„Unter Schwalbenzinnen“ macht aus einem Rätsel Literatur

Unter SchwalbenzinnenWir leben in einer Welt, in der fast alle wesentlichen Fragen von der Wissenschaft beantwortet werden können. Und dennoch gibt es noch immer Geheimnisse. Das Voynich-Manuskript ist ein solches. Ein Text mit vielen Bildern, der aus Versen in einer bislang noch nicht entzifferten Schrift besteht. Diese Buchstaben machen die Forschung nach wie vor ratlos. Und wenn die Wissenschaft nicht weiterkommt, dann hat die Kunst ihre große Chance. Astrid Dehe und Achim Engstler haben sie genutzt und einen überzeugenden historischen Roman aus diesem Stoff geschrieben.

Matteo ist ein junger Kopist, der schon eine erstaunliche Meisterschaft beim Abschreiben von Manuskripten erreicht hat. Seine Buchstaben sehen genauso aus wie die im Original. Das spricht sich im Florenz des Jahres 1442 herum. Die Stadt liebt die Künste, Maler, Schriftsteller, Bildhauer und all die Gewerke, die damit zu tun haben, stehen hoch im Kurs. Aber Kopisten sind ganz unten in der Gunst – und damit auch der Bezahlung. Als die Patrizier-Familie di Adimari Matteo zu sich ruft, öffnen sich für Matteo ganz neue Hoffnungen. Er soll aufschreiben, was Evelina, die Tochter des Hauses erzählt. Weil sie ihre enormen Phantasien in rasender Geschwindigkeit erzählt, beginnt Matteo alles aufzuzeichnen.

Die Familie di Adimari hat sich einst mit dem Medicis überworfen. In der Regentschaft Cosimos ist das ein große Bürde, unter der auch Matteo zu leiden hat. Das Autorenteam Dehe/Engstler fängt die Stimmung der Stadt sehr gut ein. So entsteht ein historischer Roman, der auf der einen Seite ein gutes Zeitbild zeichnet. Auf der anderen konstruieren aus den Sitzungen von Evelina und Matteo die Entstehung des Voynich-Manuskriptes. Denn die Besonderheit der einmaligen Schrift hat Matteo mit einem kleinen Buch von seinem Vater und seinen Vorvätern geerbt. Er weiß nicht, was in dem Buch steht, was diese Buchstaben bedeuten. er weiß nur, dass er sie von Generation zu Generation weitergeben soll. Um das sicherzustellen, kombiniert er die Bilder als Evelinas Phantasien und seine überlieferten Buchstaben zu einem einmaligen Manuskript.

„Unter Schwalbenzinnen“ ist der erste Roman einer auf vier Bände angelegten Reihe von Dehe/Engstler. Die Schwalbenzinnen sind Ziegel, die im Manuskript zu seihen sind. Und sie stehen für den Treffpunkt an einer Burg, an der sich Evelina und Matteo im nächsten band bestimmt wiedersehen werden.

Wenig Alkohol, viel Pop und noch mehr Musik bei Suchtpotenzial

Julia Gámez Martin (l.) und Ariane Müller sind Suchtpotenzial.
Julia Gámez Martin (l.) und Ariane Müller sind Suchtpotenzial.

Wahnsinn, dieser weibliche Witz von Suchtpotenzial. Wunderbar, diese Wucht der Stimmen von Julia Gámez Martin und Ariane Müller. Die beiden Frauen singen sich durch die Sorgen und Wünsche von Frauen. Sie träumen von Musikern und Männern generell. Sie beklagen zu große und zu kleine Brüste und fordern deshalb C-Cup für alle. Und sie machen sich über Gitarre spielende Männer lustig, die ihren Liebeskummer als Singersongwriter meinen kompensieren zu können.

Die Themen kommen aus dem Alltag der beiden ausgebildeten Musikerinnen, die sich am Theater in Ulm kennenlernten. Sie sind prägnant, sie haben konsequent einen weiblichen Blick und sie scheuen auch vermeintliche Peinlichkeiten nicht. Etwa, wenn in „Penisneid“ beklagt wird, dass der Mann überall strullern kann, die Frau aber nicht. Aber die Frau, die kann dafür immer – und benötigt keine Medikamente, um richtig zu können. Aus solchen alltäglichen Peinlichkeiten machen die beiden kraftvolle Lieder, die von der erstaunlichen Varianz und Kraft ihrer Stimmen leben – und vom Witz, dem sie auf der Bühne wirklich alles unterordnen.

Bei ihrem Berliner Auftritt im Comedy Club Kookaburra waren sie mit Pause fast zweieinhalb Stunden auf der Bühne. Die Kneipe war für die preisgekrönte Stimme Martins fast schon zu klein. Umso schöner war die Nähe, um das Spiel und die  Mimik der beiden beobachten zu können. Da ihr Fach eigentlich das Musical ist, haben sie jede Geste, jeden Blick auf Lager – von Operndiva bis Headbanger, von Chansonette bis Rapper. Das einzige, das an dem Abend störte, war der Name des und der Bezug auf das Programm. Warum „100 Prozent Alko-Pop“? Suff ist wirklich nicht nötig, um ein kleines Suchtpotenzial nach den beiden Frauen zu verspüren. Und alle Gags an diesem Abend sind besser als jene, die sich auf Alkohol als Mittel zum Lockermachen beziehen. Das haben  Julia Gámez Martin und Ariane Müller nicht nötig. Sie müssen sich nicht hinter Suff und Bedröhnung verstecken. Vielleicht waren sie beim Schreiben des Programms noch nicht so locker, wie gestern auf der Bühne. Aber selbst die Strophe über Porno in „Sinn des Lebens“ war in keinster Weise geschmacklos, sondern nur zum Brüllen komisch!

Bitte mehr davon! Da das Programm schon 2013 entstanden ist, wird es Zeit für neue Lieder, neue Geschichten und noch mehr Martin/Müller. Denn die haben wirklich Suchtpotenzial.

Julia Gámez Martin (l.) und Ariane Müller als Suchtpotenzial mit dem Programm "100 Prozent Alko-Pop".
Julia Gámez Martin (l.) und Ariane Müller als Suchtpotenzial mit dem Programm „100 Prozent Alko-Pop“.