Pamuks stilles Haus bewahrt schreckliche Familiengeheimnisse

Orhan Pamuk: Das stille Haus
Orhan Pamuk: Das stille Haus

Das stille Haus liegt direkt am Marmarameer. Als es gebaut wurde, stand es ganz allein. Doch inzwischen – 1980 – ist der schöne Fleck zu einem Ort mit Touristenrummel gewachsen. Alles verändert sich. Nur die Bewohnerin des Hauses nicht. Fatma ist 90. Aber eigentlich will sie noch immer so verstockt sein, wie als 17-jähriges Mädchen.

„Das stille Haus“ von Orhan Pamuk bündelt das Leben dieser Frau. Und aller Katastrophen, die aus ihrem Handeln gewachsen sind. Denn das Haus ist zwar still, weil es fast das ganze Jahr nur von der Tyrannin Fatma und ihrem Diener Recep bewohnt wird. Aber diese Stille birgt böse Geheimnisse.

Der Leser erfährt von diesen aus der Perspektive Fatmas, die auf ihr Leben zurückblickt. Recep ist der zweite Erzähler des Buches. Auch er blickt auf sein Leben zurück, ist aber viel stärker in der Gegenwart verankert. Denn er beobachtet seine Umgebung ganz genau. Und dazu gehören die drei Enkel Fatmas, die im Sommer 1980, kurz vor dem Militärputsch in der Türkei, wie jedes Jahr das Haus beleben. Metin, ein Student, und Faruk, ein Historiker sind die nächsten Stimmen, die dem Leser das Leben im und um das stille Haus erzählen. Enkelin Nilgün bekommt keine eigene Stimme. Sie wird vor allem als Objekt der Liebe Hasans beschrieben, der als fünfter und letzter Ich-Erzähler zu Wort kommt.

Hasan hat mit den Enkeln früher gespielt, da er der Neffe Receps ist. Und wie sich im Laufe des Romans herauskristallisiert auch mit den Enkeln verwandt ist. Denn Fatmas Mann ist Receps und Hasans Vater. In dem Roman geht es also um die großen Familienthemen Liebe, Hass, Verachtung, Gewalt und Verdrängung durch Suff. Dem verfiel Fatmas Mann, derm verfiel deren beider Sohn und Enkel Faruk ist auch auf dem besten Weg sein leben dem Raki zu weihen.

Orhan Pamuks zweiter Roman knüpft teilweise an seinen Erstling „Cevdet und seine Söhne“ an. Zum einen tauchte Fatma in diesem als Randfigur bereits auf. Zum anderen ist Cevdet auch Gesprächsthema. Dadurch wird Pamuks eigene Familiengeschichte weitergeschrieben. So wie eigentlich in allen seinen Büchern der autobiografische Anteil sehr groß ist. Sein literarischer Kniff, die Geschichte aus der Perspektive von fünf Ich-Erzählern zu beleuchten, erzeugt für eine große Spannung. Die unterschiedlichen Charaktere kommen durch ihre eigenen Worte besonders gut zur Geltung. Und ihr Denken.

Pamuks Familienroman erzeugt ein bedrückendes Bild von der Türkei, die sich dem Westen öffnete und der Tradition doch verhaftet blieb. Für diese Zerrissenheit stehen Fatma und ihr Mann. Zwei Generationen später spielt die Tradition keine Rolle mehr, aber der Faschist Hasan und die Kommunistin Nilgün stehen für eine neue Zerrissenheit, die der Militärputsch dann mit Gewalt zu kitten versuchte. All diese Dinge spielen im Roman nur eine untergeordnete Rolle – der Putsch sogar gar keine, da er erst nach Ende des Buches passiert. Aber das Private ist in diesem Buch eben immer auch gesellschaftlich relevant, ohne dass es gesagt werden muss. Diese Schicht erschließt sich dem Leser erst auf dem zweiten Blick, nachdem er einen packenden Roman gelesen hat, der sich bis zum Totschlag steigert.

Wenn Braunkohle Heimat frisst, kann das tödlich sein

Ingrid Bachér: Die Grube
Ingrid Bachér: Die Grube

Braunkohle als Energieträger wird derzeit nur noch aus der Sicht des Klimaschutzes kritisch gesehen. Die großen Debatten über die Abbaggerung des brandenburgischen Dorfes Horno zwischen Cottbus und Guben oder in Garzweiler sind lange vorbei. Die Dörfer sind weg. Und inzwischen sollen noch weitere  folgen.

Ingrid Bachér hat sich mit ihrem Roman Die Grube dem mit den Tagebauen verbundenem Heimatverlust gewidmet. Sie nähert sich dem Thema ganz behutsam. Im Mittelpunkt steht ein Bauernhof in Garzweiler, in dem anfangs der Hoferbe mit Frau und Sohn, ein Knecht, eine Haushälterin und die Schwester des Bauern leben. Diese ist Lehrerin und erzählt die Geschichte von der schrittweisen Entsiedlung Garzweilers und den dramatischen Folgen für die Menschen.

Da gibt es diejenigen, die im Bergbau ihr Geld verdienen und deshalb das Angebot zur Absiedlung gern annehmen. Auf der anderen Seite stehen vor allem die Bauern, deren Familien seit Generationen die Höfe und Äcker bewirtschaften, die der Braunkohle weichen müssen. Bachér beschreibt in leisen Tönen, wie sich die Spaltung der Dorfgemeinschaft vollzieht. Sie erzählt von den Versuchen mit Demonstrationen und Bürgerversammlungen die großen Bagger aufzuhalten. Sie schildert, wie Politik und der allmächtige Konzern verbandelt sind. Auch dabei wählt sie keine bösen Wörter.

Genau das macht das Buch so beklemmend. Es sind die leisen Töne, die sich wie die herannahenden Bagger in die Erde ins Gemüt des Leser fräsen. Die Bagger nähern sich ganz langsam. Die Gedanken über den Heimatverlust, die unwiederbringliche Vernichtung von Geschichte und Erinnerung verdichten sich auch ganz behutsam. Aber sie werden so stark, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Auch, weil die Beraubung der Heimat eine der Hauptpersonen so krank macht, dass sie darüber stirbt.

Ingrid Bachér: Die Grube. Dittrich Verlag; 17,80 Euro.

Zwei Journalisten Stalins entdecken die USA

Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: Das eingeschossige Amerika
Ilja Ilf und Jewgeni Petrow: Das eingeschossige Amerika

Wenn Stalin zwei Schriftsteller in die USA schickt, damit diese eine große Reportage über das Mutterland des Kapitalisnus schreiben, dann erwartet der Leser Propaganda. Aber was Ilja Ilf und Jewgeni Petrow über ihre Reise von Ost nach West durch die USA und wieder zurück geschrieben haben, hat genau damit nichts zu tun.

Denn die beiden Autoren hatten einen unglaublich genauen Blick auf das Leben der Menschen in den USA. Natürlich gibt es Passagen über die Wirtschaft und das System. Aber genau diese Passagen sind sehr von Respekt für das Organisationstalent und für die Effizienz geprägt. Etwa wenn die beiden die Ford-Werke besichtigen und sogar mit der Firmenleitung reden können. Natürlich beschreiben sie dabei auch die Entfremdung des Bandarbeiters von der selbstbestimmten Arbeit. Aber sie wissen auch, dass das in sowjetischen Fabriken nicht anders ist.

Der Blick der beiden ist immer offen und neugierig. Vor allem wenn es um Begegnungen mit Menschen geht, ist von Ideologie gar nicht zu spüren. Sie freuen sich über die Offenheit der Amerikaner, sie bewundern die stete Hilfsbereitschaft und sie empfinden dafür große Dankbarkeit. Am meisten natürlich für das Ehepaar Adams, das sie drei Monate lang 16.000 Kilometer durch die Staaten chaufiert und ohne die sie mit ihren schlechten Englischkenntnissen kaum die Reise bestanden hätten.

Historisch ist das Buch aus zwei Gründen spannend. Zum einen gab es Mitte der 1930er-Jahre tatsächlich eine große Offenheit und Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion, die man sich angesichts des späteren Kalten Krieges kaum mehr vorstellen kann. Zum anderen schreiben Ilf und Petrow fast eine Alltagsgeschichte der USA. Sie sprechen mit Schwarzen und Indianern, sie besuchen Fabriken und Naturparks, sie beobachten Stars und Tramper. All das ergibt eine überraschende Reportage.

Der Titel kommt übrigens daher, dass die beiden nach den Wolkenkratzers New Yorks viele andere Städte kennenlernen. Und die sind alle eingeschossig, die sind alle gleichförmig, die sind erschreckend uniform. Wie Ilf und Petrow das beschreiben ist sehr modern. Manche Passagen lesen sich wie ganz aktuelle Reisereportagen durch den Mittleren Westen. Die Andere Bibliothek hat mit dem Doppelband wieder einmal etwas entdeckt, das sich zu lesen mehr als lohnt.

Viktor Paskows Autopsie ist ein verwirrender Berlin-Roman

Viktor Paskow: Autopsie
Viktor Paskow: Autopsie

Jazz und Literatur vermischen sich in Viktor Paskows Roman „Autopsie“ genauso wie die Leben von Charlie und Ina. Beide kommen wie der Autor aus Bulgarien, beide finden sich auf unterschiedliche Weise in Berlin ein. Und beide werden wahnsinnig, wenn der geliebte Mensch nicht da ist.

Aus dieser recht einfachen Konstellation formt Paskow einen Roman, dem sich der Leser nicht entziehen kann. Die Liebe spielt der dabei in all ihre psychologischen und erotischen Dimensionen durch. Manche Stelle grenzt an Pornografie, doch sind selbst diese Passagen nie blanker Voyeurismus. Sie sind zur Verdeutlichung der Liebe von Ina und Charlie unabdingbar, zeigen sie doch, wie anhängig beide voneinander sind. Wo Charlie meint, Ina in neue Formen von Sex – etwa im Swingerclub – einzuführen, kehrt sie sein Dominanz-Bestreben um.

Der Roman spielt vor der Kulisse Berlins. Paskow hat die Stadt mit offenen, neugierigen Augen wahrgenommen. Das touristische Programm ist nicht wichtig. Dafür hat er die alten Hinterhöfe am Prenzlauer Berg oder in Mitte, die Kneipen, Clubs und die Theater in den Blick genommen. So entsteht ein packender Berlin-Roman, denn die Stadt ist mehr als nur Kulisse. Vor allem im Bezug zu Sofia steht Berlin für eine Entwicklung, die sich auf das Leben von Charles und Ina direkt auswirkt.

Der Plot und die Erzählweise sind so überzeugend, dass der Leser keine Chance hat, sich dem Sog zu entziehen. Bis hin zum dramatischen Ende wollen selbst die unangenehmen Textstellen gelesen werden. Die Sprache entfaltet selbst in der Übersetzung eine große Musikalität. Da Charles Musiker ist – im Hauptberuf Orchestermusiker und nebenbei Jazzer – muss das auch so sein. Das Buch klingt, schwingt, schmerzt. Es verursacht ein Gefühlschaos und lässt den Leser  deshalb das Leben spüren. Ein gutes Buch, ein großer Roman.

Fundstück im Datenmüll: Ein Interview mit Josef Hader

Hader spielt Hader. Fotos: © Udo Leitner
Hader spielt Hader. Fotos: © Udo Leitner

Dieses Interview mit Josef Hader ist zwischen Weihnachten und Silvester 2006 geführt worden. Seine Antworten sind auch fünf Jahre später noch gut. Und sie passen als Vorbereitung für alle, die sich seine Auftritte im Berliner Babylon in der kommenden Woche anschauen wollen:

Hatten Sie schöne Feiertage?

Sie waren dringend nötig. Ich hatte eine sehr anstrengende Tournee.

Wie lange spielen Sie das Programm Hader muss weg schon?

Seit zwei Jahren.

Warum kommt es so spät als DVD und CD auf den Markt?

Es gibt da zwei Kräfte. Die Produzenten wollen die Veröffentlichung möglichst sofort. Sie sagen, dass der beste Zeitpunkt am Anfang ist. Der Künstler dagegen will es möglichst spät aufnehmen, weil er das Programm dann einfach besser kann. Eigentlich sollte man das den Zuschauern ja nicht sagen, aber ich tue es trotzdem: In ein Kabarett-Programm sollte man eigentlich erst nach einem Jahr gehen. Da können es die Künstler dann auch richtig.

Das merkt man auch an den Aufnahmen von DVD und CD. Die CD wirkt noch sicherer.

Ja genau. Ein Programm hat eine Entwicklung, wie sie auch ein Mensch hat. Am Anfang ist es jung. Da wird Können durch Kraft ersetzt. Wenn es etwas älter ist, braucht man nicht mehr so viel Kraft und hat mehr Platz für Zwischentöne.

Worüber haben Sie sich heute schon aufgeregt?

Über gar nichts?

Wirklich nicht?

 Ich rege mich wenig auf.

 In ihrem Programm wirkt das anders.

Auf der Bühne ist das auch anders. Der Hader im Programm ist eine Bühnenfigur, die ich nicht allzu sympathisch erscheinen lassen wollte. In der Geschichte stirbt er bald. Angesichts dessen sollte sich das Publikum nicht allzu sehr nach ihm zurücksehnen.

Wie viel echter Hader steckt in diesem Bühnen-Hader?

Schon viel. Ganz ehrlich: Der Schimpfmonolog am Anfang hat beim Schreiben so viel Spaß gemacht, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte. Ursprünglich war er dreimal so lang, wie im Programm. Das Schimpfen macht halt einfach Spaß.

Ihr letztes Programm hieß Privat. Steckte da noch mehr Joseph Hader drin?

Nein. Die Titel sagen so viel nicht über das Stück aus. Aber wenn man selber schreibt und dann nur eine Person spielt, dann muss man so viel aus seinen Erinnerungen, aus seinem Leben nehmen, dass man gar nicht anders kann, als sich persönlich einzubringen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Zuschauer zwei Stunden lang zu fesseln.

Im aktuellen Programm spielen Sie sieben Personen. Können Sie sich vorstellen, dass dieses Stück auch von anderen Schauspielern gespielt werden könnte?

Das kann ich sehr schwer beantworten. Ich habe das noch nie ausprobiert. Dann müsste man das Programm an einigen Stellen umschreiben und von persönlichen Dingen befreien. Dann wäre es eher wie eine Partitur, in die der Schauspieler seine Person einbringen kann. Aber die Frage hat sich bisher nie gestellt.

Gibt es eine Höchstgrenze der Aufspaltung von Hader? Sieben sind ja nicht ohne…

Nein. Ich habe mich nie gefragt, wie viele Personen ich alleine spielen kann. Ich habe versucht, diese Geschichte zu erzählen. Mein Ziel ist es auch nicht, das nächste mal ein Programm mit noch mehr von mir allein gespielten Personen zu machen. Es war diesmal einfach der Wunsch, es auszuprobieren. Normal mache ich so etwas ja nicht.

Wie wichtig ist dabei ein Regisseur?

Bei Hader muss weg, war das sehr wichtig.

Wie lebt es sich zurzeit in Österreich?

Tja. Wir haben ja noch keine Regierung. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird es eine große Koalition. Und zumindest für Österreich heißt das nichts Gutes, denn dadurch werden die rechtspopulistischen Protestparteien gestärkt.

Es ist doch absurd, dass der abgewählte Kanzler die Koalitionsverhandlungen so lange hinauszögert, bis jeder die Wahl vergessen hat.

Man muss grundsätzlich akzeptieren, dass Politiker Menschen sind, die genauso gekränkte Eitelkeiten haben, wie zum Beispiel Künstler (er lacht). Das ist aber nicht das Hauptproblem. Es gibt immer die Kräfte, die miteinander etwas bewirken wollen. Und es gibt die, die eigentlich nur gegeneinander arbeiten wollen. Das merkt man ja auch in Deutschland. Das ist das Hauptproblem bei einer Koalition gleichstarker Parteien. Das muss man abwarten. In den 90er Jahren gab es ganz lange eine große Koalition, an deren Schluss der Haider auf 27 Prozent gekommen ist.

Wenn Sie als Österreicher in Deutschland auftreten, merken Sie dann Unterschiede im Publikum?

Es gibt ja Deutschland gar nicht. Wenn man als Kabarettist sein Programm in Deutschland spielt, merkt man, dass es den deutschen Zuschauer nicht gibt. In Bayern, in Baden-Württemberg, in Hessen oder noch weiter oben, ist der Humor ganz anders. Der Humorzustand ist noch wie vor 1871.

Ihre CD ist mit dem Hinweis Dialekt light inklusive deutscher Flagge erschienen?

Es gibt zwei Varianten. Wer den Dialekt nicht so gut versteht, für den ist das ein Angebot. Wenn mir der Dialekt so wichtig wäre, dann würde ich doch in Deutschland ohnehin nicht spielen. Mir ist wichtig, dass die Sprache weich bleibt.

Wie lange wollen Sie dieses Programm spielen?

Ich arbeite mich vom Süden langsam zur Nordsee rauf. Und vom Osten in den Westen. In Deutschland bin ich mittlerweile bis Köln.

Wann kommen Sie dann nach Berlin?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich hatte vor, im, Herbst 2007 dort zu sein. Aber jetzt sind noch etliche Auftritte in Bayern und Baden-Württemberg dazwischengekommen. Es wird also bestimmt erst 2008.

Was wünscht sich der Mensch Joseph Hader für 2007?

Viele Dinge gleichzeitig. Da müsste ich erst wissen, wie viele ich habe – und was ich Ihnen dann sagen würde. Aber auf jeden Fall, dass möglichst wenig Katastrophen passieren; auf der Welt und bei mir.

Salka Viertel erinnert sich an Europa in Hollywood

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz
Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz

Für Greta Garbo hat sie Drehbücher geschrieben. Für die deutsche Exilgemeinde in Hollywood war sie Anlaufpunkt und für Künstler und Kreativität war Salka Viertel bereit alles zu geben. Ihr Leben hat sie in dem Band „Das unbelehrbare Herz – Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts“ aufgeschrieben.

Die „Andere Bibliothek“ hat das Buch mit einem wunderbar weichen Samteinband ausgestattet. Das Buch liegt wohlig in den Händen. Der Inhalt ist eine dieser unglaublichen Geschichten, wie sie im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Geboren wurde sie in der Habsburger Monarchie ganz im Osten. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Sambor polnisch, nach dem zweiten Weltkrieg dann ukrainisch – und somit sowjetisch. Aber da lebte sie nach vielen Stationen an Theatern in Wien, Düsseldorf, Dresden und Berlin schon lange in Hollywood. Ihren Mann, den Regisseur und Schriftsteller Berthold Viertel hatte es schon 1928 dorthin gezogen.

Die Viertels kannten von Albert Einstein bis Karl Kraus, von Lion Feuchtwanger bis Bertolt Brecht, von den Manns bis Walter Mehring, von Fritz Murnau bis Max Reinhardt, von Arnold Schönberg bis Schostakowitsch alles, was Rang und Namen hatte. Salka Viertels Buch ist davon ganz stark geprägt. Sie erzählt viele Geschichten von Begegnungen mit den Künstlern. Sie charakterisiert sie dabei und plaudert dabei angenehm unaufgeregt.

Aber genau das macht das Buch oft langatmig. Denn Salka Viertel erzählt ihr Leben sehr chronologisch. Dabei beachtet sie, dass auch wirklich alle wichtigen Namen genannt werden. Die Dramatik der Zeit geht dabei oft etwas unter. Obwohl sie schildert, wie sie es schaffte, ihre Mutter aus der Sowjetunion im Krieg in die USA zu holen, obwohl sie die Arbeit in den großen Filmstudios schildert. Aber all das geschieht in einem sehr gleichförmigen Tonfall.

Jede der vielen Geschichten ist lesenswert. Nur die Fülle erschlägt. Erstaunlich, dass eine Frau, deren Drehbücher nicht nur Greta Garbo schätzte, es nicht schaffte, das eigene Leben so zu komprimieren, dass eine packende Erzählung daraus wird. Immerhin geht es dabei um eine Jüdin vom Rande der Karpaten, der es gelang, Nationalsozialismus und Bolschewismus auszuweichen, um am Ende über den Eiferer Mc Carthy zu stolpern und in die Schweiz emigrieren zu müssen.

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz – Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts. Eichborn

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Jean Zieglers Leben ist eine Aufforderung

Jürg Wegelin: Jean Ziegler - Das Leben eines Rebellen
Jürg Wegelin: Jean Ziegler - Das Leben eines Rebellen

Unbeirrte Dickköpfe braucht die Welt. Menschen wie Jean Ziegler, der mit seinem unangepassten Denken nicht nur die Schweiz in Aufregung versetzte, sondern in der ganzen Welt Gehör fand. Jürg Wegelins Biografie des Schweizer Nationalrats, undogmatischen Marxisten, UNO-Sonderberichterstatter und Soziologen hätte kaum zu einem besseren Zeitpunkt erscheinen können als mitten in der aktuellen Finanzkrise. Denn Jean Ziegler hat sich mit den Schweizer Banken schon angelegt, als die Gründer von Attack gerade in die Grundschule gingen.

Er hat das Schweizer Bankgeheimnis angegriffen, weil Diktatoren und Kriminelle damit ihr Geld sichern konnten. Er hat Begriffe wie „Kasinokapitalismus“ geprägt, als der Euro noch lange nicht eingeführt war. Jürg Wegelin, Schweizer Journalist, hat sich nach einer Biografie des Swatch-Gründers Nicolas Hayeck den Rebellen Ziegler vorgenommen. Der stammt aus einem konservativen Elternhaus, orientierte sich im Umfeld von Jean-Paul Sartre in seinen Pariser Studienjahren immer weiter nach links und verzichtete dennoch nicht darauf, vom Protestantismus zum Katholizismus zu konvertieren. Schon in den 60er Jahren arbeitete er für die UNO im Kongo. Seitdem hat ihn Afrika und später die gesamte Dritte Welt nicht mehr losgelassen. Er war mit Jassir Arafat genauso bekannt wie mit Kofi Anan, mit Fidel Castro wie mit Muamar Gaddafi. Mit Elie Wiesel war er befreundet und Simone de Beauvoir hat die ersten französischen Aufsätze des Deutschschweizers in eine geschliffene Form gebracht. Das ist viel Stoff für ein spannendes Buch.

Aber Wegelin erzählt zu chronologisch und in Teilen zu oberflächlich. Zwar arbeitet er die Widersprüche Zieglers ganz gut heraus, aber das Buch bleibt seltsam farblos. Wegelin schafft es nicht, Begeisterung für diesen wunderbare Trotzkopf zu entflammen, der von Klagen seiner reichen und mächtigen Gegner so überzogen wurde, dass er trotz der hohen Einnahmen aus seinen mehr als 30 Büchern die Forderungen noch nicht alle begleichen konnte. Selbst das hat Ziegler nicht verzagen lassen, sondern ihn gestärkt weiterzumachen. Für die Hungernden in aller Welt ist das ein Segen. Denn in deren Namen kämpft er unverdrossen auch noch mit 80 gegen die Ungererchtigkeit der Welt.

Ein Lied Walter Mehrings über die Liebe: Wie lange noch?

In der Werkausgabe von Christoph Buchwald ist der Text dieses Liedes („Wie lange noch“) nicht zu finden. Dafür aber auf dieser CD und auf einer von Teresa Stratas („The unknown Weill“) In der gleichnamigen Liedersammlung wurde es auch veröffentlicht. Rita-Lucia Schneider (Mezzosporan) singt das Lied, das 1943 oder 1944 entstanden ist, hier zu einfacher Klavierbegleitung.

Frankfurt (Oder) schenkt mir mit Max Havelaar vergnügliche Weltlektüre

Multatuli: Max Havelaar
Multatuli: Max Havelaar

Ein Stück Weltliteratur lag neulich auf dem Weg zum Bahnhof in Frankfurt (Oder) auf einer Mauer. Ich konnte nicht anders und nahm das Buch mit, obwohl ich es in einer anderen Ausgabe einst geschenkt bekam und mit wachsender Begeisterung las. Multatuli (lat. „ich habe vieles ertragen“) nannte sich der niederländische Autor Eduard Douwes Dekker, als er seine Abrechnung mit den Zuständen der Niederländischen Ostindischen Kompagnie verfasste.

„Max Havelaar oder Die Kaffeeauktionen der Niederländischen Gesellschaft“ ist der Titel des Bandes, den es auf der Frankfurter Mauer in einer Dünndruckausgabe des Leipziger Paul List Verlages von 1972 gab.

Der Name Max Havelaar hat ein eigenständiges Leben entwickelt. In der Schweiz gibt es sogar eine Max-Havelaar-Stiftung. Sie vergibt das dortige Fair-Trade-Siegel. Denn Multatuli hat in seinem Roman beschrieben, wie brutal die Ostindische Gesellschaft die Menschen im heutigen Indonesien ausbeutete. Mit 18 Jahren war Dekker selbst nach Batavia, dem heutigen Jakarta, gezogen. Er erlebte die Herrschaft der Firma, die wie ein eigener Staat agierte. Sein Buch darüber wird heute als wichtigster literarischer Text der Niederlande eingeschätzt. Konkret geht es in dem Buch um ein Buch, das die Zustände auf Java beschreibt.

Bei der Veröffentlichung dieses Buches will der Kaffeehändler Droogstoppel nicht helfen. Droogstoppel ist genauso dröge und bieder, wie der Name klingt. In dieser Handlung erzählt Multatuli/Dekker die Geschichte der Entstehung des eigentlichen Buches, um am Ende das gesamte korrupte System anzuklagen. Übrigens stecken da etliche Parallelen zur aktuellen politischen Lage. Denn die Ostniederländische Kompagnie war ursprünglich selbständig. Doch dann hat sie sich so überhoben, dass der Staat sie retten musste. Allerdings wollte die Kompagnie sich dennoch nicht in die eigenen Belange reinreden lassen. Sie verteidigte ihre Rolle ähnlich wie die Banken heute. Die Steuerzahler hatte für die Konkursvermeidung bezahlt. Aber einen Gewinn sollte es für ihn nicht geben. Aber auch ohne diese Parallelen ist das Buch sehr lesenswert. Denn es gibt nicht nur einen erschütternden Einblick in die frühe Globalisierung, als Europa meinte, die ganze Welt sei ihm Untertan.

Es ist auch einfach richtig gut und kurzweilig geschrieben, es wechselt zwischen Satire und Anklage, spart aber auch nicht mit zarten Tönen. Es jetzt noch einmal zu lesen, war ein Vergnügen. Und das habe ich dem netten Menschen zu verdanken, der immer wieder Bücher für Passanten bereit hält. Vielen Dank! Und allen, den dies Anregung war: viel Spaß beim Lesen!

Walter Mehrings Rat bei Sinnkrisen

Nach Ende des 2. Weltkriegs hat Walter Mehring seine „Verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur“ geschrieben. In ihr findet sich eine schöne Passage zum Sinn des Lebens und der Kunst:

„Wenn überhaupt in unser aller Dasein etwas einen Sinn hat, so ist es der: verliebt zu sein, – und wenn überhaupt noch ein Ziel erlebenswert ist, so das eine: sich in die Schönheit zu verlieben (die jeweilig jedes Liebhabers Geschmackssache bleibt), – und wenn überhaupt ein Liebesgebot allgültig ist, so dieses: Seid fruchtbar, das heißt: schöpferisch, – und mehret Euch, das heißt: Euch selbst; aber nicht die Mehrheit politischer Viehherden oder den Reinertrag industrieller Unternehmen.

Und wenn sich all des Tagewerkes Schweiß und Plackerei noch lohnt, so nur, am Feierabend ins Bett zu gehen – mit der innig Geliebten – oder wenigstens mit dem Traum an sie, um die ungewisse Begierde mit dem genauen Ausdruck zu gatten; um sich zu ergießen und zu genießen; um einander zu berühren und gerührt zu sein; um den Orgasmus, den Moment göttlicher Wonne zu verewigen. Warum eine Klanghochzeit – eine Reimpaarung, eine Farbverbindung – künstlerisch geglückt ist, läßt sich allgemein nicht erklären, weil man seine Liebe echt bloß der einzig Geliebten erklären kann: Liebeserklärungen an Staatsväter, Vaterländer, an die Plebs sind pervers, exhibitionistisch, unzüchtig.

Doch die Schönheit selber – einer Dichtung, wie einer Frau – ist polygam. und das jeweilige Schönheitsideal – als Mode und modus vivendi – antwortet dem Verlangen des einzelnen wie den Ansprüchen der Zeit.“

(Walter Mehring, Die verlorene Bibliothek. Claassen Verlag, Düsseldorf: 1978, S. 119 f.)  

Mehr Zitate von Walter Mehring gibt es auf Twitter oder im Walter Mehring Blog.