Mehmet Scholl analysiert mit Liebe zum Spiel

Was der Jogi Löw macht, kann nicht so falsch sein. Das denken sich offenbar die Chefs der öffentlich-rechtlichen Sender. Löw spielt mit einem festen Bayern-Block. Das ZDF bringt Oliver Kahn als Experten vor die Kamera. Und die ARD hat Mehmet Scholl verpflichtet. Wenn schon Experte, dann von den Bayern?

Beim ZDF geht das nicht auf. Oliver Kahn ist ein zielmicher Ausfall, wenn es um eine gute Analyse geht. Aber bei der ARD funktioniert der Trick mit den Bayern schon. Da heißt der Experte Mehmet Scholl. Der war nicht nur ein begnadeter, differenzierter Spieler. Er war auch Trainer der zweiten Mannchaft des FC Bayern. Und er ist einer jener Fußballer, die mehr im Blick haben als den Ball. Genau das merkt der Zuschauer immer wieder.

Natürlich spricht Scholl vor allem über Fußball. Aber seine Vergleiche zeugen von seiner Neugier auf das Leben außerhalb des Stadions. Das unterscheidet ihn wohltuend von Oliver Kahn. Dessen Horizont reicht auch heute noch kaum über das eigene Ich. und wenn, dann allenfalls bis zur Mittellinie.

Scholl war schon in seiner aktiven Zeit einer dieser Spieler, die bei der aktuellen Nationalmannschaft gerade so gelobt werden. Einer dieser Akteure, für die der Ball nie ein Feind, sondern immer ein Freund war, der eher mit dem Fuß gestreichelt als getreten wurde. Seine Analyse ist von der gleichen Empathie für das Spiel geprägt. Er qualifiziert nicht ab, sondern lobt eher. Und da, wo nichts gelobt werden kann, da spricht Scholl dann lieber von etwas anderem. Dadurch erzeugt er ein sicheres, angenehmes Klima, in dem nicht einmal Reinhold Beckmann seltsame Vergleiche machen kann. Mehment Scholl prägt dieses Paar stärker als der Profi-Moderator. Das ist ein Gewinn für das gesamte Team – und nach der Verrentung von Netzer und Delling eine echte Perspektive.

Entdeckung aus Weißrussland

Lyapis Trubetskoy: Agitpop
Lyapis Trubetskoy: Agitpop

Das Label Eastblok Music stellt erstmals eine weißrussische Band auf CD vor. Der Sound von Lyapis Trubetskoy, die eine Fusion aus Ska, Pop, Punk und Folklore spielen, überzeugt. Videos, wie das zu „Kapital“, die auf Youtube zu sehen sind, zeugen von großer künstlerischer Kraft.

Die politische Botschaft führt in Russland und Weißrussland regelmäßig dazu, nicht im Radio gespielt zu werden. Lyapis Trubetskoy ist eine echte Entdeckung.

Lyapis Trubetskoy „Agitpop“ (Eastblok)

Sylvie van der Vaart muss öffentlich privatisieren

Jürgen Klopp und Günther Jauch sind ein wunderbares Duo. Sie haben nur ein Problem: Beide sind Männer. Sie können zwar treffend über Fussball in der Halbzeitpause und nach dem Spiel parlieren, aber ist das genug? Das zumindest müssen sich die RTL-Verantwortlichen gefragt haben. Im Fernsehen etwas fürs Auge zu präsentieren, müsste doch möglich sein. Noch dazu, wenn man mit Sylvie van der Vaart eine recht hübsche Blondine im Angebot hat, deren Mann als holländischer Nationalspieler in Südafrika zur startelf gehört.

So weit zur Idee. Doch was mussten die armen Zuschauer dann erleben: Vor Millionen-Publikum sollten Sylvie und Rafael turteln. Sie gaben sich auch Mühe. Doch vor allem Rafael war das RTL-Setting offensichtlich sehr suspekt. Und so freute er sich sichtlich, als Slyvie in fragte, ob er tatsächlich eine Elfmeter verschuldet habe? Richtig erleichtert kam sein Ja. Er spricht wohl – völlig zurecht – lieber über Fussball im Fernsehen als über Gefühle.

Die durften natürlich nicht zu kurz kommen, mussten angesprochen werden. Ein Glück, dass sie da kurz ins Niederländische ausweichen konnten. Souverän sind Jürgen Klopp und Günther Jauch mit dieser Form des Privat-Fernsehens umgegangen. Sie ließen Sylivie einfach allein auf der großen Bühne vor dem Aachener Rathaus stehen. Bei so viel öffentlicher Intimität wollten sie nicht stören.

Frau van der Vaart hat übrigens das beste aus der blöden Situation gemacht. Der Spagat zwischen dem Arbeitgeber RTL und dessen Voyeurismus-Sucht auf der einen Seite und Professionalität vor der Kamera auf der anderen hat sie ganz gut gemeistert.

Jussi Adler Olsen hat am Ende Erbarmen

Jussi Adler Olson: Erbramen
Jussi Adler Olson: Erbramen

Seit Monaten ist dieser Krimi in den Bestsellerlisten ganz oben: „Erbarmen“ von Jussi Adler Olsen. Der dänische Kommissar Carl MØrck hat das Zeug, ein würdiger und vor allem erfolgreicher Nachfolger von Henning Mankells Wallander zu werden.

Carl MØrck soll eigentlich gar nicht mehr ermitteln. Nach einem verpatzten Einsatz, bei dem ein Kollege stirbt und sein bester Freund nur mit Querschnittlähmung überlebt, ist er ein Wrack. Seine Chefs wollen ihn abschieben und gründen das Sonderderzernat Q, das sich mit nie aufgeklärten Fällen befassen soll. Der erste handelt vom Verschwinden eine jungen Politikerin vor fünf Jahren.

Carl MØrck will zunächst nicht richtig ermitteln, doch sein Instinkt lässt ihn nicht ruhen. Er nimmt die Fährte auf, lernt seinen Gehilfen, einen Migranten aus Syrien mit dem absurden Namen Hafis Assad, an. Aus Olsens Laboraufstellung entwickelt der Däne einen beklemmenden Roman, der mehr ist als nur ein spannender Krimi. Olson nutzt das Genre für einen Gesellschaftsroman, der Kriminalität in ihren unterschiedlichen Dimensionen und Ausprägungen thematisiert.

Natürlich ist die die Figur des Kommissars gebrochen. Selbstverständlich ist er kein großer Sympathieträger. Und dennoch entwickelt der Leser sehr bald Verständnis, später sogar Respekt vor der Figur. Und wenn Olson so weiter macht, kann daraus sicher einmal echte Zuneigung werden.

MOZ-Rezension…

ZDF zeigt Werbung statt Fußball-Expertise

Wenn es 90 Sekunden waren, dann war es viel. Das ZDF hat Oliver Kahn und Kathrin Müller-Hohenstein in der Pause des Spiels Deutschland gegen Serbien kaum zu Wort kommen lassen. Stattdessen bombadierte der öffentlich-rechtliche Sender die Gebührenzahler mit Werbung.

Werbepreise während des WM-Spiels Deutschland – Serbien. © ZDF

Nun ist es ja nicht ganz so schlimm, wenn Oliver Kahn nicht zu Wort kommt. Seine Anmerkungen bereichern einen Fußballnachmittag nicht sonderlich. Doch dass Kahn durch Werbung ersetzt wird, ist schon ein starkes Stück. Immerhin ist das ZDF durch Gebühren finanziert. Der Zuschauer hat eigentlich ein recht darauf, informiert zu werden. Und nicht mit Werbung zugedröhnt.

Natürlich ist es verständlich, dass viele Werbetreibenden genau in der Pause des deutschen Spiels gezeigt werden wollen. Auch klar, dass die Preise dafür recht hoch sind. Aber dennoch muss das ZDF seinen Informationsanspruch gerecht werden. Eine Begrenzung auf höchstens die Hälfte der 15 Minuten Pause muss für Werbung genügen. Wo ist sonst noch der Unterschied zum privaten Fernsehen?

Wenn es aber keinen Unterschied in der Präsentation gibt. Wenn Werbung das Geschehen bestimmt, dann muss das ZDF auch nicht mehr Unsummen an die FIFA überweisen. Das könnten die öffentlich-rechtlichen Sender dann den privaten überlassen. Und so richtig viel Geld sparen.

Phrasen-Bela zieht all seine Register

Bela Rethy. Foto: ZDF
Bela Rethy. Foto: ZDF

Soll Deutschland tatsächlich ins Finale kommen? Eigentlich wäre das ja schön. Eigentlich! Wenn da nicht Bela Rethy wäre. Denn unser aller Freude würde massiv durch ihn getrübt. Der alte ZDF-Kämpe darf nämlich das Finale kommentieren. Wir alle sind seine Opfer. Bei einer Partie, die uns nur halb interessiert, wäre das zu ertragen. Aber bei einem Finale mit deutscher Beteiligung? Während das DFB-Team souverän und leicht spielte, qäulte sich Bela Rethy wieder einmal über die 90 Miniuten. Während bei Schweinsteiger und Co. die meisten Kombinationen klappten, verhedderte sich Rethy in seinen Phrasen. Erhellendes ist von ihm nicht zu erwarten.

Doch manchmal blitzt sein Witz, den er auch bei Live-Veranstaltungen hat, auf. Dann kann er gegen Ende des Spiels sogar Scherze machen, die in der nun entspannten Freude des Zuschauers auf Wohlgefallen stoßen. Aber solche Scherze haben nichts mit Bela Rethys Wissen zu tun. Denn das ist unterirdisch. Rethy weiß zum Beispiel nicht, dass Trochowski gegen Bosnien in der DFB-Startelf war. Und nicht Müller. Aber wahrscheinlich ist das für das ZDF auch nicht so wichtig. Wer nur Senioren als Publikum hat, geht offenbar davon aus, dass alle Zuschauer senil sind. Und sich über den einen gelungen Scherz mehr freuen als über 90 Minuten Peinlichkeiten.

Gerd Gottlob nervt beim Eröffnungsspiel

Das Auftaktspiel der WM 2010 bleibt nur wegen des neuen Sounds in Erinnerung. Spielerisch war Südafrika gegen Mexiko keine Offenbarung. Genauso wenig wie die Moderation von Gerd Gottlob. Der hat sich den monotonen Vuvuzela-Sound als Vorbild genommen.

Auf dem viel zu fetten Bassteppich sorgt er für keinerlei stimmliche Variation, sondern nur für Monotonie. In der ersten Halbzeit herrscht reine Sachlichkeit. Fast so, als wäre Gottlobs Moderation eine Lage Fliesen auf dem Teppich. In der zweiten Halbzeit dann entdeckt der ARD-Mann die Gefühle. Doch selbst erregt, kann Gottlob nicht differenzieren. Jetzt ist alles gleich aufregend. Über dem Vuvuzela-Bass tönt ein schriller Gottlob.

Ansonsten beschränkte sich der Moderator auf die Beschreibung des Geschehens auf dem Platz. Informationen über die Spieler, ihre Karriere oder Herkunft streute er so gut wie gar nicht ein. Schade eigentlich. Vielleicht wäre dann etwas Abwechslung zu hören gewesen.

Information: 5 Abwechslung: 5 Zurückhaltung: 2 Gesamtnote: 4

Florian König und Jürgen Klinsmann: Es schwäbelt nur selten

Wenn er was sagt, dann hat es Hand und Fuß. Jürgen Klinsmanns Expertise beim WM-Spiel Uruguay – Frankreich ist schon beeindruckend. Er bringt seine Gedanken schnell auf den Punkt. Das muss er auch. Denn Florian König scheint sich von Klinsmanns Anwesenheit gestört zu fühlen. Zu Wort kommen lässt er den ehemaligen Teamchef der deutschen Nationalmannschaft nämlich nicht. Da König das Spiel souverän kommentiert, ist das nicht ganz so schlimm. König kann mehr, als nur das Geschehen wiederzugeben. Er interpretiert die Entwicklung des Spiels, weiß die entscheidenden Momente sofort zu bennen – und nicht erst im Rückblick. Es stellt sich aber die Frage, weshalb so ein hochkarätiger Fachmann wie Klinsmann nur als Statist zu erleben ist. Nervt König, dass RTL einen weiteren Mann neben ihn setzt? Hat Klinsmann nicht mehr zu sagen, als die gefühlten fünf Sätze pro Halbzeit? Oder wartet Klinsmann auf die erste Königsche Panne, um sich dann richtig in Szene setzen zu können? Es bleibt spannend, wie das Team mit der Situation in den nächsten Partien umgeht.

Teamplay: 5 Knowhow: 1 Unterhaltungswert: 2 Gesamtwertung: 3