Pegida und die Lügenpresse – Verweigerung der Wirklichkeit

Dresden und die angrenzenden Landkreise sind fest in der Hand der „Sächsischen Zeitung“. 1,6 Millionen Menschen leben in der Region. Knapp 235.000 von ihnen haben die Regionalzeitung abonniert. Das ist gut jeder siebte. Wenn man bedenkt, dass jedes Exemplar von zwei bis drei Menschen gelesen wird, dann kommt man auf eine Reichweite der „Sächsischen Zeitung“ von 28 bis 42 Prozent. Das heißt im Umkehrschluss, dass zwischen 58 und 72 Prozent der Sachsen ihr Regionalblatt nicht lesen.

Dieser Befund ist nicht wirklich überraschend. Die Zahlen sind vergleichbar mit vielen Regionen in Deutschland. Weshalb sie für Dresden jetzt so interessant sind, liegt an der Ablehnung der „Lügenpresse“ durch die fremdenfeindlichen Pegida-Anhänger in Dresden. Zwar gibt es in Dresden noch die kleine Zeitung „Dresdner Neueste Nachrichten“ und die „Morgenpost“. Aber auch zusammen mit deren Auflage lesen in der Region höchstens die Hälfte Zeitung. Die andere Hälfte hat mit Printprodukten nichts zu tun. Oder nichts mehr. Denn der Auflagenverlust der vergangenen zehn bis 20 Jahre belegt, dass die Zeitung für immer weniger Menschen notwendig ist. Vor 15 Jahren abonnierten noch 361.981 die „Sächsische Zeitung“. Das ist in 15 Jahren ein Auflagenrückgang von 35 Prozent.

Die Regionalzeitungen waren immer die Medien, die von den meisten Deutschen rezipiert wurden. Sie erklärten die Welt, sortierten, wer auf welcher politischen Ebene für was verantwortlich ist. Sie hatten das lokale Umfeld des Lesers genauso im Blick wie Landes-, Bundes- und Außenpolitik. Und das tun sie noch heute. Die Pegida-Anhänger denunzieren diese Leistung. Sie behaupten, dass alle Journalisten von „Sächsischer Zeitung“, überregionalen Zeitungen, Hörfunk, TV und Online-Medien gleichgeschaltet seien. Und dass sie sich weigern, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Dabei ist gerade ihre Weigerung, sich mit den Median auseinanderzusetzen und sie als „Lügenpresse“ zu diffamieren, ein Beleg für ihre Wirklichkeitsverweigerung.

Nun machen Journalisten Fehler. Sie können nicht über alles schreiben. Der Sparzwang in den Redaktionen führt dazu, dass nicht mehr über jeden Ort, jedes Ereignis berichtet werden kann. Wer über das, was ihn umgibt, nichts mehr in der Zeitung findet, verliert langsam das Interesse an ihr – oder hat es nie gewinnen können. Aber auch das ist zu einfach. Damit kann man erklären, warum sich nicht mehr informiert wird. Aber vor allem zeigt es, dass die Grundfunktion der Regionalzeitung, nämlich die bürgerliche Öffentlichkeit zu konstituieren, von den Dresdner Demonstranten nicht mehr gewollt wird. Und das ist das eigentlich dramatische.

Die Pegida-Anhänger missbrauchen den Ruf der friedlichen Revolution. Sie skandieren: “ Wir sind das Volk.“ Im Gegensatz zu 1989 bringen sie damit zum Ausdruck, dass sie sich nicht als Bürger verstehen, sondern als Teil eines völkischen Ganzen. Als Bürger müssten sie sich informieren und einbringen, müssten Diskussionen führen und eine Kompromisskultur leben. Aber sie wollen keine Kompromisse. Sie wollen nicht teilen, weder mit Flüchtlingen noch mit irgend jemandem anderen. Sie wollen sein, was sie schon immer waren. Und auf keinen Fall wollen sie mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Sonst würden sie sich mit der „Sächsischen Zeitung“ oder anderen Medien auseinandersetzen. Und sie nicht als Lügenpresse niederbrüllen. „Wir sind das Volk“ wird von ihnen völkisch umgedeutet. Und „Lügenpresse“ ist mindestens seit Joseph Goebbels der Terminus technicus der Rechtsextremen, um freie Medien und die Demokratie zu diffamieren. Das ist der Rahmen, in dem sich Pegida bewegt.

Der gefährliche Mix aus Medienverachtung, völkischem Ressentiment und Beleidigt-Sein auf der einen Seite, veränderter Medienlandschaft und der damit verbunden Abkoppelung eines großenTeils der Gesellschaft von den demokratischen Beteiligungsprozessen auf der anderen, das sind die großen Herausforderungen im Umgang mit Pegida. Das erfordert vor allem neue Ideen für eine andere mediale Landschaft, die Journalismus nicht als konstitutiv begreift und notfalls auch unabhängig von den Regionalzeitungen finanziert, oder in Kombination mit ihnen.

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Mehr zum Thema: Politische Kommunikation – oder Wie sage ich es den Bürgern? – Zusammenfassung meines Vortrags bei einem Workshop vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ und „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ am 24. September 2011 in Kassel.

(1) – Einführung
(2) – Kommunikations-Versagen: Stuttgart 21
(3) – Kommunikations-Versagen: Flughafen Schönefeld
(4) – Kommunikations-Versagen bei den Stromtrassen

(5) – Veränderte Rolle der Tageszeitungen
(6) – Gefährdete Öffentlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern
(7) – Wie lässt sich regionale Öffentlichkeit dennoch herstellen?
(8) – Piraten als Ausdruck veränderter Kommunikation
(9) – Bürgerengagement im Netz

Fliesen im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk

Fliesen im DKW Cottbus

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Fliesen im DKW Cottbus

Sie sind ein Blickfang, die Fliesen im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk. Verlegt von Architekt Werner Issel in den späten 1920er-Jahren, sind sie mehr als nur funktional. Sie schmücken Räume wie den Schaltraum oder die hohen Räume für die Dieselgeneratoren. Als Kraftwerk hat der Bau nicht allzu lange fungiert. Nach vielen Jahren des Leerstands und der Fremdnutzung ist der Bau seit einigen Jahren als Kunstmuseum in Betrieb. Zum Glück wurde bei der Umwidmung und Sanierung so viel wie möglich erhalten. Und so sieht der Besucher auch die Fliesen – und den Aufwand, der in diesem Funktionsbau betrieben wurde. Dank der Weitsicht von Werner Issel konnten sogar Fliesen ausgetauscht werden. Er hat Chargen der von ihm in Auftrag gegebenen Sonderanfertigungen so eingebaut, dass sie erst bei der Sanierung ans Tageslicht kamen.

 

Alissa Ganijewa beschreibt den Untergang Dagestand durch Ismalismus und Antiterrorkampf

alissa-ganijewaIslamisten spielen in unseren Nachrichten eine wichtige Rolle. In Syrien, Irak, Libyen oder Mali machen sie sich in zerfallenden Staaten breit und terrorisieren die Bevölkerung. Alissa Ganijewa schildert in ihrem ersten Roman die Machtübernahme radikaler Islamisten in Dagestan. Eine russische Teilrepublik, die hier im Westen kaum bekannt ist. „Die russischen Mauer“ ist ein erschütternder Text, der vor allem von Niedergang und Zivilisationsverlust handelt, aber auch die große kulturelle Vielfalt des Kaukasus beschwört.

Alissa Ganijewa ist selbst in Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, aufgewachsen. Studiert hat sie in Moskau, wo sie auch lebt. In ihrem Roman schildert sie einen islamistischen Umsturz in Dagestan vor allem aus der Perspektive Schamils, eines jungen Lokaljournalisten. Dagestan ist tatsächlich ein Landstrich, der seit nun eineinhalb Jahrzehnten von islamistischen Terror und russischen Militäroperationen geschunden wird. Ganijewa lässt sich auf die Traditionsstränge ein, die den Islamisten in die Hände spielen. Sie zeigt die Motivationen der islamistischen Kämpfer und ihrer weiblichen Unterstützerinnen. Das zutiefst korrupte Regime der Kommunisten ist ein wichtiger Aspekt. Aber auch die Missachtung alter Traditionen.

Auch für Schamil sind diese Traditionen noch Teil seines Lebens, obwohl er ein moderner Mensch ist. Mit Terror und Islamismus hat er nichts am Hut. Er will leben, Frauen verführen, Wodka trinken und in der Muckibude trainieren. Und er sucht einen dauerhaften Job, für den er allerdings zukünftige Vorgesetzte bestechen müsste. In Ganijewas Roman stolpert Schamil eher durchs Leben. Und dabei beobachtet er protzige Hochzeiten von Oligarchen, Versammlungen von Radikalen auf dem Hauptplatz oder Konzerte von Sängerinnen, die nicht mehr so selbstsicher wirken, weil der Umsturz zu erahnen ist. Und Schamil träumt: vom Leben auf dem Dorf, von alter Handwerkskunst oder Ausflügen in die wunderbare Bergwelt des Kaukasus.

Schamil kommt dabei leider zu naiv daher. Ganijewa haucht ihm zu wenig Leben ein, das den Leser mitfühlen lässt. Das liegt teilweise auch an der Sprache, die immer wieder von Phrasen in awarisch und anderen Sprachen durchzogen ist. Das hemmt den Lesefluss. Auf der anderen Seite entsteht dadurch eine orientalische Stimmung. Und das ist tatsächlich gut. So wie die Bewältigung des brutalen Stoffes auch eine große Könnerschaft zeigt. „Die russische Mauer“ ist ein seltenes Buch, das sich innerrussischen Konflikten annimmt. Mit Kritik spart die junge Autorin auch nicht. Schamil stirbt am Ende. Durch den Beschuss russischer Truppen. Der nächsten Stufe der Zerstörung des alten Dagestan, nachdem es die Islamisten schon innerlich vernichtet haben.

Christiane Körner hat das Buch aus dem Russischen übersetzt.

Yuriy Gurzhy und die Essad Bey City Rollers feiern Essad Bey

Ein Fund in einem Antiquariat soll der Grund für diesen großartigen Abend im Studio R des Gorki Theaters verantwortlich sein. Yuriy Gurzhy soll in Zürich die Biografie von Essad Bey entdeckt haben – und das Buch verschlungen haben. zu unglaublich ist das Leben des Essad Bey, der als Lew Nussimbaum in Baku geboren wurde, nach der Oktoberrevolution mit seinem Vater über Istanbul und Paris nach Berlin geflohen ist und schließlich ein berühmter, schillernder, deutscher Schriftsteller wurde. Zusammen mit Daniel Kahn, Marina Frenk, Ilya Schneyveys und Mehmet Yılmaz machte er sich jetzt auf eine muskalische Reise, um die Antwort auf die Frage „Who was Essad Bey“ zu suchen.

Die Essad Bey City Rollers am 18. Dezember 2014 im Studio R des Gorki-Theaters.

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Die Essad Bey City Rollers am 18. Dezember 2014 im Studio R des Gorki-Theaters.

Der Vater Ölbaron, die Mutter Revolutionärin, allein diese Konstellation würde schon für viele Geschichten und Lieder genügen. Aber aus dem Juden Lew Nussimbaum wurde auch noch der Muslim Essad Bey – und das mitten im Berlin der frühen 1920er-Jahre. Und der wurde zum erfolgreichen Schriftsteller, der sowohl die erste Stalin-Biografie als auch eine Mohammed-Biografie schrieb. Und Bücher über den Durst der Wirtschaft nach dem Erdöl. Und Romane – unter anderem einen der schönsten Liebesromane der Weltliteratur. Stoff also für mehr als ein Leben.

Als Essad Bey City Rollers treten die fünf auf. Das klingt nach Klamauk. Und tatsächlich hat dieser Auftritt mit Fez und Turban auch etwas Spielerisches. Es steht aber auch für das Wechselhafte des Essad Bey. Die Band singt einen Reigen eigener Lieder, die in ihrer Gesamtheit das Leben des Schriftstellers mit vielen seiner Widersprüche reflektieren. Das klingt ganz oft nach Rotfront, der Band von Yuriy Gurzhy. Vor allem aber klingt es nach dem Erwecken untergegangener kultureller Strömungen in Europa im Sound der Gegenwart.

Kombiniert werden die Songs mit Fotos und Videos, die den historischen Bezug zur Zeit und zum Leben Essad Beys auf eine Leinwand projizieren. Das sind ganz einfache Mittel, mit einer starken Wirkung im schwarzen Studio R. Die Lieder würden sowohl als Konzeptalbum als auch einfach so auf einer CD gut wirken. Die Band – und da vor allem die witzige, furiose, komische  Marina Frenk – sind live ein Erlebnis. Insgesamt entsteht so ein eindringlicher, gefühlvoller Abriss eines schillernden Lebens, der Lust auf die Bücher Essad Beys macht.

Fund nach 80 Jahren: Der Roman Ullstein von Stefan Großmann

Stefan Großmann: Wir können warten oder Der Roman Ullstein„Wir können warten“. So lautet der Titel eines außergewöhnlichen Romans. Aber der Autor konnte gar nicht warten. Die Zeit ist über das Manuskript hinweg gegangen. 1935 war das Manuskript in einem Zustand, der noch eine weitere Überarbeitung erfordert hätte. Aber Stefan Großmann starb in Wien. Im Exil in seiner ursprünglichen Heimatstadt, nachdem er Berlin verlassen hatte. Jetzt, fast 80 Jahre später ist sein Roman erschienen. Und wenn man ihn gelesen hat, dann stellt man fest: Eigentlich konnten wir auf diesen Schlüsselroman nicht warten. Zu gut, zu packend ist die Geschichte vom Niedergang des Pressehauses Ullstein in den 1930er-Jahren.

Ullstein, das war: die Berliner Morgenpost, die B.Z. am Mittag oder Vossische Zeitung – aber auch Zeitungsexperimente wie Tempo, eine Zeitung für junge urbane Leser. Die Blätter des Ullstein Verlags zählten in den 1920er Jahren zu den wichtigsten Berlins. Das Familienunternehmen führten fünf Brüder in der zweiten Generation. Zum Konzern gehörten aber noch weitere Blätter, bedeutende Zeitschriften und ein Buchverlag. Schon Anfang der 1930er Jahre griffen die Nationalsozialisten den Verlag heftig an, weil die Ullsteins liberale Juden mit Einfluss waren.

Das ist der historische Rahmen des erstaunlichen Romans, der im Verlag Berlin Brandenburg erschienen ist. „Wir können warten oder Der Roman Ullstein“ heißt das Buch von Stefan Großmann vollständig. Stefan Großmann war ein bedeutender Intellektueller im Berlin der Weimarer Republik. Er war Herausgeber des Tage-Buch, der wöchentlichen Zeitschrift, in der im Dialog mit der berühmten Weltbühne die Debatten der Zeit geführt wurden. Zeitgleich war er Kulturchef der Vossischen Zeitung, der wichtigsten bürgerlichen Tageszeitung. Die wiederum erschien im Ullstein-Verlag. Deshalb kannte Großmann die Ullstein-Brüder und die Strukturen des Hauses in- und auswendig.

Sein Roman verdichtet die Phase des Untergangs auf wenige Wochen. Getrieben von einem Bruderkrieg, der teilweise an die TV-Serie „Dallas“ erinnert, zerlegt sich das Familienunternehmen selbst. Und wird so anfällig für Angriffe von Konservativen und Nazis. Der Wunsch der Ullstein-Brüder mit den Zeitungen vor allem Geld verdienen zu wollen verstärkte das nach. Und waren zu vielen Kompromissen mit der Politik bereit. Eine Schwäche, die Großmann so auf den Punkt bringt:

„Aber du mußt doch wissen, daß die Brüder alle Geschäftsleute sind! Das erste ist das Geschäft und das letzte. Nutzt deine Idee dem Verlagsgeschäft, so bist du ein Genie. Schadet sie ihm, so bist du ein Idiot, der schnellstens weggejagt werden muß. Presse ist genauso ein Geschäft wie bedruckter Kattun oder Branntwein. Wer den größten Absatz erzielt, verdient die größte Stellung. Das mußt du dir vor Augen halten. Der Abonnent und der Inserent, das ist der Käufer, um dessen Seele wir ringen. Es ist das Angenehme an den Kronsteins, daß sie in stillen Stunden zugeben, Zeitungsgeschäftsleute zu sein“

Stefan Großmann beobachtet scharf und ist mit einem dramaturgischen Sensorium gesegnet. Es gelingt ihm, die vielfältigen Charaktere scharf zu zeichnen und auf die zentralen Konflikte zu konzentrieren. So entsteht ein Schlüsseltext über den Niedergang der freien Presse und einer ganzen Republik.

Großmann hat den Brüdern in seinem Roman den Namen Kronstein gegeben. Natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Verfremdungen. Aber im Kern verarbeitet er den Untergang des Ullstein-Zeitungsimperiums zwischen 1930 und 1936. Und das in einem packenden Text, der die Hoffnung des Titels nicht erfüllt: Denn die Ullsteins konnten nicht warten. Genausowenig wie die anderen Juden Deutschlands und Europas. Aber das hat Stefan Großmann nicht mehr erlebt.