P.R. Kantate ist janz dick im Jeschäft

Der Berliner Plattenreiter Kantate hat sich die deutsche Rockmusik der 80er-Jahre noch mal angehört. Und Rio Reisers „König von Deutschland“ in einen Kreuzberger verwandelt. Und aus „Karl dem Käfer“ einen Kiffer gemacht. Das Gute daran: Es sind richtig gute Songs entstanden.

P. R. Kantate hat das Covern als Kunst begriffen und sich Songs von Ideal, Trio, Grauzone angeeignet. Er hat sie neu abgemischt, mit neuen Texten oder Textteilen versehen und so zu Berliner Songs eines Jungen vom Kiez in Kreuzberg gemacht. Das Ganze ist mit Reggae-
Rhythmen unterlegt und zu einer extrem tanzbaren Musik gemixt.

Seine selbstironischen Einschübe unter dem Titel „Radio Ragga“ geben dem ganzen Halt und Struktur. Das Ganze ist also ein echter Knüller, verspielt und doch mit Witz und Schärfe.

Trikont feiert Weihnachtslieder mal ganz anders

Weihnachtsgedudel allerorten. Aus jeder Box im Kaufhaus, aus jedem Radio, selbst in den Fußgängerzonen trällern perwollweichgespülte Weihnachtsweisen aus den Lautsprechern. Wem das zu viel ist – und wem sollte das nicht zu viel sein? – für den hat das kleine, feine Label Trikont eine passende Ausgabe von Weihnachtsliedern.

Wish you heißt das Album, auf dem 19 Songs rund um das Thema Weihnachten, Geschenke und Gefühl versammelt sind. Da erklingen Country-, Mambo- und Jazzklänge.
Da ist wunderbarer Schlager aus den 40er-Jahren dabei. Und selbst „Last Christmas“ von George Michael (44) erklingt hier – aber in einer Country-Version von „The Twang“. Der einfache Kunstkniff, dem Song einen anderen Sound zu geben, sorgt dafür, dass selbst diese schlimmste aller Christmas-Schnulzen schön wird – und eine Erholung für die Ohren.
Renate Heilmeier hat die Sammlung zusammengestellt.

Wer will, kann auf die Texte hören und über Weihnachten sinnieren. Wem die säuselnden Engelschöre vergangen sind, der kann diese CD auch nach Weihnachten noch wunderbar
hören. Denn ohne die Texte funktioniert die Musik einfach als gute Musik. Ganz ohne Schmalz und Glockenklingeln.

Flann O’Brien freut sich über „Das harte Leben“

Mit diesem achten Band ist die Werkausgabe des irischen Autors Flann O’Brienn (1911 bis 1966) in der Übersetzung von Harry Rowohlt (62) vollbracht. Die knapp 150 Seiten von „Das harte Leben“, das 1961 erstmals erschienen ist, ist so etwas wie die komprimierte
Zusammenfassung dessen, was den Iren O’Brien noch heute so lesenswert macht.

Das Buch ist böse, es ist eine gelungene Satire auf heuchlerische katholische Priester, absurd wohltätige irische Müßiggänger und eine Hommage an die Nationalgetränke Whiskey und ganz dunkles Bier. Wer Humor, der so schwarz ist wie das Guiness,
mag, der ist bei Flann O’Brien gut aufgehoben. Der entdeckt mit „Das harte Leben“ einen der ganz großen irischen Dichter.

Flann O’Brien: Das harte Leben, Kein & Aber, 16,90 EURO.

Tilman Röhrig haucht Tillman Riemenschneider Leben ein

Historische Romane sind ganz oft oberflächlich und von unserer Sicht der Dinge geprägt. Tilman Röhrig (62) schafft es in Riemenschneider, sowohl die Zeit sehr gewissenhaft aufleben zu lassen, als auch einen schönen Roman zu schreiben. Tilman Riemenschneider
(1460 bis 1531) lebte als Holzschnitzer und Bildhauer in Würzburg, als die Reformation und die Bauernkriege das Land erschütterten.

Seine Werke sind noch heute beeindruckend. Röhrigs Roman schafft es, dass auch das Leben Riemenschneiders fesselt. Röhrig entwirft ein Panorama der Zeit, in der auch Luther, Bauernführer Joss Fritz und Ritter Götz von Berlichingen ihren Platz haben.
Das ist gut gemacht und eine feine Geschichtslektion.

Tilman Röhrig: Riemenschneider. Piper, 19,90 EURO.

Ben Schott sammelt die Welt des Jahres 2007

Ben Schott (33) hat vor einigen Jahren eine alte Art Buch zu neuer Blüte belebt: das Sammelsurium. Diese Sammlungen aller möglichen und unmöglichen Tabellen, Informationen und lexikalischen Stichwörter haben inzwischen viele Nachahmer gefunden. Aber Ben Schott bleibt der Maßstab. Das beweist auch „Schotts Sammelsurium 2008“.

Diese Bücher sind die idealen Geschenke. Denn sie bieten für jeden etwas. Wer beginnt, auf den 280 Seiten zu stöbern, der findet bestimmt viele Sachen, die ihn interessieren. Das beginnt mit einer munteren Chronik. Erster Punkt: Jahresauszeichnungen 2007. Von der Blume des Jahres (Bach-Nelkenwurz) bis hin zum Weißen Hotot (Kanninchen des Jahres) sind alle Brillenträger, Klavierspieler und Bio-Kartoffelsorten aufgeführt.

Angesichts dieses sichtbaren Wahns, alles und jeden alle Jahre auszuzeichnen, verwundert der kurze Überblick über diverse Liste 2007 nicht mehr wirklich. „Men’s Health“ beispielsweise wusste, dass Bananen, Beeren, Curry, Eier, Fisch, Kaffee, Nüsse, Rotwein, Schokolade und Wasser (in dieser Reihenfolge!) intelligent machen. Wenn man bedenkt, dass laut ZDF Loriot, Heinz Erhart, Otto Waalkes, Hape Kerkeling, Dieter Hallervorden, Rudi Carrell (!), Karl Valentin, Michael Mittermeier, Anke Engelke und Dieter Hildebrandt (auch in dieser Reihenfolge!) die komischsten Deutschen sind, dann wird einiges klar.

Denn wenn unter den zehn komischsten Deutschen nur neun Deutsche sind und tatsächlich nur drei davon auch wirklich witzig sind, dann liegt auf der Hand, dass ein Eisbär namens Knut ein ganzes Volk wuschig machen kann (siehe Tier des Jahres). „Schotts Sammelsurium 2008“ zwingt den Leser geradezu, solche Vergleiche zu ziehen. All die überflüssigen Fakten – und dazwischen wirklich bedeutende Themen – zeigen, mit welchem Müll wir uns beschäftigen.

Da steht auf einer Seite alles zum Klimawandel und auf der nächsten, dass Britney Spears die am schlechtesten angezogene Person des Jahres 2007 war. Oder dass der Marlboro-Mann der einflussreichste Mann ist, der nie gelebt hat. Angesichts der Antiraucher-Hysterie des Jahres 2007 könnte aber auch darin eine tiefere Wahrheit liegen. Schön, dass uns Ben Schott darüber grübeln lässt.

Ben Schott: Schotts Sammelsurium 2008. Berlin Verlag, 18 EURO.

Serrats Texte zu Son bis Hip-Hop

Cuba la cant a Serrat
Cuba la cant a Serrat

Ein spezielles Experiment mit bekannten kubanischen Musikern ist auf der Doppel-CD  „Cuba le canta a Serrat“ gebannt. Alte und junge Kubaner, die musikalisch die Bandbreite zwischen Son und Hip-Hip haben, machten sich an das Werk von Joan Manuel Serrat (63).

Der kommt aus Barcelona und hat sich während der Diktatur Francos geweigert, spanisch zu singen. Serrat bestand auf seiner Muttersprache Katalanisch – und war dafür sogar bereit, ins Exil zu gehen. Ein Jahr lebte der originelle Dickkopf in Mexiko, dann starb der senile Faschist Franco und Serra wagte es wieder, heimzukehren.

Wenn jetzt kubanische Künstler einen solchen widerständigen Sänger, Texter und Komponisten intonieren, dann weckt das natürlich Gedanken an die Diktatur des senilen
Dauerkranken Fidel Castro. Insofern ist das Projekt nicht nur musikalisch, sondern auch
politiisch spannend. Ibrahim Ferrer († 77, Buena Vista Social Club) ist für die traditionelle Interpretation, David Calzado ein Beispiel für eine moderne. Alle 21 vereint der durchaus gelungene Versuch, den katalanischen Liedermacher zu kubanischer Musik zu machen. Das gelingt fast ausnahmslos. Und macht somit neugierig auf die eigenen Musikprojekte wie auf jene Serras.