vom Ernährer der Familie, vom gerechten aber unangefochtenen Haupt der Familie nicht gerecht werden. Und wollen es auch nicht, wenn sie sich als Partner der Kinder verstehen.

Dieses Dilemma hat Thomä immer im Blick. Sein Wissen um die Veränderung des Rollenbildes Vater ist für aktuelle Väter eine Hilfe – und ein Mutmacher.

Dieter Thomä: VÄTER – EINE MODERNE HELDENGESCHICHTE. HANSER,
24,90 EURO

 

Judith Joy Ross fotografiert die Gesichter der US-Kriege

Judith Joy Ross: Living with war
Judith Joy Ross: Living with war

Der Krieg und die Menschen in den USA ist das Motto der Arbeit von Judith Joy Ross. Living with war enthält ausschließlich ganzseitige Porträts in Schwarz-Weiß, in denen sich das ganze Drama des Krieges zeigt.

Begonnen hat Judith Joy Ross mss mit Fotos am Denkmal für die Vietnam-Gefallenen. Kurz nach der Einweihung hat sie Besucher gefragt, ob sie sich von ihr mit ihrer altertümlichen Großbildkamera ablichten lassen. Was sie dann auf den Film gebannt hatte, waren keine einfachen Porträts. Angesichts des Denkmals, in dem sämtliche Namen der fast 60.000 gefallenen US-Soldaten eingraviert sind, hat sie Trauer und Entsetzen über die Unfassbarkeit des kriegerischen Todes eingefangen.

1990 konzentrierte sich Ross auf Reservisten der US-Army, die sich gerade freiwillig gemeldet hatten. Aus dem Buch blicken uns Menschen an, die ihre Uniformen bekommen haben. Menschen, die verkleidet wirken. Die Mischung aus Erschrecken und Stolz, aus
Unsicherheit und Entschlossenheit offenbart die seltsame Macht, die von Uniformen ausgeht. Und das genau in dem Moment, in dem die USA im ersten Golfkrieg standen
und Saddam Hussein aus Kuwait verjagten. Während die Reservisten zu Hause in die ungewohnte Militärkleidung schlüpften, wurden die gleichen Kleidungsstücke von
aktiven Soldaten mitten in einem Krieg getragen.

In den Jahren 2006 und 2007 schließlich fängt Ross Gesichter von Menschen ein, die in den USA gegen George W. Bushs Irak-Krieg demonstrieren. Junge Männer und Frauen, gesetzte Priester und ehemalige Soldaten zeigen die Zweifel und die Enttäuschung, sich gegen die eigene Regierung, gegen die kämpfenden Soldaten im Irak stellen zu müssen. Einigen Demonstranten ist der innere Kampf anzusehen. Sie selbst haben wohl George W. Bush gewählt. Jetzt fühlen sie sich belogen. Und deshalb gehen sie auf die Straße, obwohl das wirken könnte, als fallen sie der eigenen Armee in den Rücken.

Ohne auch nur einen Toten zu zeigen, gelingt es Ross nur durch ihre eindringlichen  Porträts, die menschliche Tragweite des Krieges zu zeigen. In den Gesichtern spiegelt sich das alles. Diese Fotos lösen nur durch Betrachten beim Betrachter intensive Gefühle aus.
Und Faszination darüber, welche Kraft in vermeintlich einfachen Fotos stecken kann.

Satire von Marinus und Heartfield mit Fotomontagen

In den 20er und 30er Jahren hat sich das Bild als Propagandamittel endgültig durchgesetzt. Die Arbeiten John Heartfields sind Klassiker der Fotomontage. Das Kölner
Museum Ludwig hat ihnen die von Marinus gegenüber gestellt. Der wurde 1884 in Kopenhagen geboren. Vor dem ersten Weltkrieg setzte er sich nach Paris ab, wo er anfing, sich intensiv mit der Fotografie und mit den Möglichkeiten der Montage auseinandersetzte.

In der französischen Zeitschrift Marianne findet er das Umfeld, seine satirische Kunst ausleben zu können. Vor allem in den Jahren 1932 bis 1940 sind die Arbeiten Marinus‘ nicht aus der politischen Öffentlichkeit Frankreichs wegzudenken. Dabei hat er, anders als sein deutscher Kollege Heartfield, einen radikalen Blick auf jede Form von Unfreiheit. Stalin und der sowjetische Kommunismus sind für ihn genauso Feinde der Freiheit wie der Faschismus. Das Buch von Byskov und von Dewitz würdigt Marinus. Und es ist auch ein Überblick über die politische Fotomontage.

Gunner Byskov/Bodo von Dewitz: Marinus – Heartfield. Politische Fotomontagen der 1930er Jahre. Steidl. 39 Euro

Georg Forster: Ein wahrhaftiges Helden-Epos

Georg Forster: James Cook, der Entdecker
Georg Forster: James Cook, der Entdecker

Georg Forster war 22 Jahre alt, als er nach dreijähriger Entdeckungsfahrt mit Georg Forster wieder in England ankam. Er war mit seinem Vater bei dieser Fahrt durch die Südsee als  wissenschaftlicher Zeichner dabei. Nach dem Tod von James Cook auf dessen dritter großer Fahrt schrieb Georg Forster seinen Essay „James Cook, der Entdecker“. Dieses Buch ist jetzt bei Einborn neu aufgelegt worden.

Georg Forster gelingt es, die Leistung von James Cook zu würdigen: Er war der Mann, der die mit Abstand meisten fremden Küsten, Inseln und Länder nicht nur entdeckte, sondern auch noch karthographisch so erfasste, dass die Nachwelt auch etwas davon hatte. Was das Buch von Forster heute noch so spannend macht, ist die in einer klaren Sprache erzählte Wirklichkeit auf den Schiffen. Und die Bedachtsamkeit, mit der Cook fremden Völkern gegenübertrat. Und zu guter Letzt ist das Buch ein wunderbarer Blick auf einen rationalen Geist, der auf die deutsche Aufklärung nachhaltig wirkte.

Georg Forster: James Cook, der Entdecker. Eichborn Berlin. 176 Seiten. Mit acht vierfarbige Illustrationen. 24,95 Euro.

Sarah Wiener kulinarische Reise durch Frankreich

Sarah Wiener: Meine kulinarisch Reise durch Frankreich
Sarah Wiener: Meine kulinarisch Reise durch Frankreich

Sarah Wiener reist durch Frankreich. Und das für den deutsch-französischen
Fernsehsender Arte. Im vergangenen Jahr war Die kulinarischen Abenteuer der Sarah  Wiener in zwei Staffeln zu sehen. Daraus ist das Buch „Meine kulinarische Reise durch Frankreich“ enstanden.

Das schöne an Serie und Buch ist die Vielfalt. Denn Sarah Wiener stellt hier nicht nur  Rezepte vor. Sie nähert sich vielmehr all dem, was gute Küche ausmacht. Sie berichtet nicht nur aus der Küche, sondern auch vom Bauernhof, aus der Käserei oder vom Winzer.
Somit stehen Lebensmittel im Mittelpunkt. Lebensmittel, aus denen dann wunderbare Gerichte zubereitet werden. Da ist zum Beispiel der Trip nach Korsika. Dort soll sie ein Milchlamm zubereiten und die korsische Spezialität Bruccio.

Dazu ist Schafsmilch nötig, um diesen speziellen Frischkäse herstellen zu können. Sarah Wiener erzählt nun von ihrem Aufstieg zu einem Schäfer, vom Melken und von der  Käseherstellung. Alles hat mit der Qualität der Speisen zu tun. Sarah Wiener beschreibt das alles ganz selbstverständlich, ohne den Zeigefinger zu heben. Sie überzeugt durch Klarheit. Natürlich sind dann auch die Rezepte in dem Buch.

Mit Sarah Wiener lernt der Leser auch die Gänsezucht kennen oder die Mühsal der Walnussöl-Produktion. So entsteht auch ein selbstverständliches Gefühl dafür, weshalb
gute Lebensmittel etwas mehr kosten. Außerdem ist das Buch dadurch eine kleine  Volkshochschule über Traditionen und ihre Verwurzelung in der Landwirtschaft
bestimmter Regionen.

Wer nicht nur gerne kocht, sondern für den Essen etwas Ganzheitliches ist, für den ist das Buch ein echter Genuss, der viel Appetit macht.

Diese Rezension ist am 28. November 2008 in 20cent erschienen.