Dietrich Schulze-Marmeling weiß alles über die DFB-Elf

Vor 100 Jahren bestritt die deutsche Nationalmannschaft ihr erstes offizielles Länderspiel. Und in diesem Jahr soll wieder ein EM-Titel her. Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.) hat das Jahrhundert der DFB-Auswahl in einem umfangreichen und lesenswerten Buch zusammengefasst.

Dabei geht es nicht nur um die sportlichen Aspekte. Der Fußball wird immer auch als gesellschaftliches Phänomen begriffen. Deshalb ist das Buch mehr als eine Aneinanderreihung von Anekdoten und Heldengeschichten. Das ausführliche Lexikon am Ende macht das Buch zu einem Muss für all jene, die im deutschen Fußball mehr sehen als eine TV-Unterhaltung zur besten Sendezeit.

D.Schulze-Marmeling: GESCHICHTE DER DEUTSCHEN FUSSBALL-NATIONALMANNSCHAFT , WERKSTATT, 29,80 EURO.

Michael Braun erinnert sich an seine Zeit mit Haindling

Haindling ist in Bayern eine Kultband. Seit 1982 spielt Hans-Jürgen Buchner (63) unter dem Namen seines niederbayerischen Heimatortes eine Mischung aus Jazz, Rock, Folklore und vor allem Dialekt. Michael Braun gehörte zu den ersten Mitgliedern der Band. In seinem Buch „Meine wilde Zeit mit Haindling“ erzählt er in abgeschlossenen Geschichten Episoden aus dem Bandleben.

Die sind zum Teil sehr lustig, manche auch traurig, vor allem aber immer voller Leben. Da es kein offizielles Buch über Buchner und Haindling gibt, hat Braun für Fans ein unbedingtes Muss verfasst. Dass es auch gut zu lesen und voller schöner Fotos ist, macht das Buch umso besser.

Michael Braun: MEINE WILDE ZEIT MIT HAINDLING. ROSENHEIMER VERLAGSHAUS, 14,95 EURO.

Ewan Morrison treibt der sexuelle Overkill um

David und Alice sind Mitte Dreißig und entschließen sich, ihr Leben zu teilen. Doch Jobverlust und die gestörte Sexualität von David schaffen Probleme. Partnertausch scheint die Lösung zu sein. Denn David ist impotent, wenn er direkt mit einer Frau konfrontiert wird.

Lediglich wenn seine Phantasie durch Geschichten oder Voyeurismus stimuliert wird, kann er sich erregen. Ewan Morrison schreibt keine billige Sex-Zote, sondern ein Buch über den sexuellen Overkill, der Männer und Frauen dazu treibt, Leistungssportler in Betten sein zu wollen. Das ist zum Teil vulgär, aber auch einfühlsam. Das Buch ist nichts für allzu Sensible. Es geht schon zur Sache, bleibt dabei aber immer seriös. Unglaublich, aber gelungen.

Ewan Morrison: SWINGER. C. BERTELSMANN, 19,95 EURO.

Der Pole Marek Krajewski entdeckt das deutsche Breslau

Breslau kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Eine unheimliche Mordserie erschüttert die Stadt. Und Eberhard Mock von der Mordkommission. Denn offensichtlich werden nur Menschen ermordet, mit denen er in Kontakt kommt.

Ein Pole aus Breslau (Wroclaw) ist der Autor dieses packenden Krimis. Marek Krajewski (41) lässt die deutsche Stadt, die Hauptstadt Niederschlesiens, wieder aufleben. Er hat sich über alte Stadtpläne gemacht, die Strukturen der deutschen Stadtverwaltung und der preußischen Polizei genau studiert und sich einen Kommissar einfallen lassen, wie er nur direkt nach dem Ersten Weltkrieg denkbar ist.

Eberhard Mock hat sich seinen eigenen Kosmos in Breslau aufgebaut. Er kann mit der Unterwelt und ist dennoch ein leidenschaftlicher Polizist. Vier Matrosen werden tot aufgefunden. Ihre Knochen sind gebrochen, damit sie zu einer perversen Skulptur geformt werden konnten. Denn das einzige, was sie anhaben, sind lederne Lendenschurze.

Der Fall nimmt Mock sehr mit. Sein Freund, ein Arzt, ist der einzige Mensch, mit dem er reden kann. Vor allem, als deutlich wird, dass sämtliche Mordopfer, die dananch gefunden werden, mit Mock in Zusammenhang stehen. Das Sittenbild, das Krajewski zeichnet, ist nicht gerade schmeichelhaft. Aber für das Jahr 1919, als der verlorene
Erste Weltkrieg noch nicht verkraftet ist, als die Monarchie gestürzt, die Demokratie aber noch lange nicht etabliert ist, ist dieses Bild stimmig.

Auch die Handlung ist nachvollziehbar. Die Motive leuchten ein. Doch der Erzählstil macht  es dem Leser zunächst nicht leicht, ins Breslau von 1919 einzutauchen. Aber wer die ersten 50 Seiten gelesen hat, will dann doch wissen, wie der Fall ausgeht. Vor allem, weil es schon ziemlich lange dauert, bis sich die ersten Ahnungen, wer denn der Täter sein könnte,
verfestigen.

Ein spannender Krimi also, der vor allem von seinem Lokalkolorit lebt. Dass der von einem Polen geschrieben ist, macht das Buch noch interessanter. Denn immerhin war Breslau bis 1945 eine fast vollständig deutsche Stadt. Im Rahmen der Grenzverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es von Polen besiedelt. Und jetzt eignet sich ein Pole
die deutsche Geschichte Breslaus als die eigene an. Das ist mehr als reizvoll.

MAREK KRAJEWSKI: GESPENSTER IN BRESLAU. DTV, 14,50 €.

Peter Paul Zahl lässt Kommissare kiffen

Peter Paul Zahl: Miss Mary Huana
Peter Paul Zahl: Miss Mary Huana

Peter-Paul Zahl wollte einst über jede der 14 Provinzen Jamaikas einen Krimi schreiben. Doch leider ist ihm die Puste ausgegangen. „Teufelsdroge Cannabis“ ist jetzt neu erschienen unter dem Titel „Miss Mary Huana“. Auf der einen Seite ist das schade, weil er statt neuem Stoff alten aufgemöbelt hat.

Auf der einen Seite ist das schade, weil er statt neuem Stoff alten aufgemöbelt hat. Auf der anderen lässt das hoffen: Neuer Verlag, neues Glück? Denn die Krimis um einen Bullen und einen Ex-Bullen, der sein Rasta-Leben mit vielen Kindern genießt, sind gut. Das beweist auch diese Neuauflage. Dennoch wäre es fein, wenn sich der auf Jamaika lebende Zahl mit den Problemen des Landes in der Gegenwart auseinandersetzen würde. Doch als Einstiegsdroge taugt Miss Mary Huana schon mal.

PETER PAUL ZAHL: MISS MARY HUANA. EDITION KÖLN, 15,90 EURO.

Lauscherlounge ist auf dem Treck nach Westen

Lauscherlounge: Der Treck nach Westen
Lauscherlounge: Der Treck nach Westen

Es erklingen die deutschen Stimmen von Richard Gere, Leonardo DiCaprio, Ben Stiller, Jackie Chan, George Clooney und anderen. Sie spielen einen Western um Buffalo Bill. Sie trinken, flirten, schießen, küssen und pokern. Und das alles live. Das Publikum des Mitschnitts von „Der Treck nach Westen“ von der Lauscherlounge hat seinen Spaß.

Kein Wunder. Die Geschichte ist lustig, die Vorstellung, wie sich die Hollywoodstars in der Story bewegen, sorgt für zusätzlichen Humor. Mit der Idee, Hörspiele live zu spielen, hat die Berliner Lauscherlounge eine Nische besetzt. Das Stück um Vatereifersucht, Betrug und Wilden Westen ist ein Musterbeispiel dafür, wie unser Hirn sich hinzudenkt, was es gar nicht sieht. Herrlich!

Lauscherlounge: DER TRECK NACH WESTEN, LÜBBE AUDIO, 3 CD, 15,95 EURO.

Thomas Brussig gibt Schiedsrichter Fertig eine Stimme

Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig - Eine Litanei
Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig – Eine Litanei

Es gibt Bücher über Torhüter. Es gibt Jugendbücher über Stürmer und Trainer. Aber den Schiedsrichter hat noch niemand ausführlich literarisch gewürdigt. Diese Aufgabe hat nun Thomas Brussig (43) übernommen. Und meisterhaft gelöst.

Schiedsrichter Fertig sind gut 90 Seiten fließende Gedanken darüber, wie sich Schiedsrichter fühlen, wie sie gesehen werden und wie ungerecht die Öffentlichkeit mit ihnen umgeht. Brussigs Schiedsrichter vergleicht sich mit einem Chirurgen, der wie der Referee nur dann gut ist, wenn von seinem Eingriff nichts zu spüren ist. Der Text ist stringent und logisch. Er ist unterhaltend und beklemmend. Kurz: Er ist das Beste, was seit Langem über Fußball geschrieben wurde.

Umberto Eco beschreibt die Häßlichkeit

Umberto Eco: Die Geschichte der Häßlichkeit
Umberto Eco: Die Geschichte der Häßlichkeit

Die Schönheit ist das Ideal aller Kunst. Alles Hässliche hat gegen den Wunsch nach dem vollendeten Körper, der Brust, die der Schwerkraft widerstrebt, dem klaren
Blick oder dem ebenen Gesicht, keine Chance. Allerdings gibt es ohne das Hässliche auch das Schöne nicht.

Umberto Eco (76) hat unendlich viele Bilder auf der Suche nach dem Hässlichen betrachtet. Er
durchstöberte Fotos, schaute Filme und kramte in seinem literarischen Gedächtnis, um herauszufinden,
was hässlich ist. Überraschendes Ergebnis: Es gibt mehr Hässlichkeit als Schönheit. Während sich ganz klar beschreiben lässt, was schön ist, gelingt dies
beim Gegenteil nicht so einfach.

Seinem neuen Buch Die Geschichte der Häßlichkeit ging vor drei Jahren eines über die Schönheit voraus. Doch das neue hat Eco sichtlich mehr Spaß gemacht. Hier kann er sich austoben und das Abseitige beschreiben. All seine hässlichen Figuren, die Im Namen der Rose oder in Baudolino seine Romane bevölkerten, bekommen hier Gesichter. Und zwar von den ganz großen Malern gemalt. So wird Ecos Suche für die Leser seiner Bücher auch zu einer Fundgrube seiner Stoffe.

Umberto Eco wäre nicht so erfolgreich als Wissenschaftler und vor allem als Autor, wenn er nicht so gut seine enorme Bildung mit dem Alltag seiner Leser in Beziehung setzen könnte. Er wühlt nicht nur in der Antike, in mittelalterlicher Kunst und dem Barock. Eco zieht zum Beispiel bei der Frage nach der Darstellung des Todes auch Material aus Filmen, Karikaturen und der modernen Kunst heran. So macht er seine Überlegungen auch für Normalbürger zugänglich.

Und er testet seine Thesen ganz nebenbei auf ihre Richtigkeit. Richtig faszinierend ist das Kapitel über „Das Häßliche, das Komische und das Obszöne“. Da lebt der Karneval auf, da zeigt Eco, wie die Karikatur – und damit der Comic – in die Welt kam. Und welchen Spaß
wir alle daran haben. Wie öde wäre es, würden wir uns nur mit Schönem beschäftigen. Mit E.T., Marylin Manson (38) und Punk beendet Eco dann die Reise durch die Geschichte des
Hässlichen.

Flann O’Brien freut sich über „Das harte Leben“

Mit diesem achten Band ist die Werkausgabe des irischen Autors Flann O’Brienn (1911 bis 1966) in der Übersetzung von Harry Rowohlt (62) vollbracht. Die knapp 150 Seiten von „Das harte Leben“, das 1961 erstmals erschienen ist, ist so etwas wie die komprimierte
Zusammenfassung dessen, was den Iren O’Brien noch heute so lesenswert macht.

Das Buch ist böse, es ist eine gelungene Satire auf heuchlerische katholische Priester, absurd wohltätige irische Müßiggänger und eine Hommage an die Nationalgetränke Whiskey und ganz dunkles Bier. Wer Humor, der so schwarz ist wie das Guiness,
mag, der ist bei Flann O’Brien gut aufgehoben. Der entdeckt mit „Das harte Leben“ einen der ganz großen irischen Dichter.

Flann O’Brien: Das harte Leben, Kein & Aber, 16,90 EURO.

Tilman Röhrig haucht Tillman Riemenschneider Leben ein

Historische Romane sind ganz oft oberflächlich und von unserer Sicht der Dinge geprägt. Tilman Röhrig (62) schafft es in Riemenschneider, sowohl die Zeit sehr gewissenhaft aufleben zu lassen, als auch einen schönen Roman zu schreiben. Tilman Riemenschneider
(1460 bis 1531) lebte als Holzschnitzer und Bildhauer in Würzburg, als die Reformation und die Bauernkriege das Land erschütterten.

Seine Werke sind noch heute beeindruckend. Röhrigs Roman schafft es, dass auch das Leben Riemenschneiders fesselt. Röhrig entwirft ein Panorama der Zeit, in der auch Luther, Bauernführer Joss Fritz und Ritter Götz von Berlichingen ihren Platz haben.
Das ist gut gemacht und eine feine Geschichtslektion.

Tilman Röhrig: Riemenschneider. Piper, 19,90 EURO.