T.C. Boyle erheitert mit einem Roman über fanatische Tierschützer

T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist
T.C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist

Wenn jemandem wirklich kein sinnvolles Argument mehr einfällt, dann kommt bestimmt der Spruch vom „Gutmenschen“. Erstaunlich viele, eigentlich intelligent wirkende, Menschen gefallen sich in der Attitüde, sich über andere lustig zu machen, die mehr Gerechtigkeit, weniger Umweltzerstörung oder eine Gesellschaft ohne Rassismus wollen zu diffamieren. Und das, wo es doch gar nicht so schlecht ist, wenn der Mensch gut statt böse ist.

T.C. Boyle hat in seinem neuen Roman Tierschützer und staatliche Naturparkwächter in den Blick genommen. Auf den ersten Blick sind beide Lager Gutmenschen. Die einen versuchen einige Inseln vor Santa Barbara in Kalifornien in einen Zustand zurückzuversetzen, in dem es keine Ratten an Land gab. Die kamen bei der Havarie eines Schiffes mit Treibholz an deren Küste. Und von da verbreiteten sie sich und erwuchsen zu einer Gefahr für die dortigen Vögel. Da es sich dabei  Arten handelt, die es nur auf Anacapa gibt, entschließen sich Alma und ihre Kollegen vom Park-Service, die Ratten auszurotten. Das wiederum bringt Tierschützer auf die Palme. Sie lehnen den Massenmord an den Ratten ab. Denn jede Kreatur hat ein Recht zu leben.

Aus dieser Konstellation baut T.C. Boyle eine wunderbare, teils komische, auf jeden Fall aber lehrreich unterhaltsame Geschichte. Weder die einen, noch die anderen sind wirklich gut. Alle leben sie in ihrem eigenen Kosmos und sind unfähig, die andere Seite wirklich ernst zu nehmen. Beide Seiten steigern sich in unterschiedlich begründete Rigorismen. Und wie das entsteht, wie sich das aufbaut, das ist großartig. Da sind die Protagonisten dann nichts als einfach Menschen, die sich in ihrer Kleinbürgerlichkeit einbunkern und dabei ganz vergessen, dass das Leben mehr ist, als moralische Rechthaberei.

Boyles Figuren sind wie immer klar und gut gezeichnet. Die Geschichte ist schlüssig und zwingend konstruiert. Und so wird aus „Wenn das Schlachten vorbei ist“ ein spannender Öko-Thriller mit allen notwendigen Zutaten. Aber Schiffskatastrophen, Tod, Sex und Liebe sind nicht Hauptzweck, sondern fein gewürzte Zutaten für ein großes Buch.

T.C. Boyle ist in Talk Talk auf Identitätssuche

Datenschutz ist ein großes Thema, das leider kaum jemanden interessiert. T.C. Boyle (57) hat mit seinem neuen Roman ein spannendes Plädoyer für einen sorgsamen Umgang mit den eigenen Daten vorgelegt: einen Thriller um Identitäten.

Dana Halter wird auf dem Weg zum Zahnarzt festgenommen. Die taube Lehrerin versteht die Welt nicht mehr. Denn sie wird übers Wochenende nicht freigelassen. Sie sitzt in einem Bezirksgefängnis mit Nutten und Verbrecherinnen. Ihr Problem: Es gibt eine Reihe von
Haftbefehlen gegen Dana Halter aus den verschiedensten US-amerikanischen Bundesstaaten.

Ihr wird langsam klar, dass sich ein anderer ihrer Identität bedient, um auf ihre Kosten zu leben, in ihrem Namen Geld zu hinterziehen, kurz: in ihren Namen ein süßes Leben zu führen. Dana und ihrem Freund Bridger glaubt zunächst niemand. Zu eindeutig ist die Beweislage auf dem Papier. Doch die beiden machen sich auf die Suche nach dem Menschen, der sich als Dana Halter ausgibt. Und tatsächlich können sie ihn ausfindig machen. Doch der Mann, der den Namen der Frau angenommen hat, begibt sich auf
die Flucht. Dana und Bridger folgen ihm durch die ganze USA.

T.C. Boyle hat schon wieder einen Roman geschrieben, den man nicht aus der Hand legen will. Talk Talk ist das englische Wort für Gebärdensprache. Mit ihr verständigen sich Dana und Bridger. Auf einer anderen Ebene erschließen sie den Talk Talk des Identitätsdiebes
mit den Kreditkartenanstalten, die ihm sein luxuriöses Leben auf Kosten ganz anderer Menschen ermöglichen. Immer abwechselnd lässt Boyle Dana und Bridger und den Dieb
auftreten. Auf einer übergeordneten Ebene kommunizieren sie über den Leser miteinander. Der Leser selbst rutscht in die Rolle eines Mittlers, der immer tiefer ins Geschehen verstrickt wird, weil er sowohl die Sicht der Dinge aus der Perspektive der einen und des anderen kennt.

T.C. Boyle hat ein packendes Buch über ein aktuelles Thema geschrieben. Er hat ein Gespür für Themen – und vor allem die Gabe fürs Erzählen. Auch ohne Mord und
Totschlag erzeugt er mit einfachen, aber effektiven erzählerischen Mitteln Spannung, die angesichts des Umgangs mit Daten im Internet-Zeitalter echte Beklemmung auslöst.

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