Es gibt ein falsches Dekolleté im richtigen Wirtshaus

Im Mahrs Brau in Bamberg
Im Mahrs Brau in Bamberg

Es sind Orte wie die Brauereiwirtschaften in Bamberg, die ein Gefühl von Dauer und Bewährtem ausstrahlen. Als ich vor fast 25 Jahren das erste Mal ins Mahrs-Bräu in der Wunderburg ging, roch es schon nach guter Küche und Bier. Im Durchgang standen Männer – und wenige Frauen – um ihr Feierabendbier im Stehen zu trinken. Die Wirtsstube mit ihren Stühlen, Bänken und Vertäfelungen in dunkel gebeiztem Holz kontrastrieren mit dem hellen, massiven Tischplatten. Und in der Gaststube war alles heller.

Das ist heute noch ganz genauso. Nur der Rauch fehlt. Denn die Raucher sitzen heute wie überall draußen vor der Wirtschaft im Freien. Das Schäuferla aber ist noch genauso schmackhaft, die Kruste knackt noch immer und löst sich dann auf der Zunge auf. Die Biere werden nach wie vor halbliterweise ausgeschenkt. Und es sind nach wie vor ein Helles, ein U (Ungespundenes) oder ein Hefeweizen. Moderne Biermixgetränke stehen zum Glück nicht auf der Karte. Dafür aber derzeit ein Bock, weil Bockbierzeit ist.

Wenn man nach Jahren erstmals wieder die Wirtsstube betritt, fühlt sich das an wie ein kleines Stück Heimat aus der Vergangenheit. Das tut gut. Das riecht gut. Das schmeckt gut. Nur einmal zucke ich zusammen, fühle mich aus der Zeit gerissen. Beim Anblick des Busens der Bedienung. Es ist nicht das Dralle. Das Dekolleté ist auch nicht zu tief. Aber auf dem Brustansatz links steht etwas: Alicia oder Ann-Katrin oder so. Und rechts hat sich die Tattoonadel auch eingefräst. Mit irgendeinem modischen Namen von Mann oder Bub.

Der Giftzahn der Zeit nagt also auch hier, in einer der schönen, traditionellen Brauereiwirtschaften. Aber nicht am Wesentlichen, sondern da, wo sich das Altern auf Dauer ganz sicher nicht aufhalten lässt. Wenn in einigen Jahren der Busen gepusht werden muss und sich dennoch Fältchen in die deplatzierte Schreibschrift einkerben, dann bleibt nur noch eins: ein hochgeschlossene Bedienung. Wobei das auch heute schon besser wäre, als die eigentlich passende Tracht.

Deutsche Tänze sind für Rotfront Ironie und gute Laune

Rotfront: 17 Deutsche Tänze
Rotfront: 17 Deutsche Tänze

Ein untrügliches Zeichen des Älterwerdens ist das Wiedererkennen nostalgischer Gefühle beim Blick zurück. „Rotfront“ ist mittlerweile auch gar nicht mehr so jung. Und so blickt die Berliner Band auf ihrem neuen, dem dritten, Album zurück. Auf die 1990er-Jahre, auf das Wetter und auf „Songs about me“.

Ein weiteres Zeichen des Alterns ist das Akzeptieren einer Identität, gegen die man in der Jugend gern rebellierte. Das Deutsch-Sein gehört ganz sicher in diese Kategorie. Ach wie war alles schlimm, was deutsch war. Und wie selbstverständlich ist es inzwischen. Ja, vieles davon hat man jetzt gern, fühlt sich wohl in und mit ihm. Selbst die schwarz-rot-goldene Fahne und die Hymne lösen mittlerweile ja eher eine – noch immer distanziert-kritische – Behaglichkeit aus. Das geht auch „Rotfront“ so. Auf dem Cover sind die Bandmitglieder in schwarz und rot gekleidet – mit goldenen Einsprengseln. Und das, obwohl die Musiker aus allen möglichen Ländern und Regionen kommen und ihre Migrationserfahrungen offensiv ins Zentrum ihrer Musik und Texte stellte.

Aber mit der Identität ist es ja nicht so einfach. Bei ihr kommt es nicht nur darauf an, wie man sich selbst fühlt, sondern ganz stark auch, wie einen die anderen wahrnehmen. Und in Europa werden Yuri Guhrzy und Co. als deutsche Band aus Berlin gefeiert. Das alles sind offenbar Gründe, die sie veranlassten „17 Deutsche Tänze“ einzuspielen. Aber keine Angst, die Musik ist noch genauso wach, kraftvoll und von Bläsersätzen angetrieben, wie auf den ersten beiden Alben. Vielleicht ist ja auch das ein Zeichen des Alterns: Gutes und Bewährtes zu perfektionieren statt stets Neues auszuprobieren.

Für eine Band bedeutet Älterwerden ja auch, dass sie Erfolg hat. Wenn sie dabei reift wie „Rotfront“, ist das für die Hörer und die Band selbst wunderbar. Wenn sie die Neugier nicht verliert, wenn sie ihren Witz behält, wenn die Mischung aus Raggamuffin, Ska, Polka, Rock, HipHop und Reggae erhalten wird, dann entsteht ein echtes Meisterwerk zu dem getanzt, mitgesungen und viel gelacht werden kann. Mit Rotfront kann man älter werden, weil Rotfront es selbst kann. Und mit den „17 Deutschen Tänzen“ kann man das Schöne daran sogar richtig feiern.

Auch schön zu den17 Deutschen Tänzen…

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Rotfront kennt keine Grenzen

Sabahattin Ali entführt ins Istanbul der frühen Republik

Sabahattin Ali: Der Dämon in uns
Sabahattin Ali: Der Dämon in uns

Erstaunlich wie modern dieser Roman ist. Sabahattin Ali schildert in  „Der Dämon in uns“ wie in Istanbul ein junges Paar an sich scheitert. Ömer und Macide wagen das Ungeheuerliche: Sie lieben sich, ziehen zusammen und leben als Paar. Und das ohne Trauschein und ohne den Segen der Familien. Was uns heute so selbstverständlich vorkommt, war in der Türkei in den 1920er oder 1930er Jahren noch eine absolute Ausnahme. Sabahattin Ali macht aus diesem Stoff keinen billigen Liebeskitsch, sondern einen spannenden, packenden Istanbul-Roman, der 1940, dem Jahr des Erscheinens, zum einen für den Aufbruch in die Moderne stand, zum anderen aber auch einen Hauch von Mahnung in sich enthielt.

Denn das Paar scheitert weniger an der Umwelt, als vielmehr an sich selbst. Die genommene und gewählte Freiheit erfordert auch die nötige Verantwortung, um sie leben zu können. Doch genau daran mangelt es Ömer. Er kann sich weder dazu aufraffen, sein Studium endlich zu beenden, noch den Job bei der Post richtig anzunehmen. Ihn zieht es immer wieder zu seinen alten Freunden, die durch die Kaffeehäuser ziehen, Politik diskutieren und sich in endlosen Debatten über Literatur und Kunst verlieren.  In diesem Freundeskreis verliert er letztlich auch seine Unschuld, nicht in der Beziehung mit Macide. Er wird kriminell, lässt sich in umstürzlerische Händel verstricken und schafft es nicht, in der Liebe Halt zu finden.

Als Sabahattin Ali diesen enorm modernen Roman schrieb, in dessen Tradition später auch Orhan Pamuk von und aus der Stadt am Bosporus erzählte, war der Stoff und die Form für die Türkei neu. Seine Modernität, seine klare Sprache macht ihn auch heute noch lesenswert. Angesichts des religiösen Rollback durch Recep Tayyip Erdoğan bekommt das Buch sogar eine ganz neue Wucht. „Der Dämon in uns“ ist schon vor einige Jahren in der Türkischen Bibliothek des Unionverlags erschienen. Es lohnt sich wirklich.

Padgett Powell seziert den Schrottplatz der gebrochenen Herzen

Padgett Powell: Schrottplatz der gebrochenen HerzenSelten hab eich ein Buch gelesen, das auf der einen Seite urkomisch, ja geradezu furios ist, und auf der anderen fast schon peinlich. Padgett Powell schafft das. Aber da es sich um Erzählungen und Kurzgeschichten handelt, ist das nicht ganz so schlimm. Denn die ersten drei Texte sind es wert, das Buch zu kaufen.

Powell nimmt Menschen in den Blick, die am Rande der Gesellschaft leben. Sie arbeiten als Dachdecker, am Schrottplatz oder verlassen Frau und Familie, um ein besseres Leben zu suchen. Was sie verbindet: Alle Helden Padgett Powells sind gescheitert oder scheitern auf ihrer Suche nach der Liebe. Das liegt am Alkohol, an Drogen oder einfach nur am Unvermögen zu sagen, was sie bewegt. Aber alle trauern ihrer Liebe nach.

Das macht das Buch aus. Diese Suche nach dem verlorenen Traum, dem enttäuschten Versprechen, das die Liebe einst war und nie werden wird. Wie Padgett Powell dieses Gescheiterten schildert ist sehr komisch. Und das, ohne Schadenfreude zu bedienen oder Voyerismus. Powell nimmt sie ernst. Ohne das Einfühlungsvermögen wären die Geschichten schlechte Kolportage. So aber schaffen sie es, dass der Leser auch in diesen Randexistenzen Teile seiner selbst erkennt. Dank der Übersetzung von Harry Rowohlt bleibt der Humor ernsthaft. manchmal erinnern die Figuren an Charles Bukowski. Wer die erste Hälfte des Buches gelesen hat, kann aber Schluss machen. Es ist allemal besser, die Highlights zu genießen, als nach den letzten Texten das Buch mit Verdruss ins Regal zu stellen.

Berliner Fußballplätze – VfB Fortuna Biesdorf

Zwischen Einfamilienhäusern und dem Baggersee liegen die beiden Fußballplätze des VfB Fortuna Biesdorf. An manchen Stellen ist sogar der Blick auf das Biesdorfer Schloss frei. Derzeit wird am Gelände gebaut. Wer sich nach dem Spiel duschen will, muss über die Straße und in Container gehen. Blickfang auf dem Gelände ist das kleine Gartenblockhaus, in dem der Ausschank untergebracht ist und durch dessen Vorderfenster die fröhliche Dame vom Grill die Würstchen wendet.

Mehr Berliner Fußballplätze:
SV Schmöckwitz Eichwalde
SSV Köpenick-Oberspree
HSG Blau-Weiß Hohenschönhausen
VfB Einheit Pankow
Poelchau Oberschule Charlottenburg
Borussia Pankow 1960
Blau Gelb Berlin
Frohnauer SC
SV Nord Wedding 1893
SC Borussia 1920 Friedrichsfelde
BSV Eintracht Mahlsdorf
VfB Hermsdorf
FC Viktoria 1899 Berlin
VfB Biesdorf
BSV Hürtürkel
RFC Liberta – Scharnweberstraße
Tennis Borussia Berlin – Hans-Rosenthal-Sportanlage
Concordia Wilhelmsruh – Nordendarena

Eine wundervolle Zauberflöte in Zeuthen


Ich dachte an Größenwahn, als ich von der Idee hörte, dass die Musikschule Primus aus Zeuthen die Zauberflöte mit Kindern auf die Bühne bringen will. Oper ist Gesang. Oper ist Orchestermusik. Oper ist Theaterspiel. Und vor allem ist Oper das alles zusammen und auf einander abgestimmt. Alles für sich mag ja gehen, aber zusammen so gut abgestimmt, dass es für die Kinder auf der Bühne nicht peinlich wird? Mit Laien? Mit Kindern von der Grundschule bis zum Gymnasium? Das fand ich doch etwas arg ambitioniert.

Bis gestern Abend. Da war die erste Aufführung der Zauberflöte in der Turnhalle der Grundschule am Wald. Links von der Bühne war das kleine Orchester platziert. Von hier dirigierte der musikalische Leiter Markus Wolff das gesamte Geschehen. Konzentriert und etwas angespannt, aber vor allem fast immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Kein Wunder. Denn er erlebte, dass sein gewagter Plan aufging. Er hörte Kinder, die Opernpartien sangen, eine zehnjährige Königin der Nacht, die den gesamten Saal in ihren Bann sang, er erlebte, wie das Instrumentenspiel und der Gesang auf der Bühne eins wurden. Wunderbar. Zauberhaft.

Natürlich war nicht jeder Ton perfekt. Aber das Niveau war insgesamt erstaunlich hoch. Und wenn der Mann an den Reglern der Headset-Mikrophone genauer und schneller gewesen wäre, wäre der Klang noch besser gewesen. Werner Eggrath, der die Regie führte und das Libretto so geschickt gekürzt und an die Möglichkeiten der Musikschüler und der Chöre der Schmöckwitzer und der Zeuthener Grundschule angepasst, dass auch Kenner der Zauberflöte alles wichtige wiederfanden. Und sich am Gesang und Spiel der Schülerinnen und Schüler erfreuen konnten. Zum Glück hatten die Macher den Mut, das Projekt zu wagen. Der Applaus und die Begeisterung des Publikums haben sie belohnt.

 

 

 

Dagmar Manzel belebt Friedrich Hollaender

Dagmar Manzel bei ihrem Friedrich Hollaender-Programm; Foto: Brigitte Heinrich/Komische Oper Berlin
Dagmar Manzel bei ihrem Friedrich Hollaender-Programm; Foto: Brigitte Heinrich/Komische Oper Berlin

Warum vergeht die Zeit so schnell. Wenn Dagmar Manzel Lieder von Friedrich Hollaender singt, dann geht jedes Zeitgefühl verloren. So sehr wird sie mit der Musik und den Texten des großen Komponisten und Texter des Kabaretts der 1920er-Jahre und des phantastischen Filmkomponisten eins. In der Komischen Oper, da wo einst mit dem Metropol-Theater eines der bedeutendsten Häuser für Revue, Kabarett und Operette in Berlin stand, stimmt sie ihr Programm „Menschenskind“ an. Dank der muskalischen Leitung und Begleitung durch Michael Abramovich und der Unterstützung durch Teile des Orchesters der Komischen Oper wird aus der kleinen Form des Liedes ein großes, abendfüllendes Erlebnis für Ohr und Herz, für Gefühl und Gehirn.

Es sind nur ganz wenige Momente, in denen die Stimme von Dagmar Manzel nicht vollständig trägt. Das sind einige sehr hohe Passagen, die sie aber mit ihrer Präsenz und ihrer Mimik mehr als nur überbrückt. Wenn die Töne dann wieder etwas tiefer – oder gar ganz tief – angesiedelt sind, dann verwandelt sich Manzels Stimme in alle emotionalen Abstufungen von Trauer bis lustvollem Wahnsinn.

Das alles liegt an ihr, aber natürlich auch an der wunderbaren Musik und den so abwechslungsreichen Texten Friedrich Hollaenders. Dagmar Manzel will dieses Großen der Musik wieder stärker ins Bewusstsein holen. Das ist gut und verdienstvoll. Wer seine Texte hört, merkt, dass ein Bert Brecht auch nur einer von vielen war, zu denen auch Klabund, Max Herrmann-Neiße, Kurt Tucholsky oder Walter Mehring gehörten. Der spürt, welche kulturelle Vielfalt und Kraft durch die Nazis zerstört wurden. Und der bekommt dank Dagmar Manzel ganz viel Lust, mehr hören zu wollen von Hollaender und Co. Damit er lachen kann. Und weinen, je nach dem, wovon gesungen wird. Und er wünscht sich, dass Dagmar Manzel nach den Sieben Todsünden von Brecht/Weill auch weiterhin auf Entdeckungsreise in die 20er-Jahre geht. Entdecken gibt es da noch genug. Und die Manzel hat die schauspielerische Kraft und die Stimme, um genau das zu tun.