Partnerschaft auf Augenhöhe

Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig  - Caroline und Wilhelm von Humboldt
Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig - Caroline und Wilhelm von Humboldt

Den Namen Humboldt tragen Schulen und eine Universität. Straßen sind so benannt. Ob damit Alexander oder Wilhelm oder beide geehrt werden, wissen selbst die Lehrer und Professoren nicht. Sicher ist nur, dass Caroline von Humboldt nicht gemeint ist. Hazel Rosenstrauch will das ändern. In ihrem Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“ zeichnet sie das Leben zweier faszinierender Persönlichkeiten nach – und einer außergewöhnlichen Partnerschaft.

Wilhelm von Humboldt ist als der große Bildungsreformer Preußens in die Geschichte eingegangen. Und das, obwohl er nur einige Monate Minister war. Die meiste Zeit in Diensten Preußens war er Gesandter in Rom, Paris oder London.

Doch in Rosenstrauchs Buch geht es weniger um die Leistungen des Mannes, als um das Sittenbild einer Generation, die von der Aufklärung erfüllt und von Sturm und Drang beseelt war. Und dafür ist Caroline von Humboldt sehr bedeutsam. Denn die Thüringer Landadelige steht für einen Typus Frau, den es im späten 18. Jahrhundert in der sich formierenden literarischen Öffentlichkeit nicht nur vereinzelt gab. Caroline war Teil des Freundeskreises, zu dem Schiller genauso gehörte wie Rahel Levin, die spätere Rahel Varnhagen von Ense. In diesen aufgeklärten Kreisen galt die Stimme der Frau sehr viel. Entgegen der Konventionen wurden sogar Scheidungen toleriert.

Das Paar Caroline und Wilhelm von Humboldt lebte eine Ehe auf Augenhöhe. Beide wahrten ihre Autonomie, beide hatten Beziehungen außerhalb der Ehe. Und doch stand für sie nie in Frage, zueinander zu gehören. Wie Hazel Rosenstrauch diese Beziehung anhand der Briefe nachzeichnet, zeugt von viel Einfühlvermögen und einer umfassenden Kenntnis der Zeit. Dabei blendet sie auch nicht die negativen Aspekte aus. Caroline wandelte sich von der aufgeklärt toleranten Frau zur nationalen Antisemitin, während Wilhelm dieser geistigen Seuche gegenüber resistent blieb. Aber auch in diesem Aspekt steht Caroline von Humboldt beispielhaft für die deutsche Geistesgeschichte – und Wilhelm bleibt auch hier die vorbildhafte Ausnahme.

Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 333 S., 24,95 Euro

Ein Logistiker im Liebesrausch

Michael Ebmeyer: „Der Neuling“
Michael Ebmeyer: „Der Neuling“

Das Leben von Matthias Bleuel ist nicht gerade aufregend. Als sich ihm die Chance zum wenigstens kurzfristigen Ausbrechen aus dem Alltagstrott bietet, fürchtet er zunächst die Veränderung. Vielleicht ist das eine notwendige Eigenschaft, um als Logistiker bei einem Versandhaus in Baden-Württermberg zu arbeiten. Bleuels Bewegungsunfähigkeit wird erst erschüttert, als seine Ex sich wieder einmal über ihn beschwert.

Um vor ihr wegzulaufen, nimmt er das Angebot seines Chefs an, nach Sibirien zu reisen, um eine Auszeichnung für die aktivste Bestellagentur des Versandhauses im Ausland zu überreichen. Die Reise nach und in Sibirien verändert ihn vollständig. Aus dem biederen 40-Jähigen mit Bauchansatz wird ein verzauberter Liebender, der einer singenden, schorischen Schamanin verfällt und sich nicht mehr von Sibirien lösen kann.

Diese Handlung ist natürlich absurd. Michael Ebmeyer hält die Geschichte in einem Schwebezustand, der zwischen Ironie und romantischem Traum flirrt. So wird die Verwandlung des trockenen Logistikers in einen heißen, im Liebesrausch über sich hinauswachsenden Romantikers zu einem schönen Buch über die alles sprengende Kraft der Liebe. Wer beim Lesen träumen und lachen will, der ist bei Michael Ebmeyer richtig.

Michael Ebmeyer: „Der Neuling“, Verlag Kein & Aber, Zürich 2009, 19,90 Euro.

Welcome to your brain – Ein Hörbuch übers Gehirn faszniert

Okay, ganz ohne lateinische Fachbegriffe kommen Sandra Aamodt und Samuel Wang nicht aus. Aber die beiden Neuro-Wissenschaftler benutzen sie nur, wenn es gar nicht anders geht. Und für diesen Fall steht im Booklet des Hörbuchs sogar ein kleines Lexikon. Ansonsten konzentrieren sie sich ganz auf das Erklären.

Sie schaffen es, uns unser Gehirn so verständlich zu machen, dass wir ständig staunen: Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie aus elektrischen Impulsen Bilder im Kopf entstehen, wie Kleinkinder Sprache erlernen. All das erklären die beiden Autoren mit viel Humor. So gelingt es ihnen, dass wir etwas von der Einzigartigkeit unserer Wahrnehmung begreifen.

Sandra Aamodt / Samuel Wang: WELCOME TO YOUR BRAIN. 4 CD GELESEN VON OLIVER ROHRBECK. KEIN & ABER, 19,90 EURO

 

Orhan Pamuks Museum der Unschuld atmet Istanbul

Orhan Pamuk: DAs Museum der Unschuld
Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld

Orhan Pamuk (56) hat seine vielen Preise zurecht. Ob Literaturnobelpreis oder Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Pamuk hat die Kraft Geschichten zu erzählen. In Das Museum der Unschuld geht es um Kemal, der sich in die blutjunge – noch dazu entfernt verwandte – Füsun verliebt. Aus der Affäre wird für Kemal eine Passion, die
ihn fast seine gesamte Existenz kostet. Während Füsun einen andern Mann heiratet, versucht Kemal alles zu sammeln, was irgendwie mit Füsun zu tun hat. Daraus entsteht sein Museum.

Pamuk beschreibt nicht nur die Istanbuler Gesellschaft wunderbar. Vor allem gelingt es ihm, die Leiden an dieser Liebe auf den Leser zu übertragen – selbst wenn der den Kopf schüttelt wegen allzu viel Liebe. Das ist großartig, aufwühlend, verstörend uns ein Denkmal für die Unbedingtheit der Liebe.

Orhan Pamuk: DAS MUSEUM DER UNSCHULD. HANSER , 19,95 EURO

 

Ben Schott welches Sammelsurium 2009 wichtig ist

Ben Schott: Sammelsurium 2009
Ben Schott: Sammelsurium 2009

Seine Bücher sind Kult. Sie werden von vielen Autoren und Verlagen nachgemacht. Aber die Originale von Ben Schott (34) sind nach wie vor etwas Besonderes. Das beweist auch das aktuelle Schotts Sammelsurium 2009.

Ben Schott hat auf den gut 280 Seiten nicht nur das wesentliche Wissen des Jahres 2009 gesammelt. Er hat vor allem auch wieder genau hingeschaut. Und so entlarvt er anhand von Fakten die eine oder andere unsinnige Debatte des Jahres. Zum Beispiel die Atomkraft. Nicht nur die Energiekonzerne reden derzeit gern von der Renaissance der Atomkraft. Wer unter diesem Stichwort bei Ben Schott nachschlägt, findet eine spannende Aufstellung: Ende 2007 waren weltweit 439 Atomkraftwerke am Netz. Fünf Jahre vorher fünf mehr. Bis 2030 müssten weltweit 338 Reaktoren ersetzt werden. Aber es sind tatsächlich nur 32 im Bau befindlich. Das heißt: Von einer Renaissance kann keine Rede sein. Eher das Gegenteil. Die Atomkraft ist stark rückläufig.

Natürlich finden sich auch Informationen zum Eisbären Knut in dem Band. Im April 2008 hat das Landgericht Frankfurt eine Gedenkmünze für den Eisbären erlaubt, obwohl der Bundesbank das gar nicht passte. Interessant ist auch die Aufstellung, welche Promis für welche Organisation wohltätig sind. Angelina Jolie (33) etwa für die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, George Clooney (47) als  Friedensbotschafter für Darfur und Detlev Buck (46) für Querdenker Kids für hochbegabte Kinder.

Zwar ist in dem Buch auch viel, was schon mal gedruckt wurde. Etwa die Angaben zur Welt und zur Erde. Doch es gibt so viel Erschreckendes, dass die Lektüre in den Listen und Tabellen immer wieder ein Gewinn ist. Wer weiß schon, dass die Donau zu den am meisten gefährdeten Flüssen weltweit gehört; vor allem wegen der Schifffahrt. Der Indus dagegen ist durch den Klimawandel bedroht, der Mekong wegen Überfischung, der
Jangthse wegen Wasserentnahme und der La Plata wegen 27 geplanter Staudämme. So schafft es Ben Schott immer wieder, den Leser ins Grübeln zu bringen. Darüber, wie wir leben und was wir unserem Planeten so antun. Das Sammelsurium 2009 ist also auch in diesem Jahr unersätzlich.

BEN SCHOTT: SCHOTTS SAMMELSURIUM 2009. BLOOMSBURY BERLIN, 18,90  EURO

Texte von Erich Loest aus dem Exil uns zurück

Erich Loest: Einmal Exil uns zurück
Erich Loest: Einmal Exil uns zurück

Reden, Aufsätze und Interviews sind in Erich Loests Buch „Einmal Exil und zurück“  versammelt. In ihnen rechnet der Heimkehrer nach Leipzig mit der Ostalgie ab.

Loest, der als politischer Häftling in Bautzen einsaß und von der Bundesrepublik freigekauft wurde, stellt die Freiheit in seiner Werteskala nach ganz oben. Um so
verbitterter äußert er sich über ehemalige SED-Bonzen, willfährige Schriftsteller und jammernde Sachsen oder Brandenburger. Dabei lässt Loest reale Probleme nicht außer Acht.

Er kritisiert die Leipziger Kommunalpolitik genauso wie bundespolitische Verfehlungen.
Seine Texte sind frisch, seine Metaphern treffend und seine Haltung.

Erich Loest: EINMAL EXIL UND ZURÜCK. STEIDL, 30 EURO

Erhart Neuberts großes Buch über die friedliche Revolution

Erhart Neubert: Unsere Revolution
Erhart Neubert: Unsere Revolution

Erhart Neubert hat ein Buch geschrieben, das es in sich hat. Als einer der wichtigen Akteure der friedlichen Revolution hat er Geschichte geschrieben. Jetzt schreibt er als Historiker diese Geschichte auf. Das gelingt ihm hervorragend.

Sein Blick beleuchtet die Basisgruppen in den DDR-Bezirken genauso wie die große Politik. Und er selbst bringt sich ebenfalls ein. Dabei entsteht eine packende Wende-Geschichte, die sehr genau ist – und die Kraft, den Mut und die Entschlossenheit der Akteure aufzeigt.

Aber auch die Rückschläge und die Verzagtheit ganz vieler. Das Buch hat das Zeug zum Standardwerk. Es ist ein Muss, für alle die das Jubiläumsjahr 2009 ernst nehmen.

Erhart Neubert: UNSERE REVOLUTION – DIE GESCHICHTE DER JAHRE 1989/90. PIPER, 24,90 EURO

Diese Rezension ist am 27. Dezember 2008 in 20cent erschienen.

Ingo Schulzes Adam und Evelyn ist ach aus Hörbuch fein

Ingo Schulze: Adam und Evelyn
Ingo Schulze: Adam und Evelyn

Die Flucht über Ungarn und die Ankunft in der Bundesrepublik stehen im Mittelpunkt des Buches „Adam und Evelyn“ von Ingo Schulze. Matthias Brandt hat den Roman für die große Hörfunkfassung gelesen.

Schulze erzählt eine neue Version der Geschichte von Adam und Eva. Die heißt hier Evelyn und verführt den Damenschneider Adam mit der Freiheit. Die Erkenntnis
der Vielfalt wirft den netten Menschen Adam aus der Bahn. Natürlich spielen die Verwirrungen der Liebe auch eine wichtige Rolle.

Ingo Schulze schafft es, ein präzises und packendes Zeitbild aus der Wendezeit zu zeichnen. Matthias Brandt liest das alles sehr exakt, nur bei den Frauenstimmen manchmal etwas zu affektiert.

Ingo Schulze: ADAM UND EVELYN. 7 CDS GELESEN VON MATTHIAS BRANDT. HÖRVERLAG, 30 EURO

 

Volker Brauns Flick kann das Arbeiten nicht lassen

Volker Braun: Machwerk oder Das Schichtbuch des  Flick von Lauchhammer
Volker Braun: Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer

Die Idee von Volker Brauns neuem Roman ist pfiffig. Ein Vorruheständler zieht als Schelm der Arbeit durch die Niederlausitz. Doch die Umsetzung ist schwerfällig, die Sprache sperrig und der Humor oftmals zu verschwurbelt.

Sein neues Buch soll ein Volksbuch werden. Das hat Volker Braun vor wenigen Tagen gesagt. Er hofft, dass es von den breiten Massen gelesen wird. Doch dieser Wunsch wird ein unerfüllter bleiben. Denn dazu ist der Text viel zu schwerfällig.

Eigentlich ist Braun ein Lyriker. Das ist auf jeder Seite von „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ zu spüren. Jeder möglichen schwerwiegenden Bedeutung eines Worts hechtet der Dichter hinterher. Dadurch zerstört er den Lesefluss und landet nur allzu oft auf der Nase. Denn nicht jede von ihm imaginierte Tiefsinnigkeit ist tatsächlich bedenkenswert.

Im Roman geht es um Flick, den Mann im Vorruhestand, der einst die großen Bagger im  Tagebau reparierte. Jetzt steht er auf dem Abstellgleis, will sich damit aber nicht abfinden. Zusammen mit seinem Enkel, einem Nichtsnutz, der weder Lust auf Bildung noch auf  Arbeit hat, zieht er von Kapitel zu Kapitel durch die Lausitz und Berlin.

Flick nimmt jede Arbeit an. Er kann sich nur als arbeitenden Menschen denken. Der Systemwechsel und die Rationalisierung in der Kohle hat ihm seiner Bedeutung beraubt. Jetzt ist er arbeitslos. Doch Flick packt noch immer an. Ob als Ein-Euro-Jobber oder bei
einem Theaterprojekt mit Arbeitslosen. Das macht den Flick teilweise sogar sympathisch. Anderseits ist er aber ein dummer Einfaltspinsel, der bei seinem Kampf gegen die Windräder der Gegenwart nicht in der Lage ist dazuzulernen.

Flicks Enkel wird von Braun zudem als fauler, blöder Jugendlicher dargestellt. Allerdings ist er nach Ansicht des Erzählers dafür nicht verantwortlich, sondern die Gesellschaft. Ein Traum von sozialistischer Arbeitsethik wabert da bei Braun mit. Einer Ethik, die aber  offensichtlich dazu führte, dass Opa Flick wie ein Narr durch die Lausitz stolpert und nicht in der Lage ist, sich selbst als Mensch zu begreifen. Sondern nur als Arbeiter. Da stellt sich doch ernsthaft die Frage, was für eine unsinnige Botschaft Volker Braun verkünden will!

VOLKER BRAUN: MACHWERK ODER DAS SCHICHTBUCH DES FLICK VON LAUCHHAMMER. S. FISCHER, 19,80 EURO.

Diese Rezension ist a 27. Dezember 2008 in 20cent erschienen.  

Dieter Thomä feiert den modernen Helden – den Vater

Dieter Thomae: Väter
Dieter Thomae: Väter

Bücher über das Selbstverständnis von Vätern boomen gerade. Doch die meisten sind allenfalls witzig, wenn sie den Alltag beschreiben.

Dieter Thomäs Väter sind eine  Ausnahme. Denn Thomä untersucht das Vater-Bild seit der Aufklärung. Er macht verständlich, weshalb so viele Männer sich überfordert fühlen, wenn sie Väter werden. Sie können den Rollenbildern vom Ernährer der Familie, vom gerechten aber unangefochtenen Haupt der Familie nicht gerecht werden. Und wollen es auch nicht, wenn sie sich als Partner der Kinder verstehen.

Dieses Dilemma hat Thomä immer im Blick. Sein Wissen um die Veränderung des Rollenbildes Vater ist für aktuelle Väter eine Hilfe – und ein Mutmacher.

Dieter Thomä: VÄTER – EINE MODERNE HELDENGESCHICHTE. HANSER,
24,90 EURO