Kurz nach Sonnenaufgang auf dem Zeuthener See

In der Morgensonne

Bild 1 von 12

Kurz nach Sonnenaufgang ist das Wasser richtig ruhig. Das Kajak gleitet ganz ruhig über den Zeuthener See. Ein, zwei Stunden später sorgen die Motorboote für einen steten, leichten Wellengang. Aber jetzt, da stimmt der alte Satz: „Still ruht der See.“ Das Licht strahlt in warmen Farben am westlichen Ufer. Die Bootshäuser, Villen und Segelvereine strahlen eine friedliche Ruhe aus. Auf dem glatten See spiegeln sie sich, wie sonst nie. Nur jetzt steht das Licht so, dass dies möglich ist. Aber von Kilometer zu Kilometer Richtung Wildau wird das Wasser unruhiger. Die ersten Motorboote stören nicht nur die plane Wasseroberfläche, sondern auch die Ruhe.

Jurij Wynnytschuk entführt uns nach Lemberg

Jurij Wynnytschuk: Im Schatten der MohnblüteDer Krieg in der Ukraine hat das Land zwischen Polen und Russland buchstäblich ins europäische Bewusstsein geschossen. Je länger die russische Aggression währt, umso mehr beschäftigen sich Öffentlichkeit und Medien, aber auch die Wissenschaft mit der Geschichte des Landes. Und umso klarer schält sich heraus, dass die Ukraine eine eigenständige Kultur, eine eigene Sprache, ein eigenes Nationalbewusstsein hat, das sich klar gegen Russland abgrenzt. Ein wunderbares Beispiel für die ukrainische Literatur ist der kürzlich erschienene Roman „Im Schatten der Mohnblüte“ von Jurij Wynnytschuk.

Im Mittelpunkt des Buches die Freundschaft von vier jungen Lembergern. Ein Pole, ein Ukrainer, ein Jude und ein Deutscher bilden das Quartett, das in den 1930er-Jahren in der damals polnischen Stadt unzertrennlich sind. Jurij Wynnytschuk schildert die multikulturelle Stadt aus der Sicht der dort lebenden Nationalitäten bis in die 1940er-Jahre hinein. Der Roman handelt also von Krieg und Frieden. Er schildert die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee in Folge des Hitler-Stalin-Paktes und fast zwei Jahre später durch die Wehrmacht. Wynnytschuk erzählt vom Wüten des NKWD und davon, wie die gleichen Foltergefängnisse dann von der Gestapo genutzt wurden, um nach dem Fall Lembergs 1944 wieder vom NKWD in Besitz genommen zu werden.

Im Grauen, das die Stadt erlebte, fehlt natürlich auch nicht der Untergang und die Vernichtung der Juden durch die Deutschen. Eine furchtbare Rolle dabei muss der jüdische Freund übernehmen. Er muss bei den Exekutionen zusammen mit anderen Juden in einem Orchester musizieren. Dabei spielt er einen ganz speziellen Tango so, dass er kaum gehört werden kann. Aber dessen Melodie hat eine ganz wichtige Funktion: Wer sie beim Sterben hört, erhält die Chance zur Seelenwanderung in einen anderen Menschen, der dann zwei Seelen in sich trägt. Eine gewagte Geschichte, die Jurij Wynnytschuk aber wunderbar erzählt. Diese Seelenwanderung ermöglicht es den Menschen, vertraute Seelen wiederzufinden. Und so finden auch die Freunde wieder – und zwar in der von der Sowjetunion befreiten Ukraine.

„Im Schatten der Mohnblüte“ vereinigt alles, was gute Literatur ausmacht. Es strotzt vor Fabulierfreude, es öffnet den Kopf für phantastische Gedanken, die sich trotz allem irgendwie wahr anfühlen. Denn wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man sich fremden Menschen verbunden fühlt oder sich in einer fremden Stadt auskennt, als sei man schon dort gewesen. Jurij Wynnytschuk verzaubert den Leser, der sich auf das Gedankenexperiment einlässt. Und er zeigt in seinem Lemberg-Roman ganz deutlich, weshalb die Ukraine kein Wurmfortsatz Russlands ist, sondern eigenständig.

Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder

John von Düffel: WassererzählungenNiemand schreibt so gut über das Schwimmen wie John von Düffel. In seinen Romanen hat er die Bewegung im Wasser, das Gleiten in der Schwerelosigkeit, die Anstrengung der Armzüge, das Ausatmen unter Wasser, die meditative Kraft der sich auflösenden Gedanken beim Bahnenziehen beschrieben, dass die Lust auf einen Sprung ins Becken von Seite zu Seite wuchs. In seinen „Wassererzählungen“ gelingt ihm das auch wieder. Doch würde es den elf Texten nicht gerecht, reduzierte man sie darauf.

Denn die Erzählungen handeln vor allem von Verlusten bei Paaren, in Familien oder alten Freundschaften. In „Die Vorschwimmerin“ etwa bietet eine Schwimmerin ihrer Freundin einen seltsamen Job an. In einer Villa mit Schwimmbecken soll sie täglich schwimmen. Sie würde den Lohn immer vorfinden und würde den Auftraggeber nie sehen. Aber er könne sie sehen. Und das nackt. Aus diesem Angebot entsteht eine Diskussion über Moral und Unmoral, das sich angesichts der Fülle von Missverständnissen zur Frage führt, ob die Freundschaft überhaupt Bestand haben kann. Wie John von Düffel das schildert, zeugt von großer dramaturgischer Raffinesse.

In anderen Texten spielt das Schwimmen in der Ostsee, in Teichen und Becken eine größere Rolle. Aber nie ist es Selbstzweck. Und dennoch sind die Passagen, in denen sich die Männer und Frauen in von Düffels Geschichten im Wasser bewegen, die schönsten.

Mehr vom Schwimmen:
Mein Sprungturm
Schwimmen im Salzwasser der Adria
Gefahr beim Schwimmen im See
Hauptsache rüberschwimmen
Schwimmen ohne Wand und Wende
Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder
Leanne Shampton meditiert über das Bahnen-Ziehen
Anbaden 2012
Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

 

Holz am Dachstein

Holz am Dachstein

Bild 1 von 18

Sie säumen fast jeden Weg. Holzstapel sind an der Südseite des Dachsteins ein prägender Teil der Wanderwege. Das geschnittene Holz zeigt sich in einer erstaunlichen Farbenpracht von Rostrot über Gelb bis hin zu bräunlichem Grau. Beim genauen Blick zeigen sich abstrakt-geometrische Skulpturen und Reliefs.

Norbert Gstrein sucht den Anfang des Gerüchts

Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom AnfangAm Anfang ist nur ein Gerücht. Und doch kann dieses Gerücht das ganze Leben des Lehrers, aus dessen Perspektive Norbert Gstreins „Eine Ahnung vom Anfang“ geschrieben ist, in Frage stellen. Tatsächlich wird auf dem Bahnhof der österreichischen Provinzstadt eine Bombe gefunden. Aber wer sie deponiert hat, ist keinesfalls bekannt. Nur Erinnerungen an einen ehemaligen Schüler, der anders war als die anderen Schüler. Genau deshalb trauen ihm viele im Ort die Tat – die letztlich nicht ausgeführt wird – zu.

Norbert Gstrein nimmt den Leser tief in die Gedankenwelt des Lehrers mit, der auf seinem Grundstück am Fluss einen Sommer mit Daniel und dessen Freund verbrachte. Sie lasen viel. Der Lehrer hatte die Bücher empfohlen. Sie fischten und schwammen im Fluss. Der Sommer hat etwas Leichtes, das allerdings die Umgebung ganz anders wahr nimmt als die Beteiligten. Schließlich ist es nicht normal, wenn ein Lehrer so viel Zeit mit Schülern verbringt. Das ist der Nährboden für Gerüchte. Norbert Gstrein zeigt, wie diese Gerüchte vom Lehrer Besitz ergreifen, weil die ungeklärte Bombenablage ihn selbst umtreibt. Auch er fragt sich, ob Daniel es gewesen sein könnte. Er durchforstet sein Gedächtnis, seine Erinnerungen, seine Gefühle und lässt sich immer tiefer in einen Strudel von Zweifeln und Selbstzweifeln ziehen.

Daniel ist tatsächlich nicht wie andere. Er hat einen Hang zu Religiosität und moralischen Rigorismus. Er kommt mit dem Leben nicht klar, probiert immer wieder Neues aus und wird doch kein normaler Mensch, der eine Ausbildung macht und danach in den Beruf, eine Beziehung und vielleicht sogar eine eigene Familie eintaucht. Wie Norbert Gstrein das aus der Sicht des Lehrers erzählt ist fesselnd. Der Zweifel des Protagonisten wird zum Zweifel des Lesers. Er selbst wird Träger des Gerüchts, der Unschärfen, die uns alle viel zu schnell urteilen lassen. Dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als sich selbst die Frage zu stellen, wo die eigene Grenze zwischen Moral und Bequemlichkeit verläuft. Und welche Fehler man selbst gemacht haben könnte, die andere Menschen eventuell beeinflusst haben. „Eine Ahnung vom Anfang“ ist ein Meisterwerk im Konjunktiv: verwirrend und doch ganz klar in Struktur und Ziel.