Feuchte Hände im Wahllokal

Bei einer Wahl ist das ganze Volk zu besichtigen. In der Loge sitzen die Wahlhelfer. An ihren Tischen flanieren Mitbürger vorbei, die das ganze Jahr nicht zu sehen waren. Aber für die meisten Menschen ist das Ereignis weit mehr als das Einwerfen eines Stück Papiers in einen Plastik­behälter.

Da ist der Erstwähler, der cool seinen Ausweis zückt, um sich fürs erste Mal zu registrieren. Doch als er den Wahlzettel in die Urne stecken will, knickt der um, will einfach nicht rein. Mit jedem Versuch, den Stimmzettel durch den Schlitz zu bugsieren, verfärbt sich sein Gesicht stärker ins Rot. Ist ja auch zu dumm, wenn man beim ersten Mal auf Ratschläge eines väterlichen Typs hören muss.

Oder das alte Ehepaar. „Vati, hast auch Deine Brille dabei?“ Schon steht eine ältere Dame hinter ihm in der Wahlkabine. Auf den Hinweis, dass die Wahl auch für Ehepartner geheim ist, folgt: „Da hast Du es Mutti. Ich kann das allein.“ Auch wenn er nicht allein an die Brille denken kann. Denn die braucht der alte Herr doch von seiner Frau.

Seit 15 Minuten sitzt der Mittvierziger auf dem kleinen Schulstuhl hinter der Sichtblende. Eigentlich muss er doch nur vier Kreuze machen. Warum dauert das so lang? „Ist jetzt die Erst- oder die Zweitstimme die wichtige?“, tönt es auf einmal aus der Kabine. Und als die Kreuze gemacht sind, sind seine Hände ganz feucht. So viele Parteien, so viele Kandidaten – und so viele Jahre, bis die Entscheidung korrigiert werden kann.

Das Problem hat die Mutter mit Baby nicht. Bei ihr muss es schnell gehen, denn als sie sich hinsetzt, fängt das Kleine an zu schreien. Während für sie die Wahl ganz wichtig ist, erzeugt die Politik bei ihm Verdruss. Aber für die meisten ist das Wählen etwas Besonderes. Viele sind schick angezogen. Andere unterbrechen die Radtour. Allen gemein ist ein Gefühl für den außergewöhnlichen Moment, in dem sie zum Souverän werden, der entscheiden darf.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig  - Caroline und Wilhelm von Humboldt
Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig - Caroline und Wilhelm von Humboldt

Den Namen Humboldt tragen Schulen und eine Universität. Straßen sind so benannt. Ob damit Alexander oder Wilhelm oder beide geehrt werden, wissen selbst die Lehrer und Professoren nicht. Sicher ist nur, dass Caroline von Humboldt nicht gemeint ist. Hazel Rosenstrauch will das ändern. In ihrem Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“ zeichnet sie das Leben zweier faszinierender Persönlichkeiten nach – und einer außergewöhnlichen Partnerschaft.

Wilhelm von Humboldt ist als der große Bildungsreformer Preußens in die Geschichte eingegangen. Und das, obwohl er nur einige Monate Minister war. Die meiste Zeit in Diensten Preußens war er Gesandter in Rom, Paris oder London.

Doch in Rosenstrauchs Buch geht es weniger um die Leistungen des Mannes, als um das Sittenbild einer Generation, die von der Aufklärung erfüllt und von Sturm und Drang beseelt war. Und dafür ist Caroline von Humboldt sehr bedeutsam. Denn die Thüringer Landadelige steht für einen Typus Frau, den es im späten 18. Jahrhundert in der sich formierenden literarischen Öffentlichkeit nicht nur vereinzelt gab. Caroline war Teil des Freundeskreises, zu dem Schiller genauso gehörte wie Rahel Levin, die spätere Rahel Varnhagen von Ense. In diesen aufgeklärten Kreisen galt die Stimme der Frau sehr viel. Entgegen der Konventionen wurden sogar Scheidungen toleriert.

Das Paar Caroline und Wilhelm von Humboldt lebte eine Ehe auf Augenhöhe. Beide wahrten ihre Autonomie, beide hatten Beziehungen außerhalb der Ehe. Und doch stand für sie nie in Frage, zueinander zu gehören. Wie Hazel Rosenstrauch diese Beziehung anhand der Briefe nachzeichnet, zeugt von viel Einfühlvermögen und einer umfassenden Kenntnis der Zeit. Dabei blendet sie auch nicht die negativen Aspekte aus. Caroline wandelte sich von der aufgeklärt toleranten Frau zur nationalen Antisemitin, während Wilhelm dieser geistigen Seuche gegenüber resistent blieb. Aber auch in diesem Aspekt steht Caroline von Humboldt beispielhaft für die deutsche Geistesgeschichte – und Wilhelm bleibt auch hier die vorbildhafte Ausnahme.

Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 333 S., 24,95 Euro

Element of Crime mit frischer Wut

Element of Crime: Immer da wo du bist bin ich nie
Element of Crime: Immer da wo du bist bin ich nie

Die alten Herren werden zornig. Im neuen Album von Element of Crime, das heute in die Plattenläden kommt, pflegt die Band um Sven Regner (48, „Herr Lehmann“) wie immer die hohe Kunst der Melancholie. Aber „Immer da wo du bist bin ich nie“ klingt rotziger und aggressiver als die Vorgänger.

Vier Jahre ist es schon her, dass mit „Mittelpunkt der Welt“ die letzte CD der Berliner Band erschienen ist. Lediglich einige Songs für den Soundtrack von Leander Haußmanns Film „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ haben sie seitdem aufgenommen. Diese beiden Projekte waren von einer heiteren Melancholie getragen. Das neue Album kombiniert den unverwechselbaren Sound von Element of Crime mit einer neuen Wut.

Das bekommt der Platte. Wo die Songs der letzten Alben noch etwas glatt klangen, wird nun geschrammelt, gepoltert und gestampft. Wunderbare Texte von der nachlassenden Kraft der Liebe, die dennoch weiterlebt, und den verpassten Chancen im Leben zeugen nicht mehr von Altersmilde. Jetzt regen sie sich über den Gang der Dinge wieder auf.

Das macht das ganze Album frisch – und dennoch gewohnt nachdenklich. Wobei das Schmunzeln nicht ausbleibt. Denn die Situationen, die Element of Crime da besingen, kommen einem fast alle bekannt vor. Ob die Geschichte von der Mutter, die ihrem Kind beim Schaukeln zuschaut in „Am Ende denk ich immer nur an dich“ oder der Blick ins Gartencafé mit der schönen Zusammenfassung des Geschehens als „Jammern und Picheln“ in „Kaffee und Karin“: Jeder hat Ähnliches schon erlebt. Aber es so schön auszudrücken, können nur die wenigsten.

Kombiniert mit einer Musik, die mit Anleihen von Folk, Country bis Mariachi einen eigenen stringenten Sound abmischt, entsteht so ein Album, das wieder mehr als eine Eintagsfliege sein wird. Jedes der zehn Lieder ist so aufgebaut, dass man immer wieder Neues entdecken kann – bis hin zum Einsatz von Violine und Kinderchor. Aber nicht, um abgeschmackte Glückseligkeit zu transportieren, sondern um das Schöne im oft mühsamen Leben als Erinnerung im Hintergrund wachzuhalten. Einfach wunderbar.

„Immer da wo du bist bin ich nie“ erscheint bei Universal.