Maxim Biller ist im Kopf von Bruno Schulz

Maxim Biller: Im Kopf von Bruno SchulzBruno Schulz, der große polnisch-jüdische Schriftsteller schreibt einen Brief an Thomas Mann. 1938, schon nach dem Einmarsch Deutschlands ins Sudetenland, sitzt Schulz an seinem Schreibtisch im heimisch Drohobycz und berichtet in einem Brief an den Autoren-Kollegen von dessen Doppelgänger. Das ist der Rahmen für eine kleine Novelle von Maxim Biller, in der auf nicht einmal 70 Seiten ein visionärer Alptraum entsteht, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.

Bruno Schulz, der Lehrer geht an diesem Tag nicht in die Schule. Sein Kopf ist zu voll. Er will Thomas Mann mitteilen, dass in seinem ostpolnischen Heimatstädtchen ein Mann sein Unwesen treibt, der sich als Thomas Mann ausgibt. Der Brief kostet Schulz den ganzen Tag. Zum einen, weil er ganz real gestört wird, zum anderen aber, weil sich in seinem Kopf Bilder festsetzen, die ihn vollständig gefangen nehmen. Da tauchen seine Schüler als Tauben auf. Oder aber der falsche Thomas Mann und sein Gefährte, die bizarr von den Juden des Ortes verehrt werden. Wie in einen tiefen Strudel zieht ihn seine Phantasie immer weiter in einen Rausch, wie in einem Bild von Hieronymus Bosch. Immer tiefer, immer furchtbarer werden die Visionen, die das Schicksal der Juden Europas halluzinieren.

Maxim Biller ist ein brillanter Text gelungen, der seinen Protagonisten, den realen Bruno Schulz, ernst nimmt und ehrt. Das liegt nicht nur an den Zeichnungen von Schulz, die in den Text integriert sind. Vielmehr noch überzeugt die überbordende Phantasie, die Maxim Biller in knappe Bilder verdichtet. Und dann ist da auch noch der nicht zu unterschätzende Aspekt, dass er die von den Nazis vernichtete Welt des Bruno Schulz aufleben lässt. Das Städtchen, das 1938 noch Ostpolen war, durch den Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugeschlagen wurde, war wie so viele Orte der Region multinational und selbstverständlich auch von Juden geprägt. Der düstere Alptraum, der die Vernichtung vorwegnimmt, würdigt dies. Und das so intensiv, dass das Bändchen „Im Kopf von Bruno Schulz“ in einem Zug zu Ende gelesen werden muss.

Thomas Brussig tut so, als wäre die DDR noch immer da

Thomas Brussig: Das gibts in keinem RussenfilmAch immer diese Ostalgie! Warum hört das nicht auf? Sie war doch eine Diktatur! Und ausgerechnet zum Jubiläum ihres Untergangs wird sie von Thomas Brussig wieder zum Leben erweckt! Muss das sein?

JA!!! DAS MUSS SEIN!!! Wenn sie auf diese Art noch einmal auf der literarischen Bühne erscheinen darf, dann ist das nicht nur amüsant, komisch, witzig, sondern auch noch wunderbar lehrreich. Denn der Vergleich, der Systeme, den Thomas Brussig in seinem neuen Roman bis in die Gegenwart führt, öffnet für vieles in der DDR die Augen. Und für die Summe der Missverständnisse, die Ost- und Westdeutsche nicht nur vor 25 Jahren gegenseitig hatten.

Thomas Brussig tut in „Das gibts in keinem Russenfilm“ einfach so, als hätte er sein ganzes Leben in einer intakten DDR geführt. Und das als Schriftsteller, der mit Büchern wie „Wasserfarben“, „Helden wie wir“ oder dem Udo-Lindenberg-Musical „Hintern Horizont“ Erfolg hat. Teils in der DDR, teils in der Bundesrepublik, in der einige Bücher erscheinen mussten, weil die DDR-Zensur sie nicht billigte. Er entwickelt also ein Szenario, das sein reales Leben in eine noch immer weiter existierende DDR spiegelt. Das ist ein literarischer Kniff, der nicht nur wahnwitzig ist, sondern auch noch glaubwürdig funktioniert.

Thomas Brussig bleibt in seiner DDR, weil er in einem Moment unerwarteten Erfolgs vor Publikum versprochen hat, aus der DDR erst dann auszureisen, wenn alle DDR-Bürger reisen dürfen. Ein Telefon will er auch erst dann, wenn jeder problemlos eines haben kann. Und solange Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ verboten ist, will er es nicht lesen. Das Publikum ist begeistert, Brussig ein Held in Ost und West. Und weil er sich an das Versprechen hält auch ein Narr, der selbst seiner schwangeren Freundin nicht in den Westen folgt.

All das ist irrwitzig. Brussig entwickelt eine Geschichte, die ziemlich schlüssig ist. Und spiegelt nicht nur seine eigenen Bücher in diesem funkelnden Licht. De facto ist „Das gibts in keinem Russenfilm“ ein Schelmenroman über das Leben des Autors, in dem er sich selbst so naiv präsentiert, dass nicht nur die falsche, fiktive Wirklichkeit entlarvt wird, sondern auch die reale vergangene und die reale Gegenwart. Ziemlich viel für nur einen Roman. Und sehr amüsant!

Staatsorchester verzaubert 350 Kinder in Orchestermäuse

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Howard Griffiths hat eine neue Leidenschaft: Wenn ihm im Hotel langweilig wird, dann setzt er sich hin und schreibt ein Libretto für Kinder. Nach „Die Hexe und der Maestro“ sind es jetzt die „Orchestermäuse“. Wieder hat der Schweizer Fabian Künzli die Musik dazu geschrieben. Und wieder haben die beiden ein Bühnenvergnügen für uns mit Kindern geschrieben, das Lust auf Oper, Musical, Orchester und Gesang macht. In Frankfurt (Oder) hatten die Orchestermäuse jetzt ihre Welturaufführung – mit 350 Kindern aus Ostbrandenburg, einem lustvollen Brandenburgischen Staatsorchester und einem Maestro, der mit seiner Freude an Musik und Spiel alle ansteckt, die sich ihm nähern.

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein ganzes Mausvolk flieht durch den Zauberwald vor den Katzen, mit denen sie einst in Frieden lebten. Wenn da nicht eine vorlaute Maus für Ärger gesorgt hätte. Als neue Heimat suchen sie sich die Konzerthalle aus, geraten dort aber mit dem Orchester aneinander. Denn die musizieren, wenn die Mäuse schlafen wollen. Die nach allerlei Turbulenzen söhnen sich alle im Zauberwald miteinander aus und singen gemeinsam. Ein schönes Märchen, das vor allem durch den Witz der Texte und die schwungvolle Musik überzeugt.

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Vor allem aber durch die Inszenierung von Be van Vark, die sich mit Howard Griffiths wunderbar versteht. Sie hat die unendlich mühevolle Arbeit mit etlichen Workshops mit den Kindern künstlerisch geleitet und zu einem amüsanten und energiegeladenen Bühnenevent formte. Howard Griffiths wiederum gelingt es erneut, sein Brandenburgisches Staatsorchester so für die Arbeit mit den Kindern zu begeistern, dass sie Instrumenten-Workshops durchführten und letztendlich eine Spielweise wählen, die es den Kindern ermöglicht, zu den Stars des Nachmittags zu werden.

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Das Publikum in Frankfurt (Oder) ist begeistert. Denn die Kinder tanzen, singen, musizieren. Sie realisierten eine überzeugende Videoinstallation, mit der die Frankfurter Konzerthalle ins Kleist-Forum holt. Und alles zusammen ist irgendetwas zwischen Oper und Musical oder szenischem Musiktheater. Vor allem aber ist es einfach großartig! Eine Welturaufführung in Frankfurt (Oder), an die sich alle Zuschauer und vor allem alle Beteiligten noch sehr lang erinnern werden.

Gauck gedenkt am 8. Mai der Gefallenen der Roten Armee

Bundespräsident Gauck auf dem Soldatenfriedhof in Lebus

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Bundespräsident Gauck auf dem Soldatenfriedhof in Lebus

Joachim Gauck ist der richtige Präsident für die richtigen Worte in schwierigen Situationen. Am 8. Mai, 70 Jahre nach Kriegsende, bedankt er sich für die Befreiung Deutschlands durch die Alliierten. Alleine hätten es die Deutschen nicht geschafft, sich zu befreien. In Lebus bei Frankfurt (Oder) sagt er das. Auf einer Kriegsgräberstätte für sowjetische Soldaten, die in den letzten Tagen auf dem Weg nach Berlin ihr Leben ließen.

Gauck hält sich kurz, vergisst dabei aber auch nicht zu erwähnen, dass die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus nicht unbedingt Freiheit brachte. „Ich verneige mich auch vor dem Leid derer, denen die Befreiung vom Nationalsozialismus keine Freiheit brachte, sondern Rechtlosigkeit, Gewalt und Unterdrückung“, sagte der Präsident in Anwesenheit des russischen Botschafters  Grinin. Und des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk und weiteren Botschaftern des Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Gemeinsam gedachten sie der Opfer der Sowjetunion, machten dadurch aber auch klar, dass die Rote Armee keine russische Armee war, sondern eine vieler Völker.

Das war ein starkes Zeichen, ein angemessenes Gedenken, das die Vergangenheit in die Gegenwart spiegelte – und deutlich machte, dass Befreiung von einer Diktatur nicht gleich Freiheit bedeutet.