Viktor Schklowskij schildert die Grauen der Oktoberrevolution

Viktor Schklowskij: Sentimentale Reise Die Oktoberrevolution und ihre Folgen haben die Welt verändert wie nur ganz wenige Ereignisse der Weltgeschichte. Was in Moskau zunächst eher ein seltsamer Staatsstreich war, wuchs sich zu einem unglaublich brutalen Bürgerkrieg aus. Der Literaturwissenschaftler Viktor Schklowskij erlebte die Revolution in Petersburg als Panzerfahrer. Später war er als Kommissar an unterschiedlichen Fronten. Sein Bericht mit dem zynischen Titel „Sentimentale Reise“ ist eine lakonische Beschreibung ungeheuren Leids und unvorstellbaren Chaos‘.

Schklowskij war zunächst Sozialrevolutionär und kämpfte gegen die Bolschewisten. Später schloss er sich unter dem Druck der Ereignisse der Roten Armee an, wurde aber von den Bolschewisten und der frisch gegründeten Tscheka besonders beobachtet. Anfang der 1920er-Jahre ist er dann ins Exil nach Finnland gegangen, um seiner Verhaftung und der voraussichtlichen anschließenden Erschießung zu entgehen. Sein Buch ist schließlich in Berlin vor 90 Jahren im Exil erschienen. Olga Radetzkaja hat es jetzt für die Andere Bibliothek neu übersetzt. Es ist eine Entdeckung.

Zum einen rückt er die Brutalität der Revolutionäre ins richtige Licht. Machtgewinn und Machterhalt war immer wichtiger als das Leben und das Wohl der Menschen. Schklowskij schildert das in knappen Sätzen, in denen er Emotionen vermeidet. Das wiederum sorgt dafür, dass im Kopf des Lesers erst recht entstehen. Weil man nicht über sie hinweg lesen kann, nehmen sie sich den Raum, der ihnen zusteht. Als Armeekommissar war Schklowskij in Persien und in der Ukraine an der Front. Hier kämpfte er selbst gegen türkische und österreichische Truppen. Und später in Russland gegen die Rote Armee, bevor er sich dieser unter dem Druck der Ereignisse anschloss.

Das Buch ist aber keine Aneinanderreihung militärischer Ereignisse. Es ist auch ein Buch über die Kunst des Versteckens und Verstellens, um zu überleben. Es ist ein Dokument des Leidens der Bevölkerung unter den Lasten des Krieges und des Bürgerkrieges. Und es ist am Ende eine Abrechnung mit dem Bolschewismus. Aber immer entlang der Ereignisse, was veranschaulicht, wie sie sich durchsetzen konnten. Angesichts des Gedenkens an 100 Jahre Oktoberrevolution erscheint das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt.

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