Rock’n’Roll bringt Dynamik in die Nächte am Polarkreis

Das Buch ist Kult. Und der Film erst recht: „Populärmusik aus Vittula“ hat alles, was einen Klassiker ausmacht. Witz, Tragik, ein Blick fürs Wesentliche aus einem überraschenden
Blickwinkel. Matti und Niila sind richtig gute Freunde. Seit sie sich mit sieben Jahren kennengelernt haben, teilen sie so ziemlich alles miteinander. Bis auf die Schläge, die Niila
ständig von seinem Vater einstecken muss. Sie kann Matti nur still mitfühlen.

Die Jungs wachsen in Vittula auf. Das ist ein Ort im Norden Schwedens nahe an der finnischen Grenze. In den 60er-Jahren ist Vittula noch fast von der Außenwelt
abgeschnitten. Die erste Rock’n’Roll-Platte, die Mattis Schwester hört, löst ein Beben
aus. Reza Bagher hat nach dem wunderbaren Roman von Mikael Niemi einen einfühlsamen Film gedreht, den man immer wieder sehen will.

Die DVD ist dafür die beste Lösung. Nicht nur, weil sie auch noch ein langes Interview mit dem Regisseur enthält. Es ist vor allem die bestechende Qualität des Films und seiner für uns unverbrauchten Darsteller, die es verhindern, dass mehrmaliges Sehen zur sofortigen
Ermüdung führt. Die Geschichte einer Freundschaft, die am Rande der Welt zwei Jungen einen Sinn und vor allem Halt gibt, ist witzig, traurig, heiter und vor allem hoffnungsfroh. Ein Traum aus Landschaft, Seele und Rock’n’Roll.

Von der Gewalt im US-Mittelstand

Nur 24 Stunden beobachtet der deutsche Regisseur Holger Ernst (35) den Alltag in einer typischen US-Kleinstadt. Es ist genau der Tag, den der Mike (Joe Petrilla) noch daheim ist. Dann rückt er bei der Army ein – mit dem wahrscheinlichen Ziel, im Irak eingesetzt zu werden.

Die Trennung von Mike ist für Valerie (Nicole Vicius) zu viel. Noch vor seiner Abschiedsfete geht sie mit dem Dealer Phil (Robin Taylor) ins Bett. Der träumt davon, in genau diesen 24 Stunden einen großen Deal abzuschließen. Doch dafür benötigt er noch 2000 Dollar. Dafür ist er am Ende auch bereit zu töten. Nicht der zukünftige Soldat, sondern der daheimbleibende Phil wird also zum Killer.

Ernst entwickelt mit seinem Film The House Is Burning einen unangenehmen Sog. Die Katastrophe ist unausweichlich. Und doch sind alle Charaktere vielschichtig gespielt. Der Film verstört mit seiner Mischung aus Sex, Drogen und Gewalt.

Terror zerstört zwei Brüder

Wie die Revolution ihre Kinderfrisst,  hat Ken Loach (71) in Irland inszeniert. Vor dem Hintergrund des Befreiungskampfes der IRA gegen die britischen Besatzer in den 1920er-Jahren entwickelt er ein packendes Drama um zwei unterschiedliche Brüder.

The Wind that shakes the Barley ist einer dieser Filme, die den Zuschauer nicht loslassen – auch lange nach seinem Ende. Er ist zu Recht mit der Goldenen Palme des Filmfestivals in Cannes 2006 und für die Kamera mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet worden.

Damien und Teddy wachsen in Irland auf, als die ganze Insel noch von den Briten besetzt ist. Teddy schließt sich bald der IRA, der irisch-republikanischen Befreiungsarmee, an. Der junge Arzt Damien zögert. Doch als er sieht, wie britische Soldaten streikende Eisenbahner brutal zusammenschlagen, entscheidet er sich für den Widerstand. Ken Loach erzählt mit detailgenauem Blick von der Veränderung der Menschen. Während sich Teddy  nach dem erfolgreichen Kampf und dem zweifelhaften, nur halben Unabhängigkeitsabkommen an die
Macht gewöhnt, erinnert sich Damien stets an die Opfer. Er ist ein Idealist, der weder seine Ideale noch seine Opfer verraten will.

Deshalb kämpft er weiter in der IRA gegen die neue Staatsmacht, der auch Teddy angehört. Cilian Murphy (31), Pádraic Delaney, Liam Cunningham und Orla
Fitzgerald überzeugen mit ihrer Darstellung der jungen Iren, die sich entscheiden, zur Waffe zu greifen. Die erschütternd genaue Szenerie, die perfekten Kostüme und das konsequente Zuschreiben des Films auf die finale Auseinandersetzung der Brüder lässt den
Zuschauern keine Chance, sich entspannt zurückzulehnen.

The Wind that shakes the Barley ist nicht nur ein packender Film über die frühe IRA und deren Kampf. Vor allem ist der Film eine Tragödie, die über den historischen Stoff hinausreicht. Wie verändert der gewaltsame Kampf Menschen? Welchen Einfluss hat
Macht auf Familien? Und: Gibt es eine Grenze, in der Realpolitik Utopie oder Idealismus verrät? Von alldem erzählt Ken Loach.